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Sollen wir den Biosprit nicht besser wieder abschaffen?

Es fing schlecht an und ging mies weiter: Mit der Idee, Energie aus nachwachsenden Rohstoffen zu gewinnen, haben sich Industrie und Politik nur Ärger eingehandelt.




• Clevere Kampagnen leben von Schlagworten, die lange im Gedächtnis bleiben. "Tortillakrise" zum Beispiel sagt uns noch heute: Arme Mexikaner konnten sich ihr Grundnahrungsmittel nicht mehr leisten, weil die Amerikaner ihr Benzin mit Maisschnaps streckten und der Maispreis hochging wie Popcorn im Ofen. Das war im Winter 2006/2007. Eine Welle der Empörung war die Folge: Die Reichen nähmen den Ärmsten das Essen vom Teller, um es sich in den Tank zu schütten.

Die Politik ließ sich von den Protesten nicht beirren. Zum Leidwesen der Dritte-Welt-Initiativen wie auch der Mineralölwirtschaft hielt Präsident George W. Bush am Renewable Fuel Standard (RFS) fest. Diese Norm garantiert der US-Biospritbranche fixe, bis 2015 jährlich steigende Absatzmengen. Auch Barack Obama tastete die Quoten nicht an. Und die Europäer zogen unbeeindruckt die Einführung von Super E10 durch, obwohl es für diesen Benzincocktail gar nicht genug einheimischen Weizen- und Zuckerrübenalkohol gab. So landete Ethanol aus brasilianischem Rohrzucker und US-Mais auch in hiesigen Tanks.

Erst die Dürre dieses Sommers in Amerikas Korngürtel bescherte den Teller-statt-Tank-Aktivisten prominente Unterstützung. José Graziano da Silva, Chef der UN-Ernährungsorganisation FAO, appellierte angesichts der Missernte in der größten Maisanbauregion der Welt an die US-Regierung, die Verarbeitung von Korn zu Biosprit auszusetzen. Der Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel forderte die Abschaffung des ohnehin unpopulären E10-Benzins. Die EU-Kommission denkt inzwischen ähnlich: Der Anteil der verschiedenen Biomasse-Destillate am gesamten Kraftstoff soll nun doch nicht auf zehn Prozent steigen, sondern beim Status quo eingefroren werden. Die Produzenten, einst als Klimaretter gelobt, stehen nun da wie Schurken, die den Weltmarkt leer kaufen und Hungersnöte in Kauf nehmen, um einen ökologisch zweifelhaften Sud zu brauen.

Die offizielle FAOstat, die maßgebliche Statistik zum Agrarweltmarkt, stützt derart einseitige Schuldzuweisungen nicht. Zwar dienen bereits mehr Maiskolben der Mobilität amerikanischer Autofahrer als der menschlichen Ernährung. Für beides genügt aber jeweils ein rundes Siebtel der Weltproduktion von zuletzt 840 Millionen Tonnen. Der bei Weitem größte Posten in der globalen Mais-Bilanz heißt: Tiernahrung. Pro Kilo, das wir in Form von Tortillas, Polenta, Cornflakes, modifizierter Stärke oder Glukose-Fruktose-Sirup verzehren, landen vier Kilo im Futtertrog. Und je mehr Fleisch, Milch und Eier die aufstrebende Mittelschicht der Schwellenländer konsumiert, desto mehr Mais benötigen die Viehzüchter.

Klagen können die Tierhalter, von denen die Supermärkte billiges Fleisch verlangen, freilich nur über hohe Kosten, nicht über Lieferengpässe. Mit nicht eben ökologischen Anbaumethoden war es der Agrarwirtschaft gelungen, binnen 50 Jahren die Maisproduktion zu vervierfachen.

Knappheit ist nicht das Problem

Auch als vor bald sechs Jahren die erste Tortillakrise begann, war laut FAOstat der Mais keineswegs knapp, weder in den USA noch im Nachbarland. Wie immer ernteten die Mexikaner – die hauptsächlich die tortillatauglichen hellen Sorten anbauen – weit mehr, als sie selbst aßen. Teuer im Norden zukaufen mussten sie lediglich größere Mengen gelben Futtermaises. Demnach hätten in den Supermärkten vor allem Eier und Fleisch teurer werden müssen. Beim weißen Maismehl jedoch beginnt und endet die Wertschöpfungskette im eigenen Land – die Preiserhöhungen, unter denen die Armen leiden, gehen allein auf mexikanische Erzeuger oder Vermarkter zurück. Und die nutzten den exorbitanten Weltmarktpreis als Alibi für einen satten Zusatzprofit.

Die US-Farmer wiederum hatten im Herbst 2006 die drittbeste Ernte aller Zeiten eingebracht – nach dem historischen Doppelrekord von 2004/2005. Unter normalen Umständen wären höhere Preise kaum durchsetzbar gewesen. Doch der amerikanische Mais war nicht nur bei den Ethanolfabriken begehrt, sondern auch im Ausland. Die Produzenten konnten ihre Überschüsse teuer verkaufen und am Ende ihr bisher zweithöchstes Exportergebnis verbuchen.

Das Geschäft lockte Trader und Investoren. Und das wiederum signalisierte den Bauern, noch stärker auf die Vielzweckpflanze zu setzen. 2007 ernteten sie gut ein Viertel mehr als 2006, ein neues Allzeithoch. Die Alkoholbrenner kamen gar nicht hinterher, Kapazitäten für all den Mais aufzubauen, der eigens für sie angepflanzt worden war. Tatsächlich verknappte die Biosprit-Euphorie das Angebot nicht, sondern provozierte eine Überproduktion – die allerdings nicht den Preis dämpfte. Mais schlug sich an den Warenmärkten zeitweise besser als Erdöl, sogar dann noch, als beide Notierungen zwei Monate vor der Lehman-Pleite 2008 parallel zum Sturzflug ansetzten. Als verunsicherte Anleger ihr Heil in Rohstoffwerten suchten, erholte sich der Kurs.

Non-Profit-Organisationen wie Attac, Foodwatch oder die Welthungerhilfe richten ihren Fokus deshalb weniger auf die Anbieter von Regenerativsprit als vielmehr auf die Finanzmärkte. Sie fordern strikte Regeln für Spekulanten – etwa Positions-Limits, die verhindern, dass einige wenige Investoren übermäßigen Einfluss auf den Markt nehmen können.

Ohne die Dürre des Sommers hätte sich die Lage dieses Jahr ohnehin entspannt. Laut dem US-Agrarministerium hatten die Farmer genug gesät, um bei guter Witterung eine neue Rekordernte von 360 Millionen Tonnen Mais einzufahren. Das sei weit über Bedarf, zumal auch die Ethanolfirmen, die ihr Soll zuletzt übererfüllt hatten, weniger abnähmen. Darum, so die Prognose, würden sich die Läger füllen und die Preise stark sinken.

Stattdessen verdorrte ein Viertel der Pflanzen, im Vergleich zum Vorjahr ging die Ernte um 40 Millionen Tonnen zurück – ein Drittel der für den Tank bestimmten Menge. Die US-Regierung konnte sich nicht durchringen, die Ölkonzerne von der Ethanol-Abnahmepflicht zu befreien, um so den Druck aus den Preisen zu nehmen. Denn dann hätte vielen Destillerien die Pleite gedroht, im schlimmsten Fall wäre bis zu einem Zehntel der Weltmaisernte zusätzlich auf dem Markt gewesen. Die Armen hätten allenfalls kurzfristig profitiert: Zum einen warten fleischhungrige Länder wie China nur auf Gelegenheiten, sich billig mit Viehfutter einzudecken. Zum anderen hätten am Ende viele Farmer gerechnet, ob sich Mais für sie noch lohnt.

So aber dürften Amerikas Biospritbrauer, die 2011 sogar bei einem Ethanol- Engpass in Brasilien eingesprungen waren, mit einem blauen Auge davonkommen. Ihre Zukunft ist gleichwohl ungewiss: Anbau und Verarbeitung verschlingen so viel Energie, dass die Klimagas-Emissionen laut Princeton University nur um 20 Prozent unter denen von Benzin liegen. Verdrängen Energiepflanzen-Plantagen Ackerbauern oder Viehzüchter, die dann woanders Wälder roden, kippt die Bilanz sogar ins Negative. Aus ökologischer Sicht könnte die Menschheit tatsächlich auf einen guten Teil des heutigen Biosprits verzichten – zumal sich die Menge Erdöl, die er ersetzt, durch effizientere Autos leicht einsparen ließe.

Wissenschaftler und Unternehmer in Europa und den USA fahnden allerdings längst nach neuen Pflanzen-Kraftstoffen, die nicht als Lebensmittel taugen und eine bessere Ökobilanz haben. Sie experimentieren mit zellulosehaltigem Abfall wie Stroh und Holzschnitzeln, mit subtropischen Brechnüssen oder Algen. Audi finanziert in einer Gegend in New Mexico, wo sonst nichts wächst, ein Biotech-Projekt mit, in dem Mikroben Benzin und Diesel erzeugen – per Fotosynthese. Alles, was die Organismen dazu brauchen, sind Sonne, Wasser und jener Stoff, von dem die Menschheit eh zu viel hat: CO2. Fehlt nur noch, dass das Verfahren auch wirtschaftlich ist. ---