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Herr Siebke sucht das Glück

Ein Rentner aus Bad Honnef, der von seiner letzten großen Chance träumt. Äthiopien, ein bettelarmes Land, das reich sein könnte. Beide treffen aufeinander in einem großen Spiel, bei dem es um die Äcker geht, die die Welt ernähren sollen.




"Wir arbeiten an einer exportorientierten Landwirtschaft."

Esayas Kebede, Direktor der staatlichen Agentur für Agrarinvestments

- Ingo Siebke hat einen Plan. Er glaubt an diesen Plan und folgt ihm unbeirrt. Dazu sei ein Plan schließlich da, sagt er. Er ist Rentner und versucht noch einmal sein Glück: mit Hartweizen.

Er spricht den Namen dieser Getreidesorte mit Pathos aus. Den dazugehörigen Plan hat er bis ins Detail durchdacht. Er hat daran mehr als drei Jahre hart gearbeitet, war sich für nichts zu schade, hat sich nie geschont. Weil er es so wollte, nicht, weil ihn jemand darum gebeten hat. Geschweige denn, bezahlt. Alle Details in seinem Plan lesen sich wie die Stationen seines Lebens, die sich noch einmal aneinanderfügen. Siebke hat das alles schon mal gemacht: das Aufbauen einer Premium-Marke, die Finanzierung; auch Mähdrescher sind ihm nicht fremd, Saatgut, Qualitätsmanagement, Getreide-Terminals und Trucks. Neu sind nur die Häuser aus gepresstem Stroh und die Idee, mit Silberchlorid die Regenwolken vom afrikanischen Himmel schießen zu lassen. Eine Dürre ist in seinem Plan nämlich nicht vorgesehen.

Das hat er also alles im Griff. Nicht im Griff hat er den heutigen Termin mit dem Finanzminister von Dschibuti. Ingo Siebke aus Bad Honnef wartet seit drei Stunden auf die ihm versprochene Audienz. Sein Plan funktioniert nicht ohne Dschibuti.

Vom Hafen der einstigen französischen Kolonie will Siebke seinen Hartweizen in die ganze Welt verschiffen. Wachsen soll er dort, wo momentan ein Großteil der Welthungerhilfe landet: in Äthiopien. Jeder zweite Einwohner gilt als unterernährt. Der Rentner aus Deutschland bemüht sich dort seit mehr als drei Jahren um 500 000 Hektar Busch, für einen Acker, etwa doppelt so groß wie Luxemburg. Er will Premium-Hartweizen anbauen, für Qualitätsnudeln auf den Tellern in jenen reichen Staaten, von deren Lebensmittelhilfen Äthiopien derzeit abhängt. Seinen Geldgebern stellt Siebke eine außerordentliche Rendite in Aussicht.

Er gehört damit zu den Spielern in einem weltweiten Mono-poly-Spiel, bei dem es nicht mehr um die Schlossallee, sondern den Acker geht. China soll sich 2,8 Millionen Hektar Land in der Demokratischen Republik Kongo gesichert haben; der südkoreanische Daewoo-Konzern hat gar die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche auf Madagaskar gepachtet. Nach einer Studie der Weltbank stiegen die weltweiten Bodengeschäfte im Jahr 2009 auf das 14-fache des Vorjahresvolumens. 56 Millionen Hektar Land wurden verpachtet oder verkauft, in etwa die Fläche Frankreichs.

Der Agrarökonom Harald von Witzke von der Berliner Humboldt-Universität nennt die Landwirtschaft die "Schlüsselindustrie des 21. Jahrhunderts". Nach Schätzungen der Vereinten Nationen muss die Agrarproduktion bis zum Jahr 2050 um 70 Prozent zulegen, um die Weltbevölkerung zu ernähren. Dafür braucht es zusätzliche Anbauflächen. In Afrika liegen 80 Prozent der Böden brach. Um die pokern internationale Industriekonzerne, die chinesische Regierung oder arabische Scheichs - und Ingo Siebke aus der Bahnhofsstraße in Bad Honnef. Der glaubt, dass niemand einen so guten Plan habe wie er. Um in diesem Spiel aber weiter mitspielen zu können, braucht Siebke Geld. Ziemlich genau 50 Millionen Euro - und zwar ganz schnell.

Der Beginn einer Odyssee

Vor dreieinhalb Jahren begann er, mit der Broschüre "Führer für neue Investoren" in der Hand, die Behörden in Addis Abeba abzuklappern. Ein Parcours der Enttäuschungen, der falschen Versprechungen - aber irgendwie schaffte es Ingo Siebke doch bis in das Büro des stellvertretenden Regierungschefs. Dem gefiel das Hartweizen-Projekt, er sagte Hilfe zu - und dann verlief auch das im Sande. Und doch gibt es nun diese 500 000 Hektar, die Siebke pachten könnte, wenn er die 50 Millionen Euro auftreibt, um einen Landwirtschaftsbetrieb von üppigen Ausmaßen zu errichten - und dazu auch ein Verlade-Terminal im ein paar Hundert Kilometer entfernten Hafen von Dschibuti.

Er hat sich seine Reisen und Aktivitäten in den zurückliegenden Jahren von seiner Rente regelrecht abgespart. Sitzt im Flieger in der Holzklasse, während potenzielle Geschäftspartner Business Class fliegen. Wer Siebke kennt, weiß, wie ihn das trifft. Als Berufsbezeichnung trägt der 68-Jährige in die Visumsanträge am Flughafen immer "CEO" (englisch für Vorstandsvorsitzender) ein. Dieses Kürzel prangt auch auf seinen Visitenkarten. Die drei Buchstaben sind größer als die seines Namens. Die Firmenanschrift Bahnhofsstraße ist seine Privatadresse. Ingo Siebke ist der CEO von Ingo Siebke.

"Eigentlich habe ich immer davon geträumt in diesem Alter auf einer Segelyacht in der Ägäis zu kreuzen", stöhnt der CEO an diesem Morgen. Stattdessen sitzt er in Dschibuti. Er hatte Nasenbluten. Ausgerechnet heute. Vorgestern ist er in Addis Abeba in 2400 Meter Höhe gelandet. Gestern flog er weiter nach Dschibuti, wo die Hitze heute schon nach Sonnenaufgang drückende 40 Grad erreicht. Am Abend geht es wieder zurück nach Äthiopien, übermorgen mit dem Jeep für drei Tage ins Landesinnere, zur großen Landinspektion. Er hofft, dass er nach dieser zweiwöchigen Reise endlich alle Verträge und Informationen in der Hand hat, um die Investoren in Deutschland endgültig zu überzeugen. Siebke spricht von der "nötigen Phase der Kapitalisierung". Seit Monaten dreht sich bei ihm alles nur darum: Sie glauben ja gar nicht, was die alles wissen wollen. Die Investoren.

Er frühstückt im Sheraton der Stadt. Außer ihm sind in dem Hotel nur Soldaten der Bundeswehr, die Dschibuti vom Sheraton aus vor Piraten schützen. Um halb acht sollte er zu einem Termin mit dem Finanzminister abgeholt werden. Um zehn Uhr hat er es immerhin bis ins Vorzimmer des Ministers geschafft.

Eingefädelt wurde der Termin vom Mittelsmann eines Mittelsmannes. Ein Geschäftsmann aus Dschibuti, der von Dubai aus für eine türkische Firma Diesel-Generatoren in Afrika verkauft und den Minister, wie er sagt, noch von früher kennt. Siebke ist diesem Vermittler nie zuvor begegnet. Beim gemeinsamen Warten sagt er nun, wenn er erst einmal die Farm in Äthiopien habe, könne man auch über Generatoren reden.

Die Farm und damit nun auch die Generatoren hängen von dem Terminal ab, das Siebke im Hafen von Dschibuti bauen lassen will. Ohne dieses Terminal könnte er sein Getreide aus Äthiopien nicht in die Welt schaffen. Die Investoren, von denen er immer wie von einer fremden Macht spricht, wollen einen Vertrag für diese Verladeeinrichtung sehen. Die Rechnung ist einfach: Ohne Terminal keine Investoren, ohne Investoren keine 50 Millionen Euro, ohne das Geld kein Land, ohne Land kein Hartweizen und damit auch keine Generatoren - und auch nicht die Yacht in der Ägäis, die sich Siebke insgeheim auch von diesem Acker in Äthiopien verspricht.

