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Finanzkrise in Griechenland

Alle Daten nützen nichts, wenn niemand sie sehen will. Das zeigt die Krise Griechenlands. Die Chronik einer angekündigten Pleite.




1991

Die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedsländer der Europäischen Gemeinschaft treffen sich im Dezember im niederländischen Maastricht zur Vereinbarung zweier historischer Verträge:

Das erste Papier begründet eine europäische Wirtschafts- und Währungsunion. Ziel des ehrgeizigen Projekts ist eine gemeinsame Währung. Der Euro, der damals noch keinen Namen trägt, ist das größte Experiment der Wirtschaftsgeschichte.

Der Inhalt des zweiten Vertragswerks ist nicht weniger ambitioniert: die Bildung einer politischen Union der teilnehmenden Staaten. Benannt werden die Verträge nach dem Ort, an dem sie verabschiedet wurden: Maastrichter Verträge. Der Vertrag über die Wirtschafts- und Währungsunion sieht neben einer Gemeinschaftswährung auch eine Europäische Zentralbank (EZB) vor. Sie soll die Preisstabilität im neuen Währungsraum gewährleisten. Zwei Prozent Inflation im Euroraum gelten der Bank als Obergrenze. Nach dem Vorbild der Deutschen Bundesbank soll sie unabhängig agieren.

Um die Skeptiker mit ins Boot zu holen, schreiben die europäischen Verträge zusätzlich noch ein Schuldenübernahmeverbot vor, eine sogenannte No-bail-out-Klausel.

Im Vertrag über die Wirtschafts- und Währungsunion legen die Politiker auch zahlreiche Kriterien fest, die über den Beitritt zur Währungsunion entscheiden. Zusätzlich vereinbaren sie Vorgaben zur Haushaltsstabilität für alle Mitgliedsländer. Sie sollen die Stabilität und damit den Erfolg der Gemeinschaftswährung dauerhaft sicherstellen.

Sie lauten: Das Haushaltsdefizit eines Mitgliedsstaates darf drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr nicht überschreiten. Die Höhe der Staatsverschuldung darf nicht höher als 60 Prozent des BIP sein. Für den Fall, dass ein Land diese Vorgaben nicht erfüllt, drohen empfindliche Strafen.

Über die Einhaltung der Regeln soll das europäische Statistikamt Eurostat in Luxemburg wachen. Spätestens zum 1. Januar 1999 soll die gemeinsame Währung eingeführt werden, allerdings zunächst nur virtuell. Die Bürger sollen bis 2002 weiterhin mit den nationalen Währungen bezahlen.

1992

Am 7. Februar werden in Maastricht die europäischen Verträge von den Mitgliedern des Europäischen Rates unterzeichnet.

1993

Die Haushaltsdefizite der potenziellen Mitglieder der Währungsunion machen im Durchschnitt gut fünf Prozent des BIP aus. In Griechenland beträgt das Defizit 13,8 Prozent.

1994

Als Sitz der künftigen Europäischen Zentralbank, einstweilen noch Europäisches Währungsinstitut, wird Frankfurt am Main bestimmt.

1997

Alle Länder, die der Eurozone beitreten wollen, müssen bis Jahresende die Zielvorgaben des Maastrichter Vertrags erfüllen. Inflationsraten, Schuldenstände und Defizite müssen ab jetzt an Eurostat gemeldet werden. Die Mitgliedsländer einigen sich über die Regeln von Maastricht hinaus auf einen Stabilitäts- und Wachstumspakt, der vorsieht, dass über einen mehrjährigen Konjunkturzyklus hinweg im Schnitt ausgeglichene Haushalte erreicht werden sollen.

1998

Eurostat wertet erstmals die gemeldeten Daten der Bewerberländer aus. Anfang Mai einigen sich die Spitzen der EU bei einem Sondergipfel in Brüssel darauf, wer an der Währungsunion teilnehmen darf: Insgesamt sind es elf Länder. Auch die Italiener, lange als Wackelkandidaten betrachtet, schaffen die Aufnahme in den erlauchten Kreis. Griechenland ist der einzige EU-Bewerber, dem der Beitritt verweigert wird. Die Begründung: Das Land erfülle keines der Konvergenzkriterien. Immerhin wird den Griechen eine zweite Chance eingeräumt. Im Jahr 2000 soll anhand weiterer Daten endgültig entschieden werden, ob sie Mitglied der Eurozone werden. Im Juni nimmt die Europäische Zentralbank offiziell ihre Arbeit auf.

