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Knappheit, Panik, Herdentrieb

Haben sich die Rohstoffpreise von der Warenwelt abgekoppelt? Und wenn ja: Sind die Finanzmärkte schuld? Oder wir alle? Antworten von Ulrich Grillo, Unternehmer und Vorsitzender des Ausschusses für Rohstoffpolitik beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI).




brand eins: Ihr 169 Jahre altes Unternehmen ist einer der Weltmarktführer bei der Verarbeitung von Zink - und dessen Preis hat eine wahre Achterbahnfahrt hinter sich: von weniger als 1000 Dollar pro Tonne im Jahr 2003 hoch auf mehr als 4500 Dollar Ende 2006 und wieder runter auf etwas mehr als 1000 Dollar Ende 2008. Heute kostet die Tonne Zink knapp 2000 Dollar. Gab es so etwas in der Vergangenheit schon einmal?

Ulrich Grillo: Nein. Der Zinkpreis war vor 2003 über Jahre hinweg vergleichsweise stabil, er schwankte zwischen 700 und 800 Dollar.

Wie erklären Sie sich die Entwicklung seit 2003?

Grundsätzlich gilt: Die Nachfrage steigt - durch Wirtschaftswachstum, durch das Bevölkerungswachstum, aber auch durch die Energiewende. Ein Elektroauto etwa braucht 60 Kilogramm mehr Kupfer als ein herkömmliches Modell und auch rund zehn Kilogramm mehr Aluminium und Zink.

Ist damit eine Verfünffachung des Preises bis 2006 zu erklären? War der Nachfrageschub so massiv?

Nein, auf keinen Fall. Industriemetalle wie Zink, Kupfer, Aluminium oder Blei sind unter anderem aufgrund ihrer Recyclingfähigkeit nicht knapp. Sie sind in ausreichendem Maße vorhanden, wenn auch die Vorkommen grundsätzlich natürlich endlich sind.

Woher kommen dann die immensen Preissteigerungen bis 2006?

Vor 2003 war beispielsweise Zink, wie auch andere Industriemetalle, zu billig. Viele Hütten haben damals geschlossen, weil sie nicht mehr kostendeckend arbeiten konnten. Dadurch sanken die Verarbeitungskapazitäten. Es entstanden zeitweise Knappheiten - und Panik. So sind die Märkte heute. Es gibt einen Herdentrieb, der viele erfasst und die grundlegenden Trends - steigende, aber auch fallende Preise - verstärkt.

Wer genau wird denn vom Herdentrieb erfasst - die Industrie, Finanzinvestoren oder sogar beide?

Finanzinvestoren sind ja erst seit Anfang des Jahrtausends auf unseren Märkten verstärkt aktiv. Seitdem gelten Rohstoffe als interessantes Investment. Und seitdem hat auch die Volatilität zugenommen. Aber auch Teile der Industrie erliegen bisweilen dem Herdentrieb.

Wie hoch ist der Anteil der Finanzinvestoren am Handel?

Was wir wissen, ist: An der Londoner Metallbörse (LME) sind rund 90 Prozent der Umsätze nicht mit Vorräten unterlegt.

Ist also die Spekulation schuld an den enormen Schwankungen?

Das ist schwer zu sagen. Denn einen Teil ihrer Geschäfte tätigen die Banken auch im Auftrag der Industrie. Bei Grillo etwa sichern wir uns, wenn wir einen Auftrag erhalten, gegen Preisschwankungen beim Zink ab. Die Gegenseite des Geschäftes übernehmen Metallhändler oder Banken, die sich dann selbst auch wieder absichern müssen, wenn sie nicht eine offene Position haben wollen. Das ist keine Spekulation, eher das Gegenteil.

Wissen Sie, wie viel von den Geschäften der Banken Spekulation ist und wie viel Handel im Auftrag von Industriekunden getätigt wird?

Nein. Sicher ist nur, dass sich die Börsenpreise im vergangenen Jahrzehnt phasenweise von der realen Warenwirtschaft abgekoppelt haben.

Anfang des Jahres wurde an der LM E ein Finanzkontrakt auf Kupfer eingeführt, der mit physischen Beständen des Metalls gedeckt sein musste. Wer ihn handeln wollte, war also gezwungen, entsprechende Metallvorräte anzulegen. Sie befürchteten damals eine Verknappung des Kupfer-Angebots - ist es dazu gekommen?

Es gab das Gerücht, dass drei Viertel der frei verfügbaren Kupferlagerbestände in der Hand von Finanzinvestoren waren. Der Kupferpreis ist trotzdem seit Jahresbeginn stark gesunken. Andere Faktoren, etwa die Konjunkturschwäche, müssen also auch eine Rolle gespielt haben.

Die Wahrheit scheint zu sein: Man weiß schlicht nicht, wie sehr Finanzinvestoren die Preisentwicklung von Rohstoffen beeinflussen.

Ja, man weiß es nicht. Hinzu kommt, dass die Finanzmärkte auch einen positiven Beitrag leisten. Sie ermöglichen die Absicherung. Es ist noch nie jemand an entgangenen Gewinnen pleitegegangen, wohl aber an realisierten Verlusten. Das bedeutet für uns: Wir spekulieren nicht; wir hoffen nicht, dass es - wenn wir einen langfristigen Auftrag bekommen - mit dem Zinkpreis schon irgendwie gut gehen wird. Wir sichern uns ab, zu hundert Prozent. Daran führt heute kein Weg mehr vorbei, wenn man sein Unternehmen verantwortungsvoll führen will. Dieses Hedging war früher, als die Finanzinvestoren und Banken an der Metallbörse noch nicht aktiv waren, für viele Marktteilnehmer sehr viel schwieriger.

Kaufen Sie da nicht Medizin bei einem, der die Krankheit in die Welt gesetzt hat?

Was war eher da: die Henne oder das Ei? Eine berechtigte Frage. Aber vielen Menschen ist bewusst geworden, dass Rohstoffe nicht unbegrenzt verfügbar sind, nicht nur den Banken und Hedgefonds. Die Psychologie spielt in die Marktentwicklung heute stärker hinein als früher, auch dadurch ist die Volatilität womöglich gestiegen. Wahr ist in jedem Fall: Wir haben die Banken um Hilfe bei der Absicherung gebeten. Daraufhin haben sie begonnen, Instrumente zu entwickeln.

Also war die Volatilität zuerst da?

Es gibt eine Analyse des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, die belegt, dass die Preise und auch die Volatilität bei nicht börsennotierten Rohstoffen, Eisenerz, Stahl, Kadmium etwa, genauso, teilweise sogar noch stärker zugelegt haben als bei börsennotierten Materialien. Das zeigt: Es kann nicht nur an den Finanzmärkten liegen. Die ganze Welt hat sich verändert. Für Unternehmen, die mit nicht börsennotierten Rohstoffen arbeiten, ist es aber viel schwerer, sich abzusichern. Und es ist auch schwieriger für sie, gestiegene Preise an ihre Kunden weiterzugeben. Die Börse macht die Preise transparent - das ist ein großer Vorteil.

War die Welt vor Beginn des Jahrtausends ohne die Einflüsse von Finanzinvestoren eine bessere?

Sie war eine einfachere. Aber wir können die Zeit nicht zurückdrehen. Die Rohstoffmärkte haben sich seither vollkommen verändert. Vor 20, 30 Jahren waren die Preise niedrig, die Förderung lohnte sich kaum, also stiegen deutsche Unternehmen aus dem Geschäft aus. Das war damals richtig, denn der Zugang zu den Materialien war unproblematisch.

Heute sieht die Lage anders aus?

Ja, es kommt zunehmend zu Knappheiten. Staaten wie China nehmen massiven politischen Einfluss. Der freie Handel funktioniert nicht mehr. Beim BDI zählen wir mehr als 1200 Handelshemmnisse weltweit. Rohstoffsicherung ist für ein rohstoffarmes Land wie unseres ein wichtiges Thema. Der BDI bemüht sich um eine Allianz der Industrie, um dieses Problem mit politischer Flankierung zu lösen. Das ist entscheidend für unsere Zukunftsfähigkeit.

Ist bei Rohstoffen weniger die Preisentwicklung als vielmehr der Zugang das große Thema?

Gegen schwankende Preise kann man sich absichern, gegen fehlenden Zugang bislang nicht. Aber genau daran arbeiten wir. -