Um elf Uhr lässt Ilyas Moussa Dawaleh bitten. Der Finanzminister ist ein groß gewachsener junger Mann mit polierter Glatze, freundlichem Gesicht und sehr wachem Geist. Englisch und Französisch spricht er fließend, das Hemd ist schneeweiß, die Manschettenknöpfe funkeln.

Siebkes Anzug ist grau. Die Krawatte liegt eng am Hals. Small-Talk liegt ihm nicht, er kommt gleich auf seinen Plan zu sprechen. Die Powerpoint-Präsentation auf seinem Laptop stockt, sein Englisch auch. Er stolpert durch sein Projekt, erzählt von "Multiplikatoren": Wie die Ernte der einen Farm gleich den Bau der nächsten finanziere. Und immer so weiter. Bis auf den 500 000 Hektar acht "Betriebshöfe" existieren, in denen zeitversetzt ausgesät wird, damit permanent geerntet werden kann. Die Arbeiter wohnen kostenlos in Häusern mit aus Hartweizenstroh gepressten Wänden. Jeden Tag sollen Trucks nach Dschibuti rollen und das dortige Terminal mit Hartweizen füllen. 20 Prozent bleiben in Afrika - den Rest bringen Schiffe in alle Welt. Ungefähr so jedenfalls. Der Minister sagt: "Mmmh."

Siebke ist Konditormeister, er arbeitete in Hotelküchen und Bäckereien. Später holte er ein Studium der Betriebswirtschaftslehre nach, bekleidete eine Position im Management von Dr. Oetker und wurde dann selbstständiger Berater in der Lebensmitteltechnologiebranche. Er entwickelte sein Leben lang Pläne und hielt sich daran. Deshalb mache man schließlich Pläne.

Vor drei Jahren führte ihn der Zufall mit einer äthiopischen Diplomatenfamilie zusammen. Er traf afrikanische Unternehmer, die Geld hatten und nach Geschäftsideen suchten. Ideen sind das eigentliche Geschäftsfeld von Ingo Siebke.

Er sah wohl eine Chance. C EO zu werden, statt nur Rentner in Bad Honnef. Es allen noch mal zu zeigen. Vor allem aber wollte Siebke noch einmal eine Rolle spielen. Das tun, was er kann. Wovon er glaubt, es besser als die anderen, die Araber, die Inder, die Regierungen und die Konzerne zu können.

Er dachte an Hartweizen. Ein wichtiger Rohstoff für die Pasta-Produktion, die Nachfrage auf dem Weltmarkt ist hoch, der Preis auch. Äthiopien gilt als das Ursprungsland dieses Durum genannten Getreides. Dort ist es aber seit Jahrhunderten vergessen. Stattdessen importieren die äthiopischen Nudelfabriken heute minderwertiges Durum aus Australien. Im eigenen Hochland könnten sie eine bessere Qualität ernten, und das gleich zweimal im Jahr. So steht es im Plan von Siebke.

Der Scheich war eher da

So erzählt er es auch dem Finanzminister im Nachbarland Dschibuti. Der zeigt sich interessiert. Er sagt, auch Dschibuti besitze Land in Äthiopien, mit dem man aber noch nichts bewerkstelligen konnte. Siebke sagt, man könne doch kooperieren und wird von nun an überall erzählen, dass er auch die Farmen von Dschibuti managen soll. Das motiviert ihn: dass Minister sich mit ihm treffen oder Unternehmer, sogar Millionäre. Der Minister sagt, er unterstütze alles, was den Menschen in seinem Land Nahrung bringe. Der Hafen von Dschibuti wird gerade ausgebaut. Grundsätzlich sei auch Platz für Siebkes Terminal. Es gebe da aber ein Problem.

