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Alexander Brochier

Er wollte Schauspieler oder Entwicklungshelfer werden. Dann trat Alexander Brochier doch in die Fußstapfen seiner Vorfahren und führt seitdem das Familienunternehmen. Auf seine ganz eigene Art.




- Der so heiter wirkende Mann teilt sein Leben gern in zwei Teile. In ein Davor und ein Danach. Den Scheidepunkt bilden drei Tage im Mai 1986. Sie haben ihm die Augen geöffnet. Alexander Brochier war 36 und schon einige Jahre Juniorchef des Nürnberger Traditionsunternehmens der Familie, als er für ein Managementseminar ins Fichtelgebirge fuhr. Davor habe seinem Leben der rote Faden gefehlt. "In Bad Alexandersbad fand ich ihn."

Das, was er als eine Art Erweckungserlebnis beschreibt, war kein tragischer Zufall, keine hautnahe Begegnung mit menschlichem Leid, sondern die stille Auseinandersetzung mit sich selbst.

In dem Seminar geriet er in die ungewohnte Lage, seine eigene Grabrede schreiben zu müssen - eine Methode, die Coaches gern anwenden, um ihre Kunden zum Ergründen ihrer Lebensziele zu bewegen. Die Frage lautete: Womit will ich der Nachwelt in Erinnerung bleiben? Brochier kam mächtig ins Grübeln.

"Ich machte erst einmal eine Gliederung, in der ich zwischen verschiedenen Lebensbereichen unterschied", erzählt er. Aufzuschreiben, was er in beruflicher, sozialer und gesundheitlicher Hinsicht erreichen wollte, sei ihm nicht schwergefallen: das Wachstum des Unternehmens vorantreiben, die Beziehung zu den fünf besten Freunden pflegen, schlank bleiben, nicht rauchen. "Was aber sind darüber hinaus meine persönlichen Ambitionen? Was ist mir wichtig? Diese Fragen ließen mich nicht in Ruhe schlafen."

Wieder sollte eine Unterteilung helfen - in materielle Ziele auf der einen Seite, ideelle auf der anderen. Schnell habe er aufgeschrieben, wo er gern Häuser hätte und welche Autos er fahren möchte. Dass er mindestens drei Kinder zeugen wollte. "Doch das reichte nicht. Mir wurde klar, dass ich irgendwie bedeutend sein wollte. Da aber kein Hahn danach kräht, ob du es zu etwas gebracht hast, sondern nur, was du ihm bringst, sagte ich mir: Du musst Nutzen schaffen, und zwar mehr als andere. Nutzen für die Gesellschaft und die Stadt, in der du lebst."

Brochier ließ Taten folgen. Er erkundigte sich bei Mönchen nach deren Methoden, anderen Menschen zu helfen, und fragte beim Dachverband SOS Kinderdorf, wie er sich nützlich machen könnte. Als er Anfang der neunziger Jahre durch den Verkauf von Unternehmensteilen einen zweistelligen Millionenbetrag erlöste, sah er darin die Chance für den großen Wurf: "Ich sagte mir, jetzt mache ich mein eigenes Kinderdorf, und steckte fünf Millionen Euro in die Gründung der Stiftung, die sich bis heute um benachteiligte Kinder kümmert."

Ein Unternehmer wird zum Wohltäter: Was war mit Alexander Brochier passiert? Hatte ihn das Seminar im Fichtelgebirge tatsächlich so verändert? Alexandra Freund ist Psychologie-Professorin an der Universität Zürich. Die Frage, inwiefern Ziele die Entwicklung eines Menschen beeinflussen, ist der Schwerpunkt ihrer Forschung. Sie sagt: "Persönliche Ziele geben uns Sinn und Orientierung." Ein Alltag, der nur von Routinen und fremdbestimmten Aufgaben beherrscht sei, würde häufig als sinnentleert empfunden werden. "Allerdings dürfen Ziele, wenn sie einen prägenden Einfluss auf unser alltägliches Handeln haben sollen, nicht auf einer abstrakten und illusionären Ebene bleiben." Allgemeine Werte wie Gerechtigkeit oder Hilfsbereitschaft beeinflussten unser Verhalten kaum. Persönliche Ziele setzen heiße, bedeutungsvolle Vorhaben mit konkreten Handlungsplänen zu verknüpfen. "Indem wir das tun, bestimmen wir unsere Entwicklung aktiv mit." Denn Ziele leiten unser Handeln über Zeit und Situationen hinweg. "Wenn wir etwa ein Berufsziel bestimmen, entscheiden wir damit unter anderem, welche Fertigkeiten wir ausbilden, auf welche Themen wir unsere Aufmerksamkeit richten und in welchen Kreisen wir uns bewegen. Wir geben unserem Leben eine Richtung."

Jahrespläne, Zehnjahrespläne, ein Lebensplan. Ziele stacheln an - und können süchtig machen

Genau das hatte Brochier im Fichtelgebirge getan. Das Seminar hatte ihn erstmals dazu gebracht, einen Lebensplan zu entwickeln - mit weitreichenden Folgen. Am Anfang betrachtete er unternehmerische Tätigkeit und gesellschaftliches Engagement als klar voneinander getrennte Sphären. Die eine sollte seinen Wohlstand sichern, die andere seinen Ruhm fördern. Doch je mehr Erfahrungen er in beiden Welten machte, desto durchlässiger wurde die Grenze. Er entwickelte nach und nach ein gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein, das auch ins Unternehmen hineinwirkte. Im Gegenzug brachte er sein unternehmerisches Denken in die Stiftung ein. Erfolgsstreben und Ethik wurden eins.

Jetzt steht er, in buntem Hemd und in Segelschuhen, vor der Ahnengalerie in den Räumen seiner Holding im Osten Nürnbergs. Vier Ölgemälde ernst blickender Männer in schweren goldenen Rahmen hängen da in einer Reihe. "Darf ich vorstellen, meine Vorgänger", sagt Alexander Brochier. "Der mit dem Kaiser-Wilhelm-Bart ist Paul Brochier, der hat 1873 hier in Nürnberg ein Sanitärinstallationsgeschäft eröffnet und damit den Grundstein für das Familienunternehmen gelegt, das sich nach dem Ersten Weltkrieg zum Spezialisten für Rohrleitungsbau und Gebäudetechnik entwickelte." Sein Blick wandert weiter. "Das ist Pauls Sohn Hans, ein sparsamer Diktator." Daneben dessen Sohn Paul, "ein Peterlein auf allen Suppen, wie wir hier in Nürnberg sagen", gemeint ist ein Hansdampf in allen Gassen. Und schließlich dessen Bruder Michael, "mein strenger und auf Sicherheit bedachter Vater".

Und er selbst? Warum gibt es kein Porträt von ihm? Der Unternehmer weist mit der Hand um die Ecke, und tatsächlich, da hängt auch er in Öl und Gold. Allein. Lächelnd. Er reiht sich zwar nicht ein, gehört aber doch dazu. Das Bild, erklärt er, "haben mir meine Mitarbeiter zum 60. Geburtstag geschenkt".

Besser als durch die Position seines Porträts lässt sich die ambivalente Haltung Alexander Brochiers zur Familientradition nicht symbolisieren. Schon in seiner Jugend lebte er in diesem Zwiespalt: Einreihen oder ausbrechen? Nach dem Abitur wollte er eigentlich Theaterwissenschaften studieren, er hatte ein Faible für Kunst und Schauspielerei. Die Angst, keinen Job zu finden, trieb ihn dann aber doch zur Betriebswirtschaft. An der Uni Heidelberg war er Teil der linken Szene, er trug lange Haare und wollte nach dem zweiten Semester als Entwicklungshelfer nach Afrika.

Doch dann nahm ihn eines Abends der Vater zur Brust, hielt ihm einen langen Vortrag über Familie, Tradition und Verantwortung für die nachfolgenden Generationen. Das beeindruckte ihn so sehr, dass er sich die Haare schneiden ließ, sein Studium im konservativen Innsbruck fortsetzte und mit 26 als Juniorchef in die Brochier Haustechnik GmbH eintrat. Ohne dass er sich über seinen Lebensplan im Klaren war, schien ab diesem Moment sein Weg vorgezeichnet. Bis das Managementseminar kam und mit ihm die Ziele. Immer neue setzte er sich, er wurde fast schon süchtig danach. Er machte Jahrespläne, Zehnjahrespläne und einen Lebensplan - nicht nur für die Holding, sondern auch für die Stiftung. Überhaupt betrachte er Letztere nicht als Hobby für das gute Gewissen, sondern als ein Unternehmen, das wachsen soll.

Nachdem er festgestellt hatte, wie viel bürokratischen Aufwand die Gründung und Verwaltung einer Stiftung erfordert, überlegte er, wie er Gleichgesinnten derartige Vorhaben erleichtern konnte. Er rief eine weitere ins Leben, die seitdem als Dach für treuhändische Kleinstifter fungiert. Darüber hinaus gründete er eine Non-Profit-Gesellschaft, die gemeinnützigen Organisationen kostengünstige Dienstleistungen anbietet. 10 000 Organisationen, formulierte er damals als Ziel, sollte die Servicegesellschaft bis 2020 betreuen.

Das gesellschaftliche Engagement stachelte Brochier an. Er wurde ehrgeiziger. Gleichzeitig verlor der eigentliche Zweck dieses Engagements, die Förderung seines Ansehens, immer mehr an Bedeutung. Je öfter er seine Kinderheime in Tschechien und Bayern besuchte, desto größer wurde der Wunsch zu helfen. Durch die Förderung von Kleinstiftern traf er zudem Menschen, die ganz anders tickten als er. Einer Lehrerin zum Beispiel, die ihren Job schmiss, um Kindern in Ecuador zu helfen. "Eine unglaubliche Person. Geld und Ruhm waren der total egal."

Diese Erfahrungen prägten ihn - und entfalteten ihre Wirkung auch im Unternehmen, wie heute auf den ersten Blick zu sehen ist: Von Kindern gemalte Bilder erobern die Flure der Holding. Er sei sensibler für die Nöte der Menschen geworden, sagt Brochier. Lieferanten fair bezahlen, Kunden mit Respekt begegnen und Mitarbeitern nicht nur einen sicheren Arbeitsplatz, sondern auch Geborgenheit und Raum zur persönlichen Entfaltung bieten - das sei ihm jetzt wichtig.

Als die Buchhalterin Katja Hicke vor gut sechs Jahren zum Vorstellungsgespräch ins Unternehmen kam, war sie auf die übliche Frage eingestellt: Wie wollen Sie den Job mit Ihren Aufgaben als Mutter eines Kleinkindes vereinbaren? "Ich hatte mir schon eine Antwort zurechtgelegt. Ich wollte sagen, dass meine Tochter in den Kindergarten geht und zur Not auch meine Mutter einspringt", erinnert sich Hicke. Aber die Frage kam gar nicht. Brochier habe sich zwar sehr für ihre familiäre Situation interessiert, dann aber nur gesagt: "Wunderbar. Das kriegen wir hin."

Ziele nicht zu erreichen ist nicht schlimm. Das eigentliche Glück liegt im Streben

Brochiers Devise lautet: "Man muss die Organisation den Menschen anpassen, nicht umgekehrt." Darum sagt er nicht Nein, wenn ein Mitarbeiter seine Stundenzahl reduzieren und später wieder aufstocken will. Dass er auch für unkonventionelle Lösungen offen ist, zeigte er, als sich zwei Alphatiere partout nicht verstehen wollten. Er splittete sein Unternehmen kurzerhand weiter auf und machte die Streithähne zu Geschäftsführern getrennter Firmen. "Beide sind gute Leute, die ich nicht verlieren wollte."

Gerade Familienunternehmen werden besonders stark vom Inhaber geprägt. Was er vorlebt, färbt häufig auf die Mitarbeiter ab. "Wenn meine Kunden Hilfe brauchen, bin ich da. Auch nachts", sagt etwa der Baustellenleiter Rainer Bierbrauer. Bei Brochier fühle er sich wohl. "Der Chef fragt öfter mal, wie es einem geht. Und ob man irgendetwas braucht. Das finde ich gut."

Bierbrauer ist seit 36 Jahren im Unternehmen und damit keineswegs der Rekordhalter. Jedes Jahr im Januar werden die Jubilare geehrt. "Da sind immer zwei, drei dabei, die schon mehr als 40 Jahre hier sind", sagt Brochiers Assistentin Ute Siller. Am meisten schätzten die Leute, dass sie die Freiheit haben, ihre Arbeit selbst zu gestalten. "Darum bleiben sie auch."

Was wiederum den Kunden gefällt. Einige Brochier-Mitarbeiter kenne er schon seit Jahrzehnten, sagt etwa Uwe Feser, Inhaber von 26 Autohäusern in Nürnberg und Umgebung. Beim Bau neuer Häuser arbeite er regelmäßig mit der Firma zusammen. "Dass da eine gute Stimmung herrscht, merkt man den Leuten an. Die sind hoch motiviert."

Ziele haben Brochier vorangetrieben. Doch längst nicht alles, was er sich vorgenommen hatte, hat er auch erreicht. So musste er etwa das Vorhaben, bis 2020 mit seiner Servicegesellschaft 10 000 Stiftungen zu betreuen, schon einige Male revidieren. " Jetzt visieren wir 5000 an", sagt er. Und wirkt dabei keineswegs betrübt. Nach Auskunft der Schweizer Psychologin Freund ist das Erreichen eines Ziels für die Zufriedenheit gar nicht entscheidend. "Für einen kurzen Moment erfüllt uns das. Aber dann wollen wir schon wieder mehr." Das eigentliche Glück liege im Streben selbst.

Im Laufe des Erwachsenenalters ändere sich zudem die Art der Zielsetzung. Während für jüngere Menschen ein großer Anreiz darin liege, mehr zu erreichen und besser zu werden, würden später sogenannte Vermeidensziele wichtiger. "Das kippt im mittleren Erwachsenenalter und wird dann immer deutlicher." Denn irgendwann stießen wir an Grenzen, wo es etwa beruflich nicht weitergehe oder unser soziales Netzwerk gesättigt sei. "Wir sind dann nicht mehr so darauf aus, mehr zu erreichen, sondern wollen Verluste vermeiden oder Erreichtes aufrechterhalten."

Vielleicht ist das der Grund, warum Brochier sich bei der letzten Diskussion über die Ziele in der Holding seltsam bescheiden gab. Oberste Priorität, sagte er, habe der Erhalt des Unternehmens, das heute gut 350 Mitarbeiter beschäftigt und im vergangenen Jahr 38 Millionen Euro umsetzte.

Und vielleicht erklärt sich so sein Auftritt an seinem 60. Geburtstag vor zwei Jahren. Er hatte Freunde, Mitarbeiter und Kunden zu einem großen Fest nach München geladen. Irgendwann im Laufe des Abends ging er auf die Bühne, hielt eine Rede und machte Späße. Zum Schluss sang er den Rolling-Stones-Song "You can't always get what you want." -