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Das Labor

An der Côte d'Azur baute sich der Architekt Le Corbusier einst ein Sommerhaus, das äußerst bescheiden war - und revolutionär. Es sei ihm darum gegangen, das Dingliche selbst zu erfahren, sagt der Architekturtheoretiker Markus Grob.




brand eins: Herr Grob, würden Sie in dieser Hütte Ihren Urlaub verbringen wollen?

Markus Grob: Warum nicht? Wir haben doch heute alles, was man dafür braucht: Campingbesteck, Gaskocher, Dosenkost ...

Was hat Le Corbusier 1952 getrieben, diese Minibehausung zu errichten? Damals gab es doch schon komfortablere Bauten.

Man muss die Zeit sehen. Er hat Le Cabanon (Die Hütte), wie es genannt wird, nach dem Krieg gebaut und konnte nicht sicher sein, wie es für ihn weitergehen und ob er noch Aufträge kriegen würde. Da hat er sich eben die Urhütte als Ferienhaus konstruiert.

Die was bitte?

Die Urhütte. Urhütten sind Gedankenspiele von Architekten, Fantasien über den ersten Menschen und seine Behausungen. Das Thema taucht in der Literatur schon beim römischen Baumeister Vitruv auf, im französischen Mittelalter beim Architekturtheoretiker Abbé Laugier, und auch Le Corbusier hat darüber geschrieben, in "Vers une Architecture", das war 1925. Dahinter steht die Frage: Wie haben die Menschen in der Urzeit gebaut? Vier Pfosten in den Boden gerammt und ein Dach darüber? Fest steht, dass sie alles in der Hütte hatten, was sie besaßen: Die Werkzeuge, die Vorräte, die Tiere - aber alles war auch so arrangiert, um sich wohlzufühlen.

Le Corbusier wollte zurück in die Urzeit? Ein Mann, der aus Beton unfassbare Formen gegossen hat, unterwirft sich der Natur?

Schauen Sie sich die Hütte an, der Bauherr war in jeder Hinsicht konsequent. Allein schon die Fassade: Er hätte ja auch Eternitplatten, Gipsplatten oder gehobeltes Holz verwenden können. Aber er hat rohe Bretter, ungehobelte Schwarten, genommen. Das ist eine eindeutige Referenz an die Urhütte. Im Inneren hingegen finden Sie das absolute Gegenteil: glatt wie ein Geigenkasten, seidenmatt polierte Sperrholzplatten, mit feinen Fächern und eleganten Proportionen. Diesen Gegensatz artikuliert er auch mit den Fenstern, deren Läden von innen bemalt sind, und wenn man sie öffnet, sieht man in die wilde Natur hinaus. Es ist eine Art Rückversicherung seiner selbst, die Le Corbusier da vollzieht, indem er den ersten Häuserbauer nachahmt.

Ist das schon Architektur? Oder einfach Handwerk?

Das ist genau jener Moment, in dem das Handwerkliche, das Gebastelte, überspringt in das, was man Architektur nennt. Die absolute Verdichtung. Im Unterschied zum großen Apartment, wo alles nebeneinanderliegt, ist Le Cabanon ein dichtes, dreidimensionales Konglomerat, eine Installation aus allem, was zum Leben nötig ist. Dazu gehören eben nicht nur ausgewählt schöne Gegenstände. Dies alles zu entwerfen erfordert die ganze Aufmerksamkeit desjenigen, der daran arbeitet.

Die Hütte ist 3,66 Meter mal 3,66 Meter breit und 2,26 Meter hoch. Auf dem Grundstück wäre mehr Platz gewesen. Warum diese Maße?

Das entspricht der Maßordnung, wie sie Le Corbusier in seiner Schrift "Modulor" erarbeitet hat. Der Mensch ist darin die Referenzgröße: Sein Nabel ist im Durchschnitt 1,13 Meter über dem Boden; wenn er die Arme ausstreckt, kommt er auf 2,26 Meter. Aus diesen Maßen hat Le Corbusier weitere Reihen abgeleitet, die vom Größten bis ins Kleinste reichen. Von der Schublade bis zum Hochhaus kann damit ein durchlaufender harmonischer Zusammenhang hergestellt werden.

Wurden seine Bauten dadurch menschenfreundlicher?

Nicht wirklich, obwohl das natürlich die dahinterliegende Behauptung ist. Und für spätere Architekten war es eher eine Last, nach dieser Ordnung zu arbeiten. Aber in der Hütte bedeutet das System erst mal die größtmögliche Effizienz. Kein Platz wird verschwendet. Andererseits ist darin ein grundlegender architekturtheoretischer Gedanke verkörpert. Le Corbusier würde es etwa so sagen: Der Ingenieur, der Konstrukteur, der Handwerker schafft die Voraussetzungen, aber erst der Architekt macht daraus Architektur. Zum Beispiel mit einem Instrument wie dem "Modulor".

Was ist der Sinn von Architektur?

Dass sie schön aussieht. Dass sie emotional berührt. Dass Bauten damit zu Behausungen gemacht werden können.

