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Städelsches Kunstinstitut

Kunst gehört zur Kultur, gehört zum Leben. Und das geht alle an, wie das Frankfurter Städel zeigt.




"Die Wahrheit ist eine Knarre –
Wut auf euch, Wut auf mich selbst ..."
Audio-Guide der Abteilung für Gegenwartskunst

• Als Felix Krämer kurz vor der Jahrtausendwende anfing, als Kunsthistoriker im Museum zu arbeiten, wunderte er sich über die Einstellung mancher älterer Kollegen: Als gute Ausstellung galt eine, die nicht zu viele Besucher anzog. Was zu einem großen Andrang führte, konnte schließlich nicht seriös sein. Mindestens so wichtig wie der herablassende Blick aufs Publikum war die interne Hierarchie. Zwischen Kuratoren und dem Fußvolk der freien Mitarbeiter, die den Besuchern in Führungen die Ausstellungen erklärten, lagen Welten.

"Das hat sich massiv verändert", sagt er heute. Krämer ist als Kurator am Frankfurter Städel Museum für die Kunst der Moderne zuständig. Seine Ausstellungen sind vielschichtig konzipiert und kommen trotzdem gut beim Publikum an. Krämer: "Man will sich ja nicht blamieren." Derzeit ist seine Ausstellung "Schwarze Romantik" ein großer Erfolg, die von Goya bis Caspar David Friedrich und Max Ernst schaurig schöne Schreckensbilder versammelt.

Die Zeiten, in denen Dünkel zuverlässig dafür sorgte, dass das Bildungsbürgertum im Kunsttempel unter sich blieb, sind in gut geführten Museen definitiv vorbei. "Ein Museumskurator, der nicht kommunizieren will, sollte sich einen anderen Beruf suchen", sagt Krämer. Das Städel hat großen Ehrgeiz entwickelt, neue Veranstaltungen zu erproben und Kanäle zu bespielen. "Das Publikum ist nicht homogen, es ist diversifiziert wie die gesamte Gesellschaft", sagt der Museumsdirektor Max Hollein. "Also müssen wir uns mit verschiedenen Stimmen an die unterschiedlichen Zielgruppen richten – vom wissenschaftlichen Katalog bis zu Filmen auf Youtube. Das ist ein offener Lernprozess."

Blogger schaffen sich ihre eigenen Mikro-Öffentlichkeiten? Also lädt das Städel eine Gruppe zu einer Führung durch die Schwarze-Romantik-Ausstellung ein, und dann twittern sie live ihre Kunstimpressionen.

Im Museum auf dem Boden zu sitzen und zu zeichnen ist ungewöhnlich. Im Frankfurter Städel kann man sogar tanzen – so holt der Direktor Max Hollein (rechts) eine schwierige Zielgruppe ins Haus

Den Museumspädagogen fällt auf, dass die Kunstführer für Kinder offenbar am besten bei Eltern und Großeltern ankommen? Also animieren sie eine Autorin, für die eigentliche Zielgruppe einen Kinderkrimi zu schreiben, der im Städel spielt. Karin Hagemans "Das Geheimnis des Raben", erschienen in der Schatzinsel-Reihe des Fischer Verlags, ist prominent im Museums-Shop platziert.

Auch dieser Laden wird vom Städel lieber selber bespielt, als ihn der in Museums-Shops omnipräsenten Buchhandlung Walther König zu überlassen. Zur Schwarzen-Romantik-Ausstellung werden neben Katalogen und Fachliteratur auch der Dracula-Roman, Horrorfilm-Klassiker auf DVD und hübsche Totenköpfe aus Gummi, wahlweise in Schwarz oder Weiß, angeboten.

Ein Beispiel unter vielen für die etwas andere Kunstvermittlung: Weil die Schauer-Ästhetik der Schwarzen Romantik in der Gothic-Szene ihre popkulturelle Fortsetzung findet, veranstaltete das Museum Anfang November eine "Electromantic Night". Für den passenden Sound sorgten die chinesische Underground- Musikerin Helen Feng und die exzentrische Künstlerin Planningtorock, die auch gern im Berliner Berghain auftritt. Das Museum wurde für eine Nacht zum Club. Die 1600 Partygänger konnten Musik hören, durch die Ausstellung flanieren, tanzen und trinken und die Kunst für sich entdecken. Auf die Frage, ob die Verwandlung der ehrwürdigen Museumshallen in einen Club nicht doch etwas befremdlich sei, reagiert Krämer amüsiert: "Warum? Das ist doch wunderbar."

Hätte er allerdings vor zehn Jahren vorgeschlagen, über solche Events nachzudenken, hätten ihn seine damaligen Kollegen vermutlich für geisteskrank, mindestens aber für einen Spinner gehalten.

Was soll ich im Museum?

Dass sich die Museen öffnen müssen, hat inzwischen der letzte Museumsdirektor verstanden, zumindest würde er das behaupten. Bei der Frage, was das fürs eigene Selbstverständnis heißt, wird es dann schon schwieriger. Das Städel ist schon mal vorausgegangen: Es ist nicht das größte deutsche Museum, aber eines der innovativsten. Kunstvermittlung ist hier kein Beiwerk, sondern Kernaufgabe. Marketing und Sponsorenakquise gelten nicht als notwendige und unangenehme Pflicht, von der die Kunst möglichst fernzuhalten ist. Man begreift sich als Teil der Stadtgesellschaft.

Ein Beispiel für die konsequente Öffnung ist die Kooperation mit dem Sozialprojekt "Joblinge". Es kümmert sich um junge Erwachsene, die meisten von ihnen aus armen Familien und mit bewegter Vergangenheit. Das Jobcenter oder Betreuer des Jugendamtes überweisen sie in das Projekt. "Sie sind an dem Punkt, dass sie ihr Leben jetzt in den Griff kriegen wollen. Für viele ist das so etwas wie die letzte Chance", berichtet Christiane Schubert, Koordinatorin bei den Frankfurter Joblingen. Ziel des sechsmonatigen Programms ist es, die Jugendlichen in eine Berufsausbildung zu vermitteln. Am Beginn steht eine Orientierungsphase – und: Kunst. Percussionworkshops, ein Besuch im Weltkulturellen Museum, kreatives Schreiben, zwei Tage im Städel.

Die Frage, was das mit Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu tun habe, kennt Schubert schon – von den Jugendlichen: "Was soll ich im Museum? Das interessiert mich nicht." Für Schubert ist diese Abwehr nichts als kaschierte Unsicherheit: "Es fehlt an Selbstbewusstsein, sie fühlen sich abgelehnt. Viele sind selten aus ihrem Stadtteil und ihrem Milieu herausgekommen. Wir muten ihnen die andere Atmosphäre der Hochkultur zu. Beim Städel-Besuch sind sie zuerst von dem großen Gebäude eingeschüchtert. Die anderen Besucher schauen vielleicht auch mal abfällig, weil die Jugendlichen einen anderen Geräuschpegel haben. Sie haben das Gefühl, dass sie hier eigentlich nicht hingehören."

Diese Grunderfahrung kennen sie: außerhalb ihres Milieus nicht gewollt zu sein. Der Museumsbesuch soll helfen, solche Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Die Jugendlichen ziehen sogenannte Emotionskarten mit Begriffen wie Schmerz, Angst, Freude, Liebe, Freundschaft oder Wut. Sie sollen zu dem Begriff ein Bild suchen und hinterher den anderen erklären, was dieses Bild für sie bedeutet. "Irgendwann bleiben sie an einem Bild hängen. Sie sind konzentriert, weil sie eine Aufgabe haben", sagt Christiane Schubert. Ob ein Gemälde von Vincent van Gogh oder Max Beckmann stammt, sei nicht wichtig, die Namen der Maler sagten den meisten Jugendlichen ohnehin nichts. Was zähle, sei das, was das Kunstwerk bei ihnen auslöse. "Sie reden vor den Bildern plötzlich über ihre Gefühle. Wenn man das Bild sieht, das sie sich ausgesucht haben, erfährt man mehr von ihnen, als wenn man sie befragen würde. Diese Aufgabe zu bewältigen, auch etwas in diesen Bildern zu entdecken, das schafft natürlich Selbstbewusstsein."

Es geht nicht um Kunstgeschichte, sondern darum, sich auf Neues einzulassen, sich von der Angst vor dem etwas anderen Milieu zu befreien, und es geht um Emotionen. So werden die Gemälde zu Türöffnern für neue Erfahrungen: Kunst als Panzerbrecher, der jugendliche Coolness- und Abwehrposen durchlässig macht. "Das Tolle ist, wie schnell das teilweise bei diesen Jugendlichen geht. Bei einigen merkt man, wie sie das hier regelrecht aufsaugen", berichtet Schubert. "Sie erleben, dass sie viel mehr können, als sie dachten. Wir sehen, dass die Jugendlichen dadurch offener und aufgeschlossener werden."

