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Hassliebe

Ohne Original ist die Kopie nichts. Aber was wäre das Original ohne die Kopie? Die Geschichte einer schwierigen Beziehung.




1. Rosenkrieg

Konflikte gehören zu jeder guten Partnerschaft, aber so sollte man das gestörte Verhältnis zwischen dem Original und seiner Kopie nicht verharmlosen. Die beiden sind seit Jahrhunderten ein Paar, doch jetzt stecken sie in einer schweren Krise. Das Original fühlt sich durch die Kopie bedroht, und der Kopie fehlt das Verständnis für die Sorgen des Originals. Ihre einst so innige Partnerschaft ist ein Scherbenhaufen.

Das Vertrauen ist dahin, man kommuniziert kaum noch miteinander. Stattdessen: juristische Auseinandersetzungen. Die Anwälte freuen sich über das gute Geschäft. Im Auftrag des Originals heften sie sich an die Fersen der Kopie, mahnen jede Verfehlung ab und kassieren dafür Gebühren. Fündig werden sie vor allem in den Musiktauschbörsen im Internet, wo sie die Kopie nicht selten bei einer Orgie erwischen. Sie lässt sich dann von sogenannten Piraten herumreichen und auf fremde Computer herunterladen, ohne einen Cent dafür zu nehmen. Leidtragender ist das Original, das immer weniger Verehrer findet, die bereit sind, es gegen Geld zu erwerben. Mehr als eine halbe Million illegaler Downloads haben Anwälte im Jahr 2010 aufgespürt und Abmahngebühren in Höhe von rund 400 Millionen Euro einkassiert. Original jagt Kopie: Aus Freunden sind Feinde geworden.

Man ist geneigt, der Kopie die ganze Schuld für den Schlamassel zu geben. Ohne das Original wäre sie nichts. Und jetzt nimmt sie ihm die Luft zum Atmen. Wie undankbar, könnte man meinen. Doch so einfach ist die Sache nicht. Die Krise zwischen Original und Kopie ist so komplex wie ihre Beziehung - was sich am Hibiskus demonstrieren lässt. Genauer gesagt: am Hibiscus fragilis. Diese exklusiv auf Mauritius beheimatete immergrüne Strauchart hat in der Kunstgeschichte für Furore gesorgt. Der Hibiscus fragilis rückt die Kopie in ein anderes Licht.

Die Naturfotografin Patricia Caulfield sah ihn in den Fünfzigerjahren in der Vase eines Restaurants und war so von seiner Farbenpracht beeindruckt, dass sie ihn fotografierte und das Bild im Juni 1964 in der von ihr herausgegebenen Zeitschrift "Modern Photography" veröffentlichte. Dort entdeckte Andy Warhol das Motiv und ließ davon eine Siebvorlage herstellen, druckte es in Serie und übermalte die Siebdrucke mit grellen Farben. "Flowers" nannte Warhol das Werk. Seine seriellen Reproduktionen trivialer, alltäglicher Motive waren eine Art Manifest gegen den abstrakten Expressionismus. Sie wurden als Revolution gefeiert und auf dem Kunstmarkt zu Höchstpreisen gehandelt.

In den Jahren 1969/70 kopierte die amerikanische Künstlerin Sturtevant die Hibiskusbilder von Warhol. Um ihrer Vorlage so nah wie möglich zu kommen, lieh sie sich von Andy Warhol eine seiner Siebdruckformen aus. Sturtevant nannte das Werk "Warhols Flowers", machte aber mit ihrer Signatur deutlich, wen sie als dessen Urheberin verstand: sich selbst. Sturtevant gilt bis heute als Vorläuferin einer neuen Kunstrichtung. Originalität, so lautete deren Credo, macht sich nicht am äußeren Erscheinungsbild eines Werks fest, sondern ausschließlich an der zugrunde liegenden Idee.

Rund 30 Jahre später tauchte der Hibiskus erneut auf - in einer Collage von Cornelia Sollfrank. Die Künstlerin hatte den Net.art Generator entwickelt, ein Computerprogramm, das auf einer Website nach Eingabe eines Suchbegriffs Collagen aus im Internet abrufbaren Bildern erstellt. Sollfrank warf die Frage auf, wie original ein Bild sein kann, das sich lediglich aus Teilen schon existierender Bilder zusammensetzt, ausgewählt und komponiert von einer nach Zufallsprinzipien arbeitenden Software. Irgendwann schmuggelten sich Warhols berühmte Flowers in eine Collage des Net.art Generators. "Plötzlich waren sie da und in ihrer Ikonenhaftigkeit nicht zu übersehen", erinnert sich Sollfrank. Da das Motiv aufgrund seiner Entstehungsgeschichte so gut zu ihrem eigenen Werk passte, stellte sie es fortan ins Zentrum ihrer Arbeit.

