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Selbst-Bestimmung

Orientierung ist die Kernkompetenz des 21. Jahrhunderts. Aber wo geht es lang, wenn jeder seinen eigenen Weg geht?




In den besseren Stunden aber wachen wir so weit auf, dass wir erkennen, dass wir träumen.
Ludwig Wittgenstein, 1917
1. Die Verrückten

Es gibt einiges, das bei Orientierungslosigkeit hilft: ein Kompass, eine Karte, ein Navigationssystem und, gelegentlich, eine Fernsehfernbedienung. Die soll helfen? Schon, wenn man das richtige Programm erwischt. Kennen Sie "Mad Men"?

Das ist eine amerikanische TV-Serie über Werber in der New Yorker Madison Avenue in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Seit dem Beginn der Ausstrahlung vor vier Jahren begeistern die Episoden, die in der fiktiven New Yorker Agentur Sterling & Cooper spielen, Publikum und Kritiker. Der "Spiegel" nennt "Mad Men" "die wichtigste Serie der Gegenwart". Im englischen "Guardian" schrieb der Kritiker Sam Wollaston schon bald nach dem Serienstart, "Mad Men" sei "proper television, for grown-ups, with brains" ein klassisches Minderheitenprogramm also.

Das erklärt den Erfolg der Serie vor allem bei jungen gebildeten Leuten aber noch nicht. Denn die Serie zeigt eine furchtbare Zeit, mit Chauvis, die Frauen schlecht behandeln. Eine Zeit auch, in der man freudig genoss, in der Konsumgesellschaft noch kein Schimpfwort war und Leute, die Worte wie Ressourcenschonung kannten, nicht auf Partys eingeladen worden wären.

Und doch gibt es einen guten Grund, weshalb die Geschichten aus den Sixties beim Publikum ankommen: Früher, könnte man sagen, war nicht alles besser, sondern vieles schlechter, aber fast alles deutlich klarer als heute. Das ist der Charme der Geschichte, des Rückblicks, und er wird in Zeiten, in denen es an Orientierung mangelt, umso größer. "Mad Men" zeigt uns eine verbindliche Zeit. Das Gegenteil von heute.

2. Konturen

Das Wort Orientierung trägt den Stamm "oriens" in sich, was so viel heißt wie Osten - eine ziemlich sinnige Angelegenheit, denn das ist die Richtung, aus der uns von jeher ein Licht aufging. Das Wort bedeutet so viel wie "Kenntnis von Weg und Gelände". Wer eine Orientierung hat, weiß, wo er sich bewegt und wohin. Meistens jedenfalls.

Die Helden aus "Mad Men" sind manchmal auch ein wenig desorientiert, beispielsweise Don Draper, Werbetexter und Frauenheld, der es bis zum Teilhaber der Agentur gebracht hat. Als leistungsorientierter Enddreißiger hat er in den sechziger Jahren noch eine Zukunft.

Noch wurde man mit 40 nicht ausgemustert, Erfahrung war noch etwas anderes als Belastung. Natürlich fiel auch ein Don Draper mal hin. Aber in einer Gesellschaft mit klaren Regeln und engem Rahmen war selbst das berechenbar, die Fallrichtung bestimmt. Dass die Regeln damals härter, aber klarer waren, war die Voraussetzung für die Erneuerung von fast allem. Nur wo es Regeln gibt, kann man sie kennenlernen, ihren Sinn verstehen - und sie brechen, um sich ein neues Spiel auszudenken.

1962 bemerkte der amerikanische Marketing-Guru Kenneth Schwartz eine massive Veränderung auf den Massenmärkten, die auf "geradezu revolutionäre Art und Weise umgeformt werden", wie er begeistert schrieb: "Der Massenmarkt als homogene Einheit ist explodiert und wird nun von einer ganzen Reihe segmentierter Teilmärkte gebildet, von denen jeder seine eigenen Bedürfnisse, Geschmacksrichtungen und Lebensstile besitzt."

