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Blick in die Bilanz: Unverstanden

Peinliche Bilanzierungspannen und enttäuschende Ergebnisse ließen die US-Internet-Schnäppchenplattform Groupon an der Börse abstürzen. Zu Recht?




Groupon, Erfinder und weltgrößter Verkäufer von Rabattgutscheinen im Internet, ist eine der am schnellsten wachsenden Firmen: Ende 2008 gestartet, machte sie 2011 bereits einen Umsatz von 1,6 Milliarden Dollar, im ersten Quartal dieses Jahres lagen die Erlöse (Revenue) 89 Prozent über denen des Vorjahres. Während die Zusammenarbeit mit Kunden und Geschäftspartnern gut läuft, hat das Unternehmen aber Probleme mit Investoren: Seit dem Börsengang vor acht Monaten gab es bei Groupon immer wieder Pannen, die aber weniger dramatisch waren, als sie aussahen.

Erstes Beispiel: Groupon verkauft an seine Kunden Gutscheine für Sonderangebote - etwa verbilligte Restaurantbesuche - und nimmt dafür von den Geschäftspartnern eine Kommission. Als Umsatz verbuchte die Firma lange aber nicht die Kommissionen, sondern den Warenwert der Coupons (Gross Billings) und bezog dafür reichlich Prügel. Dabei kassiert Groupon den Warenwert tatsächlich - und trägt das Erstattungsrisiko, falls etwas schiefläuft. Erst bei Einlösung des Gutscheins überweist die Firma den Erlös abzüglich ihrer Kommission an den jeweiligen Geschäftspartner. Dessen Rolle betrachtete sie daher als die eines Zulieferers, Zahlungen an ihn als Kosten - und ihre Einnahmen als Umsatz. Ganz plausibel, auch wenn die US-Börenaufsicht es anders sah. Betrügerisch ist es jedenfalls nicht, zumal eine andere Buchungsweise am wirtschaftlichen Ergebnis nichts ändert, nur an der Höhe der Erlöse.

Im Februar 2012 musste Groupon zugeben, Ende 2011 zu wenig für sogenannte Refunds zurückgestellt zu haben. Das sind Erstattungen an Kunden, die noch gültige Coupons zurückgeben. Mittlerweile hat die Firma ihre Rückstellungen (Accrued expenses) entsprechend erhöht.

Obwohl die Rückstellungen nur um einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag unter dem Soll lagen, kamen Gerüchte auf, Groupon habe Zahlungsprobleme. Ein absurder Vorwurf, verfügt die Firma doch über Barreserven von mehr als einer Milliarde Dollar.

Groupon wird vielfach unterschätzt, weil es lange nicht profitabel war. Der operative Gewinn im ersten Quartal 2012 beruhigt die Skeptiker nicht, weil er nur durch eine drastische Senkung der Marketingausgaben um 50 Prozent möglich wurde. Das gefährde das künftige Wachstum, argumentieren viele. Tatsächlich hat Groupon mittlerweile aber mit 143 Millionen Abonnenten einen riesigen Kundenstamm aufgebaut. Mit dem kann es - etwa durch individuell aufs Smartphone gespielte lokale Angebote oder höherwertige Produkte wie Reisen - Geschäfte machen, ohne im selben Maße teure Werbung machen zu müssen wie bisher. Dass dies bereits geschieht, zeigt sich an den steigenden Einnahmen pro Kunde.

Groupon hat besonders im mobilen Internet mächtige Konkurrenz. Facebook würde nur zu gern der Hälfte seiner rund 900 Millionen Mitglieder, die nur übers Smartphone kommuniziert, ähnliche Schnäppchen wie Groupon anbieten - und damit Geld verdienen. Nur braucht es dazu etwas, das Facebook nicht hat: eine Armee von Außendienstlern, die Geschäfte und Restaurants abklappern, um mit ihnen Rabattpakete zu schnüren. Fast die Hälfte der Groupon-Mitarbeiter macht nichts anderes. Und ihre Zahl hat das Unternehmen erhöht - das zeigen die "selling, general and administrative costs", in denen die Bezüge der Außendienstler stecken.

Trotz schlechter Presse ist die Lage erfreulich. Das Geschäftsmodell sorgt für viel Cash. Die Firma erhält Geld sofort beim Verkauf eines Gutscheins, muss aber meist erst bei Einlösung, oft Wochen später, den Erlös abzüglich der Kommission abführen - derzeit rund 58,7 Prozent (die Differenz von Gross Billings und Revenue im Verhältnis zu den Gross Billings). Wird der Coupon vom Konsumenten nicht eingelöst, die Quote beträgt rund 20 Prozent, behält sie die Gross Billings ganz für sich. Das erklärt, warum Groupon, obwohl es Verluste schreibt, auf hohen Barmitteln sitzt - und praktisch schuldenfrei ist.

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Groupon wurde 2008 von dem Amerikaner Andrew Mason gegründet, der bis heute Vorstandsvorsitzender und Großaktionär ist. Die Firma mit Sitz in Chicago beschäftigt rund 12 500 Mitarbeiter in 48 Ländern. Mittlerweile hat sie mehr als 250 000 Partnerunternehmen, für die sie übers Internet Gutscheine verkauft. Beim Börsengang im November 2011 wurde die Firma mit rund zehn Milliarden Dollar bewertet, enttäuschte ihre Investoren danach aber durch Buchungsfehler und Ergebnisse, die teilweise hinter den Erwartungen zurückblieben. In den USA laufen deswegen diverse Sammelklagen.