Die Kopie, das zeigen die diversen Hibiskusadaptionen, ist weit mehr als nur ein Parasit des Originals. Als künstlerisches Konzept feiert sie große Erfolge, weist zuweilen weit über das Original hinaus, bietet völlig neue Sichtweisen. Dieser kreative Prozess ist etwas vollkommen anderes als die schlichte Vervielfältigung zum Zwecke des Konsums. Das Verhältnis zum Original aber ist nicht weniger zerrüttet: Die Fotografin Patricia Caulfield verklagte Andy Warhol, der für eine außergerichtliche Einigung tief in die Tasche greifen musste. Und eine für den Herbst 2004 geplante Ausstellung von Cornelia Sollfranks Arbeiten in Basel wurde abgeblasen, weil die Organisatoren Urheberrechtskonflikte fürchteten.

Was ist da bloß los? Wie konnte es zu dieser Krise kommen? Sind die Ängste des Originals vor der Kopie berechtigt? Kann man die Risse in der Beziehung kitten? Oder müssen wir uns auf einen dauerhaften Rosenkrieg einstellen?

2. Das erste Date

Will man die Krise verstehen, hilft es, auf die glückliche Zeit am Anfang der Beziehung zu blicken. Was hat das Original und die Kopie zusammengeführt?

In der Antike und im Mittelalter waren Original und Kopie noch kein wirkliches Paar. Man muss hier eher von einer einseitigen Verehrung des Originals durch die Kopie sprechen. Künstler ahmten in der römischen Antike bevorzugt griechische Vorbilder und im Mittelalter religiöse Urbilder nach. Das Original scherte das wenig. In aller Regel bekam es von der Verehrung gar nichts mit. In der frühen Neuzeit aber fand das Original Gefallen an der Kopie, es umgarnte sie und tat sich schließlich mit ihr zusammen - zum Teil aus Wertschätzung, zum Teil aber auch aus purem Eigennutz. Das erste Date lässt sich nicht eindeutig bestimmen, die Werkstatt des italienischen Malers und Architekten Raffael (1483-1520) in Rom dürfte jedoch zu den verruchten Orten der frühen Tête-à-Têtes gehören.

"Raffael war wohl der erste Künstler, der sich um die Reproduktionsgrafik genauso kümmerte wie um seine Gemälde", sagt Wolfgang Ullrich, Kunsthistoriker und Kurator der Ausstellung "Déjà-vu? Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis Youtube" in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe.

Eine wichtige Voraussetzung für die Beziehung zwischen Original und Kopie war, dass sich in der Renaissance eine neue Vorstellung vom Künstler herausbildete. Er war, anders als im Mittelalter, nicht mehr nur Medium für die Darstellung der Idee Gottes, sondern ein genialer Schöpfer. Seine handwerklichen Fertigkeiten spielten für sein Ansehen nicht mehr die wichtigste Rolle. Jetzt kam es auf seine persönliche Handschrift an.

Die Klasse eines Künstlers, so Ullrich, bemaß sich an der inventio, der seinem Werk zugrunde liegenden Kompositionsidee. Darum spielte es keine große Rolle, ob der Künstler selbst Hand anlegte oder ob er Lehrlinge oder auch selbstständige Kupferstecher seine Ideen umsetzen ließ. "Hauptsache, der Entwurf stammte vom Meister."

Diese Auffassung begünstigte die Verwendung von Reproduktionstechniken - zeigte sich doch das künstlerische Können in einem Kupferstich oder einem Holzschnitt genauso gut wie im opulenten Gemälde. Ullrich: "Statt zwischen Original und Reproduktion unterschied man zwischen unterschiedlichen Medien der inventio, die jeweils ihre Vor- und Nachteile hatten, aber nicht generell in eine Rangfolge gebracht wurden."

Die Reproduktionsgrafik hatte gegenüber dem Gemälde den Vorteil, dass sie in größerer Auflage hergestellt werden konnte. Das machte sich Raffael, dessen Gemälde und Fresken oft an für die Öffentlichkeit kaum zugänglichen Orten platziert waren, vor allem ab 1510 zunutze: Er arbeitete intensiv mit dem berühmten Kupferstecher Marcantonio Raimondi zusammen. Dessen Reproduktionen trugen wesentlich zur hohen Wertschätzung bei, die Raffael in weiten Kreisen Italiens und auch jenseits der Alpen genoss.

