Partner von
Partner von

Wir basteln uns eine Konferenz

Die Online-Vortragsreihe Ted bekommt Konkurrenz - und lockt neue Denker aus ihren Nischen.




Wer an einem verregneten Sonntag auf gute Gedanken kommen will, kann sich im Netz Hunderte von Ted Talks anschauen, jene inspirierenden Videos von Wissenschaftlern, Kreativen und Visionären, die einmal im Jahr vor ein handverlesenes Publikum treten dürfen und sich jeweils 18 Minuten über ein Thema ihrer Wahl auslassen. Die Vorträge, die bei der Konferenz gefilmt werden, sind mehr als 800 Millionen Mal abgerufen worden. Ted - die Abkürzung steht für Technik, Entertainment und Design - hat sich durch das Internet zu einem globalen Trend entwickelt. Die 1984 als alljährliches Event im kalifornischen Monterey geplante Vortragsreihe hat inzwischen Ableger in 120 Ländern hervorgebracht, von Berlin über Bagdad bis Bandung in Indonesien.

Streng genommen ist Ted Frontalunterricht, eine Art Volkshochschule 2.0 für die Netz-Generation. Nun treten neue Player mit Do-it-yourself-Veranstaltungen (DIY) auf den Plan. Denn das Netz macht es möglich, Konferenzen nicht mehr an nur einem einzigen Ort und zu einem Thema stattfinden zu lassen. Und so gibt es immer mehr solcher Events, die von den Organisatoren in wenigen Tagen oder sogar Stunden beworben und finanziert werden können. Teilweise müssen die Veranstalter nicht mal mehr selbst planen, sondern überlassen das ihren Gästen - eine schlanke Kombination aus Crowdsourcing und Crowdfunding für jedes noch so abgelegene Thema.

Bestes Beispiel hierfür ist XOXO, eine Konferenz plus Festival, die diesen September zum ersten Mal in Portland, Oregon, stattfinden wird. Die 400 Eintrittskarten gingen in zwei Tagen online über Flüsterpropaganda weg. XO ist das SMS-Kürzel für Küsschen und Umarmung, und genau so meint es der Organisator Andy Baio auch. "Wir wollen Leute zusammenbringen, die mit Liebe bei der Sache sind, die irgendetwas gern selber machen: Filme, Videospiele, Musik, Kunst, Literatur." Die Bewegung der sogenannten Maker hat mit dem Maker Faire in der Nähe von San Francisco bereits eine Messe, die von Kunsthandwerkern und Bastlern besucht wird und mehr an einen Jahrmarkt erinnert. Außerdem gibt es das Magazin "Make", das über visionäre Hardware berichtet. Eine Konferenz fehlte bislang. Also stellte Baio gemeinsam mit einem Bekannten diese Idee auf Kickstarter vor, eine der ersten und erfolgreichsten Crowdfunding-Seiten, die in drei Jahren schon mehr als 150 Millionen Dollar einsammelte.

Die brand eins Konferenz 

Neu am Vortag: Innovations-Masterclass und Geschäftsmodell-Werkstatt

Mehr erfahren

Innerhalb von zwei Wochen spendeten 700 Mäzene rund 173000 Dollar für die Idee, selbst wenn sie keines der begehrten Tickets ergattern konnten. "Der DIY-Trend erfasst alle Bereiche der Wirtschaft und Kultur", sagt Baio. "Jeder kann etwas bauen, dafür online Geld einwerben und vielleicht eine neue Karriere beginnen." Plattformen wie Kickstarter, auf denen die ganze Welt über Projekte abstimmt, üben keinen Druck aus, wie die Idee konkret umzusetzen ist. Auch Baio hatte diese Freiheit, und so braucht XOXO keine prominenten Redner wie Ted, wo von Amazon-Gründer Jeff Bezos bis zum Musiker Bono und Ex-Präsident Bill Clinton schon viele Superstars aus Kultur, Politik und Wirtschaft aufgetreten sind.

"Ted ist eine brillante Veranstaltung, aber eine fast schon archaische Ausnahme. Sonst gibt es kaum noch Konferenzen, bei denen die Leute auf der Bühne im Mittelpunkt stehen", sagt der Hightech-PR-Unternehmer Josh Dilworth aus Austin. Und er kennt auch den Grund: "Gute Inhalte gibt es online zuhauf. Man muss echte Begegnungen rund um ein Erlebnis bieten, wie bei einem Musikfestival oder in einem Szene-Hotel." Er muss es wissen, denn in Austin droht eine weitere, früher bahnbrechende Konferenz zum Opfer des eigenen Erfolgs zu werden - und damit konventionell.

South by Southwest (kurz SXSW) heißt das Spektakel aus Musik, Film und Internet, das seit 25 Jahren läuft. Früher war es eine unberechenbare Brutstätte neuer Ideen und Trends, 2012 ist es zu einem Zirkus mit 50000 Besuchern angeschwollen, bei dem Busse zwischen mehreren Gebäuden pendeln und selbst die Networking-Partys überfüllt sind. Die wirklich originellen Geister wollen neue Wege gehen. Einige von ihnen wird Baios XOXO-Festival auffangen.

Einen anderen Teil der Abtrünnigen hofft Dilworth, für seine eigene, noch namenlose Veranstaltung zu gewinnen. "SXSW ist immer noch spannend und wichtig, aber die Anzugträger haben jetzt das Sagen", frotzelt der PR-Berater. "Marketingleute und Wagniskapitalgeber jagen die Randkultur, für Leute mit Ideen ist kaum noch Platz." Also will Dilworth eine oder gleich mehrere Spontan-Konferenzen abhalten.

"Im Idealfall bauen wir nur die Online-Plattform, eine App, mit der man sich das Treffen für seine Nische und Interessen selber organisiert. Du willst nur potenzielle Gründungspartner treffen? Bitte sehr. Du willst andere Software-Geeks treffen? Geht klar." Die Technik dafür sei vorhanden und billig genug, um diese Art der Partnersuche, Buchung und Planung weitgehend zu automatisieren und sie den Teilnehmern per Smartphone-Programm zu überlassen. Wenn eine kritische Masse zusammenkommt, gibt es eine DIY-Tagung.

Ironischerweise wollte Ted selbst anfangs genau eine solche Anti-Konferenz sein. "Die spannendste Dinner-Party, auf der du je warst." So beschreibt der Gründer der Veranstaltung, der Architekt Richard Saul Wurman, seine ursprüngliche Idee aus dem Jahr 1984. "Leute riefen an und erzählten mir im Vertrauen als Erstem, was sie demnächst herausbringen wollten. Da sagt man nicht Nein." Im Jahr 2001 verkaufte Wurman die Konferenz für rund 14 Millionen Dollar an den Unternehmer Chris Anderson (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Chefredakteur des Magazins "Wired").

Heute ist Ted mit beispielsweise rund 1800 Gästen in Long Beach, die pro Kopf 7500 Dollar Eintritt zahlen, nicht nur eine elitäre Angelegenheit, sondern ebenso durchinszeniert wie eine Oscar-Verleihung. "Ted ist mein Lieblings-Urlaub", witzelt der Verhaltensökonom Dan Ariely, Autor von zwei Büchern zum Thema Irrationalität. Die unverhohlene Selbstbeweihräucherung der Spitzen der Wissensgesellschaft erzeugt einen wertvollen Heiligenschein für Gäste und Sponsoren - ein Effekt, den andere Tagungen wie die von Hubert Burda organisierte DLD-Konferenz in München oder die Tagung D: All Things Digital des "Wall Street Journal" zu kopieren versuchen.

Für Spontaneität bleibt kaum noch Platz. Dem Auftritt als Ted-Redner geht ein hartes Training für die 18 Minuten im Rampenlicht voran. Die Organisatoren schicken den auserwählten Rednern Handbücher zu mit Anleitungen für einen gelungenen Auftritt, drängen sie zu Trockenübungen per Telefon und auf der Bühne. Dabei liegt der eigentliche Wert der Veranstaltung im Networking zwischen und nach dem Vortrag. "Man sucht sich für jede Pause, jede Mahlzeit genau aus, neben wem man sitzen will", sagt die Chirurgin Catherine Mohr, die bereits zweimal bei Ted auf der Bühne stand. "Diese Kontakte sind Gold wert."

Sei nicht kritisch! Sei lustig!

Doch selbst als Premium-Kontaktbörse ist Ted nicht mehr die erste Adresse. Eingeweihte zieht es zu einer Art Wissenschafts-Zeltlager namens Foo Camp des Verlegers Tim O'Reilly oder zu The Lobby, einer Veranstaltung, die der Venture-Kapitalist David Hornik seit sechs Jahren organisiert. 200 Gäste treffen sich in einem geheim gehaltenen Luxushotel auf Hawaii oder in Mexiko und reden - ohne Reporter, ohne Kameras, ohne festes Programm. "The Lobby heißt so, weil die wichtigsten Dinge im Foyer passieren - Gespräche, keine Vorträge. Ich gebe nur eine minimale Struktur vor, der Rest ergibt sich spontan", sagt Hornik.

Das erlaubt Gästen, ehrlich zu sein, statt sich der Gute-Laune-Konvention von Ted zu beugen. Als die Komikerin Sarah Silverman 2010 ihre Rede nutzte, um die Veranstaltung anzugreifen, wurde sie kollektiv geschnitten, da sie "auf die Bühne geschissen habe", wie es ein erboster Zuhörer ausdrückte. Als der Risikoinvestor und Multimillionär Nick Hanauer im März dieses Jahres die größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich in den USA anprangerte und erklärte: "Reiche Geschäftsleute wie ich schaffen keine Jobs", sondern seien die Nutznießer eines ungerechten Systems, entschied der Veranstalter Anderson, diesen Ted Talk nicht ins Netz zu stellen, da er "zu politisch" sei. Stattdessen werden lieber Vorträge über die "Geheimnisse des Penis" gezeigt oder das Züchten künstlicher Organe.

Wer es unorthodoxer mag, ist bei der Gegenveranstaltung Bil willkommen. Sie findet seit 2008 statt und ist kostenlos und ohne vorgegebenes Programm. Die "Un-Konferenz" ist von 350 auf rund 900 Besucher angewachsen, die sich selbst auf die Tagesordnung setzen und (vielleicht) von anderen Freiwilligen gefilmt werden. "Ted versteht es, komplexe Themen unterhaltsam zu vermitteln", sagt Bil-Mitgründer Todd Huffman. "Aber es ist letztlich Unterhaltung auf hohem Niveau, während es bei uns um die Gemeinschaft geht: Leute, die miteinander über Neues reden und ausprobieren, anstatt nur staunend zuzuhören." Von dieser Sorte wird es dank XOXO und Co. bald mehr geben. -

Die brand eins Konferenz 

Neu am Vortag: Innovations-Masterclass und Geschäftsmodell-Werkstatt

Mehr erfahren