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Das Leben in den Dingen

Für den Theaterregisseur Robert Wilson ist seine Watermill Collection der ideale Ort, um immer wieder zu Traumreisen um die Welt aufzubrechen.




- Robert Wilson hat früh als manischer Sammler angefangen. Sein erstes Gemälde kaufte er schon mit zwölf Jahren. Gefallen fand er danach aber auch an Schuhen, Skulpturen von Naturvölkern, an Design, Porzellan, Pfeifen, Leitern, Architekturzeichnungen, Fotografien, asiatischer Kunst, Disney-Figuren und anderen Ikonen der Pop-Kultur. Er besitzt ein Porträt der Mäzenin Betty Freeman von David Hockney, einen Schreibtisch des Minimalisten Donald Judd, Bilder und Skulpturen des US-Avantgarde-Künstlers Paul Thek, Stücke von Yoko Ono.

In Wilsons Sammlung sind die Grenzen zwischen Genres, Kontinenten, Epochen, Hoch- und Populärkultur aufgehoben. Was für ihn zählt, sind Schönheit, Faszinationskraft des Einzelstücks und der Dialog der Werke untereinander. Alles kann ein Kunstwerk sein. Wilsons besondere Leidenschaft gilt Sitzgelegenheiten aller Art. Deshalb hat er Hunderte Stühle, europäische, asiatische, amerikanische, neue, sehr alte, Designklassiker, Fundstücke vom Flohmarkt, von ihm selbst entworfene Stühle aus seinen Theater-Inszenierungen. Und weil er in seiner Sammlung nicht zwischen bedeutend und unbedeutend unterscheidet und er seine Kunstschätze nicht hierarchisch ordnet, zeigt er: Für ihn sind alle Stücke gleich wichtig. Sie sind Teil seiner Biografie.

Spätestens seit seinen Inszenierungen "Deafman Glance" von 1971 und der Oper "Einstein on the Beach" von 1976 zählt Wilson zu den großen Regisseuren des Welttheaters - eine einzigartige Karriere. Der 70-Jährige hat einen völlig neuen, gänzlich unverwechselbaren Stil, eine eigene Form von Schauspiel geschaffen: frei von Psychologie und emotionalem Kitsch, ein Hightech-und Hochpräzisionstheater von kühler, schönster Künstlichkeit. Und vermutlich das einzige Avantgarde-Theater, das nicht nur Insider lieben. Nebenbei hat er wie kein anderer Regisseur das Theater globalisiert. Seine Inszenierungen sind in Tokio, São Paulo, New York, Berlin oder Stockholm zu sehen. Seine Bühnensprache, die nichts mit vertrauten Erzählkonventionen zu tun hat, ist weltweit verständlich.

Heute ist Robert Wilsons Sammlung Teil seines vor 20 Jahren gegründeten Kunstzentrums Watermill auf Long Island. Dort entwickelt er Inszenierungen, lädt Künstler, Wissenschaftler und Wirtschaftsleute zu seinem Sommerprogramm ein.

Watermill bietet jungen Künstlern das ganze Jahr über Platz, um Projekte zu entwickeln, und fördert diesen Nachwuchs, indem es weltweit Partnerschaften mit unterschiedlichen Institutionen pflegt.

Die Sammlung ist für Wilson viel mehr als eine Anhäufung schöner Dinge, nämlich Teil seines Werkes, Erinnerungsspeicher und Ideen-Vorratskammer. Jedes Stück erzählt eine Geschichte.

"Die Watermill Collection ist keine bedeutende Sammlung mit vielen berühmten Stücken. Aber sie ist sehr persönlich", sagt Wilson. "Ich sehe sie als eine Art Geschichte der Menschheit. Es war immer ein Traum von mir, die Sammlung mit ihren Kunstwerken, einer Bibliothek und einem Film- und Videoarchiv so zu arrangieren, dass man in ihr eine virtuelle Reise um die Welt machen kann. Man kann ein Objekt aus der Mongolei sehen und es in der Hand halten und dann vielleicht zu einem Videomonitor gehen oder ein Buch nehmen, um mehr über die Region zu erfahren. Man kann nach Griechenland, Nordamerika, Lateinamerika, Afrika, in den Mittleren Osten und zurück nach Asien gelangen, indem man von Objekt zu Objekt geht, begleitet von Videos und Büchern. Auf diese Weise kann man, ohne Watermill zu verlassen, um die Welt und in frühere Epochen reisen und die Geschichte der Menschheit studieren." -

Eine Zeitreise in fünf Etappen Für brand eins hat Robert Wilson fünf Stücke seiner Watermill Collection ausgewählt und erzählt, was ihn mit diesen verbindet.

Text: Robert Wilson

Ein Haus für Edwin Denby Vor einigen Jahren wurde ich gefragt, ob ich eine Skulptur machen wolle für den Park in der Nähe einer Burg in Südschweden, in Wanas. Ich habe daraufhin dieses kleine Holzhaus entworfen. Es ist ein Haus für Edwin Denby (US-Tanzkritiker und Dichter, 1903-1983; d. Red.). Man hört von hoch oben aus den Bäumen ätherische Musik von Michael Galasso. Weil man das Haus nicht betreten kann, schaut man durch die Fenster ins Innere. Die Wände sind in einem hellen Graublau gehalten. Der Boden und die Decke sind aus Kiefernholz. Von der Decke hängen blaue Glühbirnen, die ein kühles, nördliches Licht ausstrahlen. Am Ende des Raums steht ein schmaler Holztisch mit einem geöffneten Buch, und ein Stuhl ist leicht schräg an den Tisch gelehnt. Aus dem Zimmer hören wir Denbys Abschiedsbrief, den er kurz vor seinem Selbstmord schrieb. Darin geht es um einen Flug über den Nordpol - und der Brief ist an Dante gerichtet. Mapplethorpe-Foto von Christopher Knowles Dieses Foto hat Robert Mapplethorpe Mitte der siebziger Jahre von Christopher Knowles gemacht, als Christopher etwa 15 Jahre alt war (ein autistisches Kind, mit dem Wilson damals in seinen Theaterproduktionen zusammenarbeitete; d. Red.). Es wurde aufgenommen, kurz nachdem wir unsere Welttournee beendet hatten. Wir waren in Europa, Lateinamerika und Persien aufgetreten. Bei der letzten Vorstellung in Schiraz, in einem Gebäude aus dem 17. Jahrhundert, fügte Christopher einen Epilog hinzu. Es war das Ende der Tournee, und Farah Diba, die Frau des Schahs von Persien, saß im Publikum. Für diesen Epilog wiederholte Christopher immer wieder die Wörter "Tape Recorder", zehn Minuten lang. Er sprach das in einem sehr leichten, zarten, freundlichen Ton, und es klang ein bisschen wie die Musik von Erik Satie. Weil das so schön war, hatte ich nach drei oder vier Minuten Tränen in den Augen, aber das Publikum wurde wütend: "Wie lange will dieser Junge noch ,Tape Recorder' sagen?!" Als wir von der Bühne gingen, drehte sich Chris zu mir um und sagte ohne Wut oder Ärger: "Bob, wer sorgt bloß dafür, dass du immer so ruhig bist?" Ein Schuh aus Hai-Haut Diesen einzelnen Schuh aus Hai-Haut habe ich vor vielen Jahren auf einem Flohmarkt in Paris entdeckt. Ich habe fast 1000 Dollar dafür bezahlt. Viel Geld für einen Schuh, aber aus irgendeinem Grund war ich von ihm fasziniert. Ein einzelner Schuh. Über viele Jahre habe ich Schuhe gesammelt. Ich habe die Schuhe, in denen Rudolf Nurejew mit Margot Fonteyn getanzt hat, kurz nachdem er aus der Sowjetunion in den Westen emigriert war; ebenso die von George Balanchine und Jerome Robbins (berühmte Ballett-Choreografen; d. Red.) oder die von Marlene Dietrich und einer russischen Prinzessin. Und auch die Schuhe von Walt Disneys Minni Maus. Die Vízner-Schale Dieses Stück stammt von Frantisek Vízner (tschechischer Glasmacher, 1936 in Prag geboren; d. Red.). Er hat es eigens für mich angefertigt. Er ist mein Lieblingsglaskünstler. Die Innenseite der Schale ist stark poliert, ihre Außenseite erscheint wie leicht gefrostet. Deren Textur bricht das Licht auf ganz ungewöhnliche Weise. Und die polierte innere Seite hat eine Anmutung, als wäre sie flüssig. Das Stück hat eine große Kraft in der Einfachheit seiner Form und Oberfläche. Es ist eine sehr meditative Arbeit. Ein Bild von Clementine Hunter Als ich etwa zwölf Jahre alt war, fuhr ich nach Natchitoches in Louisiana, um die Melrose Plantage zu besuchen. Dort traf ich Clementine Hunter (amerikanische Malerin, 1887-1988; d. Red.). Die Plantage gehörte ursprünglich der Familie Metoyer. Nach der Sklavenbefreiung blieben die früheren Sklaven dort und bearbeiteten weiter das Land, auch weil sie ein gutes Verhältnis zu der Familie des Plantagenbesitzers hatten. Sie lebten in Hütten aus Lehm mit Strohdächern, wie in Afrika. Später kaufte die Familie Henry die Plantage. Clementine Hunter hatte keine formale Ausbildung als Malerin und konnte nicht lesen und schreiben. Sie mischte ihre Farben aus natürlichen Pigmenten und malte Motive aus dem Plantagen-Alltag: Kleider waschen, Beerdigungen, Ernten. Sie bemalte die Innenwände einiger Häuser. Damals kaufte ich dieses Bild. Es war das erste für meine spätere Sammlung. In den folgenden Jahren habe ich noch vier weitere, größere Arbeiten gekauft, die ich, als ich 22 war, dem American Museum in Bath, Großbritannien, gestiftet habe. Clementine Hunter wurde gezeigt, wie sie ihren Vornamen schreibt. Sie mochte einfach nicht, wie nah das "l" am "C" stand. Sie fand, das sähe aus, als wären die Arme geschlossen. Ihr war es lieber, wenn die Arme des C weit geöffnet waren.