1999

Zu Jahresbeginn wird der Euro als virtuelles Geld eingeführt. Ab jetzt müssen Unternehmen ihre Bilanzen in Euro veröffentlichen, werden Aktienkurse an der Börse in Euro notiert, Anleihen von Unternehmen wie von Nationalstaaten in Euro begeben.

2000

Im Frühjahr meldet Griechenland der EU-Kommission und dem europäischen Statistikamt Eurostat in Luxemburg seine Finanzdaten für die Jahre 1997, 1998 und 1999. Auf dieser Basis soll entschieden werden, ob das Land Mitglied der Währungsunion wird. Als wichtigstes Kriterium gilt die Höhe der Neuverschuldung, die nach dem Maastricht-Vertrag jährlich höchstens drei Prozent der Wirtschaftsleistung betragen darf. Für 1997 haben die Griechen bezogen auf ihr BIP einen Wert von vier Prozent errechnet, für 1998 2,5 Prozent und für 1999 1,8 Prozent. Damit liegen sie im Schnitt unter der geforderten Grenze.

Die Gesamtverschuldung liegt in allen drei Jahren erheblich höher als die eigentlich erlaubten 60 Prozent des BIP: 1999 bei 104 Prozent, im Jahr davor bei 105 Prozent der Wirtschaftsleistung. Für 2002 prognostizieren die Griechen immerhin nur noch 98 Prozent. Kein gutes Omen. Allerdings lagen auch andere Staaten im Referenzjahr 1997 bei der Gesamtverschuldung weit über der offiziellen Obergrenze.

Eurostat rechnet die griechischen Daten zur Sicherheit noch einmal durch. Und kommt zu anderen Ergebnissen. Die Statistiker in Luxemburg melden für 1997 eine Neuverschuldung bezogen auf das BIP von 4,6 Prozent und für das Folgejahr von 3,2 Prozent. Offenbar haben die griechischen Beamten nach veralteten Buchhaltungsregeln gearbeitet.

Im Juni beschließt die EU, Griechenland zum 1. Januar 2001 in den Kreis der Eurostaaten aufzunehmen.

2001

Griechenland wird als zwölftes Mitglied in den Kreis der Euroländer aufgenommen.

2002

Die europäische Gemeinschaftswährung Euro ist vom 1. Januar an in den Mitgliedsländern das gesetzliche Zahlungsmittel. Die Bürger in Europa stürmen überall an die Geldautomaten, um an das neue Bargeld zu kommen.

Eurostat hat Zweifel an Griechenlands Angaben zu den Vorjahren. Offenbar sind die Militärausgaben des Landes genau wie die Kosten für das Gesundheitswesen unvollständig erfasst worden. Auch tauchen immer mehr Übermittlungsfehler auf. Eurostat meldet bei den zuständigen Beamten Bedenken an.

2003

Die Fachpublikation "Risk" berichtet im Juli über ein Währungstauschgeschäft, das die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs im Auftrag Griechenlands in den beiden Vorjahren abgewickelt haben soll.

"Risk" schreibt, Griechenland habe in Dollar und Yen aufgenommene Schulden von jeweils rund zehn Milliarden in Euro getauscht und später wieder zurückgewechselt. Der Clou bei dem Deal: Es wurden nicht die tatsächlichen Wechselkurse zugrunde gelegt, sondern fiktive. Wegen der günstig festgelegten Wechselkurse bekam Griechenland weit mehr als die ursprünglichen zehn Milliarden Dollar und Yen wieder. "Im Ergebnis vergab Goldman Sachs einen lang laufenden, illiquiden Kredit an seinen Kunden", schreibt das Blatt. Der Artikel bleibt jedoch weitgehend unbeachtet. Wenn es stimmt, was "Risk" schreibt, hat Griechenland sich mithilfe des Deals einen erheblichen verdeckten finanziellen Spielraum von schätzungsweise einer Milliarde Dollar erkauft.

