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Ommo Grupe im Interview

Der Sportwissenschaftler Ommo Grupe über den Zwang zur Sportlichkeit, falsche Ideale – und die Erfolge der Trimm-dich-Bewegung.




brand eins: Herr Grupe, treiben Menschen Sport, weil sie wollen oder weil sie müssen?

Ommo Grupe: Man treibt Sport, weil man es will. Sonst würde man es nicht tun, jedenfalls nicht dauerhaft. Die Frage ist allerdings: Warum will man überhaupt? Es ist ja nicht so, dass man eines Morgens wach wird und sich sagt, ich mache jetzt Sport. Das hat Gründe, die einem oftmals nicht unmittelbar klar sind.

Zum Beispiel?

In Umfragen sagen die allermeisten: der Gesundheit wegen und weil es Spaß macht. Na gut, was sollen die Leute auch sagen. Die Aussagekraft dieser Befragungen ist ziemlich begrenzt.

Warum haben Sie Zweifel?

Spaß kann vieles machen. Ich bin Ostfriese und trinke gern Tee. Ich könnte also sagen: Teetrinken macht mir Spaß. Ich könnte auch sagen, Rückwärtsgehen macht mir Spaß oder Fahrradfahren. Das wären aufrichtige Aussagen, doch aus wissenschaftlicher Sicht sind sie völlig unbrauchbar. Man muss fragen: Was meinst du, wenn du von Spaß sprichst? Dass du deine Leistungen verbesserst? Abnimmst? Nette Leute triffst? Erst diese Fragen ergeben belastbare Antworten. Interessanter als diese empirischen Befragungen ist, sich über bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen Gedanken zu machen, die dazu führen können, dass jemand Sport treibt. Es lässt sich etwa beobachten, dass inzwischen teilweise ein gewisser Druck besteht, das zu tun.

Wer übt diesen Druck aus?

Der kommt von verschiedenen Seiten. Auch Ihr Berufsstand ist nicht ganz unschuldig daran: Presseleute empfehlen den Leuten ständig, sie sollten Sport treiben. Das erzeugt einen medialen Druck, den ich für unangebracht halte.

Was ist falsch daran? Selbst Ärzte und Wissenschaftler sagen, Bewegung sei wichtig für die Gesundheit.

Nicht jede Sportart ist für jeden gesund. Ich würde mir wünschen, das würde deutlicher gesagt. Es gibt genug Leute, vor allem Männer mittleren Alters, die sich nie oder nur selten bewegt haben und auf einmal meinen, sie müssten einen Marathon laufen. Das ist natürlich alles andere als gesund.

Das dürfte sich herumgesprochen haben.

Die Leute machen es trotzdem. Und warum? Weil es inzwischen einen Zwang zur Sportlichkeit gibt und ein sportliches Ideal, das mit dem Versprechen eines gesunden, langen Lebens verbunden ist. Ungefähr jeder zweite Deutsche treibt keinen Sport, und wenn er das nicht will, ist das in Ordnung. Doch inzwischen müssen sich diese Leute fast schon dafür rechtfertigen. Ich finde das, ehrlich gesagt, ziemlich dämlich.

Was wären für Sie die richtigen Gründe, Sport zu treiben?

Wichtig sind die eigene Überzeugung und die eigene Erfahrung. Natürlich gibt es immer noch viele, die auf diese Weise zum Sport kommen, aber immer mehr machen es aus schlechtem Gewissen. Vor allem Leute aus mittleren und oberen sozialen Schichten, in denen Sportlichkeit ein Wert als solcher ist, der auch für beruflichen Erfolg und Jugendlichkeit steht.

Ist das eine neuere Entwicklung?

Das ist letztlich das Ergebnis eines längeren Prozesses, der sich über die Jahrzehnte gesellschaftlich weiterentwickelt hat und der von sportpolitischen Organisationen angestoßen worden ist.

Sie meinen die Trimm-dich-Bewegung der Siebzigerjahre?

Schon 1959 hat der Deutsche Sportbund den sogenannten Zweiten Weg beschlossen. Die Sportvereine sollten sich öffnen, neue Sportarten anbieten und vor allem als Freizeitbeschäftigung begreifen. Vorher ging es um Leistung, man hat für Wettkämpfe trainiert. 1970 ist dann etwas sehr Wichtiges passiert: Der Deutsche Sportbund hat die Trimm-dich-Bewegung und eine riesige Werbekampagne ins Leben gerufen...

