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Hinter der großen Mauer

China will das wirtschaftliche Potenzial des Internets nutzen und gleichzeitig den freien Austausch von Ideen verhindern. Kann das funktionieren?




- Der Weg in die große weite Welt führt über eine rostige Eisentreppe an der Rückseite eines Pekinger Einkaufszentrums. Auf den verklebten Fensterscheiben im zweiten Stock steht in roten Schriftzeichen Wangba, Netzbar. Hinter einer Metalltür liegt ein großer Raum mit niedrigen Decken, in dem an engen Tischreihen Dutzende Bildschirme flimmern. Neben dem Eingang kassiert eine junge Frau Eintritt. "Eine Stunde vier Yuan (50 Cent)" steht auf einem Schild. "Bitte Personalausweis vorzeigen."

An einem der Computer sitzt Yangwei und schaut mit Kopfhörern ein Basketball-Spiel der US-amerikanischen Profi-Liga NBA. Alle paar Sekunden springt am unteren Bildrand ein Fenster mit einer neuen Nachricht auf. "Meine Kommilitonen", sagt er. "Eigentlich sollten wir wohl in der Bibliothek sein und lernen, aber man muss auch mal ein bisschen Spaß haben."

Yangwei ist 19, studiert Fahrzeugtechnik und sitzt fast jeden Abend im Internetcafé. Er besitzt zwar einen eigenen Laptop, doch die Verbindung im Wohnheim ist viel zu langsam für Sportübertragungen oder Filme. Zumal er meistens mehrere Sachen gleichzeitig macht: Er lädt Musik herunter, liest Nachrichten, chattet mit Freunden oder postet Kommentare in seinem Mikroblog. Manchmal bestellt er sich Hosen oder Schuhe in einem Onlineshop, und wenn er einen Rechner in der hinteren Ecke erwischt, klickt er sich verstohlen durch Pornoseiten. Am Wochenende bleibt er mitunter die ganze Nacht und versinkt in den Welten eines Computerspiels. Internetsurfen sei sein größtes Hobby, sagt er. "Im Netz hat man die Freiheit, zu tun, was man will." Von Internetzensur, sagt er, habe er noch nie etwas gehört.

Junge Chinesen wie Yangwei sind die Menschen, die Marktstrategen vor Augen haben, wenn sie sich ausmalen, welches Potenzial das Internet in der Volksrepublik hat. Mit 513 Millionen Nutzern hat China schon heute die größte Online-Gemeinde der Welt, und doch steht die Entwicklung noch am Anfang. Mehr als 38 Prozent der Chinesen sind heute online, 2013 dürfte die 50-Prozent-Marke überschritten sein. Yangwei gehört zur ersten Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist. Schon als Grundschüler war er online, mit elf hatte er seinen ersten eigenen Computer. Seine Freunde traf er tagsüber in der Schule und abends im Netz. Eine Trennung von virtueller und realer Welt hat es in Yangweis Leben nie gegeben.

Wie so vielen Einzelkindern in China mangelte es ihm nie an Taschengeld, und als Ingenieur dürfte er eines Tages selbst gut verdienen. Man kann wohl davon ausgehen, dass er einen beträchtlichen Teil seines Einkommens im Internet ausgeben wird. Eine riesige Industrie wartet darauf, ihn zu den richtigen Klicks zu verführen.

Damit unterscheidet sich Yangwei kaum von Altersgenossen in den meisten anderen Ländern der Welt - und doch befindet sich die Volksrepublik China im digitalen Zeitalter auf einem Sonderweg. Denn obwohl die Internetwirtschaft auch dort als Zukunftsbranche gilt, betrachtet die Kommunistische Partei die gesellschaftlichen Auswirkungen der Vernetzung als große politische Bedrohung. "Für die Stabilität der Führung durch die Partei ist es notwendig, bei der Bildung der öffentlichen Meinung im Internet die Initiative zu haben", warnte die Führung vergangenes Jahr in einem internen Strategiepapier. Die Verbreitung von "gefährlichen Informationen" müsse verhindert werden. Zwar ist man im Westen der Meinung, der soziale Wandel folge dem ökonomischen und lasse sich nicht politisch steuern. Doch Chinas Regierung hat andere Vorstellungen: Heimische Unternehmen sollen sich im Netz frei entfalten können, die Bürger jedoch nicht. Die Volksrepublik soll ein Land mit tausend Geschäftsideen werden, aber nur einer politischen Meinung.

