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Höher, schneller, Absturz

Die Entwicklung der Quarzuhr leitete eine der größten Niederlagen der Schweizer Uhrenindustrie ein - gefolgt von einem langwierigen und schmerzhaften Wiederaufstieg. Heute sind die Gegner von einst Sammlerstücke.




- So etwas wird hinterher gern als "eine Kette von Missverständnissen" verklärt. Häufig zeigt es aber nur einen Mangel an Fantasie. Die ruhmreiche Uhrenindustrie der Schweiz jedenfalls wäre um ein Haar zugrunde gegangen, weil sie in den siebziger und achtziger Jahren nichts wissen wollte von der Quarzuhr. Keiner zweifelte am Zusammenhang zwischen Elektronik und absolut exakter Zeitmessung. Dass aber diese Technik schon bald zu Spottpreisen zu haben sein und die seit vielen Generationen erprobte Mechanikuhr ablösen würde, konnte sich in der Schweiz offenbar niemand vorstellen.

Konsequenz: Die Branche rauschte mit voller Fahrt in die größte Krise ihrer Geschichte. Von ihren 90 000 Arbeitsplätzen waren zehn Jahre später noch 30 000 übrig. Hunderte Hersteller und Zulieferbetriebe mussten aufgeben, Maschinenparks wurden verschrottet - der Ruin war nah.

Dabei hatten mehrere Unternehmen in den sechziger Jahren das Centre Électronique Horloger (CEH) in Neuchâtel gegründet, um ein "Uhrwerk der Zukunft" zu entwickeln. Heraus kam - mit 30 Millionen Franken Entwicklungskosten - das Kaliber Beta 21. Exakt war es, aber empfindlich. Und für die Serienproduktion zu komplex. Statt weiter daran zu arbeiten, trieben sie lieber ihren Genauigkeits- und Miniaturisierungs-Perfektionismus wie im Rausch auf die Spitze. Vier Modelle unter dem Namen "Delirium" stellten neue Weltrekorde auf. Die 1980 vorgestellte Delirium IV ist mit 0,98 Millimeter Höhe bis heute die flachste Uhr der Welt. Sie kostete in den USA 60 000 Dollar - und wurde nur 60-mal gebaut.

Quarzuhren für den Massenmarkt? Davon versprach sich kaum jemand ein nennenswertes Geschäft. Schließlich erwirtschafteten die Schweizer bis 1971 mit ihren traditionellen Zeitmessern weiterhin hohe Profite. Wieso sollten sie daran etwas ändern? So kam es, dass Seiko in Japan die Initiative ergriff. 1969 stellte das Unternehmen die erste Serien-Quarzuhr der Welt vor. Bald darauf war die Produktion automatisiert. Und schon waren Quarzuhren nicht mehr unerschwinglich, sondern kosteten bald nur eine Handvoll Yen.

Als wäre das für die Schweiz nicht schon schlimm genug gewesen, wurden die Uhrmacher zur gleichen Zeit von einer währungspolitischen Umwälzung kalt erwischt: 1973 wurden das Abkommen von Bretton Woods gekündigt, der Dollar-Kurs vom Goldpreis entkoppelt und die festen Wechselkurse der Weltwährungen zum Dollar freigegeben. Auf dem wichtigen Absatzmarkt USA wurden eidgenössische Uhren drastisch teurer. Die Verkäufe brachen ein. Und die Japaner hatten, was die Amerikaner verlangten: billige Ware.

Am 23. Juni 1983 zog Pierre Renggli, Präsident der Allgemeinen Schweizerischen Uhrenindustrie Aktiengesellschaft (ASUAG), den Schlussstrich unter ein Kapitel Wirtschaftsgeschichte: "Die Schweizer Uhrenkrise begann mit dem Siegeszug der Elektronik. Heute haben wir es mit einer völlig neuen Industrie zu tun, die (...) mit der Vergangenheit völlig gebrochen hat."

In der ASUAG hatten sich nach der Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre Marken wie Mido, Certina, Eterna und der große Uhrwerkshersteller Ebauches SA. (später ETA SA.) zu einem staatlich gebilligten Kartell zusammengeschlossen. Es sollte eine Art Uhrenparlament sein für Verbände, Banken und Gewerkschaften, dazu Kantonsregierungen und Gemeinderäte. "All das", sagte Renggli auf der finalen Vollversammlung, "ist heute nicht mehr zeitgemäß." Das Kartell hatte sich überlebt und war am Ende kaum noch handlungsfähig.