Man konnte überall sehen, wie sich die Vielfalt im Materiellen ausbreitete. Der Zukunftsforscher Alvin Toffler dachte über die Folgen dieser Entwicklung nach und sah eine Welt voraus, in der Orientierung zum wichtigsten Gut werden würde: Es werde so viele Varianten von Waren und Dienstleistungen geben, so viele Angebote, dass niemand mehr in der Lage wäre, daraus für sich das Richtige zu finden. "Wir bewegen uns in der Tat mit immer größerer Geschwindigkeit auf ein allgemeines Überangebot zu und werden bald den Zeitpunkt erreichen, an dem die Vorteile der Differenzierung und Individualisierung von der Komplexität des vom Käufer zu bewältigenden Entscheidungsprozesses aufgehoben werden", schrieb Toffler 1970.

Das Zeitalter der schwierigen Entscheidung, so die Prognose des Forschers, werde sich nicht auf die Welt der Produkte und Services allein beschränken. Die Verwirrung und Desorientierung müsse sich zwangsläufig auch auf andere Lebensbereiche des Menschen erstrecken, auf seine Beziehungen und die Gesellschaft selbst. Die Art und Weise, wie Menschen miteinander umgehen, welche Verbindlichkeiten sie sich zugestehen, ob und wie sehr sie füreinander einstehen - all das werde grundlegend infrage gestellt. Ob das zu einer besseren Welt führt? Oder zunächst nur zu mehr Verwirrung und der Erkenntnis, dass man dort, wo alles möglich ist, am besten gar nicht erst mit irgendwas anfängt? Wo die Optionen unendlich sind, lohnt sich auch der Aufwand nicht mehr. Man wird eh nicht fertig.

Ein Ziel zu erreichen, also mit etwas - im umfassenden Sinn - fertig zu werden, ist eine alte Angewohnheit von Menschen, vielleicht ist es auch eine Unsitte, wer weiß. In der Welt der "Mad Men" jedenfalls fließt noch nicht alles ineinander. Die Lebensabschnitte haben einen Anfang und ein Ende. Es gibt allgemein anerkannte Ziele. Orientierung ist ohne ein Ziel nicht vorstellbar.

Jedenfalls will jeder, der Orientierung sucht, auch irgendwohin. Man möchte sich für etwas entscheiden können - oder zumindest gegen etwas. Doch Gegner oder gar Feinde gibt es kaum noch, weil es sie nicht geben darf und weil ohnehin alle alles verstehen. Grenzen sind demnach unnötig. Wozu soll man sich dann noch orientieren?

Man versteht heute besser, was einer der Stabsleute des ehemaligen sowjetischen Staats- und Parteichefs Michail Gorbatschow meinte, als er, 1987, auf dem Höhepunkt der Perestroika, die den Kalten Krieg beendete, einem amerikanischen Diplomaten sagte: "Wir tun euch gerade das Schlimmste an, was man seinem Gegner antun kann. Wir nehmen euch euren Feind." Nicht alle haben diesen Satz damals verstanden, nicht alle können ihn bis heute verstehen. Abgrenzung ist zur Orientierung von entscheidender Bedeutung.

3. Wir und die anderen

Aus den Konflikten des 20. Jahrhunderts haben die westlichen Kulturen den Schluss gezogen, dass sämtliche Formen von Konfrontation und Polarisierung falsch sind. Das ist eine ehrenwerte Einstellung mit geringem Realitätswert, nicht etwa weil Konflikte so erstrebenswert wären, sondern weil sie mehr sind als bloße geistige oder physische Auseinandersetzungen. Sie formen eben auch Kulturen und fördern die technische Entwicklung. Sie stiften Identität und damit Orientierung. In der Welt der "Mad Men" war das unübersehbar. Es herrschte Kalter Krieg, ein globaler Konflikt mit eindeutigen Positionen.

"Wir tun euch gerade das Schlimmste an, was man seinem Gegner antun kann. Wir nehmen euch euren Feind."

West oder Ost, Kennedy oder Chruschtschow, Willy Brandt oder Walter Ulbricht, Amis oder Russen. Das war die Welt. Natürlich war die auch hinter dieser Fassade komplex. Doch um im Alltag zu bestehen, musste man nicht viel mehr kennen als den deutlichen Grenzverlauf zwischen hier und drüben. Was zwischen den Machtblöcken galt, war auch in der Gesellschaft nicht wesentlich anders. Ein Konkurrent war ein Konkurrent und noch kein Mitbewerber; es war immerhin möglich und nicht verpönt, mit offenem Visier zu kämpfen. Und man war noch nicht so gut darin, seine Schlechtigkeit zu verbergen.

Inzwischen hat sich die Welt von der Drohung eines Frontalangriffs in Richtung Heckenschützentum verändert, und es ist die Frage, ob wir das wirklich als Verbesserung sehen dürfen. Die klare Kontur des Kalten Krieges hat sich in einem nebligen Terrorismus aufgelöst.

Früher gab es Armeen.

Heute gibt es Amokläufer.

4. Common Sense

Auch das sieht man, wenn man auf die "Mad Men" schaut: Es gab eine Ordnung, an der entlang oder gegen die man leben konnte. Denn auch das gehört zu den heute so ungeliebten Konfrontationen: Sie sorgten für Klarheit und, was noch wichtiger ist, für Unterscheidbarkeit.

Der feste Rahmen der alten Gesellschaft ist so oft beklagt und bejammert worden, dass es heute zum festen Kulturgut gehört, die Welt von damals für einen schrecklichen Ort zu halten. Eltern waren immer streng, Verbote seelisch grausam und allgegenwärtig. Nur konnte sich jeder, der in der unbekümmerten Konsumwelt der sechziger und siebziger Jahre keinen Sinn erkannte, einen anderen organisieren.

Die Tatsache, dass die Konfrontation mit den konservativen Eltern schnell eine Jugendkultur gebar, die einflussreicher war als jede vor ihr, ist Beweis dafür. Diese Kultur wurde medial gefördert. Der Konflikt bot eine weitere Möglichkeit zur Differenzierung und damit zur Identität, zum Selbstbild, zur Marke. Man orientierte sich anders. Aber zunächst bewegten sich die, die meinten, alles anders machen zu müssen, und jene, die stur bei dem blieben, was sie für richtig erachteten, in einer Gesellschaft, in einer Welt. Ob sie es wollten oder nicht, sie drehten sich in der gleichen Logik, es gab einen Common Sense.

Dieser Begriff wird beharrlich mit gesundem Menschenverstand übersetzt und damit auch seit Langem mit dem gleichgesetzt, was man Stammtischdenken und, um das Schlimmste zu nennen, bei den Nazis gesundes Volksempfinden nannte. Doch Common Sense ist weit mehr. Es ist ein Navigationssystem, mit dem sich unterschiedliche Teile der Gesellschaft noch verständigen können, eine Art ethisches Regelwerk, das gemeinsames Denken und Handeln gestattet, wo allem Anschein nach nur Differenz besteht. Was gilt wo als richtig und falsch, anständig und unanständig? Der Common Sense sagt uns: Das tut man nicht. Das ist die eigentliche, ursprüngliche Bedeutung des Wortes Common Sense: Gemeinsinn, auch Gemeinschaftssinn. Der hat nichts mit jener Zwangsgemeinschaft, mit dem Druck zur Solidarität zu tun, der heute wieder üblich geworden ist. Dieser Common Sense ist ein Code, aus dem sich ein gemeinsamer Nenner unterschiedlicher Gruppen, Gesellschaften, Märkte, Menschen eben, ergibt. Dieser Gemeinsinn, dieser gute Common Sense macht es möglich, sich zu einigen und unterschiedliche Wege zu gehen.

Gemeinsinn ist eben nicht alternativlos. Und die Gesellschaft der sechziger Jahre war es auch nicht. Genau deshalb konnte sie sich entwickeln.

5. Die fünfte Stufe

Wenn das der alte Maslow wüsste.

Der Psychologe entwickelte vor fast 70 Jahren das wohl eingängigste Modell menschlicher Entwicklung, die sogenannte Bedürfnispyramide.

Für den längsten Teil der Menschheitsgeschichte reichen die unteren drei Ebenen oder Stufen der Pyramide völlig aus, um selbst fleißige Exemplare des Homo sapiens rund um die Uhr zu beschäftigen. Dort geht es um die Befriedigung existenzieller Bedürfnisse, und die war zur Mitte des vorigen Jahrhunderts alles andere als normal und alltäglich. Bis in die Nachkriegszeit hinein gab es Hunger und Not. Saubere Städte und Hygiene wurden erst allmählich wieder zur Normalität wie warme und sichere Wohnungen. Eine elementare Gesundheitsversorgung gab es erst wieder zu Beginn der fünfziger Jahre.

Damit begann sich die zweite Stufe der Pyramide deutlicher abzuzeichnen, auf der Sicherheit steht. Und die war damals weit mehr als heute ein elementarer Begriff. Sicherheit war, wenn man als Überlebender oder Nachgeborener des großen Krieges nicht unmittelbar mit dem Tode bedroht wurde. Auch die Bürger in den Diktaturen jenseits des Eisernen Vorhangs lebten nach Stalins Tod relativ sicher, ebenso wie die Bürger der Staaten, die nachdrücklich für Recht und Ordnung stehen. Als das erreicht war, war die Bahn frei für die dritte Stufe, für den Komplex der sozialen Bedürfnisse. Familie, Freunde, Bekannte, Gemeinde, Gesellschaft - das Soziale und Gemeinsinnige: elementare menschliche Bedürfnisse. Wir messen uns mit anderen und lernen voneinander, wir teilen unsere Erfahrungen und unser Wissen. Nichts von dem hat mit stumpfsinniger Gleichmacherei und menschenverachtendem Kollektivismus zu tun.

Man tut, was man tun will, und ist damit am Ende aller Wünsche angelangt. Das ist der Sinn des Lebens.

Das noch junge Massenmedium Fernsehen war in der Lage, Millionen von Menschen zu einem Gemeinschaftserlebnis zusammenzubringen. Vorm Fernsehen saß man nicht allein, es war noch das Lagerfeuer, das es heute längst nicht mehr ist: Shows, Nachrichten, Sport, das sah man gemeinsam, in Bars, Kneipen, vor Fernsehläden oder beim Nachbarn. Man war kollektiv wegen des russischen Sputniks und der Raketen auf Kuba geschockt und begeisterte sich über die Raumfahrt.

Die Existenz, die Sicherheit, das Soziale - auf diesen Stufen standen die "Mad Men". Es war die Erfüllung des lange angekündigten amerikanischen Traums, der auch für die meisten westeuropäischen Nachkriegsgesellschaften galt. Der materielle Wohlstand schaffte Sicherheit und Orientierung. Das war die Grundlage für etwas Neues, das sich die Menschen eigentlich immer schon gewünscht hatten. Es herrschte ein allgemeiner Konsens darüber, dass man nicht mehr hinter diese drei Stufen zurückfallen wollte. Die drei Stufen sollten massiv gebaut sein. Und niemand wollte hier stehen bleiben.

6. Das Peggy-Problem oder: das Recht auf Glück

Hier kommt etwas Wesentliches ins Spiel, das wir das Peggy-Problem nennen wollen, nach der "Mad Men"-Figur der Margaret "Peggy" Olson, die in der Werbeagentur an der Madison Avenue als Sekretärin ihre Karriere beginnt und sich im Laufe der Zeit zur Texterin hocharbeitet. Als sie nach einer kurzen Affäre mit einem Kollegen schwanger wird, gibt sie ohne große seelische Verwerfung das Kind weg und entscheidet sich für ihre Arbeit. Ist das grausam? Oder konsequent, weil sonst eine unglückliche Mutter ein unglückliches Kind erzöge?

Die Aufgabe von Frauen in der Arbeitswelt von damals ist eindeutig. Sie dienen, sind also Servicekräfte. Sozialen Aufstieg gibt es in der Regel durch Heirat. Wenn eine Frau Karriere macht, dann aus Versehen, wie Peggy Olson, die von ihren männlichen Kollegen so lange nicht ernst genommen wird, bis sie als Texterin erfolgreicher ist als sie. Olson kämpft zunächst um Gleichheit. Denn ihr Platz auf den ersten drei Stufen der Bedürfnispyramide ist weitaus fragiler als jener der Männer und Machthaber. In einem Showdown mit ihrem Vorbild und Mentor Don Draper sagt sie das klar: "Ich will, was Sie haben." Das ist die Realität, und die ist eben nicht immer wahnsinnig differenziert. Es geht zunächst um Kohle, um Güter, um die Größe des Büros, den Gummibaum.

Aber wer solche Sätze sagt, ist schon auf dem Weg zur nächsten Stufe. Dort geht es um Respekt und Anerkennung, um die Bestätigung dessen, was man materiell erreicht hat. Daran kann man sich hervorragend orientieren. Die Emanzipationsbewegung, die Bürgerrechtler, die Studenten - sie alle wollten vor allen Dingen nach oben. Auf die vierte Stufe. Anerkennung und die soziale Akzeptanz für das, was man ist und tut. Wo diese Stufe der Bedürfnisse erreicht ist, so könnte man annehmen, herrscht das Paradies auf Erden. Man hungert nicht, schläft ruhig in seinem Bett in seinem sicheren Heim und weiß, dass man etwas Nützliches tut. Das ist der Gipfel der Möglichkeiten. Fast.

Denn nach dem Wohlstand und dem Respekt für die Leistungen, die man erbrachte, gab es noch etwas, das Wichtigste überhaupt: das persönliche Glück. Nichts anderes ist das, was Abraham Maslow als Ende der Fahnenstange der menschlichen Bedürfnisse definierte: Selbstverwirklichung, die Spitze der Pyramide. Man tut, was man tun will, und ist damit am Ende aller Wünsche angelangt. Das ist das Ziel, der Zweck, der Sinn des Lebens. Alle Visionäre und Utopisten haben das auf die eine oder andere Art und Weise gesagt und proklamiert: Es ging nie allein um eine bessere Gesellschaft. Es ging immer ums persönliche Glück.

7. Endstation Sehnsucht

Das Beste daran war, dass man davon nie genug haben konnte. Auf der vierten und fünften Stufe der Maslow'schen Bedürfnispyramide, die die "Mad Men" damals erklommen hatten, schien ein Perpetuum mobile in Gang gekommen zu sein. Denn wer hat jemals genug Anerkennung bekommen, wer jemals genug Selbstverwirklichung und persönliches Glück erfahren? Davon kann man nicht genug haben. Man wird von diesen Dingen, so dachte man und denkt es bis heute, nicht satt wie von allem Materiellen.

Was für ein Irrtum.

Die American-Dream- alias Wirtschaftswunder-Glücksgesellschaft, die bis heute nach Orientierung sucht, rechnete mit allem - nur nicht mit einer Endstation Sehnsucht.

Das ist wie vieles andere auf der Welt die traurige Folge einer vernachlässigten humanistischen Bildung. Ziel und Zweck heißen auf gut Lateinisch finis. Das ist auch das Wort für Ende. Die Verunsicherung unserer Tage hat, das lehrt uns "Mad Men", mit erfüllten Wünschen zu tun. Vielleicht ist einfach zu viel von dem möglich geworden, was sich die Menschheit so lange gewünscht hat. Das ist der alte Fluch der Romantik, die Deutschland so geprägt hat und die die Grundlage der linken und rechten Träumereien ist, von denen es wieder so viele gibt. Es ist der Fluch der Blauen Blume, dem Symbolgewächs der Romantik, der Ideologie der Sehnsucht, die alles menschliche Streben verbindet. Wer sie findet, das ist Kern und Ziel aller romantischen Überlegungen, findet sich selbst. Das gibt seit vielen, vielen Jahren guten Stoff für Romane, Gedichte, Theaterstücke, Filme und andere Illusionen aller Art ab. Das ist das Ziel aller Wünsche. Happy End. Und dann?

Es ist eine Sache, sich zu finden, eine andere, bei sich zu bleiben. In der Romantik ist das aber kein Problem: Niemand will die Blaue Blume wirklich finden. Die Sehnsucht soll aufrechterhalten bleiben. Stay hungry heißt das heute, zwischendurch immer wieder mal: Motivation. Die fünfte Stufe ist eine enorme Herausforderung, die schwierigste Übung von allen. Bei der Selbstverwirklichung hilft dir niemand weiter. Das kennen Unternehmer und Kreative und alle anderen, die nicht von Romantik, sondern von Ergebnissen leben. Glücklich werden und bleiben ist schwere Arbeit.

8. Ballistische Bahnen

Man kann auch ein anderes Bild wählen, wenn man die "Mad Men" mit unsereins vergleicht. Welchen Kurs nahmen die, welchen wir? Frank Sinatra sang "Fly Me To The Moon", und John F. Kennedy nahm das wörtlich. Noch vor dem Ende des Jahrzehnts betraten Amerikaner den Mond. Heute vermag der US-Präsident, den man einst den mächtigsten Mann der Welt nennen durfte, seine Landsleute noch nicht einmal zur Einführung einiger grundlegender Reformen bei der Gesundheitsversorgung zu überreden. Was würde einem Politiker geschehen, der seine Mitbürger zu etwas Ähnlichem wie einen Mondflug zu überreden versuchte? Womit müsste der rechnen, von Abwahl abgesehen?

Heute fliegt keiner mehr zum Mond. Vielleicht liegt das daran, dass man schon mal oben war, zumindest ist das seither die gängigste Ausrede, es nicht wieder zu versuchen. Nichts ist unerträglicher als eine Reihe guter Tage, heißt es. Der Transformationsforscher Erich Staudt hat es mal in die Welt der Wirtschaft übersetzt: Nichts ist schwieriger als die Erfolge von gestern. Eine wohlständige Gesellschaft, die nicht mehr hungrig ist und der neue Ziele fehlen, macht auf den Rest der Welt einen merkwürdigen Eindruck. Alles wirkt so, als gäbe es auf der fünften Stufe nichts zu holen. Das Selbst scheint so dünn zu sein, dass sich der Aufstieg für die gesättigten Wohlstandsbürger nicht mehr lohnt. Vielleicht waren einige auch schon auf Stufe fünf - und haben dort nichts gefunden? Außerhalb des alten Westens interessiert das allerdings niemanden. Da guckt man auf Leute, denen alles zu viel ist, als kämen sie vom Mond.

Eine wohlständige Gesellschaft, der neue Ziele fehlen, macht auf den Rest der Welt einen merkwürdigen Eindruck.

Der entwickelte Westler aber ist an Höhenflügen nicht mehr interessiert, im Gegenteil. Die Zukunft, das Morgen, liegt immer unter der Gegenwart. Es geht bergab.

Nun ist "Mad Men" eine Serie, die auch nur von Menschen gemacht wird, und zwar von solchen, die heute leben und diese Abwärtsperspektive teilen - ob sie wollen oder nicht. Sie ist bereits so in unserem Denken verankert, dass es keinerlei Pessimismus braucht, um sie sich vorstellen zu können. Das gilt auch für "Mad Men", jedenfalls für den Vorspann. Dort fällt zur Titelmusik ein gezeichneter Mad Man im Flanellanzug nach unten, entlang einer schier endlosen Häuserschlucht, auf der all die schönen Werbebotschaften zu sehen sind, die die Sixties zum Goldenen Zeitalter des Materialismus gemacht haben.

Der Mad Man, materiell gut aufgestellt, purzelt in die Sinnkrise, orientierungslos. Das ist seine Zukunft. Auch für die jüngere Geschichte gilt, dass wir jedes historische Ereignis nur mit unseren Augen sehen können. Unser Zeitalter liegt tiefer als jenes der "Mad Men".

9. Happy End

Das ist und bleibt eine merkwürdige Sichtweise. War alles, was nach der Befriedigung der materiellen Bedürfnisse kam, so schlecht? Ist Geld wirklich alles - kommt danach nichts mehr? Nur so kann man die Welt von heute als Absturz sehen. Kein Wunder, dass die Orientierung schwerfällt.

Eine realistische Abrechnung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sieht anders aus.

Die Lebensbedingungen haben sich auf dem Planeten deutlich verbessert. Das "kurze und extreme Jahrhundert", wie der britische Historiker Eric Hobsbawm das 20. Jahrhundert nannte, war an seinem Ende weit besser als sein Ruf. Im Großen und Ganzen eifrig und einsichtig, hat der Mensch seit den sechziger Jahren den Gesamtzustand der Erde klar verbessert, das gilt für seine Umwelt ebenso wie für die sozialen Rahmenbedingungen der Mehrheit der Menschheit. Immerhin hat in den 40 Jahren des Kalten Krieges keiner den roten Knopf gedrückt. Trotz mehrhundertfacher Overkill-Kapazitäten blieben wir am Leben. Das ist eine reife Leistung, zumal es reichlich Gelegenheiten für den globalen Selbstmord gab.

Das Ende des Kalten Krieges war eine riesige Chance, den alten Links-Rechts-Ideologien des 20. Jahrhunderts zu entgehen. Der wirtschaftliche Aufstieg der sogenannten Entwicklungsländer war die Erfüllung der Wünsche einer ganzen Generation, die dem ärmeren Teil der Menschheit mehr Chancen geben wollte. Es zeigte sich allerdings, dass den Kindern der ersten Welt in aller Regel ihre Ordnung - samt allen Vorurteilen und Dogmen - lieber war als das Wohlergehen der Menschen auf anderen Kontinenten. Das ist interessant: Kaum sind die Menschen auf der vierten und fünften Maslow-Stufe angelangt und letztlich dazu gezwungen, sich an sich selbst zu orientieren, verlässt viele von ihnen der Mut.

Das ging auch den Mutigen so, die sich einer neuen Wirtschaft verpflichtet fühlten, einem sozialen und kooperativen Kapitalismus, der vor mehr als einem Jahrzehnt entstand. Die New Economy war Selbstverwirklichung im unternehmerischen Handeln. Ihr Kern war emanzipatorisch, denn die Orientierung, die sie bot, lag in ökonomischer Unabhängigkeit und - folgerichtig - einem selbst gestalteten Leben.

Hier konnte man seinen Kurs selbst setzen. Kurz jedenfalls. Noch bevor im September 2001 die einstürzenden Twin Towers in New York die Hoffnungen einer offenen Gesellschaft begruben, hatten die Mutigen ihre Orientierung verloren -und ließen sich von Bankern und Konzernen vor den Karren spannen. Was schlichte Gemüter als "Platzen der Blase" einordnen, war tatsächlich auch das massenhafte Eingeständnis, dass es für die Selbstverwirklichung noch nicht reicht.

Wir sitzen alle in einem Boot. Nein, bleiben wir präzise: im selben Geisterschiff.

Da weiß man wieder, warum das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts auch die Nuller-Jahre genannt wird. Jeder rechnet mit Verlusten. Die Arbeitnehmereinkommen in Deutschland sind im vergangenen Jahrzehnt gesunken. Der ideologische Hauptfeind der Antikapitalisten, die Geldwirtschaft, beantragte und erhielt gegen Ende des Jahrzehnts sogar "staatliche Sozialhilfe", wie der Soziologe Ulrich Beck den Bankenrettungsschirm nannte. Damit sitzen jetzt eigentlich fast alle im selben Boot. Das macht es einfacher, nun gemeinsam zu ignorieren, was jeder halbwegs bei Trost befindliche Erwachsene im Westen seit den sechziger Jahren wissen muss: dass wir über unsere Verhältnisse gelebt haben.

Die unangenehmen Konsequenzen werden verdrängt. Da lässt man lieber den alten Links-Rechts-Fundamentalismus aufleben, der bekanntlich im 20. Jahrhundert für eine mordsmäßige Orientierung sorgte.

Selbstverwirklichung? Nein, es sind wieder die Vergesellschaftungs-Lösungen gefragt, zurück zur dritten Stufe, dorthin, wo Demagogen und Manipulanten die Leute am liebsten haben: im Kollektiv, in der Gemeinschaft, der Gruppe. Sie säuseln uns zu: Du musst dich nicht selbst finden ... Wir wissen, wer du wirklich bist ... Wir kennen den Weg ... Es war doch klar, dass du das allein nicht schaffst ...

Wir sitzen alle in einem Boot. Nein, bleiben wir präzise: im selben Geisterschiff.

10. Frankenstein

Wo geht's lang? Welche Richtung ist richtig? Warum tun wir uns so schwer damit, Zukunft zu gestalten?

Eine beliebte Antwort darauf lautet: Es fehlt eine Utopie.

Seit Beginn der Neuzeit bestimmen Utopien das, was wir unter geordneter Zukunft verstehen. Als der englische Staatsmann Thomas Morus im Jahr 1516 seinen Roman "Vom besten Zustand des Staates oder von der neuen Insel Utopia" veröffentlichte, hatte er die chaotische Lage in England vor Augen. Ein tief im Mittelalter steckendes Gemeinwesen verhinderte die Entwicklung des Königreichs.

Utopien werden als Zukunftsmusik verstanden - doch sie waren nie etwas anderes als Anleitungen für die Gegenwart, ein optimistischer Vergleich des Status quo mit dem, was machbar und wünschenswert wäre.

In unserer Lage helfen uns Utopien nicht weiter. Sie zielen nur auf kollektive Bedürfnisse ab. Sie beschreiben ideale Systeme oder Gesellschaften. Sie enthalten aber kein persönli ches Glücksrezept. Mit der Entwicklung des Selbst haben Utopien nichts zu tun, mit seiner Zerstörung umso mehr.

Das wissen wir längst. Dahinter steckt die Volksweisheit, dass nicht alles, was machbar ist, auch wünschenswert sein muss. So dachte zu Beginn der Industrialisierung etwa Mary Shelley, die daraus ihre Geschichte vom "Modernen Prometheus" machte, bekannter als "Frankenstein". Bei der Monstergeschichte dreht sich alles um Respekt, Anerkennung und Selbstverwirklichung lange bevor diese Begriffe Allgemeingut wurden. Was geschieht, wenn man sich orientieren lässt, statt sich selbst seinen Weg zu suchen, zeigen die anti-utopistischen Texte des 20. Jahrhunderts, Aldous Huxleys "Brave New World" und George Orwells "1984". Deren Botschaft ist eindeutig: Versucht selbst, euer Glück zu finden. Arbeitet dafür. Das ist hart. Aber alternativlos.

11. Der Sinn des Lebens

Orientierung ist die ökonomische Schlüsselleistung des 21. Jahrhunderts. Nichts ist wertvoller. Aber der Kurs wird nicht mehr offiziell ausgegeben. Das hilft zuerst den Scharlatanen, den alten Ideologen und neuen Sinnhubern, die uns an jeder Ecke eine neue Richtung verhökern wollen. Nur die eine, unsere, ist nie im Angebot. Vielen scheint das zu reichen. Wenn man nicht weiß, wo man hin will, ist jede Richtung irgendwie okay bis man merkt, dass selbst fahren besser ist als getrieben werden.

Vielleicht brauchen wir für diese Einsicht auch eine neue Aufklärung, so wie das der Historiker und Autor Philipp Blom in seinem Buch "Böse Philosophen" schreibt. Die wichtigste Nachricht der Aufklärung ist immer noch: selber denken.

Dazu empfiehlt Blom in seinem Buch die Einsichten der großen Aufklärer Denis Diderot und des Barons Thiry d' Holbach, die das intellektuelle Epizentrum des 18. Jahrhunderts ausmachten. Statt Ordnungszwang und kollektiver Orientierung - wie bei Europas Lieblingsphilosophen Jean-Jacques Rousseau - gehe es bei den beiden um den Versuch, "die eigenen Leidenschaften zu verfeinern und zu leben (...) Die Leitlinie lautet: Niemand soll sich dafür schämen, sich nach seinen Bedürfnissen zu orientieren, seine Talente, Neigungen und Interessen auszuleben". Nach Diderot und d' Holbach sollte es den Menschen völlig genügen, "ihr eigenes Glück in dieser Welt zu finden, der eigenen Umwelt so wenig wie möglich zu schaden und so viel Gutes wie möglich zu schaffen".

Das ist nicht verrückt, sondern ein menschliches Programm, das es verdient, immer wieder versucht zu werden.

Das ist es, was uns an den "Mad Men" so fasziniert. Sie geben ihre Suche nach dem Glück nicht auf. Sie sind nicht zufrieden. Sie wollen noch was. Das sollten wir auch. Und uns dabei an unseren Erfolgen statt an unseren Ängsten orientieren. Dann wären wir fast schon Optimisten.

Also Erwachsene, mit Gehirnen. -