Die Griechen melden eine Neuverschuldung von 1,7 Prozent.

2004

Im März gewinnen in Griechenland die Konservativen die Wahl und lösen die Sozialisten an der Regierung ab. Ein halbes Jahr später gesteht die neue Führungscrew ein, dass ihre Vorgänger seit dem Jahr 2000 geschönte Haushaltszahlen nach Brüssel gemeldet haben. Und dass das Land den Beitritt zur Währungsunion nur mithilfe halsbrecherischer Zahlenakrobatik geschafft habe.

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso gratuliert den Griechen zu ihren "mutigen Schritten". Und ermahnt sie, "die Dinge bis 2006 in Ordnung zu bringen". Andernfalls drohe ein Defizitverfahren. Die Strafen aus einem solchen Verfahren könnten in die Milliarden gehen.

Die europäische Statistikbehörde rechnet die von Athen gelieferten Zahlen nach. Für 2003 kommt sie auf ein Defizit von 4,6 Prozent, statt wie angegeben von 1,7 Prozent. Für die Jahre 2002 und 2001 auf jeweils 3,7 Prozent und für 2000 auf ein Defizit von 4,1 Prozent. Die Überprüfungen ergeben, dass offenbar in mindestens elf Fällen falsche Zahlen geliefert worden sind.

Michel Vanden Abeele, Generaldirektor von Eurostat, nimmt die Hellenen in Schutz. Er bezichtige niemanden der Lüge, gibt er zu Protokoll. Ursache für die Abweichungen sei, dass die Griechen bei der Schätzung der Einnahmen aus Mehrwertsteuer und Eurostrukturfonds zu optimistisch gewesen seien. Außerdem sei ein Teil der Militärausgaben nicht berücksichtigt worden.

Eurostat kündigt an, auch die Angaben von 1997 bis 1999 noch einmal genau zu prüfen.

Im Oktober beschließt die EU-Kommission, eine bereits länger geplante Reform zur Datenerhebung zu beschleunigen. Währungskommissar Joaquín Almunia erhält die Order, Mindeststandards für Statistiken zu erarbeiten.

Einen Monat später kommen die griechischen Eurostat-Zahlen für die Jahre 1997 bis 1999. Ihnen zufolge betrug das tatsächliche Defizit 1997 6,4 statt 4,0 Prozent, 1998 4,1 statt 2,5 Prozent und für 1999 schließlich 3,4 statt 1,8 Prozent des BI P.

Der juristische Dienst der EU-Kommission lässt verlauten, dass er keine rechtliche Grundlage dafür sehe, Griechenland aus dem Euroraum auszuschließen. Erörtert wird eine Sperrung von EU-Fördergeldern, die dem Vernehmen nach eine halbe Milliarde Euro betragen.

Im Dezember beschuldigt Währungskommissar Joaquín Almunia Eurostat, den Ministerrat und die Kommission nicht energisch genug auf die Unzulänglichkeiten im Datenmaterial der Griechen hingewiesen zu haben. Schließlich habe Eurostat bereits 1994 die unzureichende Verbuchung von Militärausgaben, zu hohe Überschüsse bei den Sozialausgaben und andere Erfassungsfehler festgestellt. Aber, so der Kommissar: Die Kommission und Mitgliedsstaaten hätten die Statistiker nicht ernst genommen.

Auch die Europäische Zentralbank sei über die Missstände informiert gewesen, so Almunia weiter. EZB-Vertreter seien bei den Kontrollbesuchen der Statistiker in Athen dabei gewesen. Zudem sei nicht aufgefallen, dass die Athener Notenbank immer höhere Defizitzahlen errechnet hatte als die Regierung.

Die Europäische Kommission leitet ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Griechenland wegen falscher Defizitmeldungen in den Jahren 1997 bis 2003 ein. Sanktionen sind mit dem Verfahren nicht verbunden.