"Insbesondere die elektronischen Werke sind bis heute einem außerordentlichen Preisdruck ausgesetzt, sodass unmöglich genügend Erträge erwirtschaftet werden konnten, um auch noch die riesigen alten Produktionsanlagen völlig abzuschreiben", klagte Renggli. In Zahlen: Betrug der Anteil elektronischer Uhren in der Produktion der Kartellmitglieder 1973 nur 9,3 Prozent, lag er neun Jahre später bei 77,2 Prozent. Der Umsatz der Ebauches SA, des umsatzstärksten Unternehmens, stürzte allein 1981 um 32,4 Prozent ab.

Es gab nur eine Chance: 1983 fusionierte die ASUAG mit der Société Suisse pour l'Industrie Horlogère (SSIH), deren Hauptmitglieder Omega, Tissot und Lanco hießen. Auch die hatte bis 1983 Verluste von 340 Millionen Franken aufgehäuft. Aus den beiden Gesellschaften entstand die SMH, die spätere Swatch Group. Die Sanierung verschlang mehr als eine halbe Milliarde Franken.

In der Folge mussten die Schweizer komplett umdenken. Wo bisher Uhrmacher und Ingenieure bestimmt hatten, übernahmen Marketingstrategen das Regiment, brachten Emotion ins Geschäft mit Schlagworten wie Luxus und Lebensgefühl. Wer brauchte angesichts der billigen, aber sekundengenauen Quarztechnik noch einen anderen Zeitmesser?

Uhren mussten gefallen und sich in Mode und Lifestyle einfügen. So stieg die Swatch weltweit zum Kult-Objekt auf. Die Renaissance der Mechanik Ende der achtziger Jahre, mit immer neuen Interpretationen der alten Techniken, brachte wieder hohe Gewinne. Vierzig Jahre nach der Krise besinnen sich die Schweizer nun mit neu entwickelten Quarzuhren auch darauf, was ihnen diese Zeitenwende gebracht hat: die Aneignung einer völlig neuen Technik, bahnbrechende Erfindungen in der Elektronik und die Erfüllung des Traums von der perfekten Zeitmessung. -