3. Befruchtungen

Die schöne Harmonie währte nur kurz. Zwischen Original und Kopie kam es bald zu Spannungen. Doch die Probleme sollen hier zunächst noch außen vor bleiben. Gerade weil die beiden sich heute so fetzen, ist es wichtig, die positiven Seiten ihrer Beziehung klar herauszustellen. In mindestens dreifacher Hinsicht haben Original und Kopie sich gegenseitig befruchtet.

Erstens hat sich die Kopie vom Original inspirieren lassen. In jeder Epoche griffen Künstler für das eigene Schaffen auf bestehende Werke zurück. Manche verstanden Vorbilder auch als Herausforderung. Sie wollten beweisen, dass sie ein bekanntes Werk nicht nur kopieren können, sondern übertreffen. Die dem Original an Dramatik überlegenen Tizian-Kopien des flämischen Malers Peter Paul Rubens sind dafür ein Beispiel. Die Kunst hat davon profitiert - ebenso Tizian, der dank Rubens große Aufmerksamkeit auf sich zog. Dass ein Original vom Ruhm einer Kopie profitiert, zeigt auch das Hibiskusbeispiel. Die Naturfotografin Caulfield wäre ohne die Aneignung ihres Fotos durch Warhol längst nicht so bekannt.

Zweitens hat die Kopie für das gemeinsame Auskommen gesorgt. Spätestens seit der Renaissance konnten Künstler mit Reproduktionen ihrer Werke Geld verdienen. Das kam wiederum der Schöpfung neuer Originale zugute. Einer der Ersten, der sich das zunutze machte, ist der Nürnberger Maler und Grafiker Albrecht Dürer (1471-1528). Nicht seine großen Gemälde machten ihn schon zu Lebzeiten zum überregionalen Star, sondern die Reproduktionen seiner Holzschnitte, die er einzeln oder in größeren Editionen verkaufte. Für den Vertrieb beschäftigte er "Reisediener", die seine Drucke in deutschen Städten feilboten. Dürer selbst äußerte in einem viel zitierten Brief, dass ihm die Reproduktionsgrafiken viel mehr einbrächten als das "fleißige Kläubeln", wie er das aufwendige Malen von Porträts oder Altarbildern für reiche Auftraggeber nannte.

Drittens eröffnete die Kopie dem Original Möglichkeiten zur Entfaltung. Sie ist die Basis, auf der zwischen dem 16. und dem 20. Jahrhundert Märkte für die Bildenden Künste, Literatur, Musik, Fotografie und Film entstehen. In der Fotografie und dem Film ist die tragende Rolle der Kopie besonders deutlich - beide Disziplinen sind auf Reproduzierbarkeit angewiesen und ohne Kopie gar nicht denkbar. In der Literatur führt das Aufkommen des Buchdrucks im 15. Jahrhundert zur Entstehung eines bunten Verlagswesens für Buch und Presse, in der Musik zog die technische Entwicklung von Tonträgern Ende des 19. Jahrhunderts die Gründung von Labels nach sich, die neben der Produktion und dem Vertrieb von Musikaufnahmen auch Talente fördern. Allein auf dem Kunstmarkt werden bis heute in erster Linie Originale gehandelt. Das funktioniert aber nur, weil zuvor Reproduktionen die Werke bekannt machen und einen Austausch über deren Bedeutung ermöglichen.

Künstler, Schriftsteller, Musiker - sie alle verdanken der Kopie, dass sich ihre geistigen Erzeugnisse als Waren verkaufen lassen.

4. Konflikte

An Albrecht Dürer lässt sich aber nicht nur zeigen, wie sich Original und Kopie ergänzen: Sein Schaffen offenbart auch einen der Grundkonflikte ihrer Beziehung. Denn Dürer war auch einer der Ersten, die sich als individuelle Schöpfer einen Namen machen wollten. Darum versah er alle seine Werke mit dem Monogramm "AD". In einem Buch mit seinen Holzschnitten droht er allen potenziellen Nachahmern: "Weh dir, Betrüger und Dieb von fremder Arbeitsleistung und Einfällen, lass es dir nicht einfallen, deine dreisten Hände an diese Werke anzulegen!" Als Dürer erfuhr, dass der Kupferstecher Raimondi seine Blätter kopierte, kochte er vor Wut. Er reiste nach Venedig und erstritt vor Gericht, dass die "betrüglich nachgemachten" Werke vernichtet wurden. Damit wurde aber nicht das Kopieren bestraft - schließlich bediente sich Dürer selbst hemmungslos anderer Künstler. Als unrechtmäßig wurde vielmehr angesehen, dass Raimondi beim Nachstechen von Dürers Werken auch vor dessen Monogramm nicht haltmachte. Das Kopieren war damals noch akzeptiert, das Fälschen nicht.