... die Zeichentrickfilme der Kampagne sind auf Youtube zu sehen und aus heutiger Sicht fast rührend.

"Ein Schlauer trimmt die Ausdauer" hieß es damals, und es wurden Trimmdich-Pfade aufgebaut. Das Maskottchen Trimmy kannte jeder. Die Leute sind zu Millionen in die Sportvereine eingetreten. Mit den Slogans der Kampagne fing es eigentlich an: "Lauf mal wieder." "Schwimm mal wieder." "Fahr mal wieder Rad." Ich selbst war damals im Deutschen Sportbund aktiv, erst im Beirat, ab 1974 dann im Präsidium, und habe die Entwicklung begleitet, die der Breitensport damals nahm.

Sie haben also damals mit ausgelöst, was Sie heute kritisieren: den Druck, Sport zu treiben.

Sie sagen es.

Wie sehen Sie das heute? War das ein Fehler?

Ich würde das mit dem Wissen von damals heute genauso tun. Die Leute hatten Wohlstandsbäuche, sie ernährten sich schlecht, sie rauchten viel mehr als heute und tranken mehr Alkohol, sie bewegten sich zu wenig und litten an vermeidbaren Krankheiten.

Die Deutschen sind heute dicker und kränker als früher. So falsch kann es also nicht sein, zum Sport aufgefordert zu werden.

Das ist absolut richtig. Es gibt dennoch Unterschiede zwischen damals und heute. Vor 40, 50 Jahren haben die Sportverbände die Menschen informiert und aufgeklärt. Es war den Leuten nicht so bewusst wie heute, dass Bewegung gesund ist. Außerdem haben wir keinen Zwang ausgeübt, wir haben Angebote gemacht und Möglichkeiten geschaffen. Ob die genutzt wurden, haben die Leute damals stärker als heute selbst entscheiden können.

Was macht Sie da so sicher?

Man darf die Möglichkeiten der Sportverbände nicht überschätzen. Mehr als einen Anstoß konnten sie nicht leisten. Doch denken Sie daran, dass etwa die Trimm-dich-Bewegung schon bald nicht mehr zeitgemäß war, als auf einmal aus den USA das Joggen auftauchte, dann die ersten Fitnessbewegungen wie Aerobic. Es wurde plötzlich wichtig, welche Turnschuhe man im Wald trug und welche Kleider im Sportstudio. Diese Fragen berührten nun immer stärker geldwerte Interessen von Unternehmen. Ich denke, der Zwang zur Sportlichkeit ist in dieser Zeit allmählich entstanden. Die Sportpolitik hatte auf diese Entwicklung kaum Einfluss. Der ist sicherlich schon einige Jahre vorher auf die Medien und großen Konzerne übergegangen.

Der Zwang begann, als der Sport zum Geschäft wurde?

Jedenfalls ist Leistungssport ohne die dahinterstehende Vermarktung heute nicht mehr möglich. Es hat innerhalb der Sportverbände hitzige Diskussionen darum gegeben, ob der Berufssport Teil des gemeinnützigen Sports sein darf. Ich erinnere mich noch gut an die Reden des damaligen Präsidenten des Deutschen Sportbundes, Willi Weyer, der sagte, er wolle keine Sportler als wandelnde Litfasssäulen sehen.

Das sind sie längst.

Ich akzeptiere inzwischen, dass es so ist. Wir Sportfunktionäre waren früher sicherlich zu ideologisch dabei, den Berufssport zu ächten. Ich habe das damals zunächst mitgetragen, aber meine Haltung bald geändert. Wenn jemand ein großes Talent hat, soll er meinetwegen viel Geld verdienen. Ich bin allerdings bis heute der Meinung, dass der Sport trotzdem vor allzu massiven ökonomischen Interessen geschützt werden muss.

Grupe beim Golfen, verewigt von einem seiner Enkel
Ommo Grupe, 82, ist Begründer der deutschen Sportwissenschaften. Er war Direktor des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Tübingen und Funktionär im Deutschen Sportbund (heute: Deutscher Olympischer Sportbund) sowie Mitglied des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland