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Wurst Stahlbau

Viele Unternehmen versuchen, ihr Image aufzubessern. Bei Wurst Stahlbau löscht die Geschäftsführung derweil Brände. Das ist wörtlich gemeint.




• Es muss ein paar Jahre her sein. Da brannte bei der Wurst Stahlbau GmbH in Bersenbrück bei Osnabrück der Haupttransformator. Die Firma hatte damals rund 150 Mitarbeiter, davon ein gutes Dutzend freiwillige Feuerwehrleute. Die rasten mit Privatwagen vom Hof zur Feuerwache, kamen 15 Minuten später mit Blaulicht zurück und machten "den Brand in wenigen Minuten platt". Thomas Sperveslage, der Personalleiter, kann sich einen Schuss Ironie nicht verkneifen, wenn er über "unsere Feuerwehrleute" spricht. "Wie Scarlett O'Hara schauen die Damen aus den Fenstern, wenn die Feuerwehrjungs mit dreckigen Stiefeln von einem Alarmeinsatz zurückkommen." Aber eigentlich geht es Sperveslage nicht um Pointen. "Selbstverständlich", sagt er, "haben bei uns Bewerber einen Vorteil, die sich ehrenamtlich engagieren. Dann weiß ich doch, dass sie teamfähig sind und Verantwortung übernehmen können."

Der Personaler ist 44 Jahre alt und seit 27 Jahren im Unternehmen, ein freundlicher Mann mit rundem Bauch und rundem Gesicht. Er nimmt sich die Zeit für ein Gespräch über Ehrenamtliche in Unternehmen gern, und er scheint auch nicht unter Zeitdruck zu sein, aber nach ein paar Minuten findet er, dass alles gesagt ist. Nein, es gebe keine Strategie, Mitarbeiter zu freiwilligem Engagement zu motivieren. Nein, wenn die Leute das machten, dann hätten sie auch keine direkten beruflichen Vorteile davon. Aber es sei doch selbstverständlich, dass er "dem Kollegen vom Technischen Hilfswerk, der eine Nacht bei einer Bombenräumung durchgearbeitet habe, nicht am nächsten Morgen irgendwelchen Papierkram aufzwinge. Wir sind in Niedersachsen. Auf dem platten Land. Dort lautet die Devise: Machen, nicht reden.

Aber Studien und Erfahrung zeigten eben auch, dass die Nachfrage nach Freizeitbeschäftigung mit höherem Zweck weiter steige. Von dem Feuerwehr-Engagement der Brüder Wurst hat Bergmann noch nichts gehört, aber er sei immer wieder bass erstaunt, "was in Unternehmen alles möglich ist, wenn ein Chef oder eine Unternehmerfamilie sich einem sinnstiftenden Zweck verschrieben haben. Und dann mit gutem Beispiel vorangehen."

Sagen gern, wo's langgeht: Thomas, Christian und Michael Wurst (v.l) in der Produktionshalle ihrer Firma …
und bei der Freiwilligen Feuerwehr in Bersenbrück

Geschäftsführung gleich Feuerwehrführung

Mehr als die Hälfte der Belegschaft engagiert sich in Vereinen, kirchlichen Organisationen, Sozialeinrichtungen, in der Jugendarbeit, beim Technischen Hilfswerk oder eben bei der Freiwilligen Feuerwehr. Beim Rausgehen sagt der Personalleiter noch: "Wir sind ja nicht der einzige Mittelständler, bei dem das so läuft." Ein Unikum dürfte aber sein, dass die Geschäftsführung des Unternehmens – 50 Millionen Euro Jahresumsatz und unter den Top Ten seiner Branche – weitgehend identisch mit der örtlichen Feuerwehrführung ist. Die Brüder Christian, Michael und Thomas Wurst haben Alarmmelder am Gürtel. Wenn die surren und alle drei zusammen einen Termin haben, ist der beendet. So wie kürzlich, als sie mit der Hausbank verhandelten und nach Rückfrage an die Leitstelle klar war, dass Menschenleben in Gefahr sind.

Im Alarmfall gilt: In der Firma muss es auch ohne die Chefs gehen, da ohne sie in der Freiwilligen Feuerwehr nichts geht. Christian Wurst, 47, ist der Ortsbrandmeister von Bersenbrück. Michael, 44, Gruppenführer und unter anderem für die Ausrüstung verantwortlich. Thomas, 41, ist Zugführer. Der Gründer und Vater der heutigen Geschäftsführer, Friedmut Wurst, war lange Jahre Kreisbrandmeister des Landkreises Osnabrück.

Besuch im besseren Kapitalismus

Nach dem Generationenwechsel in den Neunzigerjahren sanieren die drei Söhne ein in die Krise geratenes mittleres Stahlbau-Unternehmen. Es wächst fortan unabhängig von konjunkturellen Schwankungen. Die Brüder schaffen, weiter unterstützt vom Senior, jede Menge Arbeitsplätze, investieren in Ausbildung und leiden weder unter Nachwuchsmangel noch unter Fluktuation. Sie fahren im Schnitt 1,5 "scharfe Feuerwehreinsätze" pro Woche, jeder der drei verbringt 300 bis 500 Arbeitsstunden im Jahr mit Feuerwehrarbeit. Außerdem spenden sie Geld und übernehmen auch sonst noch hier und da ein Ehrenamt. Und werden seit Jahren mit Preisen überschüttet, darunter der zur Förderung des "Ehrenamtes im Bevölkerungsschutz" des Bundesministeriums des Inneren, der Axia-Award der Unternehmensberatung Deloitte für gute Unternehmensstrategie sowie die Auszeichnung Entrepreneur des Jahres von Ernst Young.

Wie es dazu kam, ist bei den drei eher wortkargen Brüdern eine kurze Geschichte. Sie sehen nicht aus wie Brüder. Der Älteste ist hager und wirkt ernst, der Mittlere ist stämmig und introvertiert. Der Jüngste, unter anderem für die PR zuständig, hat blond gefärbte Strähnen und versucht, die Stimmung im Sitzungsraum zu heben. Christian und Michael haben eigentlich keine Zeit. Thomas findet, dass es wichtig ist, "mit der Presse zu reden". Christian sitzt in der Mitte. Er redet, wenn es wichtig wird. Der Jüngste sekundiert. Der Mittlere antwortet kurz, wenn er direkt gefragt wird.

Auf die Frage, was Wurst Stahlbau anders mache als andere Unternehmen mit guter CSR-Strategie, fragt Christian Wurst zurück: "Was ist CSR?" Der Begriff Corporate Social Responsibility scheint ihm nichts zu sagen, und der Feuerwehrchef von Bersenbrück scheint auch nicht mit der Rolle des Ahnungslosen zu kokettieren. Für Modekram hat man bei Wurst Stahlbau keine Zeit, schließlich müssen sie ein Unternehmen führen. Bei der Feuer wehr gehe es im Übrigen darum, "die erfolgreiche Arbeit der letzten Jahre fortzusetzen".

Der bessere Kapitalismus in Bersenbrück ist eine praktische Angelegenheit. Man kann mit den Wursts darüber reden, wie eine mittelständische Firma in der Investitionsgüter-Industrie Stahlbau erfolgreich sein kann. Wie man gute Beziehungen zu Lieferanten unterhält. Warum China auch langfristig keine Gefahr darstellt, sondern eher die Niederländer, die mit ihren Überkapazitäten auf den deutschen Markt drängen. Die Wursts haben auch eine sehr klare Vorstellung davon, was gute Arbeit bei der Freiwilligen Feuerwehr heißt. Tagesalarmstärke und Hilfsfristen sichern zum Beispiel. Den Ausbildungsstand heben und heute mit 20 Kameraden einen Großbrand löschen, für den man früher 80 Mann gebraucht hätte. Zu guter Feuerwehrarbeit gehöre leider auch der Kampf gegen Bürokraten. Zum Beispiel gegen Kommunalbeamte, die kein Geld bereitstellen, um gutes Werkzeug zu beschaffen. Obwohl mancher heute sehr beliebte Geländewagen so solide gebaut ist, dass Rettungskräfte mit Schere und Spreizer alter Bauart eingeklemmte Unfallopfer nicht mehr freischneiden können. Aber diese Kommunalbeamten behaupteten dann: Die Feuerwehrleute wollen nur noch mehr Spielzeug.

Häuptlinge und Indianer

Firma und Feuerwehr haben für die Brüder ein paar grundlegende Gemeinsamkeiten: Beide müssen das beste Ergebnis für den Kunden anstreben, bei der Feuerwehr sind das "Menschen in Gefahr". Die Wursts scheinen in beiden Welten keine Freunde kooperativer Führung zu sein. "Im Einsatz muss ein kompetenter Chef autoritär führen. Punkt", sagt Thomas. Im Unternehmen könne es leider auch nicht nur Häuptlinge geben. "Man braucht auch Indianer." Die Grenzen zwischen beiden Sphären sind für die Brüder offenbar ungeklärt. Auf der einen Seite kokettieren sie damit, mal ein paar Briefe an ihre Lieferanten verschickt zu haben, als der Förderverein der Feuerwehr 80000 Euro für die Zusatzausrüstung eines neuen Tanklöschfahrzeugs brauchte. Auf der anderen Seite: Für die Frage, ob die Feuerwehr nicht auch gut fürs Image und damit fürs Geschäft sein könnte, hat Christian Wurst einen Gesichtsausdruck übrig, der in etwa sagt: Das haben Sie jetzt nicht wirklich gefragt, oder? Und dann, nach einer kurzen Pause, den schmallippigen Satz: "Darüber habe ich noch nie nach gedacht." Feuerwehrleute retten Leben. Manchmal bergen sie Tote. Es geht nicht ums Geschäft. Es geht um Daseinsvorsorge, die der Staat im ländlichen Raum an Freiwillige delegiert, weil eine Berufsfeuerwehr dort zu teuer wäre.

Gutes Gewissen, gutes Geschäft?

Der Erste Engagementbericht der Bundesregierung vom Sommer dieses Jahres umfasst 1370 Seiten und trägt den Untertitel "Für eine Kultur der Mitverantwortung". Die Daten zum Beitrag von Unternehmen hat das Institut der deutschen Wirtschaft Köln zusammengetragen. Es kommt unter anderem zu dem Ergebnis: "64 Prozent aller Unternehmen engagieren sich ehrenamtlich. Ihr Engagement entspricht einem finanziellen Gegenwert von elf Milliarden Euro jährlich." Behandelt wird auch die vermutlich meistdiskutierte Frage der CSR-Debatte der vergangenen Jahre: Ist das gute Gewissen auch gut für das Geschäft? (siehe brand eins 08/2005) Die Antwort des Berichts ist differenziert: "Je höher das bürgerschaftliche Engagement ausfällt, desto höher ist auch die statistische Chance, als Unternehmen erfolgreich zu sein." Allerdings lassen die Datensätze keinen Rückschluss darauf zu, ob Firmen erfolgreicher sind, weil sie sich engagieren. Das predigen zwar die CSR-Berater Land auf, Land ab, aber es könnte auch sein, dass sich erfolgreiche Unternehmen schlicht mehr engagieren – zum Beispiel weil ihre finanziellen Spielräume größer sind.

Mit Knut Bergmann kann man stundenlang über Theorie und Empirie der Freiwilligenarbeit diskutieren. Er war im Bundespräsidialamt lange für das Thema zuständig. Heute leitet er das Hauptstadtbüro des Instituts der deutschen Wirtschaft. Seine Kernthese: Entgegen landläufiger Wahrnehmung nimmt die Bereitschaft zu, sich freiwillig für andere zu engagieren. Das gilt sowohl für Unternehmen als auch für Privatpersonen.

Allerdings verändert sich der Charakter des Engagements. Viele Menschen binden sich heute nicht mehr über Jahre und Jahrzehnte an eine Freiwilligenorganisation, sondern wollen auch bei ihrem Engagement flexibel bleiben nach dem Motto: ein paar Jahre Jugendarbeit im Sportverein, dann ein Umweltprojekt, ein paar Jahre Pause und später vielleicht Leseförderung für Kinder.

Hierarchische Organisationen ziehen heute nur noch wenige Freiwillige an. Denen reicht auch nicht mehr die reine Pflichterfüllung, sie wollen etwas Besonderes erleben und sich persönlich weiterentwickeln. Entsprechend suchen sich heute Freiwillige ihre Aufgabe meist bewusst aus. In den stabilen sozialen Milieus der Fünfziger- bis Achtzigerjahre war es eher umgekehrt: Die soziale Aufgabe fand durch mehr oder weniger sanften Sozialdruck quasi automatisch diejenigen, die sich ihrer annahmen. Erschwerend kommt hinzu, dass es immer mehr Initiativen gibt, aber demografiebedingt immer weniger Nachwuchs. "Die traditionell strukturierten Freiwilligenorganisationen wie politische Parteien, kirchliche Sozialvereine, Feuerwehr oder Technisches Hilfswerk haben alle mit diesen Entwicklungen zu kämpfen", sagt Bergmann. Wenn die Verantwortlichen über Nachwuchsprobleme nachdächten, seien sie oft ratlos, manchmal sogar verzweifelt.

Anständig arbeiten

Die blau lackierte Werkshalle der Firma Wurst steht an der Landstraße nach Quakenbrück. Selbstverständlich handelt es sich um eine Eigenkonstruktion. Das Unternehmen hat Airbus eine große Halle hingestellt. Die neue Tribüne des Weserstadions in Bremen kommt aus Bersenbrück, ebenso die Stahlbau-Elemente der Forschungsstation Neumayer III in der Antarktis. Die meisten Kunden der Niedersachsen sind jedoch Mittelständler, deren Namen nur am Ort und in der Branche bekannt sind.

Drinnen, in der eigenen Halle, wird an großen Stahlträgern gebohrt, geschweißt, gefeilt. Dabei ist es erstaunlich ruhig. Große Fenster lassen von allen Seiten Tageslicht herein. Thomas Wurst sagt beim Rundgang: "Sie riechen, dass Sie nichts riechen." Bei Wurst wird nicht mehr selbst lackiert. Das macht die Arbeit der Metallbauer in der Halle deutlich angenehmer. Die Firma hat erheblich in Lärmschutz und andere Maßnahmen für den Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz investiert und auch dafür diverse Auszeichnungen bekommen. "Moderne Arbeitsabläufe, Maschinen und Werkzeug auf dem aktuellen Stand der Technik helfen uns, als Arbeitgeber in der Region attraktiv zu bleiben", sagt Thomas Wurst. Da müsse man umfassend und im Gesamtzusammenhang denken. Für die Feuerwehr gälten die gleichen Prinzipien.

Christian Wurst sagt: "Lobeshymnen bei Sonntagsreden helfen Feuerwehrleuten nicht so wirklich weiter." Geld für Ausrüstung auf dem Stand der Technik sei die bessere Form der Anerkennung. Doch das Geld in den kommunalen Kassen ist knapp. Die Feuerwehrkameraden von Bad Laer haben in der Not einen Nacktkalender produziert, um sich vom Erlös eine Wärmebildkamera zu kaufen. Thomas Wurst erzählt von einem Einsatz, bei dem man ein dreijähriges Kind nur dank einer solchen Kamera entdeckt habe. Er hebt die Stimme: "Trotzdem gehören Wärmebildkameras leider nicht zur Standardausrüstung. So können Feuerwehrleute nicht effektiv arbeiten." In Bersenbrück gibt es eine. Eine Leihgabe des Landkreises Osnabrück.

Im Rathaus von Bersenbrück, so hat man es Christian Wurst zugetragen, hätten alle vor ihm Angst. In zwei Wochen wird das neue Feuerwehrhaus eröffnet. Maler tünchen gerade die letzten Ecken. Im Trockenraum hängt schon mal ein gelber ABC-Schutzanzug zur Probe. Das Gebäude hat zwei Millionen Euro gekostet, die von der Kommune bezahlt werden. Selbst die drei Brüder scheinen zufrieden zu sein: "Das ist jetzt wirklich genau das, was wir brauchen."

Auf die Frage, was für sie ein gutes Leben sei, sagt Michael Wurst: "Gesundheit." Thomas sagt: "Eine intakte Familie." Christian holt aus: "Gutes Leben ist, wenn es keinen negativen Stress gibt. Also wenn keiner aus unsinnigen Gründen querschießt, Dinge zerredet oder blockiert. Wenn dir keiner Knüppel zwischen die Beine wirft und du einfach die Dinge voranbringen kannst. Und dabei etwas Gutes entsteht."

Die Jugendfeuerwehr von Bersenbrück zählt knapp 30 Mitglieder. Eigentlich kann der Jugendfeuerwehrwart nur 25 aufnehmen. Es gibt eine lange Warteliste.

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