Kunst entdecken.
Rechts sitzt der Museumsdirektor Max Hollein neben einem neu angekauften Gemälde des dänischen Malers Vilhelm Hammershøi

Spiel ohne Grenzen

Im Städel Museum ist Chantal Eschenfelder für solche Projekte und Kooperationen zuständig. Die Kunsthistorikerin ist Leiterin der Abteilung Bildung und Vermittlung. Sie denkt, oft zusammen mit ihrem Kollegen Martin Hegel, einem früheren Werber, darüber nach, wie man sich auf unterschiedliche Besucher einstellen kann. Dabei kommen die beiden auf ungewöhnliche Ideen. Zum Beispiel beim Audioguide in Form eines iPods. Natürlich gibt es ein klassisches Angebot für verschiedene Museumstouren - von Meisterwerken bis Restaurierungsfragen und der Stadtgeschichte im Kunstwerk, Letzteres gesprochen von der früheren Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth. So weit, so üblich.

Eher unüblich ist das Angebot "Die Kunst und ich" mit 50 Mini-Hörspielen. Zu Lucas Cranachs Gemälde einer nackten Venus von 1532 hört man beispielsweise Barockmusik und eine verführerische Frauenstimme, die sich statt der Kunstgeschichte lieber erotischen Fantasien hingibt: "Komm zu mir, Geliebter, die Gesetze der Venus sind einfach zu verstehen (...). Fessle mich, und lass dich von mir fesseln, ich bringe dir Krieg, und ich bringe dir Frieden. Ich bin dein Opfer und der zärtlichste Täter, der je deinen Leib liebkost hat ..."

Steht man in der Abteilung für Gegenwartskunst vor einem Straßenkampf-Gemälde von Daniel Richter, ist der Sound rauer. Harte Rockmusik und Sätze wie aus dem Tagebuch eines RAF-Mitglieds: "Die Wahrheit ist eine Knarre – Wut auf euch, Wut auf mich selbst ..." Vor einem abstrakten Werk von Lucio Fontana, einer von vier Schnitten zerstörten blauen Leinwand, wird die Stimme aus dem iPod spöttisch: "War der Künstler so enttäuscht über sein blaues Machwerk, dass er es gleich aufgeschlitzt hat?"

Für Kinder gibt es ein iPad mit Spielen. Ein Stillleben von 1663 sieht darauf etwas anders aus als im Original. Die Aufgabe: "Suche unser Bild im Museum. Erkennst du die Unterschiede zum Original?" Ein Schmetterling fehlt. Klickt man ihn an, fliegt er ins Bild. Ein Blatt fällt ab, die Kastanie ist geöffnet, nicht mehr geschlossen. All diese kleinen Unterschiede zwischen Original und Computerbild spielen mit dem Motiv des Verfalls und des Vergehens von Zeit. Eleganter und kindgerechter lässt sich ein Stillleben wahrscheinlich nicht erklären. Beim mittelalterlichen Gemälde eines Paradiesgärtleins kann man im iPad eine Lupe benutzen, um verschiedene Blumen- und Vogelarten im Bild zu entdecken. Ein anderes Gemälde lässt sich als Schiebepuzzle zusammensetzen, und das Memory mit Bildausschnitten von Gerhard Richter bis Caravaggio kann man gegen die Zeit oder einen Partner spielen.

Ein Prinzip, das Eschenfelder und Hegel gern benutzen, besteht darin, die Perspektive umzudrehen, weg vom Frontalunterricht der Museumsführungen: Statt dem Besucher die Kunstgeschichte als Vortrag beizubringen, fragen sie lieber, was den Leuten zu den Bildern einfällt. Die Erklärungen kommen dann in der zweiten Runde. Der erste Zugang zur Kunst sind das Gefühl und Assoziationen. Es geht nicht darum, Wissen zu pauken, sondern darum, mit der Kunst etwas zu erleben.

Das ist erst der Anfang

Max Hollein, der Mann, der das alles einfallsreich vorantreibt, sitzt in seinem Büro im Städel-Erdgeschoss, hinter sich ein Gemälde von A. R. Penck, vor sich die Aussicht auf den zu Beginn des Jahres eröffneten Neubau für die Gegenwartskunst. Zur Hälfte haben Spender und Sponsoren die 52 Millionen Euro für diese Erweiterung finanziert, die Ausstellungsfläche mal eben verdoppelt. Schwer vorstellbar, dass einem anderen Museumsmann in Deutschland ein solcher finanzieller Kraftakt charmant und ohne Anbiederei gelingen könnte. Nicht nur Banker gehörten zu den Spendern, sondern zum Beispiel auch die Schüler der benachbarten Schillerschule. Weil sie oft im Städel sind, wollten sie dem Museum etwas zurückgeben. Also hat jeder Schüler ein Bild gemalt, das etwas mit einem der Gemälde im Städel zu tun hatte. Bei der Versteigerung der "1000 Bilder für das Städel" im Februar 2010 kamen 28695 Euro zusammen. Schöner Nebeneffekt: Die Schüler kommen jetzt noch lieber zu Besuch. Schließlich haben sie ihm einen kleinen Teil des Neubaus geschenkt.

Hollein, als Museumsdirektor Herr über das Städel, das benachbarte Liebieghaus mit seiner Skulpturensammlung und die Frankfurter Schirn Kunsthalle, meint es ernst mit der Bürgerbeteiligung: "Wenn wir die Gesellschaft auffordern, uns zu unterstützen, wird sie uns nach unserer Rolle fragen. Ohne das große bürgerschaftliche Engagement wäre der Neubau nicht finanzierbar gewesen. Und übrigens: Die Spenderliste ist nicht identisch mit der Liste der wohlhabenden Frankfurter."

Dass Hollein, Sohn eines berühmten Wiener Architekten, beide Welten, Geld und Kunst, kennt, schadet nicht. Er hat Kunstgeschichte und Betriebswirtschaftslehre studiert und wechselt im Gespräch zwischen Kultur- und Wirtschaftsvokabular. Das funktioniert, weil er beides ernst nimmt und einige Überzeugungen pragmatisch zu Ende denkt: "Für mich endet das Museum nicht mit den Wänden des Gebäudes. Das Museum übernimmt sukzessive Aufgaben, Verantwortung weit über diesen physischen Ort hinaus." Die Joblinge sind da nur ein Beispiel unter vielen. Diese Haltung setzt sich im Marketing fort. Für Hollein ist es nicht einfach Werbung mit dem Ziel, möglichst viele Besucher ins Museum zu locken. Sondern die Fortsetzung der Kunst mit anderen Mitteln. "Wir sind sehr interessiert daran, Unternehmen, mit denen wir kooperieren, als Plattform für unsere Inhalte zu nutzen."

Als das Städel eine große Cranach-Ausstellung zeigte, war einer der Kooperationspartner die Kette der Alnatura-Biomärkte. In Hessen schenkten sie jedem ihrer Kunden einen kleinen Cranach-Katalog. Der Bio-Supermarkt schmückte sich mit dem Städel - und das Museum hatte einen Ort, um seine Schätze zu präsentieren. "Dieser Image-Transfer ist für uns interessant", findet der Museumsdirektor.

Eine andere, bemerkenswerte Kooperation: Als Hollein in der Schirn Kunsthalle die konsumkritische Ausstellung "Shopping" zeigte, hängte die Galleria Kaufhof auf eigene Kosten ein riesiges Antikonsum-Kunstwerk an die Kaufhaus-Fassade. Schöne Ironie: Der Konsumtempel finanziert konsumkritische Kunst. Und die Antikonsum-Kunst schmückt den Konsumtempel. Nicht das Kaufhof-Logo war in der Ausstellung präsent, sondern das Städel war im Kaufhof präsent, von der Einkaufstüte bis zur Verkaufsfläche. "Diese Effekte könnten wir mit unserem Marketing-Etat nie erreichen", sagt Hollein. "Noch wichtiger ist, dass das Museum als aktiver Teil der Stadtgesellschaft wahrgenommen wird."

Im Augenblick denken er und seine Leute darüber nach, wie sie digitale Plattformen bespielen und die große Städel-Sammlung mit mehr als 100000 Kunstwerken nutzen können. Schon jetzt finden sich auf Youtube zahlreiche vom Städel produzierte Filme. "Wie kann man den gesamten Prozess der Verwertung, Vermittlung, Bildung bündeln und mit einem Partner, etwa einem Medienunternehmen, selbst in die Hand nehmen?", fragt Hollein. "Wir haben schon jetzt eine sehr aktive eigene Filmproduktion. Wir haben kunsthistorische Expertise, wir haben Erfahrung in der Vermittlung, und wir haben Content. Der Prozess, sich neue Möglichkeiten in der medialen Verwertung dieser Ressourcen zu erschließen, ist erst am Anfang."

Über Details, konkrete Pläne und mögliche Partner möchte er nichts sagen. Fragt man ihn, ob er zum Beispiel über eine engere Kooperation mit Youtube nachdenkt, schaut er höflich und dementiert nicht. Schon jetzt finden sich im Internetauftritt des Städels selbst entwickelte Spiele für Kinder, die Werke aus der Sammlung nutzen. Sie als App anzubieten wäre der nächste logische Schritt.