Bohlsen

Bohlsen ist ein Dorf mit 556 Einwohnern. Es lebt, weil dort alle Ideen haben. Zugezogene und Alteingesessene.




- Eine Terrasse mit Blick zum Garten, auf dem Tisch Porzellan, Blümchenmuster. Otto Schröder schenkt Kaffee ein, greift nach einer Rosinenschnecke und erzählt vom Dorf. Seinem Dorf. In dem man "der Fritz" oder "die Ursel" sagt, und alle wissen, wer gemeint ist. In dem man sich trifft im Schützenverein, Gesangsverein, Tanzverein, bei der Freiwilligen Feuerwehr. In dem Osterfeuer, Dorffest und Mühlenfest die gesellschaftlichen Höhepunkte sind, nicht zu vergessen die Brühtrog-Rally im Sommer. In hölzernen Trögen geht es dann den Fluss runter bis zum Nachbarort Hansen, die Teilnehmer ausgestattet mit Schöpfkelle und Zigarre und etwas, das sie "Schluck" nennen.

Es ist später Nachmittag. Schröders Haar ist noch feucht vom Duschen. Den ganzen Tag war er auf dem Feld, Weizen ernten. Sie seien spät dran dieses Jahr, sagt er. 30 Hektar Wald, 70 Hektar Acker bewirtschaftet Schröder, 64, seit einigen Jahren züchtet er dazu Schweine, 1200 sind es schon. Den Sinn hinter all dem musste er nie suchen. Er hat den Betrieb von seinem Vater übernommen, wie der von seinem Vater und so weiter bis zurück ins Jahr 1483, als Jacob Schröder den Hof gründete, der bis heute Jacobshof heißt. Der Hof war Schröders Leben, das Dorf sein Mittelpunkt, es gab nie einen Grund, das infrage zu stellen. Erst recht nicht, nachdem klar war, dass sein Sohn Jan-Frederik weitermachen würde. Er sagt: "Nach so langer Zeit will man nicht der Letzte sein."

Lüneburger Heide, auf der B 71 Richtung Soltau. Sieben Kilometer hinter Uelzen, zwischen Windrädern, Feld und Flur, liegt es in einer Talsenke an der Gerdau. Bohlsen, 556 Einwohner. Tiefroter Ziegelstein und dunkles Fachwerk zwischen mächtigen Eichen. Über die Gehsteige kullern Äpfel, in den Gärten schnattern Gänse, durch Blumenbeete streichen Katzen. Klein, idyllisch, bodenständig. Das Kaminholz ist in den Garagen sauber bis unter die Decke gestapelt, neben der Haustür hängen geflochtene Weidenkränze und auf den Balken darüber fromme Botschaften. Eine lautet: "Geht dir's widrig, lass es gehn, Gott und Himmel bleibt dir stehen."

Gott und Himmel sind so eine Sache, die Welt dreht sich. Strukturwandel, Landflucht: Das Dorf ist nicht mehr, was es war. Die Rationalisierung der Landwirtschaft hat die Infrastruktur, die Sitten und das Brauchtum, die das Dorf einst prägten, erschüttert. Die Gebietsreformen in den siebziger Jahren haben es seiner Selbstständigkeit beraubt. Das in althergebrachten Normen, Hierarchien und Besitzverhältnissen verankerte Agrardorf ist die Ausnahme geworden. Der Sozialraum Dorf, wie die entsprechende Forschung das nennt, wird nicht mehr dominiert von Altdörflern, sondern zunehmend von Neudörflern, für die das Dorf nicht mehr ein und alles ist.

Der Schriftsteller Arnold Stadler ("Mein Hund, meine Sau, mein Leben"), aufgewachsen auf einem Bauernhof in Baden-Württemberg, lamentierte einmal in der "Taz": "Heute hat die Zahl der Ikea-Katalogleser jene der Bibelleser übertrumpft, und am Sonntag gehen mehr Gläubige ins Fitnessstudio als in die heilige Messe. So ist es hierzulande in der Mitte der Republik."

Nicht in Bohlsen. Tristesse? Lethargie? Entfremdung? Schröder, seit 1995 Bürgermeister der Gemeinde Gerdau, zu der Bohlsen als einer von sechs Ortsteilen gehört, schenkt Kaffee nach, verscheucht die Wespen über dem Kuchenteller und erzählt von 20 selbstständigen Betrieben im Ort. Es gibt einen Schmied, einen Schreiner, zwar weniger Landwirte als früher, dafür ein Institut für Finanzmathematik und Wirtschaftsberatung, ein Labor für Bodenökologie und Umweltbewertung. Aus der ehemaligen Dorfkneipe ist das Landhaus Borchers geworden, in dem französischer Wein verkauft wird und schon Hardy Krüger und Heinz Rudolf Kunze gelesen haben. Dazu jedes Jahr 28 Dorfveranstaltungen und -feste.

