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Blase? Na und?

Kann ein Unternehmen gnadenlos überbewertet und gleichzeitig grundsolide sein? Das amerikanische Online-Netzwerk Linkedin zeigt: Es kann. Von der Börse wurde die Firma jüngst mit umgerechnet gut sechs Milliarden Euro wie ein Konzern bewertet, die Unternehmenszahlen indes zeigen einen robusten Mittelständler - der vor einigen Herausforderungen steht.




Der Umsatz (net revenue) des Karrierenetzwerks - gespeist aus Beiträgen von privaten Mitgliedern, Unternehmen sowie Werbeeinnahmen - wächst schnell. Die Kosten legen aber teilweise noch schneller zu. So ist zu erklären, dass die Erlöse im ersten Quartal dieses Jahres im Vergleich zu 2010 um mehr als 112 Prozent stiegen, der Gewinn (net income) mit gut zwei Millionen Euro aber fast unverändert blieb. Warum wurde Linkedin beim Gang aufs Parkett Mitte Mai trotzdem höher bewertet als die Fraport AG, die im selben Zeitraum einen zweistelligen Millionenbetrag verdiente? Die Investoren erwarten, dass die Kontaktbörse weiter wächst und ihre Gewinnmarge dabei deutlich verbessert. Eine nicht unberechtigte Hoffnung: Mit einmal installierter Software und leistungsstarken Servern können Internetfirmen oft immer mehr Geschäft abwickeln, ohne dass die Kosten dramatisch steigen. Das befeuert den Gewinn. Noch haben diese Economies of Scale bei Linkedin aber nicht eingesetzt. Die Nettomarge also der Prozentsatz vom Umsatz, der als Gewinn übrig bleibt lag 2010 bei sechs Prozent. Der deutsche Konkurrent Xing erwirtschaftete gut 13 Prozent, Google sogar knapp 30.

Dass Linkedin bislang nicht profitabler ist, liegt am Geschäftsmodell: Die Amerikaner machen den meisten Umsatz, rund 42 Prozent, mit Hiring Solutions - dahinter verbergen sich Deals mit Unternehmen und Headhuntern, die auf Linkedin gegen Gebühr nach Mitarbeitern suchen. Solche Geschäfte, wie auch der Verkauf von Online-Werbung (Marketing Solutions), der weitere 33 Prozent des Umsatzes ausmacht, werden von einem kosten-, weil personalintensiven Vertrieb eingefädelt, bringen dadurch vergleichsweise wenig Ertrag.

Ein viel besseres Geschäft sind Abonnements, mit denen Mitglieder besondere Dienste in Anspruch nehmen können, die Premium Subscriptions. Die Vorteile der Abos: Sie werden im Voraus bezahlt, selten gekündigt und gelten als konjunkturresistent. Sie tragen aber bei Linkedin nur ein Viertel zum Umsatz bei, Tendenz fallend. In der Krise 2009 legten beim Konkurrenten Xing die Erlöse mit zahlenden Mitgliedern um 30 Prozent zu.

Linkedin mag in puncto Gewinnmarge Nachholbedarf haben ein kerngesundes Unternehmen ist es trotzdem. Das zeigt die Bilanz: Dort finden sich praktisch keine Bankverbindlichkeiten; die Position, in der sie stecken, macht gerade 0,8 Prozent der Bilanzsumme aus.

Außerdem verfügten die Amerikaner schon vor dem Börsengang über gut 100 Millionen Dollar Bares - trotz Investitionen von fast 56 Millionen Dollar im vergangenen Jahr, die komplett aus dem eigenen Cashflow finanziert wurden. Die Zahlen zeigen: Linkedin brauchte den Kapitalmarktzugang nicht, um weiter wachsen zu können. Zwar schaden die gut 200 Millionen Dollar an zusätzlichen Einnahmen aus dem Börsengang nicht. Sie stärken das Eigenkapital, machen die Bilanz noch krisenfester. Der Grund für den Gang aufs Parkett war aber sicher vor allem der Wunsch der Gründer, einen Teil ihrer Anteile zu versilbern.

Ist Linkedin vielleicht doch realistisch bewertet? Einige wenige Zahlen zum Vergleich: Der Konkurrent Xing verdiente 2010 mehr als sieben Millionen Euro, Linkedin rund 40 Prozent mehr, in Euro umgerechnet gut zehn Millionen. An der Börse werden die Amerikaner aber zurzeit rund 15-mal höher bewertet als die Deutschen. Zwar hat Linkedin mehr Nutzer, ist internationaler. Und doch kann da etwas nicht ganz stimmen. Für die US-Kontaktbörse ist das zunächst kein Problem. Sie hat genug Kapital; stürzt der Kurs ab, kann ihr das kurzfristig egal sein. Langfristig aber muss das Unternehmen die Investoren bei der Stange halten. Und das bedeutet: international wachsen. Das ist schwierig, wie die Umsätze zeigen. In den USA liegt - seit Jahren unverändert der Schwerpunkt. Netzwerke sind ein lokales Geschäft. Die meisten Menschen wollen nach wie vor in ihrer Heimat Karriere machen. Um dieses Problem zu lösen, könnte die hohe Börsenbewertung zum Vorteil werden: Sie erleichtert den Kauf von Konkurrenten wie etwa Xing - Linkedin könnte jetzt eigene Aktien als Zahlungsmittel anbieten.

Linkedin, 2003 in Kalifornien gegründet, ist mit mehr als 100 Millionen Nutzern in 200 verschiedenen Ländern das größte internetbasierte Karrierenetzwerk der Welt. Wöchentlich kommen rund eine Million neue Nutzer hinzu. 73 der 100 größten US-Unternehmen nehmen die Dienste der Firma in Anspruch, um nach Personal zu suchen. Das Unternehmen beschäftigt mehr als 1000 Mitarbeiter und ging im Mai dieses Jahres an die Börse. Nach einem fulminanten Start verlor die Aktie seither gut 20 Prozent an Wert.