Das Original hatte eben seinen Stolz. Es brauchte die Kopie, wollte aber nicht in ihr aufgehen, sondern als Original erkannt und wertgeschätzt werden.

Eine neue Note erhielt beider Beziehung, als nach der Erfindung des Buchdrucks ein professionelles Verlagswesen entstand. Drucker und Verleger wollten vor Nachdrucken geschützt werden. Den Schutz erhielten sie in Form von Privilegien. Johann von Speyer etwa, der sich 1469 als Buchdrucker in Venedig niederließ, durfte dort als Einziger diesem Geschäft nachgehen. Er hatte damit in seinem Gebiet das Recht am Druckwerk, nicht aber am geistigen Erzeugnis. Ein Urheberrecht, das die persönliche geistige Schöpfung schützt, war bis ins 18. Jahrhundert kein Thema. Baden und Preußen waren die ersten deutschen Staaten, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein entsprechendes Gesetz einführten. Zwei Entwicklungen gingen dem voraus: Erstens führte die Aufklärung zu einem neuen Selbstverständnis des Autors. Er wurde wie der Renaissance-Künstler zum individuellen Schöpfer, dichtete nicht mehr nach bestimmten Regeln, sondern dachte sich Neuartiges, Unerhörtes aus. Zweitens wurde die höfische durch die bürgerliche Epoche abgelöst. Der Schriftsteller wollte nicht mehr im Dienste eines Fürsten stehen. Zum Überleben brauchte er jetzt ein bürgerliches Kauf- und Lesepublikum.

Im deutschen Urheberrecht, das in der heutigen Form 1965 verabschiedet wurde, schlagen sich beide Entwicklungen nieder. Es enthält ein Persönlichkeitsrecht, das den individuellen Schöpfer in seiner geistigen Beziehung zum Werk schützt. Nur er bestimmt darüber, ob, wann und wie es veröffentlicht wird. Es enthält außerdem ein ausschließliches Verwertungsrecht, das nicht genehmigte Vervielfältigungen verhindern und so helfen soll, die materielle Existenzgrundlage des Schöpfers zu sichern.

In der Beziehung zwischen Original und Kopie verschieben sich damit die Gewichte. Das Original gibt den Ton an, die Kopie muss sich ihm unterordnen und es vor jedem Auftritt in der Öffentlichkeit erst um Erlaubnis bitten. Ob sie in der Form der reinen Vervielfältigung daherkommt oder im Gewand der künstlerischen Weiterverarbeitung, spielt dabei keine Rolle.

Ein Maler darf nicht ungefragt das Motiv eines anderen kopieren, ein Komponist nicht einfach ein paar Takte eines Kollegen in sein eigenes Stück integrieren. Ein Dokumentarfilmer muss bei jedem einzelnen Schnipsel aus dem Archiv die Urheberrechtsfrage klären, und ein Literat sollte sich davor hüten, zwei zusammenhängende Sätze aus dem Text eines Kollegen wörtlich zu übernehmen. Dass Pianisten auf der Bühne eine Beethoven-Sonate interpretieren dürfen, liegt nur daran, dass der Komponist schon vor mehreren Hundert Jahren verstorben ist. Erst 70 Jahre nach dem Tod des Künstlers erlischt sein ausschließliches Verwertungsrecht.

Dass diese Regelung Konflikte zwischen Original und Kopie schürt, wurde beim Hibiskus deutlich. Ungeachtet der Tatsache, dass Warhol und Sturtevant kunsthistorisch bedeutsame Werke schufen, verletzten sie das Urheberrecht. Warhol musste dafür blechen. Sturtevant, die wiederum Warhol kopiert hatte, kam nur deshalb ungestraft davon, weil der Pop-Art-Künstler keinen Sinn für geistiges Eigentum hatte.

In der Musik eskalierte der Streit zwischen Original und Kopie am stärksten. Schon vor Jahrzehnten sah die Musikindustrie durch technische Innovationen, die das Kopieren erleichterten, ihr Geschäft bedroht. "Home taping is killing music" lautete etwa der Slogan ihrer Kampagne gegen die Leerkassette. Der "Spiegel" sah es 1977 angesichts zurückgehender Schallplattenverkäufe ähnlich. "Erstmals in der Geschichte", heißt es in einem Artikel, "ist der Klangkonsument von der Handelsware relativ unabhängig." Ein Knopfdruck am Radiorekorder, "und schon ist ein Schlager aus dem Äther auf der Kassette für lange verfügbar. Ein Klang-Supermarkt zum Nulltarif: Leichter war das Mitschneiden noch nie." Die prognostizierte Folge: "Wenn die Musikindustrie ihre wirtschaftlichen Probleme heute und morgen nicht zu lösen vermag, wird es übermorgen bei aller Supertechnik kaum mehr produzierte Musik geben, die überspielt werden kann."

Lange bevor es das Internet gab, war das Verhältnis zwischen Original und Kopie also schwer erschüttert. Die digitale Revolution gab ihm den Rest. Musik, Filme und Bücher sind seitdem nicht mehr an Trägermedien wie CD, DVD oder Buch gebunden, sie können spielend leicht und ohne Qualitätsverlust kopiert werden.

Das hat zu einem Boom der kreativen Weiterverarbeitung fremder Werke geführt - zu einer Remix-Kultur, in der Urheberrechte wie Schnee von gestern behandelt werden. Kreative kombinieren bekannte Songs miteinander, lösen Filmszenen aus ihrem Kontext und schneiden alles munter zusammen. Doch ökonomisch brisanter ist, dass auch der Konsument urheberrechtlich geschützte Inhalte im Netz massenhaft kopiert. Songs, Filme und Texte werden verbreitet, ohne dass deren Schöpfer und rechtmäßige Verwerter dafür vergütet werden.

Weil damit das Original an Wert verliert, wird die Kopie gejagt wie nie. Jeder, der in einer Tauschbörse Musik herunterlädt, bei Facebook ein Foto seiner Lieblingsband zeigt oder einen fremden Song als Hintergrundmusik für sein Youtube-Video verwendet, läuft Gefahr, abgemahnt zu werden. Sogar Internetsperren stehen als Strafmaß bei mehrmaligen Vergehen zur Diskussion.

5. Beziehungsarbeit

So ist die einst wohlgelittene Kopie zum Verfolgten geworden. Und eine ganze Generation mit ihr: "Kopieren", sagt Dirk van Gehlen, einer ihrer Vertreter und Autor des Buches "Mashup - Lob der Kopie", "ist Bestandteil unseres Alltags geworden und insofern kein tauglicher Gradmesser für illegales Verhalten."

Wie aber ist die zerrüttete Beziehung zu kitten? Wie lässt sich verhindern, dass die Kopie dem Original den Garaus macht?

Die einen plädieren wie der Medienrechtler Till Kreutzer für ihre Ehrenrettung und gleichzeitige Aufwertung: Werde sie zur kreativen Schöpfung und damit zur Kunst, sollten wir sie fördern. Werde sie zur Ware, wie in den Tauschbörsen, bekomme sie einen Wert: "Kontrollieren lässt sich die Nutzung sowieso kaum. Und solange sie verboten ist, können Urheber und Verwerter auch nicht daran verdienen", sagt Kreutzer. Er regt an, nach einem praktikablen Vergütungsmodell zu forschen.

Der andere Weg: Das Original wird gestärkt und bekommt neuen Glanz. Auf die Musikindustrie übertragen, hieße das, dass Musiker und ihre Labels mehr anbieten als jederzeit kopierbare CDs. Live-Konzerte, Merchandising-Produkte, aufwendig gestaltete Spezialeditionen - alles, was dafür sorgen könnte, dass auch im digitalen Zeitalter das Original nicht in der Kopie aufgeht. Das Original würde wertvoll bleiben, die Kopie dessen Bekanntheitsgrad vergrößern.

Wie in den besten Zeiten ihrer Beziehung. -

Literatur Arnold Hauser: Sozialgeschichte der Kunst und Literatur. München, 1983 Wolfgang Ullrich: Raffinierte Kunst - Übung vor Reproduktion. Berlin, 2009 Ariane Mensger (Hg.): Déjà-vu? Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis Youtube - Katalog zur Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe