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Intelligent Fluids

In Leipzig hat Dirk Schumann einen Stoff entwickelt, der Lacke ganz ohne Gift von ihrer Unterlage trennt. Er hilft sogar gegen Gesichtsfalten.




• Wenn Dirk Schumann, 44, über sein Produkt redet, klingt das zunächst ein bisschen befremdlich. Der Chemiker behauptet, dass die Substanzen, die er entwickelt, intelligent seien. Um das zu demonstrieren, bittet er ins Labor.

Dort liegt ein Stück Blech, besprüht mit schwarzer Graffiti-Farbe, über die eine Mitarbeiterin nun eine Flüssigkeit pinselt. Die ist klar wie Leitungswasser, ein wenig zähflüssig und soll die Farbe vom Metall lösen. Zunächst passiert nichts, aber nach einer Weile wölbt sich die Farbe tatsächlich. Als die Blasen groß genug sind, wischt die Mitarbeiterin die spröde Schicht mit einem Papiertuch weg. Übrig bleibt nur das blanke Blech.

Bislang werden Lacke und Farben meist mithilfe giftiger Lösungsmittel entfernt und weggeätzt. Schumanns Stoff dagegen unterwandert die Farbschicht – und hebt sie im Ganzen ab. Die Mixtur ist insofern intelligent, als sie zwischen Farbe und zu reinigender Oberfläche unterscheidet. Sie besteht hauptsächlich aus umweltfreundlichen Stoffen wie Wasser, Öl, Tensiden und Zucker.

Die Idee dazu kam Schumann, als er vor sechs Jahren ein Gutachten über Graffiti-Entfernung schrieb. Er arbeitete damals noch am Umweltforschungszentrum in Leipzig. Der Forscher wusste, dass Mischungen aus Öl, Wasser und Tensiden für solche Zwecke im Labor bereits gute Ergebnisse erzielten, allerdings nur bei Temperaturen zwischen 30 und 45 Grad Celsius.

Das müsste sich ändern lassen, dachte er und fügte den Mischungen weitere Stoffe wie Zucker hinzu. Die neuen Substanzen wirkten nun auch bei Zimmertemperatur zuverlässig. Schumann hatte ein Mittel – und eine Geschäftsidee gefunden. Gemeinsam mit einem Kollegen gründete er die Firma Bubbles & Beyond. Der Hightech-Gründerfonds sorgte mit einer halben Million Euro für das notwendige Startkapital.

Es dauerte nicht lange, bis die junge Firma die ersten Flaschen Graffiti-Entferner verkauft hatte. Doch mit der Nische wollte sich Schumann nicht zufriedengeben. Wenn seine Substanz Wände säubern konnte, warum sollte dasselbe Prinzip nicht auch mit Metall-Legierungen funktionieren? Und wäre es nicht möglich, auch Wirkstoffe in Materialschichten zu transportieren? Zum Beispiel Pflegestoffe und Vitamine in die menschliche Haut?

In Schumanns Labor testen die Mitarbeiter, was alles möglich ist. Für jedes Material mischen sie eine andere Formel zusammen, probieren neue Zusatzstoffe aus. Die Ergebnisse sind Rezepturen für Nagellackentferner, Druckwalzenreiniger, Pflegecremes.

So unterschiedlich wie die Anwendungen sind auch die Abnehmer. Die Deutsche Bahn kauft seinen Graffiti-Entferner, mit Beiersdorf steht ein großer Kosmetik-Konzern auf der Kundenliste. Der Druckwalzenreiniger wird mittlerweile nach Japan, Südafrika und in die USA verkauft und säubert die winzigen Poren der Walzen so gründlich, dass sie danach wieder für jede Farbe eingesetzt werden können. "In der Druckbranche haben wir schon eine kleine Revolution losgetreten", sagt Schumann.

Das will er nun auch in der Mikroelektronik erreichen. Seit März 2012 kooperiert er mit dem Fraunhofer Center Nanoelektronische Technologien (CNT) in Dresden. Auch bei der Herstellung von Prozessoren und Mikrochips kommen immer wieder Lacke und Metall-Legierungen zum Einsatz, die am Ende der Herstellung von den Silizium-Rohlingen gelöst werden müssen. Weil die bisherigen Verfahren dafür langwierig und aggressiv sind, setzt der Projektleiter Matthias Rudolph auf die neue Technik. "Das Verfahren ist viel umweltfreundlicher", sagt er.

In den vergangenen sechs Jahren ist die Bubbles & Beyond stetig gewachsen. Bestand sie am Anfang aus den Gründern, beschäftigt sie heute zwölf Mitarbeiter. Zwar liegt der Jahresumsatz derzeit noch unter einer Million Euro, doch schon in fünf Jahren soll er im zweistelligen Millionenbereich ankommen. Im selben Zeitraum will Schumann den jährlichen Absatz seiner Produkte von heute rund 30 auf bis zu 3000 Tonnen steigern. Das Potenzial schätzt er allein für technische Zwecke auf eine knappe Milliarde Euro.

"Den Massenmarkt werden wir trotzdem nie erreichen", sagt der Geschäftsführer Christian Römlein. Dafür sei die Technik zu teuer. Eine 100-Milliliter-Flasche Nagellackentferner kostet im Handel etwa 20 Euro, der Druckwalzenreiniger ist 50-mal so teuer wie herkömmliche Lösemittel. "Dafür sind die Druckereien mit unserem Produkt aber viel schneller, gründlicher und schonender und sparen Prozesskosten ein."

Während sich das für viele Druckereien lohnt, hat sich Schumanns charmantestes Produkt nie richtig durchgesetzt. Im Empfangsbereich kramt der Erfinder nach einem Röhrchen mit einer zähen Flüssigkeit: stabile Seifenblasen, die erst nach Minuten platzen. Damit hatte er vor sechs Jahren die Jury des Hightech-Gründerfonds überzeugt – und auch schon einen Vertriebspartner gefunden. Doch der nahm das Produkt wieder aus dem Sortiment. Viele Kinder schafften es nicht, die Seifenblasen richtig aufzupusten. "Etwas kompliziert für die Kleinen", sagt er. "Aber Spaß macht es trotzdem." ---