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Im Unterholz

In seinem ersten Leben als Banker rennt er solange mit der Meute, bis er kaputtgeht. In seinem zweiten Leben als Forstwirt will er alles anders machen.




- Der Anruf kam kurz nach dem Frühstück. Rolands Stimme klang alarmiert, gehetzt. Auf jeden Fall so, dass sich ein Nein auf seine Frage verbot. "Kannst du mir bitte helfen? Ich brauche kurzfristig 23 000 Euro. Jemand von der Bank wird dich später anrufen. Wenn es für dich in Ordnung ist, werden sie den Betrag von deinem Konto abbuchen." Auf meinem Konto war nicht so viel Geld. Trotzdem stimmte ich zu und versuchte, so gut gelaunt wie möglich zu klingen. Auch später, als der Bankberater mich informierte, dass er mein Konto überziehen und meine EC-Karte sperren werde. Wenigstens wurde ich gefragt, bevor ich mich verschuldete. Das war nicht immer der Fall. Der Rest würde sich schon irgendwie finden. Hoffentlich.

Roland ist mein kleiner Bruder. Und seit drei Jahren auf der Suche nach einem neuen Sinn in seinem Leben. Die Suche verschlingt eine Menge Geld, auch meines. Dass ich ihm immer wieder welches gebe, ist für Außenstehende sehr schwer zu begreifen. Ich kann es ihnen nicht verdenken, ich zweifle selbst manchmal an meinem Verstand. Aber allein rational lässt sich unser Verhältnis nicht erklären. Es ist nur zu verstehen, wenn man weiß, dass wir manches, was hier mit Rücksicht auf andere höchstens angedeutet werden kann, gemeinsam durchgestanden haben; dass wir uns näher waren, als es sich Geschwister in vielen anderen Familien sein mögen; dass ich mich manchmal frage, ob ich ihn vielleicht allein ließ, als meine Unterstützung am nötigsten gewesen wäre. Und dass ich mich als große Schwester immer noch für ihn verantwortlich fühle. Auch dafür, dass der zweite Anlauf in seinem Leben nun gelingt.

Wo fängt diese Geschichte an? Im Sommer 2008? Oder doch schon viel früher, als niemand auch nur im Entferntesten damit rechnete, dass dieser selbstsichere, vor Kraft strotzende, fast zwei Meter große Mann einmal zusammenbrechen würde? Jedenfalls hatte Roland in jenem Sommer sehr viel Zeit, die Olympischen Spiele in Peking vom Krankenhausbett aus im Fernsehen zu verfolgen, während die Ärzte wochenlang nach der Ursache für seine ständige Müdigkeit, die Schwindelanfälle und die brüllenden Kopfschmerzen suchten. Nach mehreren Rückenmarkspunktierungen und Computertomografien waren seine Familie und wir, unsere Mutter und ich, auf das Schlimmste gefasst. Bang warteten wir auf die Diagnose - und waren dann grenzenlos erleichtert. Wer den Tod eines Menschen fürchtet, für den ist die Diagnose "Burnout und schwere Depression" eine gute Nachricht.

Roland war damals 32. Er hatte eine ganze Menge in seinem Leben geschafft. Ganz wie es seinem Motto entsprach, das er häufig zum Besten gab. "Ich will mit 30 erreicht haben, wofür andere bis 50 brauchen." Bei Monopoly hatten ihn schon als Kind nur die Parkstraße und die Schlossallee interessiert. Und das Spielgeld hatte er immer lächerlich gefunden.

Er hatte früh geheiratet und bald zwei gesunde und hübsche Töchter, die an ihm hingen. Das Haus unserer Eltern hatte er nach deren Scheidung und einer schweren Krankheit unserer Mutter zu einem Dreifamilienhaus umbauen lassen und vermietet. Sein Terminkalender war randvoll, auch in seiner Freizeit. Er kickte nicht nur, wie andere Männer, nach Feierabend auf dem Fußballplatz herum, sondern legte die Schiedsrichterprüfung ab, war Trainer, Abteilungsleiter des örtlichen Tennisclubs und professionalisierte sein neues Hobby, das Tauchen, mit einem Tauchlehrerschein und einem Sportbootführerschein. Sein Arbeitgeber, eine der größten deutschen Banken, beförderte ihn, obwohl nur Realschulabsolvent, in Windeseile auf immer höhere Posten mit immer mehr Personal- und Budgetverantwortung.

Roland ist der Typ Mensch, der - und das ist durchaus positiv gemeint - Eskimos Kühlschränke verkaufen könnte. Seine Freunde nannten ihn "0800-Roland" - die 24-Stunden-Service-Hotline. Die Leute hingen an den Lippen dieses gut aussehenden Mannes, der in Autos von Premiumherstellern vorfuhr, immer gut gekleidet und um keine Antwort verlegen. Ein erfolgreicher, aber bodenständiger und heimatverbundener Familienmensch, wie man ihn in Bayern gern sieht. Gegen den Bluthochdruck verschrieb ihm der Hausarzt Tabletten.

Ein blutender Finger kann heilen

Wenn wir das Thema Politik ausließen, waren wir trotz des Altersunterschieds von acht Jahren und der völlig unterschiedlichen Lebenswege meist ein Herz und eine Seele. Nachdem er jahrelang zur Bundeswehr gehen wollte - ich bin mir sicher, nur um mich zu ärgern -, machte er dann doch Zivildienst. Später war ich die Schwester, zu der man kurz entschlossen mit den Kumpels für die Feier der Jahrtausendwende am Brandenburger Tor reisen konnte oder - noch später - mal eben zu einem Champions-League-Spiel zwischen dem FC Bayern und Real Madrid im Santiago-Bernabéu-Stadion.

Mit 30 kaufte sich Roland ein Stück Wald. Nicht groß, erst einmal nur rund 5000 Quadratmeter. "Das habe ich mir damals eingebildet", sagte er, als wir vor ein paar Wochen miteinander sprachen. Wenn sich jemand auf Bayerisch etwas "einbildet", dann hat er eine fixe Idee und setzt alle Hebel zu ihrer Realisierung in Bewegung. "So wie andere sich mit 40 einen Porsche kaufen, wollte ich eben einen Wald. Außerdem war es eine gute Geldanlage." Da sprach noch einmal der Banker. Inzwischen besitzt er 15 Hektar und ist kein Banker mehr. Roland ist jetzt Forstwirt mit eigenem Holzhandel.

Der Sommer ist an diesem Tag Ende August noch einmal mit voller Wucht zurückgekehrt. 34 Grad sind angesagt, trotzdem liegt ein Geruch nach Weihnachten in der Luft. Der automatische Holzspalter verarbeitet frisch gefälltes Nadelholz. 40 Raummeter, auch Ster genannt, müssen bis zum Abend fertig sein. Unablässig rumpeln schwere Baumstämme über ein Förderband in den Schacht der Maschine. Kreischend fährt die Kettensäge in das Holz, schneidet die Stämme in 50 Zentimeter große Stücke. Anschließend schiebt ein Eisenzylinder sie mit 30 Tonnen Schubkraft gegen einen Satz Klingen, die sie halbieren, vierteln, achteln oder gar sechzehnteln. Das Holz knarzt, knirscht, splittert. Leni und Theo, die beiden Hunde, haben sich hechelnd in den Schatten verzogen.

Meinem Bruder, der bis vor Kurzem 51 Hemden im Schrank hängen hatte und mindestens ebenso viele Krawatten, rinnt der Schweiß von der Stirn in den Nacken. Auf der Brust hat das schmutzige rote T-Shirt einen großen nassen Fleck. Einmal, als er einen Baumstamm auf dem mit Eisenzähnen gespickten Förderband zurechtrückt, klemmt er sich den Mittelfinger der linken Hand ein. Gut, dass der Wald weit abseits des nächsten Dorfes liegt. Die streng katholischen Bewohner hätten die ausgestoßenen Flüche sicher missbilligt.

Aber irgendwie tut es beinahe gut, einen blutenden Finger kühlen und verpflastern zu können. Das ist eine sichtbare Wunde, die heilt. Eine Depression ist anders. Mit der verbrachte Roland oft Tage einfach im Bett, sprach nicht, aß nicht, verschwand dann für Stunden, ohne zu sagen, wohin, tauchte wieder auf, manchmal ansprechbar, manchmal nicht. "Wenn ich einen Verband um meinen Kopf gewickelt hätte, könnten mich die Leute vermutlich besser verstehen", sagte er einmal während seiner ersten stationären Behandlung in einer Mischung aus Ironie und Sarkasmus. Es war für ihn selbst vermutlich am schwersten zu akzeptieren, dass er dem Erwartungsdruck - dem von außen und dem eigenen - nicht standhalten konnte. "Rückblickend war es schon so, dass ich Anerkennung um so gut wie jeden Preis wollte."

Leistung war in unserer Familie ein durchaus problematisches Thema. Wir hatten nicht viel Geld, als mein Bruder und ich klein waren. Dennoch sollten wir beide nicht auf eine gute Schulbildung, privaten Musikunterricht oder Sport verzichten müssen. Brachten wir nicht die dafür erwarteten guten Noten nach Hause, stand es um die Stimmung nicht zum Besten. Hatte Roland Angst, nicht mehr geliebt zu werden, wenn er "versagte"? Hielt er deshalb so lange wie irgend möglich die Fassade aufrecht? Hätte ich, als große Schwester, eine Veränderung bemerken können, wenn ich nicht tausend Kilometer weit weg gewesen wäre?

20 bis 30 Prozent der Berufstätigen in Deutschland sind Schätzungen zufolge Burnout-gefährdet. Drei bis fünf Prozent der besonders schweren Fälle müssen stationär behandelt werden wenn sie es denn zulassen. Roland versteckte seine Krankheit zwar nicht und begab sich auch relativ schnell in stationäre Behandlung. Aber selbst dort wollte er die Zügel noch in der Hand behalten. "Am Anfang", erinnert er sich, "wusste die Psychologin wohl nicht, wer das Gespräch führte. Sie oder ich. Ich kam meist mit einer Liste von Fragen an, die ich abarbeiten wollte." Gruppentherapie lehnte er ab. "Wir nehmen uns gegenseitig bei der Hand und erzählen uns, wie schlimm unser Leben ist, nein, das ist nicht meins. Außerdem war mir überhaupt nicht nach Gesellschaft, ich wollte lieber für mich allein sein."

Allein sein, das hieß auch, dass er seine nächsten Angehörigen geradezu brutal von sich stieß. Dann wieder, wie aus heiterem Himmel, rief er an, wollte reden und Besuch, ein paar Stunden Ausgang aus der Klinik mit einem Ausflug verbinden oder einem Essen im Restaurant. Wir hypnotisierten zu Hause unsere Telefone, warteten gebannt auf ein Wort dieses Menschen, dem wir doch helfen wollten, wieder der Alte zu werden. Oder zumindest so etwas Ähnliches wie der Alte.

Dann fand er am Arbeiten mit Holz so viel Freude, dass er bald halbe oder sogar ganze Tage in der Klinikschreinerei verbrachte. Es ging aufwärts. Zu Weihnachten bekamen wir alle selbst gemachte Brotzeit-Bretter, Untersetzer und Serviettenbilder.

Die vorgegebenen Verkaufsziele in der Bank haben den Zusammenbruch sicher nicht allein verursacht, auch wenn Roland sie rückblickend vor allem anderen verantwortlich macht. "Mir war oft der ganze Sonntag verdorben, weil ich schon mit flauem Magen daran dachte, was die nächste Woche bringen würde. Heute mache ich mir meinen Druck selbst, und ich bin derjenige, der das Ergebnis direkt beeinflussen kann." In der Bank, wo er zuletzt im Privatkundengeschäft eine Gruppe von rund 20 Leuten führte, sei das nicht möglich gewesen. "Da kannst du den Leistungsdruck von oben nur nach unten weiterreichen."

Was genau in den Therapien zur Sprache kam, wissen wir nicht. Ich habe die behandelnde Psychologin einmal fast verrückt vor Angst angerufen, als Roland für eine "Auszeit", wie er das nannte, mit dem Motorrad in die Alpen fuhr und sich tagelang nicht meldete. Doch ein Gespräch mit mir hätte sie nur führen können, wenn er sie von der Schweigepflicht entbunden hätte. Das hat er nicht getan.

Ich frage mich heute, ob wir alle, seine Frau, seine Freunde, seine Mutter und ich, anders hätten reagieren sollen, als sich Roland nach der Entlassung aus dem Krankenhaus in das nächste Abenteuer stürzte, in dem er nun definitiv reüssieren wollte. Erst einmal nur im Nebenerwerb, denn die Bank hatte ihn mit offenen Armen wieder aufgenommen. Aber wir hielten uns zurück. Bloß keine Kritik üben, bloß keine missverständlichen Fragen stellen. Man konnte ja nachlesen, im Internet und in den Zeitungen, wozu Depressionen unter Umständen führten. Da sprangen Menschen von Brücken und vor Züge, und wer von uns hätte sich schon sagen lassen wollen, dass er der Auslöser war? Außerdem waren wir eine Familie, oder? Also gelobten wir auch Verständnis und Unterstützung, als Roland, wie er heute zugibt, für seine eigene Firma "alles an Maschinen kaufte, was im Katalog schön aussah". Wir muckten nicht einmal auf, als die Löcher in unseren Konten immer größer wurden. Weil es damals so schön praktisch war, hatten wir Roland als unserem Bankberater schon vor langer Zeit Vollmachten eingeräumt.

Ich weiß nicht, was mich mehr aus der Fassung brachte. Dass er kein Vertrauen mehr hatte, mich um das Geld zu bitten. Dass er sich womöglich berechtigt fühlte, sich einfach so zu bedienen. Oder die Konsequenz daraus: dass ich ihm in diesem Leben nie mehr hundertprozentig würde trauen können.

Trotzdem hielten wir zunächst still. Zugegeben, mit Mühe. Geld würde diese Familie nicht auseinanderbringen. Ohnehin sollten die Finanzierungslücken nur von kurzer Dauer sein, beruhigte uns Roland. Wir waren brave Eskimos. Mit Galgenhumor scherzten wir sogar mit unserer 85-jährigen Großmutter. Sie hatte sich, wie das für Menschen ihrer Generation wohl nicht unüblich ist, für ihre letzte Reise eine hübsche Summe zusammengespart. Sterben war für sie nun bis auf Weiteres verschoben. Ich war in den vergangenen zwölf Monaten so manches Mal mit der Kreditkarte im Supermarkt einkaufen und jüngst sogar der Deutschen Bahn für eine einstündige Verspätung dankbar. 20,45 Euro Entschädigung sind eine Menge Geld für jemanden, der nur noch 40 Cent Bares in der Tasche hat.

Roland wollte, zusätzlich zu seinem Holzhandel, einen Maschinenverleih betreiben. Doch diese Rechnung ging nicht auf. Er musste die meisten der teuren Maschinen Stück für Stück mit Verlust wieder verkaufen und behielt nur diejenigen, die für seine Arbeit im Wald unverzichtbar waren.

An diesem heißen Spätsommertag stehen auf der Lichtung Geräte und Fahrzeuge im Wert von rund 200 000 Euro. Die Auftragslage ist so gut, dass Roland inzwischen sogar Holz aus anderen Regionen Deutschlands zukaufen muss. Dafür brauchte er auch die 23 000 Euro von mir. Er kann ja nicht seinen eigenen Wald kurz und klein hacken. Der vergangene harte Winter war vielen eine Lehre, sich beizeiten mit Vorrat einzudecken. Hier auf dem Land heizen viele Menschen mit Holz.

Aber pünktlich, also bei Lieferung, bezahlen nur Privatkunden. Kommunen schieben die Begleichung der Rechnungen oft hinaus. Die Raten für die Maschinen muss Roland trotzdem zahlen. Rund 6000 Euro pro Monat.

Einem Kleinunternehmer im ersten Firmenjahr zeigen die Banken die kalte Schulter. Unser Elternhaus hat Roland inzwischen verkauft. Nach Abzug der Kredite für den Umbau und der Begleichung seiner Schulden aus dem misslungenen Maschinenhandel blieb ihm kein Cent mehr übrig. Von den für ihn wichtigen Dingen, die er sich bis zu seinem 30. Geburtstag geschaffen hatte, ging als Nächstes seine Ehe drauf. Sie wurde im Februar geschieden.

"Wenn ich nicht aufpasse, ist mit 50 alles weg, was ich mit 30 hatte", kehrt er nun sein einstiges Lebensmotto um. Die Gefahr einer Pleite ist noch nicht abgewendet. Für seine Kinder ist Roland nach wie vor der beste Vater der Welt. Seit Kurzem gibt es auch wieder eine Frau an seiner Seite. Über Depressionen haben wir seit langer Zeit nicht mehr gesprochen. Stattdessen fallen auch mal wieder klare und deutliche Worte. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn damit immer erreiche. Manchmal habe ich das Gefühl, als habe er die Klinik damals mit einer Art Ritterrüstung verlassen, an der alles abprallt, was ihn ins Wanken bringen könnte, die aber auch nur wenig Empathie nach draußen lässt für andere Menschen und deren Lage, die er zumindest mitverantwortet. In solchen Momenten möchte ich ihn schütteln und ohrfeigen, damit dieser Panzer von ihm abfällt.

Mit etwas Glück fügt sich das alles aber doch zu einem Neuanfang. Ich wünsche es ihm. -