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Geld oder ... Leben?

Eine Erbschaft macht manchmal reich – aber nicht unbedingt glücklich. Der Mediator Jürgen von Oertzen vermittelt bei Familienfehden und hat eine ungewöhnliche Empfehlung, um sie von vornherein zu vermeiden.




Vererbtes Vermögen in Deutschland 1990-2020, in Milliarden Euro
Haben Sie ein Testament geschrieben oder einen Erbvertrag geschlossen?

brand eins: Herr von Oertzen, haben Sie schon mal etwas geerbt?

Jürgen von Oertzen: Ja, kleinere Beträge von entfernten Verwandten.

Reichte die Summe für einen handfesten Familienstreit?

Die Höhe der Erbschaft scheint mir nicht entscheidend für die Frage, ob es in einer Erbengemeinschaft zu einem Konflikt kommt. Bei großen Erbschaften kann der Streit allerdings heftig werden: Man kann sich mehr Gerichtsverfahren leisten und mehr Anwälte. Aber die emotionalen Vorgänge sind bei kleinen und großen Erbschaften die gleichen. Auch minimale Beträge können für schlaflose Nächte sorgen.

Wann kommt es zum Streit?

Ein wichtiger Faktor ist, ob es vor dem Erbfall schon Konflikte gab, zum Beispiel gefühlte Ungerechtigkeiten unter Geschwistern. Oft auch zwischen einem noch lebenden Elternteil und den Kindern. Im Moment des Trauerfalls kann dann wieder hochkommen, was nicht verarbeitet wurde. Die emotionalen Belastungen, die in solchen Erbschaftskonflikten entstehen, wirken dann womöglich über Jahre oder sogar Jahrzehnte nach. Nicht selten sind diese Belastungen so stark, dass sie die Lebensqualität der Beteiligten auf Dauer beeinträchtigen.

In der öffentlichen Diskussion über die aktuelle Erbschaftswelle dominiert eine Vorstellung: Es gibt eine Generation von Wirtschaftswunder-Enkeln, auf die ein Geldsegen niederregnet und die deshalb ein finanziell sorgenfreies Leben führen können.

So wird das oft dargestellt. Das ist allerdings eine sehr verkürzte Wahrnehmung. Natürlich kann Geld finanzielle Sicherheit bedeuten und damit einen Zugewinn an Lebenszufriedenheit. Aber wenn im Erbfall andere gefühlte Sicherheiten wegfallen, wenn etwa ein Elternteil stirbt, der bisher der Familienmittelpunkt war, und jetzt vieles unsicher wird – dann erfüllt das Geld diesen Zweck womöglich gar nicht. Da bricht dann leicht vieles auf, was noch gärt...

...und es kommt zum Krach. Beschreiben Sie doch bitte mal eine heillos zerstrittene Erbengemeinschaft.

Es gibt viele verschiedene Konstellationen mit hohem Konfliktpotenzial. Ein denkbar schlimmer Fall ist beispielsweise, wenn ein Unternehmer stirbt, der sich von seiner Frau getrennt hat, aber noch nicht geschieden ist. Der zuletzt bei seiner neuen Partnerin lebte, die auch in dem Unternehmen arbeitet. Wenn das nicht im Vorhinein sauber vom Erblasser geklärt wurde, dann kann wirklich einiges passieren. Möglicherweise gehört das Unternehmen jetzt der Ehefrau. Bei ihr brechen unter Umständen die Verletzungen der Trennung wieder auf. Sie hat dem Erblasser in der Phase, in der er das Unternehmen aufgebaut hat, den Rücken freigehalten, sie hat die Kinder großgezogen und ihren Ehemann dann an die neue Partnerin verloren, die jetzt in ihrem Unternehmen arbeitet. Die neue Partnerin selbst wiederum erlebt zum Zeitpunkt des Todes des Erblassers einen akuten Verlust, nämlich den des aktuellen Partners, und hat plötzlich dessen Ehefrau als Chefin. Alles kommt auf einmal. Das Unternehmen muss weiterlaufen. Alle müssen trauern. Die Beerdigung muss organisiert, und bestimmte rechtliche Dinge müssen binnen sechs Wochen geklärt werden. Da ist es menschlich verständlich, wenn ein Konflikt eskaliert, sich die Erbinnen als Gegnerinnen wahrnehmen und um die Hinterlassenschaften streiten, denn die Firma ist ja nicht nur ein materieller Wert, sondern auch ein hochgradig emotionaler. Vieles von dem gilt allerdings auch für normale Erbschaftskonflikte.

Was ist denn der klassische Fall?

Ein häufiger Fall ist, wenn der zweite Elternteil stirbt und es mehrere Geschwister gibt, die erben. Ein Kind stand dem Verstorbenen vielleicht näher als das andere. Eines ist emotional akuter betroffen. Eines versteht vielleicht mehr von finanziellen Dingen – alle Kinder hatten also unterschiedliche Rollen im Familiensystem. Über die akute Trauerzeit retten sie sich oft irgendwie hinweg, aber alte Konflikte schwelen vielleicht schon. Ein typischer Fall: Ein Haus und ein begrenztes Barvermögen werden vererbt. Beim Geld ist die Aufteilung noch relativ einfach. Aber um das Haus entsteht ein heftiger Konflikt, weil es zugleich ein Sachwert und ein emotionaler Wert ist.

Wie genau?

Die sachliche Frage lautet typischerweise: Das Haus behalten oder es verkaufen? Kaum einer verkauft sein Elternhaus ohne Gefühlsregung. Man verkauft damit ja auch Kindheitserinnerungen. Aber natürlich setzen Erben unterschiedliche Prioritäten. Verkaufen bringt in der Regel mehr Geld als Vermieten, und dann muss sich auch niemand mehr um das Haus kümmern. Wenn sich ein Erbkonflikt erst einmal aufgeschaukelt hat, sagt der eine: Wenn du unsere Eltern geliebt hättest, würdest du gar nicht auf die Idee kommen, das Haus zu verkaufen. Und der andere antwortet: Wenn du auch nur einen Funken ökonomischen Sachverstand hättest, wüsstest du, dass das Haus verkauft werden muss.

Oje!

Genau: oje! Und das kann sich jetzt natürlich unendlich verkomplizieren: Es kann ein dritter Angehöriger hinzukommen, der vermitteln will und wütend wird, wenn das nicht gelingt. Oder es gibt einen, dem alles egal ist, worüber sich dann alle anderen aufregen. Und so weiter. Es gibt bei Thomas Mann in den "Buddenbrooks" eine einschlägige Szene, in der am Tag, an dem die Mutter stirbt, die Tochter zu den ums Erbe streitenden Söhnen sagt: "Und Mutter liegt nebenan!" Da steckt viel Wahrheit drin. Denn der Verstorbene war oft derjenige, der den Mittelpunkt der Familie bildete und den Familienfrieden noch aufrechterhalten konnte. Und der- oder diejenige ist dann weg. Die Geschwisterkonstellation sortiert sich neu, im Extremfall bis hin zu dem Gefühl: Mein eigener Bruder will mich aus dem Haus jagen. Das ist kein konstruierter Fall. In der Mediationspraxis kommt es vor, dass Räumungsklagen zumindest als Drohung im Raum stehen. Die negativen Gefühle begleiten dann manchen in den Schlaf, und damit sind wir wohl relativ dicht an dem, was man ein schlechtes Leben nennt.

Man sieht sich vor Gericht.

Vor Gericht lässt sich der Konflikt nur juristisch klären. Danach mag man sich vielleicht aus dem Weg gehen. Auch eine Lösung, aber für die meisten Erbengemeinschaften und im Sinne eines guten Lebens vermutlich nicht die beste.

Wie finden beide Seiten wieder zusammen?

Die Chance darauf besteht nur, wenn die Beteiligten es schaffen, wieder in Ruhe miteinander zu reden. Und dies mit dem ehrlichen Interesse, den anderen zu verstehen. Das mag sich banal anhören, aber das Schlimme an einem eskalierten Erbschaftsstreit ist: Alle sind verletzt oder wütend oder beides. Und haben die innere Haltung: Das hat der mir schon tausendmal erzählt, das muss ich mir nicht noch einmal anhören. Beziehungsweise: Der versteht mich sowieso nicht. Den Weg aus dieser Blockade kann manchmal die Person finden, die etwas weniger aufgewühlt ist. Man muss sich dann Schritt für Schritt einander wieder annähern. Wenn das gut funktioniert, ergibt sich daraus sogar die Chance, dass sich seit Langem schwelende Konflikte über die Aufteilung des Erbes lösen lassen. Zerstrittene Verwandte können dann wieder zueinanderfinden, womit sich der Kreis zur Ausgangsfrage schließt. Denn enge soziale Bindungen sind laut Glücksforschung die wichtigste Voraussetzung für ein glückliches Leben. Das ist dann ein Glücksfall für den Mediator. Und für das betroffene Unternehmen ist es auch nicht schlecht.

Richter berichten häufig: Bei Erbschaftsklagen geht es nie ums Geld, sondern immer um etwas anderes. Ist das auch Ihre Erfahrung?

Es gibt meist eine sichtbare Ebene in Konflikten und eine darunterliegende, emotionale. Wenn auf der emotionalen Ebene alles in Ordnung ist, landet eine Erbschaftsangelegenheit typischerweise nicht vor Gericht oder beim Mediator. Aber es treffen trotzdem unterschiedliche Interessen aufeinander, die Konfliktstoff bieten und verhandelt werden müssen. Das ist immer harte Arbeit, selbst wenn sich die Beteiligten im Grunde gut verstehen und keine alten Wunden aufbrechen.

Kann man einen Erbschaftsstreit verhindern?

Im Idealfall versucht das der Erblasser rechtzeitig. Wenn Sie mit Menschen reden, die größere Vermögen hinterlassen werden, sagen diese sehr oft: Mein größtes Anliegen ist es, dass der Familienfrieden gewahrt bleibt. Und dann machen sie ein aus ihrer Sicht gerechtes Testament, das aus der Sicht einiger Erben die Verlängerung der seit ihrer Kindheit praktizierten Ungerechtigkeit darstellen mag. Oder sie machen kein Testament, und dann greifen die gesetzlichen Regelungen, die manchmal für die Beteiligten überraschend sind. Die bessere Idee wäre oft, dass ein Unternehmer seine Kinder noch zu seinen Lebzeiten darüber verhandeln lässt, wie das Erbe nach seinem Tod aufgeteilt werden könnte. Und womöglich sagt er: So wie ihr euch das vorstellt, soll es auch umgesetzt werden.

Die Erben schreiben das Testament selbst?

So kann man es machen. Der Erblasser macht transparent, was alles da ist. Das wissen Erben ja oft nicht genau. Allerdings müsste sich dann der Erblasser sehr zurückhalten. Für die Erben ist es erfahrungsgemäß viel einfacher, sich zu einigen, wenn noch nicht die Trauer als zusätzliches Gefühl da ist und es um Werte geht, die ohnehin erst in unbestimmter Zukunft verteilt werden müssen. Sie können ohne Zeitdruck verhandeln und ohne die emotionale Belastung, gerade den Vater oder die Mutter verloren zu haben. Wenn der Todesfall eintritt, können sich alle ihre Zeit zum Trauern nehmen. Jeder, wie er es braucht und so viel er braucht.

Wann ist ein Testament gerecht?

Es ist sehr schwierig, als Erblasser ein Testament zu machen, bei dem sich nicht jemand benachteiligt fühlt. Eine objektive Gerechtigkeit habe ich noch nicht gefunden. Familien und Erbengemeinschaften mit Konfliktpotenzial sind auf einem guten Weg, wenn sie sich zunächst auf ein für sie gültiges Gerechtigkeitsprinzip einigen können. Das naheliegendste Prinzip lautet Gleichverteilung. Gleichheit ist aber nicht zwingend gerecht. Bedarfsgerechtigkeit ist oft ein Prinzip, das eher zum Konsens taugt. Vielleicht ist es die Gerechtigkeitsvorstellung, auf die sich in einer Familie alle einigen können, etwa dass eines der Geschwister mehr bekommen soll, weil es womöglich noch im Studium ist. Eine Einigung auf ein für die Familie gültiges Gerechtigkeitsprinzip ist der Schlüssel.

Radikalliberale in den USA schlagen eine gesetzliche Großlösung im Sinne allgemeiner Chancengerechtigkeit vor: 100 Prozent Erbschaftssteuer. Gemäß dem Prinzip des Gründervaters Thomas Jefferson, dass sich jeder Bürger "an der gleichen Startlinie" aufstellen muss. In der Praxis hieße das: Jede Generation beginnt beim Wohlstand von vorn. Was halten Sie von der Idee?

Ein interessanter Gedanke, auch wenn er natürlich vielen unserer Werte widerspricht. Wenn der Staat immer alles erbte, wären Erbschaftsstreitigkeiten in der Tat hinfällig. Auch wüssten alle Beteiligten im Vorhinein, dass sie nichts erben, und es gäbe keine Enttäuschungen. Für reine Erbschaftsmediatoren wäre das nicht so gut. Die müssten sich dann einen neuen Beruf suchen.

Anmerkung: Mehrfachnennungen möglich, deshalb übersteigt die Summe 100%
Jürgen von Oertzen gehört zu den renommiertesten Mediatoren Deutschlands. Der promovierte Geisteswissenschaftler unterstützt Unternehmen und Familien in Konfliktsituationen. Lieber baut er vorbeugend Konfliktmanagement-Systeme auf. Von Oertzen lehrt Mediation und Teamwork an der Leuphana Universität in Lüneburg und an der Fachhochschule Anhalt.