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Der Akku im Kanal

Die Idee liegt so nahe, dass vor ihnen keiner darauf kam. Zwei Handwerker wollen Wasserstraßen als Energiespeicher nutzen.




- Ein kurzes Rucken, dann setzt sich der Koloss in Bewegung. Wasserpumpen springen an, es röhrt. Das mit grauem Kies beladene Frachtschiff Niedersachsen 1 wird über 38 Meter ins obere Kanalbecken gehievt - wie in einem riesigen Fahrstuhl. "Auf den Seitentürmen lastet jetzt ein Gewicht von 5500 Tonnen", erklärt Hubertus Schulte. Der 46-Jährige sieht aus wie ein Seebär und arbeitet seit 20 Jahren als Schlosser im Schiffshebewerk Scharnebeck am Elbe-Seitenkanal, wenige Kilometer nordöstlich von Lüneburg.

Am liebsten hält er sich in einem der vier Türme auf: "Von hier lässt sich der Kanal am besten in beide Richtungen überblicken." Er ist überhaupt ein Mann mit Weitblick. Zusammen mit Jürgen Nölke, Elektromeister und Geschäftspartner, setzt sich Schulte schon sein halbes Leben für erneuerbare Energien ein. Bereits vor knapp 20 Jahren installierten sie Solarzellen auf ihren Dächern. 1996 gründeten sie eine GmbH, um zwei Windräder zu bauen vier Jahre vor Verabschiedung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) und den damit verbundenen Subventionen.

Ein Problem ist seitdem geblieben: Erneuerbare Energie ist von Natur aus unzuverlässig. Strom aus Wind oder Sonne wird nicht immer dann produziert, wenn er gebraucht wird. Soll der Stromanteil aus solchen Quellen, wie von der Bundesregierung geplant, bis 2020 auf 35 Prozent steigen, muss Energie in großem Stil gespeichert werden.

Irgendwann kam Schulte und seinen Kollegen im Schiffshebewerk der Geistesblitz: Warum nutzen wir die Kanäle nicht als Energiespeicher?

Allein das norddeutsche Wasserstraßensystem zwischen Rhein und Oder ist 1300 Kilometer lang und unterbrochen von drei Schiffshebewerken sowie 45 Schleusen zur Überwindung von Höhenunterschieden. Je nach Pegel wird dort Wasser gepumpt oder abgelassen. "Man müsste die Pumpen nur umrüsten und Turbinen anbringen", sagt Schulte. Wie bei einem Pumpspeicherwerk könne man dann bei einem Stromüberangebot - typischerweise nachts oder an Feiertagen - Wasser in das obere Becken befördern. Bei kurzfristigen Stromspitzen könnte das Wasser wieder in die Tiefe geleitet werden - und auf dem Weg Strom erzeugen.

Die Vorteile der Technik: Sie ist nicht teuer. Und es sind keine Eingriffe in die Natur nötig.

"Die Idee ist einfach und genial zugleich", sagt Thomas Schomerus, Professor für Energie- und Umweltrecht an der Lüneburger Leuphana Universität. Er wundert sich, "dass da nicht schon früher jemand drauf gekommen ist". Ende 2010 begegnete er Schulte und Nölke zufällig, als die bei einer Solarmesse ihr Speicherkonzept vorstellten. "Eigentlich wollte ich dort jemand anderes treffen, aber dann hat die Person verschlafen, und ich wurde versetzt", erzählt Schomerus. Die geplatzte Verabredung erwies sich als Glücksfall.

Mit EU-Geldern zur regionalen Wirtschaftsförderung will Schomerus nun erforschen, wie sich die Idee verwirklichen ließe. Ein erster Vorantrag sei bereits bewilligt, ein erstes Gutachten in Auftrag gegeben. "Viele technische und rechtliche Fragen müssen noch geklärt werden", sagt der Professor. Denn so einleuchtend die Idee auf den ersten Blick auch scheint: Die Kanäle sind in der Hand des Bundes und dienen laut Gesetz zuallererst dem Schiffsverkehr. "Die Durchfahrtshöhen an Brücken und eine ausreichende Wassertiefe müssen bestehen bleiben", sagt Martin Köther, der das Wasser- und Schifffahrtsamt Uelzen leitet. Aber wenn die Kanäle innerhalb bestimmter Grenzen zusätzlich als Energiespeicher genutzt werden könnten, dann sei das "eine Chance, der man sich nicht in den Weg stellen sollte".

Die Wasserhöhe im Elbe-Seitenkanal oberhalb des Schiffshebewerks Scharnebeck darf derzeit um etwa 20 Zentimeter schwanken. "Würde man von dieser Spannbreite die Hälfte zur Stromspeicherung nutzen, ergäbe sich ein nutzbares Wasservolumen von 1,3 Millionen Kubikmetern", rechnet Schomerus vor. Mit den vorhandenen Pumpen ließen sich allein dort nach ersten Berechnungen rund 16 000 Kilowattstunden speichern eine Strommenge, die vier Haushalte innerhalb eines Jahres verbrauchen.

Und: Anders als beim Bau neuer Pumpspeicherwerke ist kein weiterer Eingriff in die Natur notwendig, der zu Bürgerprotesten führen könnte. Die Infrastruktur ist vorhanden, selbst die Pumpen gibt es schon. Die nötigen Investitionen für den Umbau sind nach Auskunft von Schomerus vergleichsweise gering.

Mittlerweile ist am Schiffshebewerk Scharnebeck die Niedersachsen 1 am Oberhafen angelangt. Etwa 15 Minuten hat das Schauspiel gedauert. Quietschend öffnen sich die Tore, das Binnenschiff kann seine Fahrt fortsetzen. Schulte würde sich freuen, wenn sein Arbeitsplatz künftig auch einen kleinen Beitrag zur Energiewende leisten würde. Über ein Patent und mögliche Gewinne hat er nie nachgedacht: "Auf die Idee kommt es an. Und die ist gut." -

Weitere Informationen: Professor Thomas Schomerus, Telefon: 0 4131/6 77 79 39, E-Mail: schomerus@uni.leuphana.de