Siebkes Problem heißt Mohammed Hussein Al-Amoudi, ein Scheich aus Saudi-Arabien - und Milliardär. Der Finanzminister schickte seinen deutschen Besucher nach der Unterredung gleich weiter in den Hafen. Siebke solle sich das Terminal dieses Al-Amoudi anschauen. Der besitzt eine Art Exklusivrecht im Hafen. Es stamme aus einer Zeit, als sich niemand für Dschibuti interessierte, sagt der Minister. Das war vor zehn Jahren. Heute sei man schlauer. Und in einer besseren Position. Der Hafen wächst und wächst, er gilt als eine der wenigen sicheren Warenschleusen am Horn von Afrika.

Al-Amoudi aber war zuerst da. Der Scheich mit afrikanischen Wurzeln gilt als reichster Mann in Äthiopien und zweitreichster Saudi. In der "Forbes"-Liste wird sein Vermögen auf mehr als zwölf Milliarden Dollar geschätzt, Platz 63 in der Welt. Dieser Al-Amoudi also sicherte sich das Monopol, in Dschibuti Getreide zu verladen. Er bewegt afrikanischen Weizen für das Ausland genauso über die vergammelte Kaikante wie ausländisches Getreide für Afrika. In der offenen Lagerhalle sind diese Körner meterhoch aufgeschüttet, ein paar Tonnen internationale Nahrungsmittelhilfe die nun Tausenden Vögeln als gefundenes Fressen dient.

Saudi-Arabien pokert mit im afrikanischen Monopoly. Geld ist dabei nicht das Problem, mit arabischen Scheichs kann ein Rentner aus Bad Honnef nicht mithalten. Mohammed Al-Amoudi lässt über seine Firma Saudi Star in Äthiopien bereits Reis, Gemüse und Weizen anbauen, er soll mehr als 500 000 Hektar Land besitzen. Bislang bestellen die Saudis auch noch zu Hause ihre Felder, sogar in der Wüste. Der Grundwasserspiegel sank dadurch auf bis zu 1000 Meter unter null. Wasser pumpt sich mittlerweile schwerer als Öl, und da die Bevölkerung weiter wächst, muss die Nahrung künftig von woanders herkommen. Äthiopien ist nah. Siebke sagt, die Araber hätten sich dort aber nicht gerade das beste Stück Land ausgesucht.

Was auch bedeutet, dass Siebke meint, er selbst habe sich ein besseres Terrain geangelt. Hochland, sagt er bedeutungsvoll. Er sagt das im Büro des Hafenchefs von Dschibuti. Der sagt ihm wiederum, dass er noch nie etwas von ihm oder seinem Plan gehört habe. Dabei war Siebke schon vor Monaten in der Außenstelle des Hafens in Addis Abeba vorstellig, hielt seinen Hartweizen-Vortrag und versorgte die Repräsentanten Dschibutis mit Broschüren. Man wollte sich kümmern und wieder melden, hieß es.

Siebke erklärt dem Hafenleiter, dass er unmöglich das marode Terminal der Araber mitbenutzen könne, er gebraucht Wörter wie Qualitätsmanagement und Premium-Produkte. Sein Gegenüber nickt und sagt, man werde sich etwas einfallen lassen. Vielleicht einen neuen Vertrag mit den Arabern, diesmal ohne Exklusivrecht und für Siebke einen Neubau im neuen Hafen. Man werde sich auf jeden Fall melden. "Wann?", fragt Siebke. Morgen, verspricht der Hafenchef. Und wird sein Versprechen nicht halten.

Dass sich Siebke beim Verabschieden die Türklinke ausgerechnet mit einem Vertreter der internationalen UN-Organisation World Food Programme in die Hand gibt, kann als symbolisch gedeutet werden. Die Entwicklungshelfer wollen auch ein Terminal bauen - um Nahrungsmittelhilfen nach Afrika einzuführen. Womit sich irgendwie auch die Frage stellt, was uns die Politiker und Entwicklungshelfer in der Vergangenheit eigentlich erzählt haben. Dass Afrika sich nicht selbst versorgen könne, weil Böden und Klima zu schlecht seien, zum Beispiel. Und nun reißt sich auf einmal die halbe Welt um diese Flächen?

Wenn aus zwei Tagen drei Jahre werden

In Äthiopien fallen in vielen Regionen durchschnittlich mehr Niederschläge als in Deutschland, Experten halten die dortigen Böden für die besten der Welt. Die "Jahrhundertdürre", die in diesem Sommer das Bild von Äthiopien in der Öffentlichkeit prägte, betraf nur einen Bruchteil der Landesfläche. Und während dort die Menschen hungern, picken anderswo Vögel die Getreidelieferungen.

Dass afrikanische Länder nun auch noch Nahrungsmittel ins Ausland exportieren, während die Bevölkerung Afrikas auf ausländische Nahrungsmittelhilfe angewiesen ist, mutet nicht weniger paradox an. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist das aber gar nicht so absurd.

Der britische Entwicklungsökonom Stefan Dercon von der Oxford University erklärte in der Zeitschrift "Geo", dass die Nahrungsmittelproduktion eines Staates zumindest nicht der alleinige Schlüssel zur Hungerbekämpfung ist. Er verwies in seiner Argumentation auf den Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen. Der hatte nachgewiesen, dass in seiner Heimat Bengalen im Jahr 1943 drei Millionen Menschen verhungerten, obwohl es damals genug Nahrungsmittel gab. Die waren für viele Arme aber einfach zu teuer. Es fehlte an Kaufkraft, nicht an Kaufbarem.

Demnach ergibt es für ein Land wie Äthiopien durchaus Sinn, hochpreisige Agrargüter wie Siebkes Hartweizen zu exportieren. Die entsprechenden Deviseneinnahmen ließen sich für den Import von preiswertem Getreide und eine Modernisierung des Agrarwesens einsetzen. Für Devisen und die Modernisierung der Landwirtschaft ist Esayas Kebede zuständig. Auf den abgewetzten braunen Ledersesseln in seinem Büro haben sie alle schon gesessen: die Araber, die Inder, die Amerikaner - auch Ingo Siebke. Der Direktor der staatlichen Agentur für Agrarinvestments verantwortet die Landvergabe. Kebede ist ein sehr ruhiger Mensch. Er trägt einen einfachen blauen Anzug und sagt Sätze wie: "Wir brauchen jeden Investor, egal, woher er kommt."

Er arbeitet in einem orangefarbenen Klotz, der an einer Ausfallstraße von Addis Abeba gleich neben einer Wellblechsiedlung liegt. Die Straße zum Ministerium ist nicht asphaltiert. Auf dem bewachten Ministeriumsparkplatz wurde Ingo Siebke vor ein paar Tagen der Laptop aus dem Auto geklaut.

Kebede sagt: "Wir entwickeln jetzt eine exportorientierte Landwirtschaft." Das klingt für ein Land, in dem jeder zweite Einwohner als unterernährt gilt, ziemlich zynisch. Kebede weiß das, er weiß aber auch, dass auf den derzeit 15 Millionen Hektar Gesamtanbaufläche durch kleinstbäuerliche Strukturen nur ein Bruchteil der Produktivität erreicht wird, wie sie der Westen kennt. "Wenn wir nur auf den gegenwärtig genutzten Flächen Erträge wie der Westen erreichten, wären wir nicht mehr auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen", rechnet er vor. Insgesamt schätzt er die landwirtschaftlich nutzbare Fläche seines Landes auf fast 75 Millionen Hektar. "Wenn wir die erschließen, wird Äthiopien die Kornkammer Afrikas und der Welt." Dafür braucht er die Technik, das Kapital und das Know-how ausländischer Investoren.

In nur zwei Tagen sei es Ausländern daher möglich, alle Formalien zu erledigen, um bei ihm ein Stück Land zu pachten, sagt Kebede. Bei Siebke sind aus den zwei Tagen mehr als drei Jahre geworden, was auch mit diesem Nachsatz Kebedes zu erklären ist: "Wenn der Investor nachweist, dass er über das nötige Kapital für sein Projekt verfügt."

