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Lord John Eatwell im Interview

Als die Finanzkrise ausbrach, forderte alle Welt Transparenz. Warum das Unsinn ist, erklärt Lord John Eatwell.




• Eine Holzbrücke über den Fluss Cam führt zur President's Lodge des Queens' College in Cambridge. Im Jahre 1448 wurde es von Prinzessin Margarete von Anjou, der Gemahlin König Heinrichs VI., gegründet. Die Wände in dem alten Gemäuer sind mit dunklem Holz vertäfelt, im engen Treppenhaus hängen Ölgemälde von früheren Präsidenten und Angehörigen der königlichen Familie. Die President's Lodge ist das älteste Gebäude an der Cam, erbaut ungefähr 1460. Im Obergeschoss serviert Lord Eatwell Tee und Kekse. Er war Berater des Labour-Vorsitzenden Neil Kinnock, verfasste als Ökonom zahlreiche Lehrbücher, arbeitete für die britische Finanzaufsicht und ist seit 1997 Präsident des College. Im House of Lords sitzt er im Haushaltsausschuss.

brand eins: Lord Eatwell, spätestens seit der Finanzkrise gibt es einen inflationären Gebrauch des Wortes Transparenz. Wieso eigentlich?

John Eatwell: Ein Ökonom glaubt, Transparenz bedeutet, über akkurate Informationen zu verfügen, um Entscheidungen zu treffen. Die Marktdefinition bezieht sich auf die Preistransparenz, also die Bewertung von Aktien und Gütern. Dann gibt es aber auch diejenigen, die darunter eine Vereinfachung der komplexen Märkte verstehen. Aber das Wort ist entwertet. Viele sagen: ,Ich bin für Transparenz!' Ja, großartig! Aber was bedeutet das wirklich? Welche Art der Regulierung soll damit durchgesetzt werden? Das bleibt oft im Dunkeln.

Machte mehr Durchblick die Finanzmärkte nicht sicherer?

Keineswegs. Transparenz ist das Mantra der Ignoranten. Der Begriff taucht immer dann auf, wenn einem nichts Rechtes einfallen will. Wer meint, damit den Regulationsrahmen enger ziehen zu können, der irrt. Mit mehr Transparenz werden die Märkte nicht sicherer.

Trotzdem ist es eine populäre Forderung: Angela Merkel, Nicolas Sarkozy, Barack Obama, der Internationale Währungsfonds irren sie alle?

Mangelnde Transparenz ist nicht das zentrale Problem. Früher war es auf den Hypothekenmärkten so: Manche Menschen hatten Ersparnisse und trugen sie zur Bank, andere brauchten Geld. Die Bank nutzte die Einlagen der Ersteren, um für die Letzteren Hypotheken bereitzustellen. Das waren klassische Kreditgeschäfte. Heute läuft es anders. Da fließen die Ersparnisse in einen Geldmarktfonds, der damit irgendein Investment-Instrument einer Bank kauft, die Bank nutzt dann den sogenannten Repo-Markt, um mehr aus dem Kapital zu machen - es ist eine lange Kette von Transaktionen. Jedes Glied in dieser Kette scheint Kosten und Risiken zu senken. Aber tatsächlich ist der Weg vom Sparer zum Kreditnehmer sehr weit geworden. Wenn die Kette an einer oder mehreren Stellen reißt, gibt es eine Krise. Deshalb stellen derartige Finanzinstrumente ein großes Risiko dar.

Es waren solche Finanzinnovationen, die die Krise ausgelöst hatten: Verbriefte Immobilienkredite, die zu Paketen geschnürt und dann weiterverkauft wurden. Kaum jemand wusste, was in diesen Paketen steckte. Könnte man mit mehr Informationen die Märkte bändigen?

Das ist höchst unwahrscheinlich, denn das Risiko im Markt ist systemisch. Es entsteht nicht durch individuelle Produkte. Wenn man also mehr Informationen zu bestimmten Produkten veröffentlichte, verbesserte man nicht das Risikomanagement für das gesamte System. Als der Markt für verbriefte Kredite kollabierte, waren all diese Produkte unverkäuflich, und keiner kannte ihr Risiko. Es gab allerdings auch verbriefte Kredite, die vollkommen in Ordnung waren. Sie waren trotzdem von dem Kollaps betroffen und sind praktisch wertlos geworden. Denn das Vertrauen in zukünftige Erträge war zerstört.

Umso besser wäre es, wenn man dies durch mehr Informationen wieder herstellen könnte.

So einfach lässt sich das aber nicht machen. Viele dieser verbrieften Kreditpakete waren komplexe Derivate. Wer ein solches Produkt kaufte, bekam eine 400 bis 500 Seiten lange Dokumentation dazugeliefert. Jede Information, die Sie nur haben wollten, fanden Sie darin irgendwo. Das Problem war: Niemand hat diese Prospekte verstanden. Ein Derivat wurde möglicherweise von einem promovierten Physiker entwickelt, der sich in Quantenmechanik auskennt und daher die Struktur der Statistiken durchschaut. Dessen Entwurf landete dann auf dem Schreibtisch eines Juristen, der die dafür nötige Dokumentation schrieb. Was da zu Papier gebracht wurde, verstand am Ende kein Mensch mehr.

Klar ist: Nicht die fehlende Transparenz hat zum Kollaps geführt. Sondern der Informationsexzess. Wir müssen die Komplexität reduzieren.

Es braucht also nicht mehr Informationen, sondern andere Finanzprodukte?

Das ist genau die Haltung, die sich in den USA langsam durchsetzt. Es wäre gut, wenn Derivate auf öffentlichen Märkten gehandelt würden, dann müssten sie einfacher werden. Es hätte zudem den Vorteil, dass es immer einen Preis für sie gäbe. Da sie öffentlich gehandelt würden, wüsste man immer, was sie wert sind.

Also doch mehr Übersicht, um der Gefahr Herr zu werden?

Allein damit wird die Welt nicht sicherer. Gefährlich ist vor allem die Art und Weise, wie alles mit allem zusammenhängt und wie Probleme sich ausbreiten wie ein Virus. Gerade weil der Finanzsektor so zentral ist, haben Krisen immer schwere Folgen. Nehmen Sie zum Beispiel Umweltkatastrophen: Selbst bei schrecklichen Ereignissen wie etwa dem Reaktorunfall in Fukushima ist das Risiko lokalisierbar. Die Gefahr betrifft vor allem die Menschen, die dort in der Nähe leben. In der Finanzindustrie ist es anders. Wenn es eine Vertrauenskrise gibt, dann kann sich diese in vielen Ereignissen niederschlagen: Die Zinsraten verändern sich, die Wechselkurse verändern sich, Kredite werden knapp - und das betrifft nicht nur die Finanzmärkte, sondern die gesamte Wirtschaft. Die systemischen Risiken sind ein Phänomen, das man in anderen Märkten in dieser Größenordnung nicht kennt.

Wie entstehen diese Risiken?

Nur ein Beispiel, das dramatischste: Vor der Liberalisierung der Finanzmärkte in den siebziger Jahren war der Wert der Finanztransaktionen, die mit dem Welthandel zu tun hatten, etwa doppelt so hoch wie der tatsächliche Handel mit Waren. Jetzt ist er 80-mal so umfangreich. Jemand sichert den Devisenwechsel ab, diese Versicherung wird weiterverkauft und, und, und - es kommt zu einer ganzen Serie von riskanten Transaktionen. Und trotzdem passiert am Ende nichts weiter, als dass ein Produkt von Deutschland in die USA verschifft wird.

Es mag naiv klingen, aber: Ist diese Aufblähung nötig?

Lord Adair Turner, der Chef der britischen Finanzaufsichtsbehörde, sagt: nein. Er nannte dies ,sozial unnötige Transaktionen' und forderte eine wesentlich simplere Struktur der Finanzmärkte. Es ging ihm dabei nicht um Transparenz, sondern um das Risiko, das in solch langen Ketten steckt.

Der Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hat sich vor einigen Monaten dagegen gewehrt, dass die Ergebnisse des Stresstests der europäischen Banken öffentlich gemacht werden. Welche Risiken wollte er verbergen?

Es gibt bei Zentralbanken eine lange und gute Tradition: Bestimmte Informationen werden nicht veröffentlicht. Dazu zählen Daten über die relative Schwäche von Banken. Kreditinstitute nehmen Ersparnisse auf und verleihen das Geld langfristig, sie betreiben einen sogenannten Fristentransfer. Wenn aber ein Kunde nervös wird und glaubt, eine Bank sei in der Krise, weil einige Kreditnehmer nicht mehr zahlen könnten, dann ist es nur eine rationale Entscheidung, dass er sein Geld dort abhebt. Und zwar, so schnell er kann. Denn er muss der Erste in der Schlange sein. Wer sich ganz hinten anstellt, kriegt vielleicht nichts mehr. Wird also die Schwäche einer Bank angezeigt, könnte sie schneller bankrott sein, als das normalerweise geschähe. Manche Informationen haben einen krisenverschärfenden Effekt.

Der Kunde hat kein Recht darauf zu wissen, wie es seiner Bank geht?

Das Problem dabei ist: Wenn man bestimmte Informationen geheim hält, geht man davon aus, dass die Kunden geschützt werden. Aber sie müssen nicht dadurch geschützt werden, dass man sensible Daten veröffentlicht. Genau aus diesem Grund garantiert der Staat mit den Banken die Einlagen bis zu einer bestimmten Höhe. So gelingt es, die Stabilität des Bankensystems zu erhalten und die Kunden zu schützen.

Als im Mai die großen Euro-Staaten in Luxemburg zusammenkamen, um über die Zukunft Griechenlands zu beraten, wurde der luxemburgische Premierminister Jean-Claude Juncker gefragt, ob ein solches Treffen stattfände. Er dementierte. Die Börsen waren noch geöffnet, und er fürchtete, der Euro könnte ob einer solchen Nachricht extrem unter Druck geraten. Hat er richtig gehandelt?

Ich glaube, er hat einen Fehler gemacht. Denn es war klar, dass herauskommen würde, dass das Treffen stattgefunden hat. Es war eine dieser Unwahrheiten, mit denen man nie davonkommt. Wenn eine große Gruppe von Spitzenpolitikern aus mehreren Ländern an einem Tisch sitzt, kommt das immer raus.

Haben Sie Verständnis für Herrn Juncker?

Ich verstehe seine Absicht: Es waren empfindliche Informationen für den Markt. Deswegen log er. Das ist mehr als verständlich. Aber jetzt hat er ein Problem: Beim nächsten Mal wird ihm keiner mehr glauben. Es ist klar, dass bei Themen wie einer möglichen Staatspleite Griechenlands Dinge geheim bleiben müssen, weil man sonst genau das Problem schafft, das man eigentlich verhindern will. Aber man muss sehr vorsichtig sein und darf nicht das Vertrauen der Öffentlichkeit riskieren.

Juncker sagte, er habe zehn Sekunden Zeit für diese Antwort gehabt. Angenommen, Neil Kinnock, den Sie früher beraten haben, wäre in einer ähnlichen Situation gewesen: Was hätten Sie ihm geraten?

Ich hätte ihm geraten, etwas zu tun, worin er unglaublich gut war: etwas zu sagen, das keine Antwort auf die Frage ist. Alan Greenspan, der ehemalige Chef der Federal Reserve, ist ebenfalls ein Meister darin. Er sagte einmal: ,Wenn Sie verstanden haben, was ich gesagt habe, habe ich mich nicht missverständlich genug ausgedrückt.' In anderen Worten: ,Ich sage manchmal Dinge, die dazu gedacht sind, dass Sie sie nicht verstehen.' Manchmal ist das sehr wichtig.

Was ist ein höherer Wert: die Stabilität des Kapitalismus oder das Recht der Bevölkerung zu wissen, was geschieht?

Das höchste Gut sind Arbeitsplätze, makroökonomische Stabilität und Wachstum. In einer Situation, wie Juncker sie erlebt hat, darf man auf keinen Fall Arbeitsplätze, Stabilität oder Wachstum gefährden. Davon muss man sich leiten lassen. Ein gewählter Politiker oder ein Minister kann darüber entscheiden, was die Öffentlichkeit erfahren sollte und was nicht. Und er hat die Autorität, darüber zu entscheiden. Genau aus diesem Grund leben wir in einer Demokratie: Ein Minister hat dafür die Legitimation. Er muss dieses Mandat verantwortungsvoll ausfüllen und entscheiden, was das Beste für die Öffentlichkeit ist. Macht er das nicht gut, wird er entweder gefeuert, oder er verliert die nächste Wahl.

Wenn das Problem des Finanzsektors nicht die mangelnde Transparenz ist, sondern die Komplexität und die Abhängigkeiten - wie beurteilen Sie die bislang in die Wege geleiteten Reformen?

Ich bin sehr unzufrieden damit. Vieles, was man einmal diskutierte, wurde ad acta gelegt und wird nicht mehr angesprochen. Im finalen Entwurf von Basel III konzentriert man sich nur auf die Einlagenseite - und das mangelhaft: Die Eigenkapitalvorschriften von rund zehn Prozent sind wenig sinnvoll. Das ist weniger, als die Allied Irish Banks vor der Krise hatten - und trotzdem mussten sie von der Regierung gerettet werden. Vollkommen aus dem Blick geraten sind die Risiken durch die Refinanzierung von Banken auf den Kapitalmärkten. Es geht nur noch um die Einlagenseite. Natürlich kosten solche Regulierungsmaßnahmen die Banken Geld. Aber man muss bedenken, was die Gesellschaft zahlt, wenn es zum Unfall kommt. Das könnte viel mehr sein. Seit dem vergangenen Jahr gibt es praktisch keine Impulse mehr, die Reformen voranzutreiben. Es wird viel über Transparenz gesprochen. Aber das lenkt vom eigentlichen Problem ab. ---