Das Vorbild: die Seiko Astron Zu Weihnachten 1969 machte der japanische Seiko-Konzern der Welt ein Geschenk, das im Uhrenland Schweiz für Aufregung sorgen sollte: die erste serienreife Quarz-Armbanduhr der Welt. Die Astron kostete noch so viel wie ein Kleinwagen, aber sie ging um ein Vielfaches genauer als jede mechanische Uhr. Zehn Jahre lang hatte Tsuneya Nakamura im Geheimen am Projekt Gojukyu-A gearbeitet. Er kannte die transistorgesteuerten Uhren der französischen Firma Léon Hatot, die empfindlichen Stimmgabel-Uhrwerke der amerikanisch-schweizerischen Bulova und die schuhkartongroßen Quarzchronometer von Patek Philippe in Genf. Mit nur fünf Leuten entwickelte Nakamura ein seriell produzierbares, zuverlässiges und kleines Quarzwerk. Kern seiner Forschung waren der Quarzresonator, die energiesparende integrierte CMOS-Schaltung und der Schrittschaltmotor für die Zeigerbewegung. Ein Konzept, nach dem bis heute praktisch jede analoge Quarzuhr funktioniert. Die Schweizer Antwort: die Omega Megaquarz 2400 Ebenfalls 1969 stellte Omega im Schweizer Biel seine erste Quarz-Konzeptuhr vor: die Megaquarz 2400. In den fünfziger Jahren hatte die Firma sie beim Genfer Battelle-Forschungsinstitut in Auftrag gegeben. Viel zu früh, wie sich herausstellte, denn man musste erst Grundlagenforschung bei der Entwicklung von Resonatoren, Elektronik und Motoren betreiben. Aber die neue Uhr wurde ein Meilenstein: Nur um eine Sekunde pro Monat wich sie von der exakten Zeit ab. Bis zur Serienreife 1974 waren die Preise für Quarzuhren allerdings bereits ins Bodenlose gefallen. Ein Jahr zuvor wurden Prototypen des Beta-21-Kalibers bei Genauigkeitswettbewerben getestet. Die Werke belegten die ersten Plätze - dicht gefolgt vom Seiko-Quarzkaliber. Allerdings wurden nur 6000 Stück gebaut, denn die Beta 21 war eine Uhr aus dem Labor und billig nicht herstellbar. Die Schweizer verschleppten die Ergebnisse ihrer 30-Millionen-Franken-Entwicklung. Erst 1976 konnte die Ebauches SA serienreife Quarzwerke anbieten. Mit der Swatch aus der Uhrenkrise Aus den Erfahrungen mit den ultraflachen Delirium-Modellen entwickelten die Schweizer das Produkt, das ihre Uhrenindustrie aus der Krise führen sollte: die Plastikuhr Swatch. "Einfacher" und "flacher" waren die Maßgaben für die Delirium, an der der Kunst-stoffspritzguss-Spezialist Elmar Mock arbeitete. Am 27. März 1980 sollte er sich für die Anschaffung einer weiteren sündhaft teuren Maschine rechtfertigen. Er tat es mit einem Konzept, das die Idee der Delirium übernahm, aber in der vollautomatischen Herstellung nur zehn Franken kosten würde. Innerhalb eines Jahres konnte Mock die ersten Prototypen der Swatch (ein Kunstwort aus Swiss und Watch) vorstellen. Aber die Einführung 1982 wurde ein Flop. Erst der Chef der US-Kaufhauskette Bloomingdale's gab den entscheidenden Tipp: Die Schweizer sollten aus der genialen, aber farblosen Uhr ein fetziges, farbiges Lifestyle-Produkt machen. Erst so wurde die Swatch zum Welterfolg. Die Preise der Quarzuhren stürzen ab Auch die Uhren-Firmen in den USA litten unter dem Preisdruck der japanischen Konkurrenz. Bei Hamilton hatte man Jahre zuvor für Stanley Kubricks Science-Fiction-Film "2001" eine aufsehenerregende Digital-Tischuhr mit leuchtenden LED-Ziffern geliefert. Nun setzte Firmenchef John Bergey alles auf Miniaturisierung. 1972 war das Ergebnis da. Die Uhr hieß "Pulsar", eine Kostbarkeit für 2100 Dollar. Weil sie aber mit den Astronauten der Apollo 17 auf den Mond flog, wurde sie zum Renner. Der Ruhm, mit dieser ersten völlig elektronischen Uhr sogar die Schweizer überholt zu haben, hielt nicht lange: Die billige, permanent sichtbare Flüssigkristallanzeige auf dem Uhrblatt verdrängte die LED. Selbst der PC-Hersteller Hewlett-Packard versuchte sich im Uhrenbau und brachte 1977 den komplexen Armbandrechner HP 01 heraus. Zum Preis einer Rolex konnte man mit ihr 40 Rechenfunktionen ausführen. Doch auch diese Extravaganz überlebte den Preissturz der Quarztechnik nicht. Girard Perregaux: Passt Elektronik nicht zur Luxusmarke? Girard Perregaux (GP) war aus Kostengründen keinem der Quarz-Forschungs-Verbunde beigetreten, und so forschte der Ingenieur Georges Vuffray im hauseigenen Labor. 1970 hatte er Kooperationen eingefädelt mit Motorola für die Lieferung von integrierten Schaltungen und mit dem US-Quarzspezialisten Reeves-Hoffmann für die Herstellung von elektronischen Komponenten. Brücken und Räder ließ GP in der Schweiz bauen. Nur zwei Jahre später konnte Vuffray das erste hauseigene Quarzkaliber GP 350 vorstellen. Die Uhr kostete im Stahlgehäuse lediglich 480 Franken, Golduhren mit Beta-21-Werk dagegen rund das Zehnfache. GP hatte bewiesen, dass Quarzuhren auch zu moderaten Preisen und mit wenig technischem Aufwand gebaut werden konnten. 1972 sollte der Ingenieur nach dem Vorbild der Hamilton Pulsar eine Luxus-Leuchtdioden-Uhr herstellen. Trotz ihres Designs wurde die Casquette LED-Uhr aber kein Erfolg. Die Geburt der Digitaluhr Jack Heuer, der Besitzer des Stoppuhrenherstellers Heuer-Leonidas, konnte in Japan die Komponenten für die weltweit erste Digitalstoppuhr "Microsplit 800" einkaufen. Als er die Taschenuhr 1972 vorstellte, war sie eine Sensation. Sie kostete 1500 Franken (zwei Jahre später war der Preis für die LCD-Version auf ein Zehntel gesunken). Heuer setzte weiter auf Elektronik und stellte 1975 den ersten Quarz-Armbandchronografen vor, den "Chronosplit". Auf ein Hundertstel genau stoppte die Uhr und zeigte Zeit und Datum nicht nur auf einem Zifferblatt, sondern per Knopfdruck auch in einer LED-Anzeige. Diese Erfindungen retteten Heuer nicht vor dem Bankrott. Die Abwertung des Dollars brachte allein 1974 einen Umsatzeinbruch von 40 Prozent. 1982 wurde das Unternehmen während der Restrukturierung der Uhrenindustrie an die Firma Piaget verkauft, der Name Heuer wurde drei Jahre später von der Investmentgruppe TAG übernommen.