Wikipedia? Google? Was ist das?

Einer, mit dem man gern darüber diskutieren würde, ist Fang Binxing. Mit ausländischen Journalisten redet er allerdings nicht. Der 52-Jährige ist Direktor der Pekinger Universität für Post und Telekommunikation und einer der Architekten der chinesischen Internet-Infrastruktur. Viele nennen ihn den "Vater der Great Firewall", jenes virtuellen Schutzwalls, mit dem die Partei die Verbreitung "gefährlicher Ideen" verhindern will. Schon 1998, als noch weniger als zehn Prozent der Chinesen online waren, begann Fang im Auftrag der Regierung, Möglichkeiten zur Internetkontrolle zu erörtern.

"Internetaktivisten aus dem Ausland versuchen mehr denn je, das Internet zu benutzen, um politisches Chaos nach China zu bringen", sagte er vergangenes Jahr bei einer Graduiertenfeier seiner Hochschule. "Wenn unser Land nicht enden soll wie Libyen oder Irak, muss es eine starke Verteidigung haben." Fang weiß, dass er im Ausland nur als Beihelfer der Zensoren angesehen wird. Dabei ist das System, das Fang und seine Kollegen geschaffen haben, rein technisch betrachtet, durchaus beachtlich: ein Netz, in dem die Behörden fast alle Datenströme überwachen und das vom Rest der Welt weitgehend autark ist.

Was das bedeutet, erkennt man, wenn man neben Yangwei in der Netzbar sitzt: Ausländische Websites besucht er selten, und die großen internationalen Plattformen, deren Namen im Rest der Welt stellvertretend für die digitale Wirtschaft stehen, steuert er überhaupt nicht an. "Die wichtigste Seite für mich ist Sina", sagt der Student. Mit mehr als 280 Millionen Benutzern ist Sina das größte Internetportal des Landes. Ein Universaldienst, der fast alle Möglichkeiten des Netzes im Paket bietet. Yangwei hat dort sein E-Mail-Postfach und einen Blog. Nachrichtenseiten und Unterhaltungsforen findet er dort ebenso wie einen Onlineshop und Spiele sowie seine amerikanischen Basketball-Übertragungen und koreanische Popmusik. Geht er auf andere Seiten, sind diese ebenfalls von chinesischen Anbietern: Statt Google verwendet er den chinesischen Suchdienst Baidu (siehe brandeins 01/2012: "Jein"). Als Nachschlagewerk dient ihm nicht Wikipedia, sondern Hudong. Die Seiten von Facebook, Twitter und Youtube sind in China gesperrt, doch die Gründe dafür haben Yangwei noch nie beschäftigt. Schließlich gibt es chinesische Alternativen, etwa das soziale Netzwerk Renren, Sinas Mikroblog Weibo oder das Videoportal Youku.

Kritik ist unerwünscht

Damit sind die Chinesen neben den Amerikanern wohl das einzige Volk, das sein Online-Leben fast ausschließlich auf Seiten aus dem eigenen Land verbringt. Die wirtschaftlichen und politischen Vorteile liegen auf der Hand: Die Regierung kann leicht dafür sorgen, dass die Anbieter sich an ihre Regeln halten, etwa indem sie ihre Seiten oder den E-Mail-Verkehr mit der von dem Universitätsdirektor Fang entwickelten Software auf kritische Begriffe scannen. Was auffällt, wird entweder automatisch gelöscht oder an Zensoren gemeldet. Bei Suchmaschinen wie Baidu werden Seiten mit sensiblen Inhalten von vornherein aussortiert. Die Portale machen kein Geheimnis daraus, dass sie die Einträge ihrer Benutzer überwachen und Hunderte Administratoren beschäftigen.

Im Mai veröffentlichte Sina neue Nutzungsbestimmungen für sein Mikroblog Weibo, laut denen es etwa verboten ist, zu illegalen Veranstaltungen aufzurufen oder Gerüchte zu verbreiten, "welche die soziale Ordnung erschüttern oder die gesellschaftliche Stabilität zerstören" können. Mit einem Punktesystem sollen Nutzer für Fehlverhalten bestraft werden. Fast gleichzeitig erschien bei Sina eine Stellenanzeige für "Überwachungsredakteure für Informationssicherheit".

Ausländische Unternehmen in China haben sich an die gleichen Regeln zu halten. Als Google 2010 dagegen aufbegehrte, musste es seine chinesische Seite schließen. Es leitet Anfragen seitdem an seinen chinesischen Dienst in Hongkong weiter. Gibt man in China kritische Begriffe ein, bricht die Verbindung ab. Doch die Beamten blockieren nicht nur Inhalte, sondern ergänzen auch ihre eigenen. Anfang 2011 wies die Führung alle Behörden ab Kreisebene aufwärts an, Teams von Kommentatoren aufzubauen, die in Internetforen in Diskussionen eingreifen und politisch korrekte Einträge hinterlassen. Alle Inhalte, die "aggressive Information über die Kommunistische Partei, die Parteiführung, das sozialistische System, unsere Gesetze oder Medien verbreiten oder ein anderes politisches System unterstützen", müssten gelöscht und durch "positive Informationen" ersetzt werden. Das Ergebnis ist ein riesiger Fluss an Informationen, welcher der Datenflut in anderen Ländern nicht nachzustehen scheint, der jedoch strikt politisch korrekt ist.

Die Mehrheit der Chinesen bleibt bereitwillig innerhalb der Grenzen, die Fang Binxings große Mauer vorgibt. Yangwei ist sich ihrer Existenz nicht einmal bewusst. Doch es gibt auch Leute, die sich nicht mit der Unfreiheit des chinesischen Systems abfinden wollen und das Netz für die größte Chance des Landes zur Demokratisierung halten. Zu Fangs unversöhnlichen Gegnern gehört einer, dessen Name seit Jahren auf der Liste der sensiblen Wörter steht, ohne dass sich seine Präsenz im Internet und darüber hinaus dadurch hätte verhindern lassen: Ai Weiwei, international bekannter Künstler, in seiner Heimat aber vor allem als regimekritischer Blogger bekannt. "Das Internet wird China politisch verändern, dass kann kein Zensor der Welt verhindern", prophezeit Ai.

Der 54-Jährige sitzt im Garten seines Pekinger Wohnstudios, in dem er seit einem Jahr unter sogenanntem weichem Hausarrest steht. Im April 2011 war er am Pekinger Flughaften verhaftet worden, angeblich wegen Steuerhinterziehung, wie die Behörden Wochen später verlauten ließen. In Wirklichkeit hatte die Partei Ai im Verdacht, der Initiator einer Internet-Initiative zu sein, die zu einer chinesischen "Jasminrevolution" nach arabischem Vorbild aufrief. Ai hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er sich einen Sturz der Kommunistischen Partei wünscht, doch offene Umsturzparolen sind nicht sein Stil. Er sagt: "Die junge Generation, die mit dem Internet aufwächst, ist nicht mehr nur den Informationen ausgeliefert, die ihnen von der Propaganda und dem offiziellen Bildungssystem vermittelt werden. Sie beschäftigen sich mit dem, was sie selbst interessiert, und dadurch werden wir Chinesen endlich zu selbstständig denkenden Menschen."

Eines seiner berühmtesten Projekte ist eine wandfüllende Namensliste, die in seinem Büro hängt. Als 2008 bei einem Erdbeben in Sichuan Tausende Kinder in maroden Schulgebäuden umkamen, die Regierung die durch Korruption verursachten Baumängel aber nicht öffentlich untersuchen lassen wollte, organisierte Ai kurzerhand seine eigene Recherche. Über seinen Blog rief er Freiwillige auf, mit Fragebögen durch das Erdbebengebiet zu ziehen und herauszufinden, wie viele Kinder unter den Trümmern ihrer Schulen begraben worden waren. Dutzende Helfer machten mit und sammelten die Namen und persönlichen Details von mehr als 5200 Schülern. Hunderttausende Anhänger verfolgten die Aktion im Internet und genossen es, die Behörden bloßgestellt zu sehen. Wenig später blockierten die Zensoren Ais Weibo-Konten.

Seitdem kommuniziert der Künstler auf ausländischen Diensten wie Twitter, die von China aus nur mit spezieller Software zu erreichen sind. Doch seine Fans finden ihn auch dort; über die Große Mauer zu springen ist in gewissen Kreisen ein Sport.

Als Ai vergangenes Jahr nach 81 Tagen Gefängnis und massivem internationalem Protest wieder nach Hause entlassen wurde, formierte sich im Netz eine Initiative, um ihm Geld zu schicken, damit er in seinem Steuerstreit eine von den Behörden verlangte Kaution bezahlen konnte. Innerhalb von zehn Tagen spendeten mehr als 30000 Menschen kleinere und größere Beträge. "Für mich sind solche Aktionen ein klares Signal, dass eine kritische Masse von Chinesen inzwischen erkennt, in welchem System wir leben, und das nicht länger hinnehmen will", sagt Ai. "Deswegen bin ich für Chinas Zukunft sehr optimistisch."

Mittlerweile ist der Internet-Mauerbauer Fang Binxing für die kritischen Geister im Netz zur Zielscheibe geworden. Als er Ende 2010 ein eigenes Weibo-Konto eröffnete, sammelten sich in seiner Kommentarspalte innerhalb kürzester Zeit so viele Schmähungen, dass er seinen Account nach nur einem Tag wieder abmeldete. Aktivisten begannen daraufhin, Preise für denjenigen auszuloben, dem es gelingen sollte, Fang erfolgreich mit einem Schuh zu bewerfen. Zu den versprochenen Belohnungen gehörten ein iPad und Reisen, aber auch Einladungen zu Bordellbesuchen und Pornofilme - ein augenzwinkernder Verweis darauf, dass der Kampf gegen Sexseiten in China als offizielle Begründung für die Notwendigkeit von Zensur gilt. Als es im Mai 2011 tatsächlich einem Studenten gelang, Fang bei einem Vortrag in Wuhan einen Schuh an die Brust zu werfen, suchte der Vater der Great Firewall Schutz hinter seiner eigenen Entwicklung: Um Fang weitere Anfeindungen zu ersparen, kam sein Name vorübergehend ebenfalls auf die Liste sensibler Begriffe.

Die gemeinschaftliche Dynamik, die sich im Internet entwickeln kann, ist nicht nur von politischer Relevanz. Du Zijian interessiert sich vor allem aus wirtschaftlichen Gründen für sie. Was Ai Weiwei für Chinas demokratische Kräfte ist, ist Du für all diejenigen, die sich fragen, wie man im Netz Geld verdienen kann, und anders als die meisten Internet-Euphoriker träumt er nicht nur davon, reich zu werden, sondern ist es bereits. Der 46-Jährige gilt als Guru des Mikroblog-Marketings. 324 Millionen Weibo-Konten sind allein beim Marktführer Sina registriert. Dus Firma Huayi Baichuang hilft Unternehmen, dieses Potenzial anzuzapfen. "Dass sich im Internet riesige Gruppen mit gemeinsamen Interessen zusammenschließen, birgt für die Vermarktung von Produkten gewaltige Möglichkeiten", sagt Du. "Wo die Menschen sind, ist auch der Markt."

