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Roger Diener im Interview

Wie viel gutes Leben fassen die eigenen vier Wände? Antworten von dem Schweizer Architekten Roger Diener.




brandeins: "Wir formen unsere Gebäude, danach formen sie uns", sagte Winston Churchill. Stimmt das?

Roger Diener: Gelegenlich ist es auch umgekehrt. Ein Beispiel: In den frühen Sechzigerjahren haben französische Architekten in Casablanca eine Reihe kühner und radikal moderner Wohnhäuser gebaut. Dummerweise aber waren sie mit ihren starren Zuschnitten nicht geschaffen für die dynamische Entwicklung der Familien. Die Bewohner haben kurzerhand Loggien zugemauert, Mauern gezogen, Zimmer unterteilt und zusätzliche angebaut. Sie haben ihr Zuhause so lange umgeformt, bis es ihnen passte.

Werden wir aber nicht auch von unseren Häusern geprägt?

Was uns entscheidend prägt, sind Lage und Umgebung unseres Zuhauses. Leben Sie auf dem Land, in einer Metropole oder in einer Vorortsiedlung? Was sehen Sie, wenn Sie morgens aus der Haustür treten? Welchen Bezug haben Sie zu Ihrer Umgebung, wie kommen Sie zur Arbeit, und wie viel Zeit kostet Sie das? Das alles wird ein Teil Ihres Lebensstils und damit automatisch der Identität, die Sie pflegen.

Es macht also einen Unterschied, ob jemand sein Leben in einer beengten Sozialwohnung oder einem lichten, perfekt ausgestatten Loft verbringt?

Natürlich. Allerdings ist die Wohnung nur ein Ausdruck der ökonomischen Bedingungen, unter denen ein Mensch lebt. Und dass die ihn auf vielfältige Weise prägen, liegt auf der Hand.

Man kann in jedem Gebäude glücklich oder unglücklich sein", sagt Ihr Kollege Rem Kolhaas. "Aber manche Gebäude machen einen unglücklicher als andere."

Da hat er recht. Nur gibt es eben keine allgemeingültige Formel für glücklich machende Räume. Wahrnehmung und Einschätzung einer Wohnung sind stark verbunden mit Faktoren, die gar nicht zur Wohnung selbst zählen. Einfaches Beispiel: In einem zentral gelegenen Stadtquartier akzeptieren die Bewohner von Altbauwohnungen beengte Grundrisse, die dieselben Menschen auf dem Lande als unmöglich empfänden.

Für Richard Neutra hatte Architektur geradezu eine medizinische Funktion. Seine Wohnbauten sollten ihren Bewohnern eine immer neue Seelenerfrischung bieten und buchstäblich der Prophylaxe dienen.

Sie dürfen nicht vergessen, dass Richard Neutra noch in der Tradition der Moderne stand, die mit der Idee angetreten war, den Menschen körperlich und geistig zu befreien. In der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ging es noch darum, Menschen aus ungesunden Wohnverhältnissen herauszuholen.

Einer, der sich daran versucht hat, war der Architekt Bruno Taut mit seiner Berliner Hufeisensiedlung. Kennen Sie die?

Selbstverständlich, auch wenn es einige Jahre her ist, seit ich sie das letzte Mal besucht habe. Tauts Hufeisensiedlung ist heute noch genauso aktuell wie damals. Sie entwickelt eine ungeheure Kraft und bringt die Idee von Zusammenleben in einer großen Form zum Ausdruck. Dadurch entsteht eine Identität, die bei späteren Vorstädten leider weitgehend verloren gegangen ist.

Warum haben die seelenlosen Großsiedlungen der Sechziger- und Siebzigerjahre eigentlich nicht geschafft, was ihren Vorläufern in den Zwanzigerjahren noch geglückt ist?

Auch in den Zwanzigerjahren gab es viel nüchternen Zweckbau. Taut war da eine der erfreulichen Ausnahmen. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich die rationaleren Scheiben- und Punkthäuser mit beziehungslosem Grünraum durchgesetzt. Ich nehme an, weil sie für Bauträger unkomplizierter zu entwickeln waren.

Für Le Corbusier hatten Wohnhäuser schlichte Aufgaben: Sie sollten Schutz vor Hitze, Kälte, Regen, Räubern und neugierigen Blicken bieten, außerdem genügend Licht und Sonne sowie eine Reihe von Zellen fürs Arbeiten und Schlafen. Das war's.

So steht es provokant in seinen Manifesten. Jene Häuser und Wohnanlagen aber, die Le Corbusier nach dem Zweiten Weltkrieg tatsächlich baute, sprechen eine ganz andere Sprache. Es sind sehr sinnliche Bauwerke von einem überraschenden ästhetischen wie funktionalen Reichtum.

Dennoch wurden Le Corbusiers pure, gleichfömige Wohnriegel von ihren Bewohnern teilweise binnen weniger Jahre zu individuellen Reihenhäusern mit Butzenfenstern, Fensterläden und umzäunten Vorgärtchen verniedlicht. Offensichtlich sind Bauherren doch weit konservativer, als Architekten es sich wünschen.

Damals jedenfalls waren sie es. Le-Corbusier-Häuser in Lège-Cap-Ferret und Pessac waren ihrer Zeit in dieser ländlichen Umgebung weit voraus. Heute, glaube ich, würden sie weniger Widerstand auslösen.

Unser Zuhause, sagt der Philosoph Alain de Botton*, sei eine Art zementierter Spiegel, der tagtäglich reflektiere, wer wir im Idealfall gern wären.

Das ist so. Wohnräume, soweit wir sie gestalten und für unseren Gebrauch uns aneignen dürfen, werfen ein Bild von uns selbst und unserem Tun zurück. Unsere Wohnräume wünschen wir uns daher als einen Spiegel dessen, was wir gern in ihnen täten oder getan hätten.

In Abwandlung der Küchenweisheit: Zeige mir, wie du baust, und ich sage dir, wer du bist?

Nicht umsonst hatte die großbürgerliche Wohnkultur des 18. und 19. Jahrhunderts ihr Vorbild in den Fürsten- und Königshäusern. Oder denken Sie an die bürgerlich eingerichteten Bibliotheken mit den Laufmetern an ledergebundenen Klassiker-Gesamtausgaben – alles materielle Abbilder eines hehren Wunsch-Selbsts.

Angesichts all der Pseudo-Toskana-Villen, Bauhaus-Adaptionen und Walmdachbungalows mit blau lackierten Ziegeln drängt sich aber der Eindruck auf, es gehe gar nicht so sehr um das Selbstbild, sondern um eine möglichst pompöse Außendarstellung.

Manchmal ist mit der Wahl von farbigen Ziegeln auch die Sehnsucht nach südlicheren oder vielleicht auch nur ländlicheren Destinationen verbunden.

Ist das für einen Architekten wie Sie nicht ein Albtraum? Sie können noch so gute städtische Siedlungen und Apartmenthäuser planen: 80 Prozent der Deutschen träumen laut Umfragen immer noch vom eigenen Häuschen im Grünen.

Dieser Traum verblasst. Wir erleben da gerade einen Paradigmenwechsel.

Architekten haben die Aufgabe, die unausgesprochenen oder expliziten Vorstellungen ihrer Bauherren in Stein zu fassen. Für viele Leute ist ihr Haus oder ihre Eigentumswohnung zudem das kostspieligste Projekt ihres Lebens. Wie viel muss man als Architekt auch Psychologe sein?

Wenig. Es gilt nach wie vor sinngemäß, was Vitruv formuliert hat: Ein Haus muss solide und nachhaltig gebaut, nützlich und schön sein, dann wird es gute Emotionen zu wecken vermögen.

Wirklich? Der berühmte Baumeister Erich Mendelsohn hat die schwierige Konstellation zwischen Bauplaner und Bauherr einmal so umschrieben: "Der Kunde ist immer ein Kleinkrämer, der eine Sau für den Preis eines Ferkels haben will und Kreativität nur dann anerkennt, wenn er glaubt, sie käme vom ihm."

Ich bin denkbar ungeeignet, die Isolation des Baukünstlers in einer Welt von anmaßenden Auftraggebern zu bezeugen. Wenn ich in einem Projekt an einem Auftraggeber gescheitert bin, dann nur wegen mir selbst.

Wie muss man sich das vorstellen?

Architekten neigen leider dazu, Bauherren, Behörden und Bauvorschriften als Hindernisse zu verstehen. Bauprojekte aber sind ein komplexes Ganzes, an denen über einen langen Zeitraum ganz unterschiedliche Kräfte walten. Um sie dennoch zum Erfolg zu bringen, braucht es Glück und das Geschick des Architekten. Viele Planer verhalten sich in diesen Prozessen zu defensiv und glauben, eine einmal gefundene Fassung starr verteidigen zu müssen. Für mich persönlich muss ich sagen: Wenn meine Gebäude nicht überzeugend waren, lag es jedenfalls nicht an den Ansprüchen meiner Auftraggeber.

Sie sind vor gut drei Jahrzehnten in ein von Ihrem Vater gegründetes Architekturbüro eingestiegen. Wie haben sich die Ansprüche seither verändert?

Ein Wohnhaus muss noch immer dasselbe leisten können wie vor 30 Jahren. Einzig die Ansprüche an einen geordneten Umgang mit der Energie sind gestiegen.

Tatsächlich? Allein die Wohnfläche pro Person ist in den vergangenen etwa 45 Jahren in Deutschland im Schnitt von 22,4 auf 43 Quadratmeter gestiegen.

Das hat vor allem mit gesellschaftlichen Veränderungen zu tun: mit kleineren Familien und der zunehmenden Zahl von Alleinlebenden. Bei meinem allerersten Wohnbauprojekt in den Achtzigerjahren waren die Grundrisse jedenfalls größer als jene der Wohnungen, die ich im vergangenen Jahr in Paris gebaut habe.

Derzeit bauen Sie in der Nähe von St. Moritz für sich selbst. Wie kommt der Architekt Diener mit dem Auftraggeber Diener klar?

Das ist für mich die falsche Frage, denn es geht nicht um einen maßgeschneiderten Luxusbau, sondern um zwei Mehrfamilienhäuser mit durchschnittlichen Grundrissen. Nur deshalb werde ich dort wohnen wollen. Für mich selbst zu entwerfen und nachher einlösen zu müssen, was ich mir vorgestellt hatte, wäre ein fürchterlicher Zirkelschluss.

Roger Diener, Jahrgang 1950, trat mit 25 Jahren in das Architekturbüro seines Vaters Marcus ein. Von Diener-&-Diener-Architekten stammen unter anderem das Swiss-Re-Hauptquartier in Zürich, der Erweiterungsbau der Schweizerischen Botschaft in Berlin sowie einige Wohnhausbauten auf künstlichen Inseln im Amsterdamer Hafen. In seiner Heimatstadt Basel hat Diener mit dem Markthalle-Wohnturm gerade ein 14-geschossiges Wohnhaus mit 45 Mietwohnungen fertiggestellt.

*Alain de Botton: Glück und Architektur – Von der Kunst, daheim zu Hause zu sein. Fischer; 2012