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Tautes Heim

Vor fast 90 Jahren entwarf der Architekt Bruno Taut in Berlin-Neukölln eine Siedlung für Arbeiter: mit kleinen Wohnungen, schmalen Reihenhäuschen und bescheidener Ausstattung auf engem Raum. Trotzdem ist seine Hufeisensiedlung bis heute begehrt. Aus guten baulichen Gründen.




I. Neue Heimat

Eigentlich ist sie ein gemauerter Notnagel. Eine Antwort auf Bevölkerungswachstum und Wohnungsnot, auf überfüllte Mietskasernen und dunkle Hinterhöfe, in denen Berlins Arbeiter vor 100 Jahren lebten. Damals verfügten neun von zehn Wohnungen in der Metropole über kein eigenes Bad, fast die Hälfte über keine eigene Toilette. Um die Menschen aus diesen Verhältnissen zu befreien, wurden im Berlin der Zwanzigerjahre reihenweise Großsiedlungen geplant. Bruno Taut (1880-1938), ehemaliger Magdeburger Stadtbaurat, Meister im Umgang mit Farbtönen und Chefarchitekt der gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Gehag, brachte es in dieser Zeit auf das unglaubliche Pensum von mindestens 10.000 Wohnungen. Bauen war für ihn nicht einfach nur das Schaffen von Wohnraum, sondern ein soziales Reformprojekt. Kollektivität betrachtete er als "stilbildenden Faktor" und sich selbst als Organisator eines klassenlosen Zusammenlebens.

Die Hufeisensiedlung im Bezirk Neukölln, die Taut gemeinsam mit dem Stadtbaurat Martin Wagner und dem Gartenbauer Leberecht Migge plante, war Deutschlands erste Siedlung mit mehr als 1000 Wohnungen. In dem südöstlich des Flughafens Tempelhof gelegenen Quartier leben heute rund 3500 Menschen in 679 Reihenhäusern und 1285 Wohnungen. Auf den ersten Blick entdeckt man viel kleinbürgerliche Spießigkeit mit Geräteschuppen und Carports vor den Häusern, Handtuchgärten und koreanischen Kleinwagen. Auf den zweiten aber gibt es ein paar Qualitäten, die das Viertel spürbar aus dem Meer der Ödnis deutscher Vorortsiedlungen herausheben.

II. Geborgenheit

Herzstück der Siedlung ist ein Teich, um den herum Taut einen hufeisenförmigen Wohnriegel legte. Er ist der lebendige Kern des Viertels mit Bäcker, Schlachter und Infocafé, er ist Wahrzeichen und Mittelpunkt zugleich. Auf dem benachbarten Hüsung-Platz mit Linde und Holzbank feiern die Leute heute ihre Nachbarschaftsfeste. Vom Wahrzeichen der Siedlung führen strahlenförmig Sträßchen ab, an denen der Architekt Reihenhäuser gruppierte; zur Umgehungsstraße postierte er eine Batterie Geschosswohnungsbauten, die die Siedlung wie eine Stadtmauer gegenüber dem Straßenverkehr abschirmen. Anders als die theoretisch endlos reproduzierbaren Walmdachbungalow-Reihen vieler Vorstädte besitzt die Hufeisensiedlung damit ein echtes Herz und eine sichtbare Grenze. Ihre Struktur vermittelt Identität und Geborgenheit, was die Siedlung besonders für Familien mit Kindern attraktiv macht. Mitten in der Millionenmetropole Berlin, die Tauts Siedlung mittlerweile fest umarmt, leben sie in der Illusion eines gewachsenen Dorfes.

III. Eigensinn

Mit dem Vorsatz, Baukosten und Mieten möglichst niedrig zu halten, setzte Taut auf genormte Teile, den Einsatz modernen Geräts wie beispielsweise eines Schaufelradbaggers, der das Sechsfache der menschlichen Arbeitsleistung schaffte. Bei den Haustypen beschränkte er sich auf wenige standardisierte Modelle, die sich schnell und kostengünstig errichten ließen. Unter den 679 Stadthäusern etwa gibt es lediglich zwei Dachformen, zwei Geschossvarianten und zwei Hausbreiten; viele spiegeln schlicht den Grundriss ihres Nachbarhauses und wirken daher unverkennbar als Teil eines Ensembles.

Schaut man jedoch genauer hin, entdeckt man nicht weniger als 400 kleinere und größere Varianten. Manche unterscheiden sich im Zuschnitt ihres Grundstücks, andere in der Form ihrer Fenster, viele im Farbton ihrer Fassaden – gerade darin erkannte Taut ein günstiges Mittel zur Individualisierung: Jede Hausreihe bekam ihren eigene Kolorierung, jeder Straßenzug seine unverwechselbare Identität, fast jedes Haus farbige Details, die es von seinen Nachbarn unterscheidet. Der Gartenplaner Migge wiederum ordnete jeder Straße eine eigene Baumart zu: In der Stavenhagener Straße ließ er Kugel-Robinien pflanzen, Birken in der Dörchläuchting-, Zierkirschen in der Onkel-Bräsig- und Goldregen in der Paster-Behrens-Straße.

Obwohl unverkennbar ein Serienprodukt, wirkt die Hufeisensiedlung daher nirgends monoton. Gleiches gilt für die Binnenstruktur ihrer Häuser und Wohnungen, die ganz unterschiedliche Lebensformen erlauben. "Taut war ein liberaler Baumeister, der – anders als andere Architekten des Neuen Bauens – seinen Nutzern nicht durch Grundrisse oder vorgegebene Möblierung einen Lebensstil diktierte", sagt der Designer Ben Buschfeld, Bewohner eines Reihenhauses in der Parchimer Allee. "Die Hufeisensiedlung ist ein Ensemble, ohne Gleichmacherei zu betreiben."

