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Kritik am Wirtschaftswachstum

Kritik am Wirtschaftswachstum ist derzeit schwer in Mode: Ein gutes Leben sei auch ohne möglich. Aber alles hat seinen Preis.




1. Wir haben doch schon längst alles, was wir brauchen

Im Prinzip schon. Die materielle Versorgung ist, zumindest in den Industrienationen, recht umfänglich. Und mal ehrlich: Wozu braucht man das neue Mobiltelefon? Ist der neue Plasmafernseher tatsächlich so viel besser als das alte Modell? Muss das neue Paar Schuhe wirklich sein? Lohnt es sich nicht, das Auto noch einmal zu reparieren? Zwischen Konsumrausch und Wachstum gibt es in der Tat einen Zusammenhang.

Das gilt allerdings nicht für Entwicklungsländer, in denen die Versorgung auch mit Gütern des täglichen Bedarfs für viele noch lange nicht gewährleistet ist. Dort muss die Wirtschaft wachsen und den Wohlstand heben. Und in den entwickelten Volkswirtschaften sind es vor allem Innovationen, die das Wachstum treiben.

Dabei geht es in den meisten Fällen nicht um ein Immermehr, sondern um ein Immer-besser: um neues Wissen, das zu effizienteren oder energiesparenden Herstellungsverfahren, zu sichereren Produkten und deren leichterer Handhabung führt. Selbstverständlich kann man Briefe auch mit der Schreibmaschine statt mit dem Computer tippen. Aber eine E-Mail ist schneller. Und wer einmal einen Autounfall gehabt hat, weiß, dass der Airbag sehr wahrscheinlich Schlimmeres verhindert hat, und war dankbar dafür, dass das Auto dem Rettungsdienst die exakte Position der Unfallstelle automatisch übermittelt hat.

2. Wachstum schürt soziale Ungerechtigkeit

Die gute Nachricht zuerst: Global betrachtet, ist der Abstand zwischen reichen und armen Ländern in den vergangenen Jahren geringer geworden. Die ärmeren Länder holen auf, weil ihre Volkswirtschaften stärker wachsen als diejenigen der Industrieländer. Vielfach ist dies mit einer deutlichen Verbesserung des individuellen Wohlstands in der Bevölkerung verbunden.

Die schlechte Nachricht: In gut zwei Drittel aller Länder der Erde hat sich der Abstand zwischen Arm und Reich vergrößert. Messen lässt sich dies anhand des Gini-Koeffizienten, der die Einkommensverteilung ermittelt. Ist er gleich null, sind die Einkommen aller Menschen im Erhebungsgebiet gleich hoch. Liegt er bei 1, sind die Einkommen maximal ungleich verteilt.

In den vergangenen 30 Jahren sind die Einkommen in China, Indien, Russland, den USA, Großbritannien, Deutschland und Schweden dramatisch auseinandergegangen. In China verdoppelte sich der Gini-Koeffizient beinahe auf 0,42, in den USA stieg er um 30 Prozent auf 0,39. Hierzulande beträgt er 0,32, noch 1980 lag er bei 0,24. In Lateinamerika und dort vor allem in Brasilien schrumpfen die Einkommensunterschiede. Dass die Welt ungleicher wird, ist jedoch keine Folge des Wachstums, sondern ein Verteilungsproblem, das nicht nur die Einkommen betrifft, sondern auch die Chancen, etwa den Zugang zu Bildung. Das sind Probleme, die nur politisch gelöst werden können.

3. Auch mit wenig Wachstum kann man gut leben

Einerseits schon. Es macht in Deutschland kaum einen Unterschied, ob die Wirtschaft 0,75 Prozent oder 1 Prozent wächst.

Andererseits bedeutet weniger Wachstum auch weniger Beschäftigung. In Deutschland etwa steigt die Produktivität jedes Jahr - und dadurch sinkt der Bedarf an Beschäftigten, was durch Wachstum ausgeglichen werden muss. Zudem entsteht Wachstum auch durch neues, in die Praxis umgesetztes Wissen. Für eine Volkswirtschaft bedeutete der bewusste Verzicht auf Wachstum daher auch weniger Innovationen. Für ein Land wie Deutschland, das bislang vor allem auf technischem Gebiet erfolgreich ist, wäre das eine überaus riskante Entscheidung.

Darüber hinaus stellt ein Weniger an Wachstum in den Industrieländern in einer global organisierten Wirtschaft mit weltweiter Arbeitsteilung gerade Entwicklungs- und Schwellenländer vor kaum zu lösende Probleme.

