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Hans-Dietrich Reckhaus Insektenbekämpfung

Vom Insektenbekämpfer zum Fliegenretter: die erstaunliche Verwandlung des Hans-Dietrich Reckhaus.




Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. – Franz Kafka

• Der Mann ist um Antworten nicht verlegen, aber auf die Frage, was sein Vater zu seiner neuen Mission sagt, windet er sich doch ein wenig. Der Senior hatte die Reckhaus GmbH Co. KG, ein Unternehmen, das Insektenbekämpfungsmittel herstellt, 1956 gegründet. Anfang der Neunzigerjahre folgte Hans-Dietrich Reckhaus ihm nach. Der erzählt schließlich, dass seine Eltern – die noch nie in ihrem Leben eine Kreuzfahrt gemacht hatten – sich im Spätsommer zu einer entschieden. Sie wollten weg aus Bielefeld. Sie wollten auf keinen Fall in Verbindung gebracht werden mit der denkwürdigen Aktion, die ihr Sohn angezettelt hatte. Die fand am ersten Wochenende im September dieses Jahres mit großem Echo in Lokalpresse und -radio in einem Ort in der Nähe Bielefelds statt und trug den programmatischen Titel: "Fliegen retten in Deppendorf".

Der Unternehmer und zwei Schweizer Konzeptkünstler, die Zwillinge Frank und Patrik Riklin vom Atelier für Sonderaufgaben, animierten die Dorfbewohner dazu, Stubenfliegen schonend einzufangen und in einem eigens zu diesem Zweck aufgestellten Festzelt abzuliefern. Die Insekten durften es sich dann in einem artgerechten Refugium bei Zuckerlösung und Milchpulver gut gehen lassen. Denn man muss wissen: Stubenfliegen zu retten heißt, sie einzusperren, weil sie in freier Wildbahn nicht überleben können. Auf 902 Brummer brachten es die Deppendorfer. Sie waren auch deshalb mit Eifer bei der Sache, weil ein schöner Preis unter den Teilnehmern ausgelobt worden war: ein dreitägiger Aufenthalt in einem Fünf-Sterne-Wellnesshotel in Bayern – in Begleitung einer der geretteten Fliegen. Die wurde auf den Namen Erika getauft, in einer Reisebox und mit dem Gewinner-Ehepaar zunächst per Helikopter zum Flughafen Paderborn-Lippstadt geflogen, dann weiter mit der Lufthansa nach München. Erika hatte eine Bordkarte und ihren eigenen Sitzplatz. Ihre 901 Artgenossen wurden später, nach ihrem natürlichen Tod, in einer mit rotem Samt ausgeschlagenen Schachtel aufgebahrt, in Deppendorf bestattet und mit einer Gedenktafel geehrt. Erika verschied nach einem ungewöhnlich langen – sie lebte nach ihrer Rettung noch fünf Wochen – und vermutlich einzigartigen Fliegenleben am 5. Oktober. Sie wurde anschließend präpariert.

Das alles klingt, nun ja, sonderbar, aber Reckhaus erzählt von seinem Abenteuer mit heiligem Ernst. Der 46-jährige Familienvater, der in St. Gallen Betriebswirtschaftslehre studiert hat und dort auch promoviert wurde, ist ein Mensch mit vielfältigen Interessen. Früher hatte er literarische Ambitionen, nach seinem Studium konnte er sich eine wissenschaftliche Karriere vorstellen. Doch alle Blütenträume zerstoben, als er Anfang der Neunzigerjahre von seinem Vater, einem Patriarchen alter Schule, in die Pflicht genommen wurde, die Familienfirma in Bielefeld-Sennestadt weiterzuführen. Sie produziert und handelt mit Ungezieferspray, Fliegenfängern, Mottenpapier, Ameisenpulver und vielen weiteren Produkten, die Insekten den Garaus machen. Reckhaus' Stiefbruder Arne Kraeft-Reckhaus ist als Betriebsleiter in dem Unternehmen tätig. Es beliefert traditionell den Fachhandel mit der eigenen Marke Recozit. Der Junior baute das Geschäft mit Eigenmarken für Aldi, Rossmann und Migros aus, mit denen heute das Gros des Umsatzes gemacht wird. Außerdem gründete er eine Tochterfirma in der Schweiz, wo er die Zwillingsbrüder Riklin kennenlernte, die 2008 mit ihrem "Null-Sterne-Hotel" in einem Luftschutzbunker einige Aufmerksamkeit erregten.

Beim Mittelständler Reckhaus – 50 Mitarbeiter, rund 20 Millionen Euro Jahresumsatz –, der seinen Sitz in einem Gewerbegebiet an der Autobahn A2 hat, kennt man das Thema Insektenbekämpfung aus dem Effeff und findet immer neue Problemlösungen. Zum Beispiel für transparente Fliegenfänger, die man am Fenster befestigt und an denen die Insekten kleben bleiben. Kein schöner Anblick. Bis Hans-Dietrich Reckhaus einfiel, in gewissem Abstand zur Folie eine CD-große Scheibe zu montieren. Die verdeckt die Kadaver, und das Ganze heißt, weil der Schirm wie ein Fliegenpilz gestaltet ist, Flippi. Auf diese Innovation, die er sich patentieren ließ, war der Unternehmer sehr stolz und wollte sie groß herausbringen. Da sein Marketingetat überschaubar ist, fragte er die Schweizer Konzeptkünstler im Frühjahr dieses Jahres, ob sie sich etwas überlegen könnten. "Eine Fliegenfalle", sagt Patrick Riklin, der kreative Part des Duos grinsend, "das war das Letzte, was uns interessiert hat." Trotzdem beschäftigten er und sein Bruder sich auf schweizerisch-gründliche Weise zweieinhalb Monate mit dem Thema, und sie präsentierten Reckhaus ihre Lösung schließlich in Frageform:

"Hans (man duzt sich), hast du dir schon einmal überlegt, welchen Wert eine Fliege hat? Und sollte man Fliegen nicht besser retten, statt sie zu töten?"

Die meisten Unternehmer hätten sich bedankt, den Künstlern ein Ausfallhonorar gezahlt, und das wäre es gewesen. Reckhaus aber kam ins Grübeln. "Ich konnte eine Nacht nicht schlafen – die Idee hat mich nicht mehr losgelassen." Schließlich gab er den Zwillingen nicht nur grünes Licht für ihre Aktion, sondern ließ sich von ihnen überzeugen, selbst mitzumachen. Der stets korrekt gekleidete Reckhaus und die eher strubbeligen Brüder setzten sich ins Auto und suchten nach einem geeigneten Dorf; denn auf dem Land gibt es mehr Fliegen als in der Stadt. Die Begeisterung für ihr Vorhaben hielt sich in der ostwestfälischen Provinz in Grenzen, bis sie nach Deppendorf kamen. "Den Ort hatten wir eigentlich gar nicht auf dem Zettel", sagt Reckhaus, "wegen des Namens." Schließlich hätten sich die Deppendorfer veralbert vorkommen können. Doch ausgerechnet dort fand das Trio rührige Leute, die der Ansicht waren, etwas Trubel könne nicht schaden. Und Fliegen retten – warum nicht? Die Meinungsführer holten die anderen Einwohner ins Boot, viele waren mit Eifer bei der Sache, inklusive der Freiwilligen Feuerwehr, die Bier ausschenkte und Würstchen grillte. Ein Deppendorfer kreierte zur Feier des Tages eigens einen "Fliegenschnaps".

Reckhaus ist noch heute aus dem Häuschen: "Was ich da menschlich erleben durfte - sensationell!" Er spürte ganz neuen Elan und wollte auf keinen Fall wieder in seinen alten Trott zurückfallen. "Das Projekt", sagt er, "hat mein Leben verändert." So überlegte der Biozidfabrikant, wie er aus der einmaligen Fliegenrettungsmaßnahme ein dauerhaftes Programm machen könnte. Er kam auf "Insect Respect", eine Art Gütesiegel für Biozide: Wer ein Produkt mit dem Label kauft, zahlt einen Obolus, der dazu verwendet wird, Ausgleich für den Schaden zu schaffen, den das Mittel anrichtet. "Denn", so die neue Erkenntnis des Unternehmers, "Insekten sind faszinierende Tiere, die einen großen Wert für uns und das Ökosystem haben." Er ging die Sache wissenschaftlich an und beauftragte Biologen, ein recht komplexes Modell auszuarbeiten. Es geht unter anderem darum, die Biomasse der getöteten Insekten zu ermitteln – Flippi soll beispielsweise im Schnitt 200 Fliegen das Leben kosten - und einen adäquaten Ausgleich in der freien Natur. Reckhaus schritt gleich selbst zur Tat und ließ erst das Flachdach seines Verwaltungsgebäudes verstärken, um dann darauf ein 200 Quadratmeter großes Biotop anzulegen, das 72.000 Fliegenscheiben neutralisieren soll.

Das Insektenparadies erreicht man bei Schwindelfreiheit über eine Leiter durch ein Oberlicht. Das Biotop besteht aus Bodendeckern, Sträuchern, Steinhaufen und Totholz und soll Käfer, Milben, Ameisen, Schmetterlinge, Wanzen, Bienen, Wespen und andere Tierchen anlocken. Für die Pflege ist der praktisch veranlagte Arne Kraeft-Reckhaus zuständig. Er war erst skeptisch (um es vorsichtig auszudrücken), als er von den Plänen seines Bruders hörte, mittlerweile hat er sich aber von dessen Begeisterung anstecken lassen. Er zeigt auf die anderen Gewerbedächer, die man von hier oben sieht und die alle begrünt werden könnten.

Hans-Dietrich Reckhaus' Rechnung geht so: Der Mehrpreis für "Insect Respect" liege bei rund zehn Cent pro Packung, und für etwa 100 Euro könne man einen Quadratmeter Ausgleichsfläche schaffen. Sein Gütesiegel hat er beim Deutschen Patentamt eingereicht, um es schützen zu lassen: "Die Vorprüfung war positiv, denn so etwas gibt es noch nicht." Außerdem hat er eine neue ökologisch korrekte Marke lanciert, die er nach sich benannt hat ("Dr. Reckhaus – großer Effekt mit großem Respekt"). Und er denkt schon viel weiter. Sein Traum wäre es, sich ganz auf die Lizenzierung seines Labels zu verlegen, also vom Insektizidindustriellen zum Insektenretter zu mutieren.

Bislang – von der Kunstaktion in Deppendorf über das Biotop bis zum neuen Internet-Auftritt – hat er bereits rund 400.000 Euro in seine Mission investiert. Das ist nicht wenig für eine traditionell konservativ wirtschaftende Firma. Und all das nur, weil zwei Künstler den Unternehmer ins Grübeln brachten: "Ich bin angezündet worden von den beiden", sagt er selbst.

Wenn man die Zwillinge fragt, ob ihnen ihre durchschlagende Wirkung nicht gelegentlich unheimlich sei, schütteln beide verständnislos den Kopf: "Es ist doch toll, ein System durchzurütteln!", sagt Frank Riklin. So etwas gelingt Künstlern selten. Sein Bruder Patrik erzählt, dass er bei dem Projekt immer an eine Erzählung von Franz Kafka denken musste: "Die Verwandlung".

Im Falle von Hans-Dietrich Reckhaus scheint sie gelungen zu sein.