Er ist ein Selfmademan aus kleinen Verhältnissen. In seiner Jugend soll er sechs Jahre wegen schwerer Körperverletzung im Gefängnis gesessen haben, doch wie vieles in Dus Vergangenheit, bleiben die Details unklar. Zum Internet kam er als Zensor. Ab Ende der Neunzigerjahre leitete er zehn Jahre lang die interne Inhaltskontrolle des Portals Tianya. In den Anfangsjahren war die Aufgabe vergleichsweise übersichtlich: Internetseiten, Blogs und Chat-Foren waren noch statisch. Doch als Mikroblogs aufkamen, bekam die Kommunikation eine neue Dynamik: Nutzer abonnieren seitdem etwa kurz gefasste Textnachrichten, die sich durch Weiterleitungen, die auch in China nach dem Vorbild von Twitter "retweets" genannt werden, innerhalb kürzester Zeit lawinenhaft ausbreiten können.

2009 machte sich Du selbstständig und begann, Netzwerke mit großer Anhängerschaft aufzubauen, die er Unternehmen als Werbeplattformen anbieten wollte. Um viele Leute anzulocken, kauft er inzwischen erfolgreichen Bloggern die Konten ab und führt sie unter deren Namen weiter. Außerdem vermittelt er Filmstars und Fernsehmoderatoren - die teilweise Fan-Gemeinden in zweistelliger Millionenhöhe haben - bezahlte Inhalte, die sie unter ihre täglichen Mitteilungen über ihr Leben und ihre Arbeit streuen können.

Im Prinzip ist das Mundpropaganda beziehungsweise Schleichwerbung mit modernen Mitteln, doch damit sie funktioniert, müssen die Botschaften geschickt verpackt sein. "Menschen haben zu Werbung ein ambivalentes Verhältnis", sagt Du. "Einerseits beschweren sie sich über Kommerzialisierung, andererseits wollen sie gerne wissen, was sie kaufen sollen." Wer die Stars sind, mit denen er zusammenarbeitet, verrät er nur denen, die dafür bezahlen.

Eine einzelne Nachricht, in der etwa eine Filmschauspielerin über ihr Lieblingsrestaurant oder einen Club redet, kostet je nach Bekanntheitsgrad zwischen 3000 und 5000 Euro. Mehr als 200 Menschen beschäftigt Dus Firma inzwischen, um Reklame zu platzieren. Zu seinen Kunden gehören große wie kleine Unternehmen. Dem großen chinesischen Handyhersteller Xiaomi habe er geholfen, innerhalb eines Monats 300000 Telefone zu verkaufen, sagt Du. Einer landwirtschaftlichen Genossenschaft ermöglichte er, eine erfolgreiche Marke für Datteln aufzubauen.

Allerdings beflügelt die Magie der großen Zahl auch die Fantasie derer, die sie zu manipulieren versuchen. Dass es sich bei den vielen Millionen Adressaten, die Unternehmer Du verspricht, tatsächlich um echte Menschen handelt, kann er nicht wirklich beweisen. Nicht selten besteht der Verdacht, dass es sich um fiktive Accounts handelt. Im chinesischen Internet bieten zahlreiche Agenturen ganz offen sogenannte Leichenanhänger an. Andere vermitteln Internetnutzer, die gegen Bezahlung positive Foreneinträge platzieren.

Du Zijan glaubt daher an eine neue Strategie beim Mikroblog-Marketing. "Wichtiger ist eine fokussierte Zielgruppe, die für den Kunden nachvollziehbar aus echten Interessenten besteht", sagt er. So baute er etwa für einen Importeur französischer Grand-Cru-Weine ein Netz von Weinliebhabern auf. Monatelang fütterte er ein Weibo-Konto mit Informationen über Frankreichs beste Anbauregionen. "Menschen, die sich für Wein interessieren und im Netz nach Informationen danach suchen, sind automatisch immer wieder auf unseren Mikroblog gestoßen und wurden allmählich zu treuen Lesern", erzählt er. Erst als er mehrere Tausend Fans gesammelt hatte, begann er, die Kaufangebote seines Kunden mit einfließen zu lassen. Die Anhänger, die glaubten, es mit einem Weinkenner zu tun zu haben, der im Internet seine Geheimnisse preisgab, kauften kistenweise.

An Hua kommen solche Geschäfte windig vor. Er selbst betreibt ein solideres Gewerbe - eines, das nicht neu oder revolutionär ist und doch auf seine Art auch erst durch das Internet ermöglicht wurde. Der Anfang-30-Jährige ist erfolgreicher Kunsthändler. In Shorts und T-Shirt sitzt er in seinem kleinen Büro im südchinesischen Shenzhen, am Schreibtisch arbeitet seine Assistentin und füllt Lieferscheine aus. Alle paar Minuten meldet sich der Computer. Dann ist auf Taobao, dem chinesischen Ebay, wieder eine neue Bestellung eingegangen. "Kunst ist im Trend", sagt An. "Alle Chinesen kaufen heute Wohnungen, und wer Wände hat, braucht Bilder."

In Ans Büro sieht man nicht viel von der Wand, sie ist dicht an dicht mit Bildern behängt: Vincent van Goghs Sonnenblumen hängen hier neben Claude Monets Seerosen, romantische Landschaften gesellen sich zu abstrakten Farbflächen. Verkauft wird nach Fläche und Malaufwand, ein Quadratmeter kostet im Schnitt 300 Yuan (37 Euro). Alles ist handgemalt von rund 10000 Künstlern, die seit 1989 in Shenzhens Stadtteil Dafen Bilder am Fließband produzieren.

Obwohl die Malerstadt von vielen als Kopistenkolonie belächelt wird, zeigen die Verkäufe, dass der Markt groß ist. "Wir liefern in alle Welt, und alles wird über das Internet abgewickelt", erzählt An. Zu seinen Kunden gehören Einrichtungshäuser, die containerweise Stillleben bestellen, aber auch neue Hotels, die ihre Baupläne nach Shenzhen schicken und sich von An Hua Vorschläge für die Gestaltung der Wände machen lassen. Bilder im Wert von rund 100000 Euro verschickt An im Monat, und er ist nur einer von etwa hundert Händlern, die Kunstwerke industriell vertreiben.

Dafen ist längst mehr als eine Malereifabrik. Durch Medien und Internet ist der Ort weltweit bekannt geworden. Statt Händlern kommen inzwischen auch Touristen, die den Künstlern bei der Arbeit zuschauen, Bilder kaufen oder Porträts von sich anfertigen lassen. Vor einigen Jahren eröffnete sogar ein eleganter Museumsbau. Einmal im Jahr gibt es eine Messe für Alltagskunst. "Früher waren wir eine reine Produktionszone, aber jetzt ist Dafen eine Marke", sagt Feng Jianmei, Vorsitzende des örtlichen Kunsthändlerverbandes. "Das Internet hat uns die Möglichkeit gegeben, uns aus unserer alten Rolle zu befreien."

Befreien - ein großes Wort. Ob die Künstler von Dafen auch Ai Weiwei kennen, ihren berühmten Pekinger Kollegen, der hofft, dass das Internet China eines Tages noch in ganz anderer Weise befreien könnte? Fragt man in den Studios herum, schütteln die meisten den Kopf. Nur einige sagen, sie hätten seinen Namen schon einmal im Internet gelesen. Aber wer er genau ist, wissen sie nicht mehr. -