"Auch deshalb will man in Bohlsen leben", so Schröder,"viele junge Leute ziehen hierher und renovieren alte Häuser und Resthöfe." Wenn man anruft, um Termine zu vereinbaren, sagen die Leute oft: Ein Gespräch wäre schön, aber leider schwierig, sie hätten viel zu tun. Schröder: "Man steht ja in Lohn und Brot."

Bohlsen wird 1292 erstmals unter dem Namen Boldessen urkundlich erwähnt. Vermutlich wurde schon 300 Jahre früher dort eine Mühle betrieben. Die Mühle, die heute an ihrer Stelle steht, geht zurück auf das Jahr 1852. "Die Mühle", sagt Volker Krause, "war immer das Zentrum des Dorfs." Im Haus gegenüber, Mühlenstraße 1, wird er 1952 geboren. Als Kind turnt er zwischen Mehlsäcken und Mahlmaschinen. 1979 - die Bohlsener Mühle ist so gut wie pleite - übernimmt er die Geschäfte vom Vater. 32 Jahre später ist sie der Kern eines Unternehmens, das 170 Menschen beschäftigt, jährlich 22 Millionen Euro Umsatz macht und, so Krause, einen "dynamischen Prozess" ausgelöst habe, der Bohlsen zu einer Ausnahme mache: "Wir haben Arbeitsplätze und Wachstum geschaffen, Aufträge an Handwerksbetriebe kreiert, das Dorf ist dadurch jünger geworden, lebendiger. Daraus sind von der Mühle völlig unabhängige Ideen entstanden, die das Leben aller bereichern."

Die Bohlsener Mühle beliefert 300 Einzelhändler, vornehmlich in und um Hamburg, Hannover und Bremen mit Frischgebäck und Kuchen. Dauerbackwaren wie Kekse, Cracker, Knäckebrot, Getreideprodukte wie Müsli oder Burger-Mischungen gehen in mehr als 2000 Läden in Deutschland. Dazu handelt sie mit allem, das, wie Krause sagt, "in Brot und Kuchen zu finden ist". Mehl, Gries, Flocken, Kleie, Kakao, Konfitüre, Backpulver. Rund 7000 Tonnen Getreide werden jährlich gemahlen; 2000 Tonnen werden selbst verarbeitet, das meiste davon in den Backstraßen einer 2004 entstandenen Fabrik am Ortseingang. Das Getreide kommt von Biolandwirten der Region, die, wie Krause sagt, "inzwischen eine der Hochburgen ökologisch arbeitender Unternehmen in Deutschland ist".

"Für mich", sagt Krause, ein großer, schmaler, trotz seines grauen Haares jugendlich wirkender Mann, "war und ist der wichtigste Ausgangspunkt das Erkennen von Potenzialen."

Jeder kann sein Ding machen

Alles ist Wirtschaft, Wirtschaft ist überall. So auch im Dorf. Die Mühle hatte ihren Betreibern und dem Dorf jahrhundertelang Halt, Orientierung, Sicherheit gegeben. Als Krause sie übernahm, war sie verstrickt in die "ruinösen Konkurrenzverhältnisse der Mühlenwirtschaft". Es war die Zeit des Höfesterbens, ein Drama in der Provinz. Also musste Krause sich anpassen an die Bedürfnisse der Zeit. Das hieß: Veredelung und höhere Wertschöpfung. Er hatte in Hamburg Volkswirtschaft studiert, inspiriert von Denkern wie E.F. Schumacher ("Small is beautiful") und den Thesen des Club of Rome. "Doch das lässt sich nicht einfach nach betriebswirtschaftlichem Muster von Standortanalysen und Geschäftsplänen erfassen. Dazu bedarf es auch einer Liebe zur Heimat, zum Dorf, zum Landleben und seinen Menschen."

Das klingt altmodisch in Zeiten der Globalisierung, in denen mehr Menschen in Städten leben als auf dem Land, Tendenz steigend. Weil die Metropole zum Synonym für Chance und Perspektive geworden ist, obwohl dort mindestens ebenso sehr Orientierungslosigkeit und Verunsicherung grassieren und immer häufiger Sinnsuche und Sinnfragen.

Vier Beispiele, warum einem Bohlsen, Gemeinde Gerdau, Landkreis Uelzen in Niedersachsen, dagegen als Hort der Zufrie denheit, der privaten und beruflichen Erfüllung erscheinen muss:

_1. Am Teeberg 5, das Labor für Bodenökologie und Umweltbewertung. Hubert Meyer-Spasche, Chemiker, lebte in Hamburg, arbeitete dort für die Universität. Im Auftrag der Umweltbehörde erforschte er streusalzgeschädigte Straßenbäume. Er entwickelte ein Verfahren, bei dem das im Erdreich akkumulierte Salz durch Ionenaustausch neutralisiert wird. Es folgten Anfragen aus Kiel, Lübeck, Bremen, später aus halb Europa. Meyer-Spasche dachte sich: "Dazu brauche ich die Uni nicht, das kann ich als Selbstständiger machen." Bohlsen lag als Standort nahe, weil er mit einer gebürtigen Bohlserin verheiratet war. Eine aufgegebene Schreinerei bot die perfekten Räumlichkeiten, die Abgeschiedenheit des Ortes optimale Arbeitsbedingungen.

"Ich muss kreativ sein in dem, was ich mache", sagt Meyer-Spasche, der von seinem Büro aus auf den Teich hinter der Mühle blickt. "Laboranalysen bringen haufenweise Zahlen hervor, die Bewertung erfordert Ruhe." Es klingelt. Die Post bringt eine Bodenprobe aus Fürth. Meyer-Spasche sagt, erst in Bohlsen sei ihm aufgefallen, wie laut Hamburg sei. Und wo seine Chromatografen, Autosampler und Muffelöfen stünden, sei ohnehin irrelevant. Es gebe eine Studie aus den USA, erzählt er, derzufolge Kreativität am besten in einer Parkanlage gedeihe: "Nichts kann das ersetzen, kein Geld, kein Druck."

_2. Ringstraße 7. Kaffee und Süßes, diesmal im Garten der Meyers. Hans-Joachim, genannt Achim, und Gudrun. Er Bauernsohn aus der Gegend, sie aus Bremerhaven. Nach Bohlsen kamen sie 1979. Sie wollten aufs Dorf, irgendeines. Den Hof, den sie kauften, fanden sie in einer Anzeige in der Lokalzeitung. Seither haben sie drei Söhne großgezogen, den Hof renoviert, eine Firma aufgebaut. Die Stall und Technik GmbH konzipiert und stattet Ställe für Schweine und Rinder aus. Sie würden, sagen die Meyers, nie woanders leben wollen. Nicht mal - wie vor Bohlsen - in Uelzen, 34 000 Einwohner, wo sie ihre Nachbarn nicht kannten. Achim Meyer erzählt, allein in Bohlsen hätten sie 25 Freunde, die bei Geburtstagen unangemeldet vor der Tür stünden, und als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr wisse er, wo in jedem Haus der Schlüssel liege. Und, Augenzwinkern, das Schlafzimmer auch. Gudrun Meyer erzählt von gemeinsamen Urlaubsreisen. Rom, Barcelona, Sizilien, sogar Brasilien. Gudrun Meyer: "So nette Sachen machen wir." Achim Meyer ruft: "Werner, jetzt halt endlich die Klappe!" Der Hahn kräht schon wieder dazwischen.

_3. Von den Meyers zu Florian Schröder, Barnser Straße 7, sind es ein paar Schritte. Sie bringen einen hin. Moin. Hallöchen. Alles gut bei euch? Florian, Bürgermeister Schröders zweiter Sohn, ging nach Abitur und Zivildienst zur Berufsausbildung nach Tübingen, wo er seine Frau Iris traf, mit der er zwischen 2002 und 2004 mit dem Motorrad durch Afrika, Asien, Australien und Neuseeland fuhr. "Wir haben vieles gesehen", sagt Schröder, 37, "riesige Metropolen, Provinz, menschenleere Gegenden."

Iris Schröder, 38, sagt: "Danach war uns klar, dass wir auf einem Dorf in der norddeutschen Tiefebene leben, eine Familie haben und gemeinsam etwas aufbauen wollen." Ein ehemaliges Deputathaus des Jacobshofs stand leer. Florian Schröder richtete eine Logopädiepraxis ein, obwohl, wie er sagt, "Bohlsen bei jeder Standortanalyse für Existenzgründer durchgefallen wäre". Wegen vermeintlich schwacher Infrastruktur. Nach deren Parametern. Doch das Geschäft geht gut. Florian Schröder sagt: "Die Frage ist doch, woran verdiene ich mehr: am Umsatz oder an den Kosten, die ich spare?" Die Meyers vermieten einen umgebauten Schafstall, 140 Quadratmeter Wohnfläche, 450 Euro kalt.

_4.Schröders haben Besuch. Sarah Schulz, 31, eine gute Freundin. Sie studierte in Bremen, lebte ein Jahr in Frankreich, arbeitete in Hannover beim Deutschen Hotel- und Gaststättenverband, bis ihr die Pendelei aus dem Wendland zu anstrengend wurde. 2006 kaufte Schulz mit ihrem Mann den 197 Jahre alten Rosenhof. Im ausgebauten Speicher vermieten sie eine Ferienwohnung. Er ist regionaler Verkaufsleiter im Agrarhandel und arbeitet zu Hause. Gemeinsam bieten sie PR-Konzepte an, Marketingpläne, Betreuung von Internetauftritten. Mit Web 2.0 und Mobilfunk alles kein Problem, so Schulz: "Wir haben alles, was wir brauchen." Die Schwiegereltern leben nur fünf Kilometer entfernt, der Babysitter um die Ecke. Kinos, Restaurants gebe es in Uelzen, das Anschluss an den IC nach Hannover, Hamburg und Berlin hat.

Wenn man fragt, ob sie nicht befürchten, ihre Kinder könnten sich langweilen im Dorf, fragen sie, in welcher Stadt Kinder in einem Fluss baden könnten, in Obstbäumen klettern und Kühe melken? Und wenn die Kinder Teenager sind? Florian Schröder sagt: "Zu meiner Zeit war es uncool, das Dorf gut zu finden, heute sind die Bohlser Teenager stolz auf die Lebensweise im Dorf und vertreten die mit großem Selbstbewusstsein."

"Jeder kann hier sein Ding machen", sagt Krause. " Jeder kann sich hier seine Nische suchen", sekundiert Meyer-Spasche. Der gemeinsame Nenner? " Jeder muss sich einbringen", sagt Achim Meyer, "wer sich für die Dorfgemeinschaft zu schade ist, hat bei uns nichts verloren."

In der jährlichen Bürgerversammlung im Januar geht es daher um Laternenumzug und Silvestertreff. Wer fährt die Kinder beim Dorffest mit dem Feuerwehrauto spazieren? Wer hilft bei der Organisation des Mühlenfestes mit Feuerschluckern, Kindertheater, Rockmusik und bis zu 4000 Besuchern? Wer betreut die Veranstaltungen im Dorfspeicher, in dem ein kleines Heimatmuseum eingerichtet ist, in dem plattdeutsche Lieder zur Gitarre vorgetragen werden und vor dem im Sommer ein Open-Air-Kino stattfindet? Besonders beliebt die Abende unter dem Motto: "Alte Bohlser erzählen". Hecken schneiden, Laub rechen, Wegebau alles Gemeinschaftsarbeit. Otto Schröder sagt: "Wir beschränken unsere Verwaltungs- und Betriebskosten, wir haben keinen Bauhof, wir versuchen, alle im Dorf zu beteiligen."

Der Rohrboden der Bohlsener Mühle. Wirres Geflecht aus Stahl zwischen alten Holzbalken und vibrierendem Blech. Es pfeift und rotiert und surrt und faucht und saugt und dampft und klappert. "Wie ein großes Tier", sagt Helmut Vollmer, "nur dass ich seinen Verdauungstrakt nie verstehen werde." Und da ist er, der Geruch von frisch gemahlenem Getreide, von dem Krause schwärmt und den er mit "Zuhause" gleichsetzt. Erdig, ein bisschen wie Watt. Auch Vollmer, kräftig gebaut, Brille, Vollbart, kennt das Aroma von Kindesbeinen an, weil aufgewachsen in Rauxel, wo seine Eltern eine Bäckerei mit drei Filialen und einem Café betrieben. "Ich bin die fünfte Generation von Bäckern in der Familie." Vollmer war einer der ersten Biobäcker Deutschlands: "Mit so einem Urstoff zu arbeiten, das fand ich total spannend." Zu industriell hergestellten Backmischungen sagt er: "Das gehört nicht ins Brot." Den elterlichen Betrieb wollte er deshalb nicht übernehmen, "obwohl ich wusste: Das war ihr Lebenswerk".

Ohne Zank ging es auch in Bohlsen nicht

1982. Vollmer lebt in Herne. Wenn er aus dem Fenster schaut, sieht er den Kühlturm eines Kohlekraftwerks. Seine damalige Lebensgefährtin ist schwanger. Vollmer annonciert in der "Taz": "Junger Bäckermeister mit Bioerfahrung sucht Bäckereikollektiv auf dem Lande." Eine der beiden Antworten ist von Krause.

Ein paar Monate später steht Vollmer vor der Bohlsener Mühle. Über die Fassade ranken sich Reben, glasklar und gemächlich fließt die Gerdau, im Teich dahinter schlängeln und zappeln Aale. Vollmer sagt: "Schnelles und heftiges Verlieben ist möglich." Was ihm sofort auffiel, waren die stockfinsteren Nächte, "im Frühling das satte Grün, das ist eine Idylle, die kaum zu ertragen ist". Und so fing er an zu basteln, flieste Wände, legte Wasserleitungen, baute schrottreife Maschinen aus dem Gebrauchthandel auseinander, reinigte sie, baute sie wieder zusammen. So entstand die erste Bäckerei der Bohlsener Mühle. Ohne Vollmer, inzwischen Prokurist, wäre sie nicht geworden, was sie heute ist.

Die Begegnung mit Vollmer ist ein Glücksfall für Krause und eine Prüfung für das Dorf. Vollmer trägt das Haar bis über die Schultern, wird Sannyasin, was ihm im Dorf den Spitznamen "Rosaroter Panther" einbringt. Gelegentlich kommt Besuch von den " Jungs vom Golden Temple in Hamburg"; sie tragen lange weiße Gewänder und Turbane. Krause hatte schon im Herbst 1977 Aufsehen erregt, als er mit Kommunarden der AG Sonnenkollektor in der Mühlenstraße tagelang über alternative Energien debattierte. "Wir waren die Exoten", sagt Vollmer, "die Chaoten."

Einmal schimpft einer, nicht mehr ganz nüchtern, in der Dorfkneipe: "Ihr seid alles Betrüger, ihr kassiert Arbeitslosengeld und arbeitet schwarz." Krause nimmt Vollmer danach zur Seite: "Du gibst den Leuten hier allen Grund, sich von dir zu distanzieren, wie du aussiehst, wie du dich anziehst, was du sagst, aber wenn dein Haus brennt, sind sie für dich genauso da."

Typisch Dorf, kleine Welt. Zu klein, um sich aus dem Weg zu gehen, was die Wucht von Konflikten vergrößert. Als die Mühle expandiert, heißt es: "Die Grünen kaufen das Dorf." Krause spricht von Schmähbriefen und Verleumdungen, Verwaltungsschikanen. Vollmer keilt in der Lokalzeitung zurück, unterstellt Bürgermeister Schröder, ihm seien seine Schweine wichtiger als Arbeitsplätze in der Mühle. Heute sieht Schröder das nicht mehr so dramatisch: "Es ging darum, dass die neue Fabrik uns nicht zu nahekommt." Vollmer meint, den Leserbrief würde er heute so nicht mehr schreiben. Irgendwann sagt Schröder zu Krause: "Glaub nicht, dass wir unsere Meinung nicht ändern können." Inzwischen steht Schröder Schulter an Schulter mit Krause und Vollmer bei jedem ersten Spatenstich von Fabrikprojekten. Und wenn die Bohlsener Mühle demnächst aus ihren Dinkelspelzen Pellets machen wird, um damit ihre Backöfen zu beheizen, könnte auch das Dorf profitieren. Schröder: "Eines Tages beheizen wir damit das ganze Dorf."

Bohlsen also. Der Müller, ein Bäcker und das Dorf. Eine große Wurzel und viele kleine. Und die Erkenntnis, dass sie sich gegenseitig brauchen. Das, sagt Krause, verstehe er unter Infrastruktur: "Das Wort bedeutet nichts anderes als Vernetzung, eine Sache allein macht es nicht. Ohne die Mühle wäre Bohlsen immer noch hübsch, aber das Dorf wäre wohl tot." Ohne das Dorf wäre die Mühle nicht so lange da. Er habe, so Krause, Freunde in der Uckermark, die seien mit Enthusiasmus in ein Dorf gezogen. Dummerweise lebe es nur davon, "da zu sein". Die Verzweiflung treibe seine Freunde mittlerweile jedes Wochenende nach Berlin. "Ein Dorf", sagt Krause, "ist interessant für Menschen, egal woher, wenn sich mit den wirtschaftlichen Effekten soziale und kulturelle Effekte einstellen. Das galt und gilt für Bohlsen, für verklärte Landlebenromantik gibt es bei genauem Hinsehen keinen Anlass." -