Nicht, dass sie auch nützlich sind?

Das ist ein Vorwand. Le Corbusier hat sich durchaus auch um das Praktische gekümmert. Aber erst das schöne Leben ist ein schönes Leben. Im Idealfall fallen Nutzen und Schönheit zusammen, darum geht es letztlich.

Le Corbusier verbrachte in dieser Hütte mit seiner Frau die Ferien. Wie schaffen es zwei Menschen, sich auf 13,40 Quadratmeter vier Wochen lang nicht an die Gurgel zu gehen?

Indem man sich auch mal aus dem Weg geht.

Auf so engem Raum?

Es liegt an Kleinigkeiten. Wichtig ist etwa, dass man sich aus den Augen verlieren kann, für Momente keinen Blickkontakt hat. So ist zum Beispiel die Decke bemalt. Da kann man hinschauen und so für sich sein.

Wenn jemand auf die Toilette muss, gibt es ein Problem. Sie befindet sich hinter einem Vorhang. Es gibt keine Tür.

Das ist eine weitere gewagte Demonstration seines architektonischen Anspruchs, seines Könnens und seiner Kunst. Krude Notwendigkeit muss in dieses Konzept der allumfassenden Schönheit einzubauen sein, wenn diese denn gültig sein soll. Und so, wie das Hinschauen und Wegschauen zum Zusammenwohnen gehört, verhält es sich auch mit dem Gang zur Toilette. Man muss sich arrangieren. Das erfordert Anstand und Benehmen.

Das verlangt dem Bewohner viel ab.

Möglich. Aber einmal abgesehen von der sichtbaren Architektur gibt es Dinge, die man spüren muss. Sie und ich schauen nur Bilder an, etwa das von der Liege von Le Cabanon. Wenn ich aber auf diesem Bett liege, schaue ich es nicht an. Da zieht mich vielleicht das Gemälde an der Wand in seinen Bann. Oder wenn ich am Tisch sitze, der Blick aufs Meer. So sieht der Bewohner die Toilette vielleicht gar nicht; er wohnt ja da.

Es gibt keine Küche. Hat er die vergessen?

Für ein Abendessen mit Gästen wäre die Hütte ohnehin zu klein. Außerdem gab es ja nebenan ein Restaurant. Da braucht man keine Küche. Das ist einerseits sehr mondän: Man geht jeden Abend aus. Aber es stellt auch Fragen hinsichtlich dessen, wie wir uns das Wohnen heute vorstellen: Wenn man keine Küche, keinen Salon hat, profitieren die Kaffeehäuser und Restaurants. Auch wenn Le Corbusiers Hütte auf dem Land steht, so lassen sich daraus Schlüsse für das Leben in der Stadt ziehen. Etwa: Warum den Platz für ein Bügeleisen und ein Bügelbrett freihalten, wo es doch Wäschereien gibt? Und solange die Kunden haben, wird es sie auch weiterhin geben. Was man aber braucht, ist ein Rückzugsort, und der soll gut und schön sein: Das ist die Wohnung. Ansonsten kann man viel außerhalb erleben. Im Café führt man Gespräche, im Kino schaut man Filme, in Clubs hört man Musik. Die Stadt bietet sehr viel, und so kann man zu Hause auf einiges verzichten. Vielleicht hat Le Corbusier damit der Postmoderne vorgegriffen. Heute besitzen viele Menschen keine CDs oder gar Platten mehr. Sie spielen die Musik aus dem Internet ab. Man muss nicht alles besitzen, um glücklich leben zu können.

Das ist eine sehr weit gefasste Interpretation.

Le Corbusier hat ja auch städtebauliche Überlegungen angestellt. Immerhin steht sein Name für die Charta von Athen, jenem modernen Städtebauprogramm von 1933, das für die Trennung der Nutzungen steht. Hier aber, im intimen Rahmen seiner Ferienwohnung, führt er einen ganz anderen Ansatz vor und integriert alle Nutzungen im höchsten Maß, im Innern wie in der Nachbarschaft. So hat die Hütte auch heute noch eine Relevanz. Andererseits ist Le Cabanon inzwischen eine Antiquität geworden, weil Le Corbusier sie als Modell verstanden hat, das für alle Bewohner seiner Gebäude gilt.

Der Architekt setzt sich also seiner eigenen Architektur aus?

Ich denke, darin bestand ein wichtiger Sinn von Le Cabanon: die Selbsterfahrung, das Experiment am eigenen Leib und Herzen. Architekten brauchen körperliche Erfahrung. Die Dinglichkeit ist ihr Erfahrungsgenerator. Und das war wohl der Gedanke hinter der Hütte. Es tut der Architektur gut, wenn Architekten zu derlei bereit sind.

Hand aufs Herz: Würden Sie in dieser Hütte auch zu zweit einen Monat verbringen wollen?

Trotz aller Neugier wohl eher nicht. -

Markus Grob, geboren 1952, ist Architekt und assoziierter Professor für Architektur an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe