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Renate Möller Möbelmanufaktur Scholtissek

Ohne Renate Möller gäbe es die Möbelmanufaktur Scholtissek nicht. Für sie ist das nicht der Rede wert.




• Menschen, die ihr Leben mögen, sind in der Lage, dieses Leben als gelungene Erzählung zu interpretieren: als in sich logische Abfolge von Ereignissen. Sich selbst verstehen sie als die Hauptperson, auf die alles zuläuft und die stets die Fäden in der Hand hält. Eins baut aufs andere auf. Sackgassen und Umwege? Erweisen sich als Rastplätze oder Abkürzungen. Zufälle gibt es selten, und wenn, dann als glückliche Fügung.
Das ist eine gesunde Einstellung.

Zu ihr neigen verständlicherweise jene, die etwas aufgebaut haben, wie Unternehmer. Die florierende Firma als Happy End. Mögen sich die Macher im Stillen auch eingestehen, dass ihre Geschichte lose Enden aufweist oder falsche Fährten legt, nach außen bleiben sie bei der glatten Version ihres Lebenswerks. Und zahlen eine Menge Geld an PR-Leute, damit es alle erfahren.

Von dieser Art des Geschichten-Erzählens versteht Renate Möller wenig. Vielleicht, weil sie es nie leicht hatte. Gerade mal 21 Jahre alt war sie, als sie 1966, nach dem plötzlichen Herztod ihres Vaters, die elterliche Werkstatt mit 13 Mitarbeitern übernehmen musste. Die liegt im Osnabrücker Land, tiefste Provinz, also bis heute außerhalb der Reichweite von Scheinwerfern, wenn es mal wieder um Frauen in Führungspositionen gehen soll.

Mit ihrem fast 71-jährigen Mann, einst selbst Erbe einer Schreinerei im Nachbarort, leitet Renate Möller eine Möbelmanufaktur, erwirtschaftet zusammen mit ihren Handelspartnern einen Umsatz zwischen 16 und 18 Millionen Euro pro Jahr und beschäftigt inklusive Zulieferfirma insgesamt 82 Mitarbeiter, die größtenteils seit Jahrzehnten zum Betrieb gehören, der Jüngste ist 18, die Älteste 77. Ihre Firma fertigt Massivholzmöbel, und seit der Jahrtausendwende hat sie sich vor allem auf edle Tische spezialisiert. Deutschlandweit hat sie sich einen Namen gemacht.

Dieser Name lautet Scholtissek, nach Möllers Ehemann und gleichberechtigtem Geschäftspartner Reinhard Scholtissek. Er ist der kreative Kopf des Unternehmens, ein Künstler, der gerade in der örtlichen Kirche seinen Bilderzyklus zur biblischen Urgeschichte ausgestellt hat. Renate Möller ist es gewohnt, dass sie als eine Art angeheiratetes Back-Office wahrgenommen wird. Und sie hat es sich angewöhnt, den eigenen Auftritt als Nebenrolle anzulegen. Dabei spielt sie eine von zwei Hauptrollen in der Erfolgsgeschichte der Firma.

Wer einen Massivholztisch fürs Leben sucht, mit einer Platte aus edlem Holz, funktional und in minimalistischem Design, und wer für diesen Mittelpunkt des Familienlebens mehrere Tausend Euro auszugeben bereit ist, der kann nach Schledehausen in den Wamhof fahren, ein malerisches Fachwerk-Ensemble, in dem die Firma ihre Modelle ausstellt. Zwölf verschiedene Edelhölzer werden zu Tischen verarbeitet, darunter Apfel, Eibe oder Nussbaum, auch Akazie oder ganz fein gemaserte sibirische Birne; Holz aus dem Regenwald ist tabu. Jeder Käufer erwirbt mit einem der jährlich rund 3600 Tische ein in Handarbeit gefertigtes Unikat, unverwechselbar wegen der einzigartigen Maserung der Platte. Und wer sich nicht nur ins Möbelhaus, sondern in die Produktionshalle im acht Kilometer entfernten Ostercappeln bemüht, kann sich dort seine Tischplatte sogar selbst aussuchen.

Eine Frau, die lieber "wir" sagt als "ich"

Ein wenig erinnert Renate Möller an eine Loriot-Figur, was gewiss nicht uncharmant gemeint ist. Nicht nur wegen der knubbeligen Nase unter der randlosen Brille – alles an ihr ist rund, selbst der helle Schopf, der die Kugelform des Kopfes betont. Wenn die 67-Jährige, die bereits Anfang der Siebzigerjahre die Prüfung als Tischlermeister ablegte, durch den Ausstellungsraum wuselt, kann sie nicht verbergen, wie sehr ihr gefällt, was sie da sieht.

Nur ein Gedanke scheint ihr sonderbar fremd zu sein: dass sie selbst es geschaffen hat. Was ihr Anteil war, will sie nicht formulieren, weicht aus, erzählt lieber Anekdoten, lobt ihren Mann, ihre beiden jungen Prokuristen, ihre Mitarbeiter.

Nur ein Satz rutscht ihr zwischendurch raus, der verrät, dass ihr bewusst ist, was alles dazugehörte: "Wir wollten schöne Möbel machen, aber plötzlich hatten wir so viele Menschen, für die wir verantwortlich waren. Da mussten wir zu Psychologen werden. Und als der Betrieb weiterwuchs, da mussten wir noch Betriebswirtschaft lernen und noch später Jura." Sie sagt "wir", nicht "ich". Ihr 37-jähriger Vertriebschef und Prokurist Alexander Haas sagt: "Frau Möller stellt ihr Licht gerne unter den Scheffel." Ihr Mann sei der Namensgeber und das Gesicht, doch sie sei der Kopf und die Seele: "Aber sie tarnt sich ganz gut."

Es war Mühe und Arbeit und sieht aus wie Glück

"Keiner von beiden hätte das ohne den anderen geschafft", sagt Wolfgang Wiening. Er hat Renate Möller vor 36 Jahren kennengelernt, auf der Möbelmesse in Köln. Sein ganzes Berufsleben hat der Möbelhändler danach mit dem Unternehmerpaar zusammengearbeitet, hat seit 1996 exklusiv nur noch Scholtissek-Möbel verkauft. Vor zwei Jahren hat er sich mit Mitte 70 zur Ruhe gesetzt. Also: Warum floriert Scholtissek immer noch, obwohl zahlreiche Mitbewerber von einst längst aufgegeben haben; obwohl der Boom der Branche Geschichte ist; obwohl die Kunden aufs Geld achten und der Handel diesen Kunden lieber ein günstiges Möbel verkauft, das sie nach fünf Jahren nicht mehr sehen können und freiwillig durch ein neues ersetzen? Während Scholtissek immer noch Tische fertigt, für die man einmal sehr viel Geld aus- und sie dann nie wieder hergibt.

Zwei Antworten hat Wiening. Beide ganz einfach. Erstens: Renate Möller und Reinhard Scholtissek hätten immer gearbeitet. Aus Liebe zur Arbeit, aus Pflichtbewusstsein, ohne Urlaub, ohne Wochenende, ohne Feierabend, auch sonntagmorgens in der Firma zu erreichen. Das aber sei nur die Grundlage für den zweiten, entscheidenden Vorsprung: Sie dächten nicht nur an morgen, sondern ans nächste, übernächste, überübernächste Jahr. Sie spürten, wenn es Zeit war für Neues. "Stellt euch um, Leute", habe Scholtissek gesagt, "Eiche wird nicht mehr lange gut gehen."

Bis Mitte der Achtziger "kam keiner in Deutschland an Scholtissek vorbei, wenn es um Eichenmöbel ging", sagt Wiening. Nicht etwa den furnierten Eigenheim-Albtraum der Siebzigerjahre – bei Scholtissek gab es den vollmassiven Schrank mit zwei Zentimeter dicker Rückwand, den perfekten Nachbau eines viel älteren Originals. Dann folgte auf Hochglanz poliertes Kirschholz, auch mal eine Bauhausphase, und seit der Jahrtausendwende setzt die Firma ganz auf Tische. Zwei Subunternehmer bauen inzwischen die Kastenmöbel. Der Tisch, das haben sie erkannt, ist nicht nur immer größer geworden, er steht auch immer stärker im Mittelpunkt des Familienlebens der wohlhabenden, anspruchsvollen Kundschaft.

Also war doch die Kreativität des Ehemanns entscheidend, hat "mein Reinhard", wie Möller ihn oft nennt, ganz allein den Erfolg angezogen? Mitnichten. So wie die Scholtissek-Möbel eine hochwertige Kombination aus Zeitgeist und Solidität sind, hat sich auch das Ehepaar die Aufgaben geteilt. "Scholtissek ist ein Künstlertyp", sagt Wiening. "Er denkt nicht besonders wirtschaftlich." Dafür hat er seine Frau. Wer alle paar Jahre die Produktion umstellt, braucht nicht nur gute Ideen. Der braucht eine Organisation, die ständige Innovation überhaupt erst erlaubt. Renate Möller ist quasi das Massivholz im Betrieb.

Anfang Oktober hat das ungleiche Paar das 40-jährige Jubiläum des gemeinsamen Unternehmens gefeiert. 250 Kunden aus dem Handel folgten der Einladung ins Osnabrücker Land. Den runden Geburtstag hatte Renate Möller geplant und auf die Beine gestellt. Ein Baumflüsterer war da, der darüber sprach, wie man Bäume heilt. Ein Unternehmensberater redete über "Werte, Wertschätzung, Wertschöpfung".

Mit der Wertschätzung für die eigene Leistung freilich ist es bei der Chefin nicht weit her. Die Bescheidenheit siegt immer. Von ihren Eltern habe sie kein großes Selbstbewusstsein mitbekommen, sagt sie mal nebenher. Die elterliche Firma hat sie dennoch 1966 vor der Schließung bewahrt, sogar ihr Elternhaus, ein Fachwerk-Gebäude, wenige Straßen vom Wamhof entfernt, vor dem Abriss gerettet. Die Gemeinde wollte damals alles modernisieren; die vaterlose Junghandwerkerin schien kein Hindernis zu sein. War sie aber doch. Da blitzt kurz Härte auf, als sie erzählt, dass sie noch immer in dem Hause wohnt, mit ihrem Mann.

Würde sie heute anders entscheiden als damals, der gemeinsamen Firma auch ihren Namen geben? Sie nickt. "Weil die Menschen nicht so sehr auf die Personen dahinter achten, wenn man das nicht einfordert." Das rutscht ihr so raus, während sie auf dem Weg durch die Werkstatt buchstäblich vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt. Und doch alles tut, um der Moral ihrer Geschichte auszuweichen: Ohne Renate Möller wäre alles anders gekommen. Und es wäre nicht so gut geworden.