Die EU-Kommission räumt ein, sie hätte die EU-Finanzminister informieren müssen, als ihr beim Datenmaterial für das Jahr 1999 aufgefallen sei, dass die griechischen Behörden ihre Zahlen nicht komplett auf der Grundlage des neuen Europäischen Systems Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen (ESVG) vorgelegt hätten.

Die Staatsverschuldung Griechenlands steigt auf 110,5 Prozent des BIP.

2005

Im griechischen Parlament sorgt der Deal mit Goldman Sachs, über den das Magazin "Risk" 2003 berichtet hatte, für Aufregung. Der Finanzminister Giorgos Alogoskoufis hält das Vorgehen für eine Belastung für Griechenland. In Europa findet die Diskussion keinen Widerhall.

2006

Die europäische Statistikbehörde Eurostat überprüft die Defizitzahlen Griechenlands der vergangenen Jahre. Das Ergebnis: 2004 betrug die Neuverschuldung nicht wie angegeben 6,9 Prozent, sondern 7,8 Prozent. Auch für 2005 halten die Zahlen der Überprüfung des Amtes nicht stand: 4,5 Prozent Neuverschuldung bezogen auf das BIP hatten die Griechen nach Luxemburg gemeldet. Die Beamten kommen auf 5,2 Prozent.

Im Herbst berechnet Griechenland sein Bruttoinlandsprodukt neu. Die Erhebung basiere nun auf den Daten der Volkszählung von 2001, zudem sei der stark gewachsene Dienstleistungssektor sowie die Bau- und Lebensmittelwirtschaft neu bewertet worden, sagt der Finanzminister Alogoskoufis.

Der oberste Statistiker des Landes, Manolis Kontopyrakis, sagt in einem Interview, dass nun erstmals auch illegale Geldflüsse miteingerechnet worden seien, etwa aus Alkohol- und Zigarettenschmuggel, Prostitution und Geldwäsche. Der neu erfasste Sektor mache 0,7 Prozent der Wertsteigerung aus.

Durch die neue Berechnungsgrundlage ist das BIP um 25,7 Prozent gestiegen - und die Verschuldung Griechenlands von 107,5 Prozent auf 90 Prozent des BIP gefallen.

Bundesfinanzminister Peer Steinbrück warnt vor Nachahmern unter den neuen Beitrittskandidaten zur Eurozone. Eurostat will die neuen Zahlen überprüfen, bevor es sie akzeptiert.

Im vierten Quartal gibt Griechenland bekannt, dass das Wirtschaftswachstum zum Jahresende bei 3,8 Prozent liegen werde anstatt bei 3,5 Prozent. Premierminister Kosta Karamanlis kündigt eine Neuverschuldung für 2006 von 2,6 Prozent an.

2007

Griechenland meldet für 2006 eine Neuverschuldung in Höhe von 5,1 Prozent der Wirtschaftsleistung.

2008

Nach der Pleite von Lehman Brothers im September hat die Finanzkrise die Weltwirtschaft voll im Griff. Griechenland bleibt von den schlimmsten Auswirkungen zunächst verschont, griechische Banken halten nur wenige der weitgehend wertlosen US-Papiere. Die Wirtschaftsleistung des Landes steigt gegenüber dem Vorjahr um ein Prozent. Die Staatsverschuldung legt auf 111 Prozent des BIP zu. Damit hat jeder Grieche rechnerisch 20 479 Euro Schulden, im EU-Durchschnitt sind es 15 397 Euro.

Die griechische Neuverschuldung liegt nach Athener Berechnungen bei 7,7 Prozent.

2009

Die Rating-Agentur Standard & Poor's stuft die Bonität von Griechenland auf "A-" herunter. Im April leitet die EU-Kommission ein Defizitverfahren gegen den Staat ein, weil er die Drei-Prozent-Schwelle 2008 zum dritten Mal in Folge überschritten hat. Auch gegen Frankreich, Irland und Spanien geht die Kommission vor.

Die Anleger werden skeptischer: Rund sechs Prozent Verzinsung muss Griechenland auf seine Anleihen anbieten, damit sie investieren. Das sind 2,7 Prozentpunkte mehr, als Deutschland für vergleichbare Papiere zahlen muss. Je höher der Risikoaufschlag, im Fachjargon Spread genannt, desto mehr Geld muss der griechische Finanzminister für den Schuldendienst aufbringen. Und desto höher wird der Schuldenberg bei gleichzeitig abnehmender Bonität.