4. Hohe Renditeerwartungen der Anleger erzwingen Wachstum

Mag sein, dass eine angestrebte Eigenkapitalrendite von 25 Prozent eine heillose Übertreibung ist. Aber wahr ist auch, dass Anleger und Investoren eine Rendite auf ihr Kapital erwirtschaften müssen. Keine Frage, dass das Unternehmen unter Druck setzt. Denn sie müssen das geliehene Kapital verzinsen oder Dividenden an Aktionäre ausschütten, damit sie an Geld kommen. Das zwingt sie letztlich zu immer mehr Wachstum, um die Forderungen der Investoren nach einer regelmäßigen und marktgerechten Rendite zu erfüllen. Jedoch: Ohne Zinsen und Rendite verlöre das Geld durch die allgemeine Preissteigerung kontinuierlich an Wert. Wer fürs Alter zum Beispiel mit einer Lebensversicherung spart, müsste mit großen Einbußen rechnen.

5. Wachstum zerstört die Umwelt

Da fällt der Einwand schwer. Tatsächlich stoßen Länder wie China und Indien allein aufgrund ihrer hohen Wachstumsraten, die die OECD bis 2030 auf durchschnittlich 6,4 beziehungsweise 5,6 Prozent schätzt, sehr viel Kohlendioxid (CO2) aus. Die stärksten CO2-Emittenten aber sind die dynamischen OECD-Nationen. Die amerikanische Energy Information Administration (EIA) schätzt den Ausstoß für das Jahr 2030 auf 10,5 Tonnen CO2 pro Einwohner, für China gibt sie einen Wert von 8,2 Tonnen an. Keines der schnell wachsenden Länder wird sein Wirtschaftswachstum aufgrund ökologischer Erwägungen bremsen wollen, noch immer ist dort die Grundversorgung der Bevölkerung mit Gütern des täglichen Bedarfs nicht gewährleistet.

Aber es gibt Anlass zur Zuversicht: Je höher der Lebensstandard, desto höher das Umweltbewusstsein. Die westlichen Industrieländer haben die Ökologie seit den Siebzigerjahren auf ihrer Agenda. Öffentlicher Druck führte zu mehr Problembewusstsein, und das führte zu mehr Forschung. Unternehmen setzen umweltschonendere Verfahren ein und versuchen, bei der Produktion Energie zu sparen und Ressourcen zu schonen. Vieles davon ist längst noch nicht so weit entwickelt, so konsequent umgesetzt, wie es sein könnte. Aber der Anfang ist gemacht.

6. Wirtschaftswachstum taugt nicht als Wohlstandsindikator

Keine Frage: Ein Autounfall oder die Produktion eines Stuhls – beides sind gute Nachrichten für das Wachstum. Gemessen wird es anhand der Veränderung des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Das BIP erfasst den Gesamtwert aller in einer Volkswirtschaft produzierten Güter und Dienstleistungen. Nach einem Autounfall muss der Mechaniker ran, neues Blech, neue Farben, neue Scheiben müssen gekauft werden. All das lässt das BIP steigen. Wie gut jemand lebt, lässt sich damit zunächst nicht zeigen.

Kein Wunder also, dass Volkswirte überall auf der Welt nach neuen Indikatoren suchen. Der Deutsche Bundestag hat eine Enquête-Kommission damit beauftragt, neue Parameter für Wohlstand zu finden – bislang ohne nennenswerte Ergebnisse. Doch was ist Wohlstand? Was ist Lebensqualität jenseits der materiellen Versorgung? Einige Kriterien dafür scheinen klar: etwa eine flächendeckende medizinische Versorgung der Bevölkerung oder der Zugang zu Bildung. Doch das gibt es meist in wohlhabenden Gesellschaften, deren BIP sehr hoch ist. Dieser Indikator mag nicht perfekt sein. Aber er ist der beste, den wir bislang haben.

7. Menschen brauchen weniger Dinge, wenn sie sie nur benutzen statt besitzen

Hier muss man klein beigeben. Denn es gibt viele gute Beispiele: Mieter teilen sich die Waschmaschine im gemeinsamen Keller eines Mehrfamilienhauses; Landwirte kaufen teure Maschinen wie Mähdrescher gemeinsam; Autofahrer setzen auf Carsharing. Gerade Letzteres wird durch moderne, per Smartphone buchbare Systeme immer flexibler. So ist ein neues Geschäftsfeld entstanden. Nur wodurch? Durch Innovation, die letztlich zu umweltfreundlichem Wirtschaftswachstum führt.