Etwa drei Millionen Hektar sind derzeit in der Hand von Ausländern. Bislang bearbeitet jeder der Investoren allerdings nur wenige Tausend seiner Hunderttausenden Hektar.

So einfach scheint das alles also nicht zu sein.

Auf dem Land seiner Träume

Landinspektion - eine Tagesfahrt von Addis Abeba entfernt, Siebke wird mit Jubelschreien empfangen. " Jei, jei, jei, jei" - tönt es schrill aus Hunderten Kehlen. Ein Dorf feiert ihn wie den Messias. Alles ist bestens organisiert. Die holprigen Wege in der Umgebung wurden über Nacht ausgebessert, dornige Zweige abgeschlagen, Schlaglöcher mit Steinen gestopft. Und nun wird gesungen.

Ingo Siebke ist glücklich. Er fühlt sich in diesem Moment als CEO, Investor, Entwicklungshelfer, Farmer und auch Freund, nur nicht als Rentner aus Bad Honnef. Die Menschen feiern ihn. Irgendwo in einem Dorf in Äthiopien, wo es seit fünf Jahren Strom und Internet gibt. Um das herum sich Siebkes Land über 500 000 Hektar erstreckt.

Der Dorfplatz, auf dem dieses bizarre Spektakel aufgeführt wird, ist staubig. Die Einwohner drängeln sich, den Investor aus Deutschland zu sehen, der keiner ist, sondern selber Geldgeber sucht. Die Hütten sind aus Lehm gebaut, dahinter kränkeln ein paar Stängel Mais. 70 Prozent der Äthiopier müssen sich beim eigenen Anbau mit einem Hektar Land begnügen. Methoden und Geräte sind seit Jahrhunderten unverändert. Unter einer weit ausladenden Akazie stehen Frauen in bunten Gewändern. Etwas abseits trägt ein Junge unter jedem Arm ein Huhn.

Die Männer kauen Khat, tragen grüne Speichelflecken in den Mundwinkeln und die eigentümliche Lethargie am Leib. Siebke wird dem Dorfchef vorgestellt, der sich von den anderen Bewohnern nur darin unterscheidet, dass er eine uralte Kalaschnikow wie ein Zepter durch die Gegend trägt. Die beiden Chefs, der eine mit einer alten Kalaschnikow, der andere mit einer alten Kamera, reichen sich staatsmännisch die Hand. Die Einheimischen jubeln noch mal, und dann setzt sich der Tross wieder in Bewegung. Das Land für die erste Farm soll vermessen werden, Boden- und Wasserproben sind zu sammeln. Die Investoren wollen Fakten sehen, sagt Siebke.

Der Dorfchef zwängt sich mit seinem Gewehr und einer Abordnung ebenfalls in den Jeep. Die Autos beherbergen nun acht bis zehn Personen. Sie tragen entweder einen alten Schreibblock oder eine noch ältere Kalaschnikow mit sich herum. Die mit der Knarre sind die Chefs, die mit dem Schreibblock eine Art Sekretäre - und so wie die einen Gott sei Dank nie schießen, schreiben die anderen nie etwas auf.

Das Land, durch das die Einheimischen die Besucher nun führen, ist das Land der Regierung, das der Deutsche pachten kann und das die Nomaden seit Generationen nutzen. Ihr Vieh weidet darauf, mehr fangen sie nicht damit an.

Wenn Siebke dieses Land pachtet, dann pachtet er die Menschen darauf gleich mit. Das ist die Botschaft dieses Tages. Sie wird unter Jubelschreien, freundlich, aber bestimmt transportiert und immer wieder artikuliert: Wir sind jetzt deine Freunde. Die sucht sich hier niemand aus. Man muss sich kümmern.

Die Amerikaner und Inder tun das anscheinend nicht, die Arbeiter einer indischen Farm verdienen mitunter nur 50 Cent am Tag. Als die Amerikaner begannen, einfach so das Land der Nomaden zu roden, hatte einer der Arbeiter eines Tages eine Axt im Nacken.

Nach einigen Stunden Fahrt geht es zu Fuß weiter. Man stampft über dornige Sträucher und roten Boden. Vereinzelt stehen Bäume, der Horizont erstreckt sich wie eine grüne Farbpalette. Der Anblick der Landschaft ist ergreifend schön. Das Roden würde hier viele Monate dauern und pro Hektar um die 250 Euro kosten. Die entsprechenden Maschinen müsste Siebke aus dem Ausland einführen. Die Araber sollen für ihre Flächen bereits Maschinen von Caterpillar im Wert von fast 100 Millionen Dollar geordert haben.

Der Dorfchef beschreibt mit seinen Armen einen weiten Bogen und sagt: "Dahinter gibt es noch viel mehr Land, sagen Sie das Ihren Leuten." Ingo Siebke sieht kaputt aus. Die Knie schmerzen. Der Tag war heiß. Nun geht die Sonne langsam unter. Irgendwo lachen Hyänen. Es beginnt zu regnen.

Die Straßen werden auf dem Rückweg zu morastigen Fallen. Die vielen Fahrgäste lassen die Autos noch viel schneller im Matsch einsinken - dafür kriegt man sie mit derart vielen Leuten auch schnell wieder flott.

Um die Straßen müsse sich die kommunale Regierung kümmern, sagt Siebke später. Dieses Detail ist in seinem Plan bereits eingeflossen. Schutt und Steine gäbe es in der Region genug. "Das Baumaterial kriegen wir umsonst", sagt Siebke. Der regionale Beauftragte der äthiopischen Investitionsagentur habe zudem versprochen, mit seinen Leuten den Schotter auszubringen. Siebke kalkuliert mit solchen Zusagen, obwohl er es längst besser wissen müsste.

Auf diesen Wegen einmal Lkw fahren zu sehen ist schwer vorstellbar. In den Dörfern der Umgebung ziehen noch klapprige Maultiere nicht minder klapprige Einspänner. Die Tankstellen haben manchmal geöffnet und oft auch nicht. Wenn es zu sehr regnet, ändern Seen und Flüsse ihre Lage, sind Straßen unterspült, fehlen schnell ein paar Meter Trasse - was nützt ein Ha-fen-Terminal in Dschibuti, wenn kein Laster es erreicht?

Später Abend. Siebke richtet sich im "Hotel" des Dorfes ein. An der Decke eine Glühbirne, in der Ecke eine Liege, die Wände aus Lehm. Das Klo ist draußen, in einem Wellblechverschlag, ein Loch in der Erde. "Das muss dann auch mal reichen." Siebke sagt nachdenklich, er wisse, dass seine Zeit ablaufe, bald etwas passieren müsse, will er die Realisierung seines Plans noch erleben. Doch die fremde Macht, die Investoren, bleibt stumm. Auch der Minister in Dschibuti, auch die Leute vom Hafen.

Siebke sagt, er glaube trotzdem an seinen Plan, an das Produkt - und an die Menschen, die er als Mitstreiter gewann. Er hat hier "seine Leute", die für ihn arbeiten, obwohl er sie nicht bezahlen kann. Er gibt ihnen nur etwas ab, von seinem Traum. Sie suchen mit ihm auch alle ihr eigenes Glück. Und Siebke geht voran. Sagt, was gemacht wird und wie, das ist beim Aufstellen des Finanzplans nicht anders als beim abendlichen Kochen der Suppe auf der mitgebrachten Gasflamme.

Übermorgen hat er schon wieder Termine, in einer Nudelfabrik und bei einer Metallbau-Firma in Addis Abeba. Die einen sollen etwas von seinem Hartweizen kaufen, die anderen einen Teil des Terminals bauen. Er wird etwas Stress bei der Rückgabe der Jeeps haben, weil sein Geld gerade nicht ganz reicht.

Das wird sich alles ändern, wenn er erst diese Farm hat, für die er einen perfekten Plan entwickelte. Es ist aber noch nicht entschieden, ob sich damit auch die Wirklichkeit bändigen lässt. -