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Im Auge des Sturms

Die Windindustrie wird erwachsen. Die Konkurrenz härter. Ein Branchenreport über einen Milliardenmarkt, auf dem die Pioniere unter Druck geraten.




- Gäbe es einen Preis für Deutschlands schönsten Windradstandort - der Himmelberg auf der Schwäbischen Alb hätte beste Chancen. Mit 820 Metern erhebt er sich über Wiesen, Wälder, Bauernhöfe und die beschauliche Gemeinde Melchingen. Im Himmel über den drei Windrädern mit den Götternamen Helios, Eos und Aiolos kreisen Bussarde und Modellflugzeuge; nur das rhythmische Rauschen der Rotorblätter ist zu hören. Der Himmelberg wirkt wie eine romantische Postkarte aus einer vergangenen Epoche, als Windräder noch so selten waren, dass man ihnen Namen gab und Verfechter erneuerbarer Energien als Träumer galten. Gerade im Südwesten der Republik waren die Propeller nie mehr als ein politisches Alibi. Mit Wirtschaft hatte Windkraft nichts zu tun.

Wie die Zeiten sich ändern.

Frank Hummel, 49, ein schlanker, braun gebrannter Mann, sitzt in seinem Büro, das von vier Bildschirmen beherrscht wird. Er ist Luft- und Raumfahrtingenieur und sollte Anfang der neunziger Jahre für seinen Arbeitgeber, den Atomkraftwerkbetreiber Energie-Versorgung Schwaben (heute EnBW), die alternative Stromerzeugung voranbringen. Aber schon beim ersten Projekt auf dem Himmelberg gab es Streit. Hummel kündigte und errichtete die Windräder auf eigene Rechnung und gegen den Widerstand vieler Lokalpolitiker.

Mit seiner Projektentwicklungsfirma Sowitec im Dorf Willmandingen in Sichtweite von Helios, Eos und Aiolos baute Hummel jahrelang in Deutschland kleine Kraftwerke mit gut 100 Windrädern. Heute beschäftigt er 150 Arbeiter - aber nur 50 davon in Deutschland. Die anderen planen Projekte in Brasilien, Argentinien, Mexiko, Russland und Frankreich. Seine Heimat Baden-Württemberg hingegen hat ihn lange Zeit frustriert: "Wir bekamen einfach nichts mehr genehmigt."

Der Markt wächst, und alle wollen dabei mitverdienen

Hummel reist durch die Welt, verhandelt mit Banken und Fondsmanagern, mit Energieversorgern und Baukonzernen. Er erzählt, wie aufwendig es sein kann, in Brasilien Landrechte zu erwerben und Netzanschlüsse auszuhandeln. Er berichtet von der harten Konkurrenz mit lokalen Projektentwicklern in Argentinien und vom Besuch des Vorstandsvorsitzenden eines chinesischen Windradproduzenten auf der Schwäbischen Alb, der mit Hummel ins Geschäft kommen will.

Bis 2015 will Hummel weltweit Windräder mit einer installierten Gesamtleistung von 4500 Megawatt (MW) aufstellen und an Investoren verkaufen. Auf lange Sicht plant er sogar 40 000 MW, das entspräche der Leistung von etwa 30 Atommeilern. "Die Windenergie ist erst am Anfang, das Potenzial ist riesig."

Von Willmandingen aus hat sich Hummel mit seiner Firma in einen Weltmarkt eingeklinkt, der heftig unter Strom steht: Starke internationale Konkurrenz und zunehmender Preisdruck charakterisieren ihn. Es ist ein Markt, der sich konsolidiert und durch Fusionen, Übernahmen und Kooperationen neu sortiert. Ein Markt mit Jägern und Gejagten.

In Hamburg sitzt Thomas Richterich, Vorstandsvorsitzender von Nordex, an einem Freitagmorgen in seinem Büro. In einer Stunde trifft er den Betriebsrat, um Details des geplanten Personalabbaus zu besprechen: Bis zu 400 der 2500 Mitarbeiter will das Unternehmen entlassen, das im ersten Halbjahr 2011 in die roten Zahlen rutschte. "Wir müssen diesen Schritt gehen, aber dann steht die Nordex wieder auf soliden Füßen", sagt Richterich, dessen Unternehmen schon als Übernahmekandidat bezeichnet wurde.

Es ist nicht allein: Auch andere Hersteller gerieten durch die Folgen der Finanzkrise, durch weltweite Überkapazitäten und die sich verstärkende Konkurrenz aus China in Turbulenzen. Der dänische Weltmarktführer Vestas zum Beispiel (knapp sieben Milliarden Euro Umsatz) trennte sich im vergangenen Jahr von rund 3000 Mitarbeitern, und der Börsenwert seiner Aktien halbierte sich.

"Manche unserer Mitarbeiter wünschen sich, es könnte wieder wie früher sein, als wir die Hälfte unserer Anlagen in Deutschland verkauften", sagt Richterich, "aber dann wären wir ein mittelständisches Unternehmen mit 250, 300 Millionen Euro Umsatz und strategisch nicht überlebensfähig."

Dirk Briese schätzt, dass es weltweit etwa 20 Anbieter für Offshore-Anlagen gibt und davon in einigen Jahren vielleicht fünf bis zehn noch übrig sein werden. Der Geschäftsführer des Bremerhavener Marktforschungsinstituts Wind-Research sagt: "Bei Onshore ist der Strukturwandel schon länger im Gang, bei Offshore kommt er jetzt richtig in Fahrt, seit große Player wie Siemens, Areva oder Alstom eingestiegen sind."

Das Geschäft mit Windrädern an Land, so Briese, sei einfacher als das auf See. Deshalb sei es denkbar, dass - wie bei der Fotovoltaik - die Produktion von On-shore-Kraftwerken zu großen Teilen nach Fernost abwandere. "China ist heute schon der größte Markt der Welt. Ich würde nicht darauf wetten, dass asiatische Hersteller die gewünschte Qualität noch lange Zeit nicht werden liefern können."

Asiatische Hersteller erobern immer mehr Marktanteile einer aktuellen Wind-Research-Studie zufolge. "Ihr Vorgehen", so Briese, "wird von ihren jeweiligen Regierungen stark unterstützt und teilweise detailliert geplant, sowohl im Heimatmarkt als auch für den Export."

Bei den Offshore-Anlagen sei die Hürde für Anbieter aus Fernost allerdings höher, unter anderem, weil sich der Transport der Fundamente von Asien in die Nordsee bisher nicht rechnet. "Aber in beiden Märkten - an Land und zur See - ist die internationale Ausrichtung heute überlebenswichtig."

Genau daran arbeitet Vorstandschef Thomas Richterich - er will Nordex dauerhaft weltmarkttauglich machen: "Wir sind in einer Phase, in der wir noch mehr in neue technische Entwicklungen investieren müssen." Dafür besorgte sich das Unternehmen im Frühjahr 150 Millionen Euro durch eine Anleihe und 56 Millionen Euro durch eine Kapitalerhöhung. Der Personalabbau und andere Einsparungen sollen weitere 50 Millionen Euro freisetzen. Zu den drei Auslandswerken in China kam Ende 2010 ein neues Werk in den USA hinzu. Im Hauptwerk in Rostock wurde die alte Boxenfertigung durch Produktionslinien ersetzt, die wie in der Automobilindustrie nach dem Taktprinzip funktionieren und just in time beliefert werden; Großleinwände in der Halle informieren die Mitarbeiter über die jeweiligen Fortschritte. Die verkürzten Durchlaufzeiten verdreifachen die Kapazität im Zwei-Schicht-Betrieb von 330 auf 1000 Anlagen pro Jahr.

Doch Richterich geht es um mehr als eine bessere Position im weltweiten Preiskampf. "Technologieführerschaft ist noch wichtiger", sagt er und nennt das Beispiel einer 2,5-Megawatt-Turbine von Nordex, deren Energieausbeute innerhalb von zwei Jahren um rund 15 Prozent gesteigert wurde. Um bei den technisch anspruchsvolleren, aber auch margenträchtigeren Großturbinen gegen Konkurrenten wie Siemens oder Bard mithalten zu können, ist Nordex nun auch wieder ins Geschäft mit den Windrädern auf hoher See eingestiegen - viel zu spät, wie Analysten kritisierten.

Windmühlen im Meer seien zwar immer noch ein "Abenteuergeschäft", sagt der Vorstandschef: Der Bau der Fundamente, der Transport der gigantischen Anlagen und ihr Aufbau mit Spezialschiffen, der Netzanschluss und die wetterbedingten monatelangen Wartungspausen bergen hohe finanzielle Risiken. "Aber ohne Offshore-Turbinen würden wir mit der Zeit auch onshore technisch den Anschluss verlieren. Wenn wir 2015 mit unseren neuen Sechs-Megawatt-Offshore-Anlagen in Serie gehen, sind viele dieser Risiken besser überschaubar. Deshalb sind wir bei Offshore in keiner Weise zu spät."

Der anderen, ebenfalls von Analysten geäußerten Meinung, Nordex sei zu klein, um langfristig eigenständig bleiben zu können, hat sich der Vorstand inzwischen angeschlossen, teilweise jedenfalls: Das Unternehmen, mit 26 Jahren eines der ältesten in der jungen Branche, sucht für das wichtige Offshore-Geschäft Unterstützung. "Wir haben sehr gute Produkte, ein Team mit zusammen hundert Jahren Erfahrung. Aber ohne einen industriellen Partner mit einer großen Bilanzsumme, etwa einen Fundamentebauer oder einen Schiffbauer, sind die Windparks auf See für einen Hersteller unserer Größe zu riskant", sagt Richterich.

Tatsächlich sind Windparks im Meer nicht einfach eine Ansammlung von Windrädern, die statt auf einer Wiese im Wasser stehen. "Auf See werden wahre Kraftwerke gebaut: Ein Standardwindpark mit 80 Fünf-Megawatt-Anlagen hat einen Leitstand wie ein Kohlekraftwerk und kostet etwa 1,5 Milliarden Euro." Das sagt Andreas Wellbrock, Geschäftsführer der BLG Wind Energy Logistics. Der Geschäftsbereich der BLG Logistics Group lagert und verschifft von Bremerhaven aus für zahlreiche Turbinenhersteller die Komponenten für Offshore-Windparks und ist damit Teil der so komplexen wie kapitalintensiven Wertschöpfungskette. Andreas Wellbrock schätzt den Anteil der Logistik an den Gesamtkosten eines Windparks vor der Küste auf 25 Prozent - und das Einsparpotenzial auf mehrere Millionen Euro.

Der Wirtschaftsingenieur vergleicht die Situation der Hochseewindparks mit der des ersten Automobils: "Das Auto war nach damaligem Stand Hightech, aber das Benzin kaufte man in der Apotheke, weil es keine Logistik dafür gab. Ähnlich ist es mit der Windindustrie: So wie die Windradhersteller vom Manufakturbetrieb zur Serienfertigung übergegangen sind, so erleben wir jetzt auch in der Logistik für die Windparks eine Industrialisierung, die enorme Skaleneffekte schafft." Auf Schienen rollen die bis zu 900 Tonnen schweren, dreibeinigen Fundamente der Offshore-Windmühlen vom Ort ihrer Produktion im Hafen auf den Ponton und von dort auf die Spezialschiffe.

Auch bei Windrädern gilt: Effizienz ist der Schlüssel zum Erfolg

Die Dimensionen des Aufwands für maritime Windparks machen verständlich, warum ein Unternehmen wie Nordex nach starken Partnern sucht - und warum der Gigant Siemens vielen fast als übermächtig erscheint.

Seit der Konzern 2004 den dänischen Offshore-Spezialisten Bonus Energy übernahm, sind die Münchner in diesem Geschäft zum Weltmarktführer aufgestiegen, mit einem Marktanteil von mehr als 50 Prozent. Innerhalb von nur sieben Jahren hat sich die Zahl der Mitarbeiter in der Sparte auf 7800 fast verzehnfacht, der Umsatz auf 3,2 Milliarden Euro verzwölffacht. Der Konzern produziert in sieben Fabriken in Dänemark, den USA und China, in drei Jahren sollen es bereits zwölf Werke in acht Ländern sein. Gebetsmühlenartig verbreitet Siemens, zur Kostensenkung müsse "die Industrialisierung über den ganzen Projektprozess hinweg, das heißt über die Produktion der Windturbinen, über den Transport bis zur Installation" auf See vorangetrieben werden.

In seinem Werk in Dänemark hat das Unternehmen wie Nordex Fertigungslinien installiert: Die Maschinenhäuser der Windmühlen werden nun an acht statt wie bisher an 18 Stationen zusammengebaut, die Montage verkürzt sich so von 36 auf 17,5 Stunden; als Nächstes ist die Automatisierung der Rotorblätterfertigung an der Reihe. Darum wird sich der neue Chef der Abteilung Wind Power kümmern - ein Mann aus der Autozuliefererindustrie mit Erfahrung in der Großserienfertigung. Kaum jemand zweifelt daran, dass das Unternehmen sein Ziel erreichen wird, bis 2012 weltweit zu den drei größten Herstellern zu gehören.

Der Konkurrenzdruck wird stärker, selbst im überschaubaren Baden-Württemberg, wo der Wind eher schwach weht. "Hier und in Bayern tummeln sich jetzt in jeder Gemeinde viele Projektentwickler, die sich Standorte sichern wollen", sagt Frank Hummel aus Willmandingen. Er selbst gehört nun auch wieder dazu, seit in Deutschland die Energiewende verkündet wurde und die Baden-Württemberger einen grünen Ministerpräsidenten wählten: Neben seinen Mega-Projekten in Lateinamerika will Hummel mit seiner Sowitec auch Bayern und Baden-Württemberg beackern und hat dafür ein neues Projektteam gebildet. "Wir haben beste Beziehungen zu den Bürgermeistern, wir kennen die Investoren, wissen, wie es funktioniert - das ist ein neuer Markt für uns mit hervorragenden Chancen." Auch der Windradbauer Nordex aus Hamburg will sich vom neuen Kuchen in Süddeutschland etwas abschneiden.

Verglichen mit Helios, Eos und Aiolos auf dem Himmelberg, deren Hersteller Micon schon vor vielen Jahren vom Marktführer Vestas geschluckt wurde, sind die Nordex-Mühlen gigantisch: Der Turm ist dreimal so hoch, die Rotoren sind fast dreimal so lang, die Leistung ist um den Faktor vier größer. Die Frage ist, ob der Widerstand gegen solche Giganten ebenfalls um ein Vierfaches heftiger wäre als noch vor 20 Jahren oder ob die Energiewende auch auf der Schwäbischen Alb angekommen ist. Eine Antwort wird es frühestens in fünf Jahren geben, wenn Helios, Eos und Aiolos ersetzt werden könnten. Früher ist das nicht nötig, so Hummel: "Die Anlagen laufen noch hervorragend, und die beteiligten Bürger wollen ihre Rendite erwirtschaften. Wir hatten eine Festverzinsung von drei Prozent pro Jahr garantiert, inzwischen liegen wir bei sechs bis sieben Prozent." -

Windenergie-Unternehmen auf dem deutschen Markt Enercon (D) gegründet: 1984
Sitz: Aurich (Niedersachsen)
Mitarbeiter: circa 12 000 weltweit
Umsatz 2010: circa 3,6 Mrd. Euro
REpower Systems (Indien) gegründet: 2001
wurde 2007 von der indischen Suzlon-Gruppe übernommen
Sitz: Hamburg
Mitarbeiter: circa 2500 weltweit
Umsatz Geschäftsjahr 2010/2011: 1,2 Mrd. Euro
Vestas Wind Systems (Dänemark) gegründet: 1986
Sitz: Randers (Dänemark)
Mitarbeiter: 21 700 weltweit
Umsatz 2010: 6,9 Mrd. Euro
Nordex (D) gegründet: 1985 in Dänemark
Sitz: Rostock
Mitarbeiter: circa 2400 weltweit
Umsatz 2010: 972 Mio. Euro
Siemens Wind Power (D) entstanden 2004 durch Übernahme des dänischen Herstellers Bonus Energy
Sitz: Hamburg
Mitarbeiter: 7800 weltweit
Umsatz 2010: 3,2 Mrd. Euro