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Die Maske der Ehrbaren

Die alten Venezianer beherrschten die Kunst, ihre Identität zu verschleiern. Von ihnen könnten wir einiges lernen, sagt der IT-Berater und Literaturwissenschaftler Johannes Wiele.




- Der britische Freiheitskämpfer Guy Fawkes war noch nie so allgegenwärtig wie heute. Die Maske mit seinem Konterfei nutzt die mittlerweile weltumspannende Internetbewegung "Anonymous" als Markenzeichen. In Deutschland nennen sich ihre Mitglieder untereinander allesamt Bernd.

Der Ruf der Aktivisten ist nicht besonders gut, denn sie stehen nicht nur für Redefreiheit, sondern auch für Angriffe auf Andersdenkende im Schutz der Anonymität. Politiker würden ihnen gern die Maske herunter reißen. Dagegen wehren sie sich vehement, denn auch sie haben Angst: vor Datenkraken von Konzernen, die persönliche Informationen versilbern, oder vor einer Internetpolizei, die jeden Klick im Netz gegen einen verwendet.

Wenn es um Identität im Netz geht, wird mit harten Bandagen gekämpft. Johannes Wieles Anliegen ist es, die Perspektive zu erweitern - mit einem Blick zurück ins aufgeklärte Venedig. Er ist Berater für Informationssicherheit, promovierter Literaturwissenschaftler und stieß auf Bernds historische Vorgängerin aus dem 18. Jahrhundert: Signora Maschera. Sie hatte einen ausgezeichneten Ruf in der Lagunenstadt. Ihre Maske, genannt "Bauta", ließ sie - oder ihn, der Deckname war geschlechtsneutral - unerkannt bleiben auf dem Weg zu politischen Versammlungen, zu Händlern im Hafen oder zu einem Liebhaber.

Jedem Bürger stand die Bauta zu: Mit ihr ließ sich die eigene Identität auch außerhalb des Karnevals nach Belieben verbergen, sie machte alle gleich. Das Verhüllungsgebot war eine der Säulen der venezianischen Gesellschaft. Wiele glaubt, dass wir daraus lernen können, wie wir mit Anonymität umgehen, sie nutzen können. Künftig will er das am Lehrstuhl für IT-Sicherheitsmanagement der Universität Siegen näher erforschen.

"Unter der Bauta mussten die Venezianer sich nicht zu erkennen geben, aber ihr Gegenüber konnte ihnen dennoch vertrauen", sagt Wiele. Schließlich identifizierte sich jeder Maskierte als Venezianer. Die Maske des ehrbaren Bürgers ermöglichte jedem ein zweites Leben. Sie ließ Augen und Mund frei, sodass man essen, trinken und diskutieren konnte - mit verstellter Stimme, um sich nicht zu verraten.

Solches Gebaren erscheint heute exotisch, sieht man von geheimen Wahlen ab. Schließlich ist es eine Errungenschaft freier Gesellschaften, dass jeder seine Meinung offen aussprechen darf, ohne sich verstecken zu müssen. Dennoch könnten auch uns "venezianische Inseln" guttun, glaubt Wiele - geschaffen durch eine Kombination aus Software, Gesetzen und sozialen Regeln. So gebe es Hierarchien - etwa in Firmen -, die einen freien Gedankenaustausch der Kollegen untereinander erschwerten. Oder Unternehmen, die den Weg durchs Netz von privaten Internetnutzern gegen deren Willen protokollierten und speicherten. Die Nutzer sollten das Recht bekommen, sich dagegen zu wehren, und mit einer virtuellen Maske das "Ungleichgewicht der Kräfte" ausgleichen.

Der venezianische Staat hatte eigens Gesetze dafür geschaffen, das geheime Leben zu reglementieren. Wer sich nicht an die Spielregeln hielt und beispielsweise Bauta und Waffe gleichzeitig trug, der wurde demaskiert und bestraft.

Um jemandem im Internetzeitalter die Maske herunterzureißen, muss man aber im Fall des Falles Zugriff auf dessen Identität haben - was Anonymitätsbefürworter strikt ablehnen. Solange das so sei, sagt Johannes Wiele, genüge möglicherweise auch der Rausschmiss aus der Community.

Auch Venedig war nicht sicher vor zwangsdemaskierten Bürgern, die sich mit einer neuen Verkleidung wieder in die Gemeinschaft zurückmogelten. Allerdings hatten die anderen Bürger auch keinen Schaden davon, wenn der Vorbestrafte die Maske beim zweiten Anlauf dazu nutzte, sich nun an die Regeln zu halten. -