Wer in die Siedlung zieht, die seit 1986 denkmalgeschützt ist, muss dennoch auf persönliche Freiheit in einem gewissen Rahmen verzichten. Zum Beispiel auf die Chance, sich mit blau lackierten Dachziegeln, Toskana-Zitaten oder Bauhaus-Klonen architektonisch selbst zu verwirklichen. Aber er hat die Gewähr, dass auch sein Nachbar es nicht tun darf.

IV. Solidität

Mit 38 Zentimeter dickem Mauerwerk und Holz-Doppelfenstern war die Hufeisensiedlung ungewöhnlich modern und zugleich solide gebaut. Jede der knapp 2000 Wohneinheiten wurde mit eigenem Bad, Küche, Garten oder zumindest einer Loggia mit Blick ins Grüne augestattet. "Für damalige Verhältnisse war das sensationell", sagt die Landschaftsarchitektin Katrin Lesser, die seit 15 Jahren in der Hufeisensiedlung lebt. Und heute? "Heute vermischt sich im Sommer das Drinnen mit dem Draußen." Sobald es wärmer wird, avanciert der grüne "Außenwohnraum", wie Taut ihn nannte, für viele Leute zum ständigen Aufenthaltsraum.

Allerdings hatte die Fertigungsqualität auch ihren Preis – und Konsequenzen. Die Baukosten lagen weit über den Planungen und führten zu Mieten, die sich in den Dreißigerjahren kaum ein Arbeiter leisten konnte. Statt Proletariern zogen daher vor allem Beamte und Handwerker, Angestellte und Künstler wie der Maler Heinrich Vogeler und der Schriftsteller Erich Mühsam ein. Tauts ursprünglich viel größer angelegter Siedlungsentwurf wurde nie verwirklicht. Nachdem die Nazis an die Macht gekommen waren, emigrierte der Architekt erst nach Japan, dann in die Türkei, wo er 1938 starb.

V. Gemeinsinn

Was in den Zwanzigerjahren noch Luxus für das Proletariat war, ist heute bescheidene Norm. Die kleinsten Apartments der Hufeisensiedlung haben 48, die größten Reihenhäuser 124 Quadratmeter Wohnfläche. In einem von ihnen wohnt Marie Louise Jenschke, die 1979 mit ihren Eltern dorthin zog. Als Kind, sagt Jenschke, sei die Siedlung für sie ein einziges Spielparadies gewesen, als Jugendliche hingegen der Inbegriff von Spießigkeit. Heute, als Mutter zweier Kinder, wisse sie das "menschliche Maß der Architektur" wieder zu schätzen. Kein Wohngeschossbau messe hier mehr als vier Stockwerke, kein Reihenhaus rage höher als drei Etagen empor. "Anders als beispielsweise in der Gropiusstadt fühlt man sich in der Hufeisensiedlung nicht verloren", sagt Jenschke. Die kleinen Grundrisse der Wohnungen und Häuser wiederum würden durch die privaten Gärten ausgeglichen, von denen viele hecken- und mauerlos in jene der Nachbarn übergehen.

Mit denen sollte man sich daher gut verstehen. "Das Soziale ist bereits in der Bauform angelegt", sagt der Bewohner Ben Buschfeld. "Chronische Einzelgänger hätten es hier sicher schwer. Man kann sich eben nicht aus dem Weg gehen. Wer in die Hufeisensiedlung zieht, muss Nähe mögen."

Einige der Nachbarn haben sich im Verein "Freunde und Förderer der Hufeisensiedlung Berlin-Britz" zusammengefunden, der in einem Ladenlokal des Hufeisens ein Info-Café samt sehenswerter Ausstellung zur Geschichte der Siedlung betreibt. Wer länger bleiben will, kann sich für ein paar Tage bei Buschfeld und Katrin Lesser einmieten: Die beiden haben ein Reihenendhaus im Stil der Dreißigerjahre restauriert und möbliert.

VI. Kompromisse

Als der Berliner Senat Ende der Neunzigerjahre sein Haushaltsdefizit zu reduzieren suchte, indem er die landeseigene Gehag verkaufte, taten sich in der Hufeisensiedlung mehr als 300 Haushalte zur Gründung einer Genossenschaft zusammen. Ihr Versuch, die Reihenhäuser zu kaufen und als Mietwohnungen zu erhalten, scheiterte jedoch am Preis. Seither werden die Stadthäuser Stück für Stück verkauft, während die Wohnungen weiterhin von der Gehag-Nachfolgerin Deutsche Wohnen AG vermietet werden. Begehrt sind beide. Heute ziehen viele Neubürger aus Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Neukölln in die Hufeisensiedlung, darunter überdurchschnittlich viele Architekten, Künstler und Akademiker mit Kindern. Das einstige Viertel der Kleinbürger, das eigentlich als Arbeitersiedlung geplant war, wird so langsam zum Kiez der Kreativen. Allen Bewohnergenerationen gemeinsam ist, dass sie Qualitäten schätzen, die Bruno Taut seiner Siedlung vor fast 90 Jahren mit einbaute: das Gefühl, individuell und dennoch als Teil einer Gemeinschaft zu wohnen; der Luxus eines Stückchen Grüns inmitten einer Großstadt; das menschliche Maß der Gebäude sowie die Vertrautheit eines gemeinsamen Projektes, das den Verzicht auf private Quadratmeter erträglich erscheinen lässt.

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