Transparency International (TI) gibt bekannt, dass Griechenland das korrupteste EU-Land sei. Damit bestätigt TI, was die Griechen jeden Tag selbst erleben und was als großes Wachstumshindernis gilt. Ein Bett im Krankenhaus, eine Baugenehmigung, nichts geht ohne Bestechung. Die Weltbank stuft Griechenland in ihrem Ranking "Doing Business" von Platz 100 auf 109 von insgesamt 183 untersuchten Staaten zurück.

Im Oktober verliert die konservative Regierung die Wahl. Der Zentralbankchef Giorgos Provopoulos schätzt das echte Haushaltsdefizit im laufenden Jahr auf zehn Prozent. Wenig später gibt Athen bekannt, dass die Neuverschuldung des Landes für das laufende Jahr wahrscheinlich bei 12,5 Prozent liegen werde. Im Dezember stufen alle Rating-Agenturen Griechenland auf "B" herunter. Die Staatsverschuldung steigt auf 127 Prozent des BIP, gleichzeitig geht die Wirtschaftsleistung des Landes um zwei Prozent gegenüber 2008 zurück.

Die Neuverschuldung liegt am Ende des Jahres bei 12,7 Prozent der Wirtschaftsleistung. Damit weist das Land das größte Defizit in der EU auf. Im Durchschnitt beträgt der Wert in Europa 6,4 Prozent. Nur Finnland und Luxemburg liegen unter der vorgeschriebenen Drei-Prozent-Grenze.

2010

Der Aufschlag auf griechische Zehn-Jahres-Anleihen beträgt gegenüber den deutschen mittlerweile vier Prozentpunkte. Die EU-Kommission stellt Griechenlands Haushalt unter ihre Kontrolle. Damit sind die Griechen nun verpflichtet, Brüssel regelmäßig Bericht über ihre wirtschaftlichen Entwicklungen zu erstatten. Die Teilnehmer eines EU-Sondergipfels zum Thema erteilen Mitte Februar die Order: Griechenland muss sparen, wenn es Hilfe will.

Nur zwei Tage später berichtet die "New York Times" über den Deal, den das amerikanische Investmenthaus Goldman Sachs Anfang der Dekade mit der griechischen Regierung abgeschlossen hat. Der Bericht bestätigt im Großen und Ganzen den Artikel von "Risk" aus dem Jahr 2003.

Griechenland soll über den Umweg des von "Risk" beschriebenen Währungstausches - Fachbegriff: Cross-Currency-Swap einen Kredit von rund einer Milliarde Dollar erhalten haben. Goldman Sachs kassierte für den Deal nach Recherchen der "New York Times" angeblich 300 Millionen Dollar an Gebühren. Als Sicherheit sollen den Amerikanern Einnahmen aus Flughäfen und dem staatlichen Lotteriegeschäft gedient haben. In der Schuldenstatistik Griechenlands tauchte das Geschäft nicht auf.

Die griechische Regierung räumt nun offiziell ein, dass die Zahlen mithilfe eines Devisen-Swap-Geschäfts schöngerechnet waren. Man habe so rechnerisch die Verschuldung reduziert und gleichzeitig eine Milliarde Dollar mehr in der Kasse gehabt. Eurostat und auch die Rating-Agenturen hätten von dem Deal gewusst, behauptet Christoforos Sardelis, der von 1999 bis 2004 Leiter der griechischen Schuldenverwaltung war. Im Übrigen sei Griechenland nicht das einzige Land, das sich mit derartigen Geschäften geholfen hätte. Tatsächlich soll auch Italien 1996 ein ähnliches Geschäft gemacht haben. Allerdings war das vor der Einführung des Euro.

Die Empörung unter Europas Politikern ist groß. Der Deal scheint genau in eine Regelungslücke hineinkonstruiert worden zu sein. Eurostat legte erst 2008 einheitliche Regeln für Swap-Geschäfte fest. Eurostat korrigiert das griechische Defizit von 2009 auf 13,6 Prozent des BIP. Standard & Poor's stuft die Kreditwürdigkeit der Hellenen weiter herab.

Die Eurostaaten beschließen ein Nothilfeprogramm für Griechenland. Danach kann der Staat 2010 einen zinsgünstigen Kredit in Höhe von 30 Milliarden Euro abrufen. Insgesamt hat das von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) beschlossene Rettungspaket ein Volumen von 110 Milliarden Euro, die über die kommenden drei Jahre verteilt werden sollen. 80 Milliarden Euro stellt die EU zur Verfügung, 30 Milliarden Euro kommen vom IWF.

Im Mai nimmt Griechenland 20 Milliarden Euro aus dem Rettungspaket in Anspruch. Am 19. Mai muss es eine Staatsanleihe von insgesamt 8,5 Milliarden Euro ablösen.

Das Finanzministerium revidiert im Oktober das Staatsdefizit für 2009. Statt 13,6 Prozent bezogen auf die Wirtschaftsleistung, wie Eurostat im April gemeldet hatte, soll es nun 15,4 Prozent betragen haben. Wenig später wird auch die Höhe der Neuverschuldung für das laufende Jahr neu angegeben. Sie liegt nun bei 9,4 Prozent des BIP statt bei 8,1 Prozent.

Die griechische Wirtschaft schrumpft um 4,5 Prozent, bei gleichzeitig weiter steigender Staatsverschuldung. Sie beträgt mittlerweile 143 Prozent des BIP.

2011

Griechenland will sparen und die Steuern erhöhen. Im April muss das Finanzministerium eingestehen, dass die Neuverschuldung 2010 mit 10,5 Prozent des BIP höher ausgefallen ist als ursprünglich angegeben.

Im Mai sagt Griechenland für die nächsten Jahre ein Sparpaket von 30 Milliarden Euro zu. Der griechische Finanzminister Giorgos Papaconstantinou äußert gegenüber der französischen Tageszeitung "Libération", dass es für Griechenland von Vorteil sei, die Rückzahlung der 2010 zugesagten Kreditmittel über 110 Milliarden Euro zu verlängern. Darüber hinaus sollten die Zinsen, die Athen für den Kredit zahlen müsse, gesenkt werden. So könne das Land anderen Zahlungsverpflichtungen nachkommen.

Griechenland hat von der EU und dem IWF bisher 53 Milliarden Euro aus dem 110 Milliarden Euro schweren Rettungspaket vom Mai 2010 erhalten. Um eine weitere Tranche zu bekommen, muss es gegenüber EU, EZB und IWF Fortschritte bei der Sanierung des Haushalts und den angestoßenen Reformen zeigen. Insgesamt beträgt Griechenlands Verschuldung jetzt 330 Milliarden Euro.

Die Rating-Agentur Moody's senkt die Bonität von Griechenland-Anleihen auf "Caa1" ab. Damit gelten sie als hoch spekulativ, weil ausfallgefährdet. Der Aufschlag auf zehn Jahre laufende Griechenland-Anleihen beträgt gegenüber deutschen Bundesanleihen 13,1 Prozent.

Am 27. Mai lehnt das griechische Parlament weitere Sparmaßnahmen ab. Die Regierung hatte eine Deckelung des öffentlichen Dienstes und weitreichende Privatisierungen beschließen wollen.

EZB-Chef Jean-Claude Trichet ermahnt die Griechen zu rigorosem Sparen und weiteren Reformen. Auch die Privatisierung solle die Regierung mit Nachdruck vorantreiben. Außerdem regt der oberste Währungshüter Reformen bei der europäischen Haushaltspolitik an: Die Europäische Union solle künftig die Möglichkeit haben, die Haushaltspolitik hoch verschuldeter Mitgliedsländer an sich zu ziehen. In Athen wird Regierungssprecher Giorgos Petalotis mit Eiern, Joghurt und Steinen beworfen, als er eine Rede zur Finanzlage des Landes hält.

Anfang Juni genehmigt die sogenannte Troika, bestehend aus EU, EZB und IWF, eine weitere Tranche in Höhe von zwölf Milliarden Euro aus dem Rettungspaket. Damit würdigt sie die bisherigen Sparbemühungen der Griechen. Immerhin gelang es ihnen, das Defizit gegenüber dem Vorjahreszeitraum um fünf Prozent zu senken. Allerdings liegt die Staatsverschuldung immer noch auf einem Rekordhoch. Die Fachleute der EU-Kommission, der EZB und des IWF schätzen, dass die Staatsverschuldung weiter steigt: auf 158 Prozent des BIP. Zudem prognostizieren sie für 2011 eine um 3,5 Prozent geringere Wirtschaftsleistung gegenüber dem Vorjahr. Unabhängige Beobachter gehen davon aus, dass das Geld aus dem Rettungspaket spätestens bis zum Sommer 2012 verbraucht sein wird.

Durch Sparen allein, das zeichnet sich mittlerweile ab, wird Griechenland seine Schulden nicht in den Griff bekommen. Deshalb diskutieren die Experten um den Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker auf dem Treffen der Troika über weitere Finanzhilfen. Unter welchen Bedingungen sie ausgezahlt und wie sie aussehen werden - ob etwa private Gläubiger beteiligt werden sollen -, ist dabei strittig.

Die griechische kommunistische Gewerkschaft ruft derweil zu einem Generalstreik auf. Die Mitarbeiter der Telefongesellschaft OTE streiken, weil sie verhindern wollen, dass die Deutsche Telekom die Anteile übernimmt, die der griechische Staat an dem Unternehmen hält.

In Athen und anderswo wird diskutiert, welche Unternehmen Griechenland verkaufen könnte und zu welchem Preis. Etliche Experten glauben, dass sich die Nachfrage nach griechischen Staatsfirmen in engen Grenzen halten wird: Die staatlichen Unternehmen gelten als marode und überbesetzt, Kündigungen sind aber so gut wie unmöglich. Auf den Straßen Athens kommt es zu massiven Protesten gegen weitere Sparmaßnahmen.

Die Aussichten: 2012

Die griechische Wirtschaft soll erstmals wieder zulegen. EZB, IWF und EU-Kommission prognostizieren ein Wachstum von 1,1 Prozent gegenüber 2011. Die Staatsverschuldung soll 166 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachen.

Bis Ende 2014 soll das jährliche Staatsdefizit von 13,6 auf 2,6 Prozent sinken, prophezeien EU-Kommission, EZB und IWF. Dabei sind Privatisierungserlöse von 50 Milliarden Euro aus den Verkäufen von Grundstücken und Unternehmen eingeplant, die der griechische Staat besitzt. Das staatliche Vermögen schätzen die Experten der drei Institutionen auf insgesamt rund 300 Milliarden Euro.

Um dies alles zu erreichen, müsste es Griechenland allerdings gelingen, einen primären Haushaltsüberschuss, also ein positives Ergebnis bei den Einnahmen vor Abzug der Schuldzinsen, zu erwirtschaften. Fünf Prozent müsste der Überschuss mindestens betragen. Und das über mehrere Jahre hinweg, wenn die griechischen Staatsfinanzen wieder ins Lot kommen sollen. Ohne weitreichende Reformen wird das nicht zu schaffen sein.

Einstweilen wird weiterhin darüber gestritten, ob es am Ende nicht doch eine Umschuldung geben muss. Dabei stehen verschiedene Varianten zur Diskussion: Die Kredite könnten entweder verlängert werden, damit mehr Zeit für die Tilgung bleibt, oder die Zinslast verringert oder ausgesetzt werden. Zudem wäre eine Abwertung der griechischen Staatsanleihen denkbar. Oder die Ablösung der alten Verbindlichkeiten durch neue zu günstigeren Konditionen. Während EU-Wirtschaftskommissar Olli Rehn dementiert, wetten Investoren an den internationalen Börsen bereits in großem Stil auf solche Schritte. -

Anmerkung der Redaktion: Bis heute ist kein einziges Land für die Verfehlung der Konvergenzkriterien zur Verantwortung gezogen worden. Auch die kreative Buchführung, derer sich fast alle Euroländer bedienen, ist noch nie bestraft worden.