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Gefühlte Wahrheiten

Deutschland geht es glänzend. Aber der Aufschwung kommt bei mir nicht an. Selbst unter Akademikern gibt es mittlerweile viele Arbeitslose. Wenn ich meinen Job verliere, erreiche ich nie wieder meinen alten Lebensstandard. Was davon wirklich stimmt, lesen Sie hier.




Stimmt es eigentlich, ... ... dass Deutschland besonders gut dasteht?

Ja, Deutschland gilt als Vorzeigeökonomie.

Die Zahl der Arbeitslosen liegt hierzulande bei etwa drei Millionen, die der offenen Stellen bei knapp einer Million. Fast j eder zweite Neuangestellte bekommt einen befristeten Vertrag, und die Zahl der Leiharbeiter ist auf 742 000 gestiegen. Ihr Gehalt liegt im Schnitt 20 Prozent unter dem der Stammbelegschaft. Diese Flexibilisierung des Arbeitsmarktes hat aber erheblich zum Abbau der Erwerbslosigkeit beigetragen.

Im europäischen Vergleich schneidet Deutschland nicht nur in dieser Kategorie glänzend ab. Die Arbeitslosigkeit lag 2010 bei 7 Prozent (Euroraum-Schnitt: 10), das Wachstum bei 3,6 Prozent (1,8), die Inflation bei 1,2 Prozent (1,6), die Staatsverschuldung in Prozent des Bruttoinlandsproduktes bei 83 Prozent (85).

... dass der Aufschwung nach der Krise trotzdem unten nicht angekommen ist?

Nein, deutsche Arbeitnehmer haben finanziell profitiert, wenn auch nur wenig.

Das Bruttoinlandsprodukt stieg im vergangenen Jahr nach Abzug der Inflation um 3,6 Prozent, so stark wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Die Reallöhne, gemessen in Form der preisbereinigten Bruttomonatsverdienste vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmer, legten auch zu; allerdings nur um durchschnittlich 1,4 Prozent, also weniger als die Hälfte.

Dass sich trotzdem bei vielen Menschen das Gefühl breitmacht, der Aufschwung gehe an ihnen vorbei, hängt damit zusammen, dass Wachstum und Reallohnentwicklung hierzulande schon länger auseinanderklaffen - und die Arbeitnehmer auf lange Sicht tatsächlich verloren haben. So hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) herausgefunden, dass Geringverdiener heute im Schnitt 18 Prozent weniger Gehalt bekommen als noch vor zehn Jahren. Bei Normalverdienern sind es durchschnittlich 8 Prozent weniger. Selbst Spitzenverdiener können nur ein Plus von weniger als 1 Prozent verbuchen - das sind laut DIW 30 Euro pro Monat (Grafik 1). Deutschland ist damit das Schlusslicht der Europäischen Union.

... dass es Akademiker-Arbeitslosigkeit gibt?

Nein, unter Akademikern herrscht Vollbeschäftigung.

Bei weniger als 3 Prozent der Arbeitslosen spricht die Bundesagentur für Arbeit von Vollbeschäftigung - unter Akademikern lag die Quote im Jahr 2009 bei 2,5 Prozent. Neuere Zahlen liegen der Agentur nicht vor, sie geht aber von einer weiteren Verbesserung aus: Trotz eines stetigen Zuwachses an Akademikern ist die Zahl der arbeitslosen Hochschulabsolventen seit der Jahrtausendwende gesunken.

... dass es eine Generation Praktikum gibt?

Nein, sie ist ein Medienphänomen.

Geprägt wurde der Begriff "Generation Praktikum" im März 2005 von der "Zeit". Anhand von zehn Beispielen wurde dort beschrieben, wie junge Akademiker sich von einem unterbezahlten Praktikum zum nächsten hangeln. So treffend die Arbeitsbedingungen geschildert wurden, so sehr wurde das Ausmaß des Phänomens übertrieben.

Im Jahr 2006 kam die Jugendorganisation des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB Jugend) zu dem Schluss, dass 86 Prozent aller Studenten nach ihrem Abschluss ein Praktikum anträten; ein Jahr später relativierte sie ihre Aussage auf 41 Prozent; im selben Jahr fand eine Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) nur noch 14 Prozent Praktikanten unter den von ihr befragten Jungakademikern. Rund 20 Prozent von ihnen waren länger als sechs Monate Praktikanten.

Am eigentlichen Kern der Kritik, den Arbeitsbedingungen der Praktikanten, hat sich seitdem nichts geändert. Laut dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales werden zwei von drei befragten Praktikanten schlecht oder überhaupt nicht bezahlt; die Mehrzahl wird als unbezahlte, vollwertige Arbeitskraft eingesetzt. Nur 22 Prozent der Praktikanten werden später vom selben Arbeitgeber übernommen, 13 Prozent von einem anderen. Den zehn ehemaligen Praktikanten des Ursprungsartikels geht es mittlerweile gut: Fünf Jahre nach Erscheinen haben alle einen festen Job gefunden.

... dass, wer einmal seinen Job verliert, später immer weniger verdienen wird?

Ja, das stimmt.

Wer einmal entlassen wurde, findet zwar meist wieder einen Job, oft auch in derselben Branche, selten aber zum gleichen Lohn wie vorher.

Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zusammen mit der Columbia-Universität haben gezeigt, dass selbst 15 Jahre später der einmal Entlassene noch 10 bis 15 Prozent weniger verdient als sein durchgehend beschäftigter Kollege. (Grafik 2)

... dass ältere Menschen und solche ausländischer Herkunft bei der Jobsuche benachteiligt werden?

Ja, das stimmt, die Lage hat sich zwar etwas verbessert, doch im Schnitt haben sie es noch immer schwerer.

Einer OECD-Studie zufolge war die Arbeitslosenquote 2008 unter 55- bis 64-Jährigen hierzulande 1,5 Prozentpunkte höher als unter jüngeren Erwerbsfähigen. Allerdings hat sich der Abstand seit 1994 mehr als halbiert.

Wer über 60 ist und einen Job sucht, der hat schlechte Karten. Entscheidend für bessere Chancen im Alter ist die Ausbildung:Ältere Akademiker sind beinahe ebenso selten arbeitslos wie jüngere. Bei Menschen ohne deutschen Pass ist die Lage durchwachsen. Zwar arbeiten laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge immer mehr Ausländer im deutschen Dienstleistungssektor, im Schnitt sind sie aber weiterhin unterrepräsentiert.

Ein türkischer Nachname verringert messbar die Chance auf ein Bewerbungsgespräch. Das Institut zur Zukunft der Arbeit hat bei Bewerbungen deutscher Studenten mit vergleichbaren Fähigkeiten die Hälfte der Namen durch türkische ersetzt. Die vermeintlich türkischen Anwärter wurden 14 Prozent seltener eingeladen. Bei kleineren Firmen waren es sogar 24 Prozent weniger.

... dass wir in einer globalisierten Welt leben?

Nicht in dem Ausmaß wie gedacht.

Die Welt ist zwar vernetzt, der allermeiste Austausch jedoch findet regional statt. Pankaj Ghemawat von der I ES E Business School in Barcelona hat nachgerechnet und kommt zu dem Schluss, dass nur 3 Prozent aller Menschen außerhalb ihres Heimatlandes leben und 2 Prozent in der Fremde studieren; nur 2 Prozent aller Telefongespräche überwinden die Landesgrenzen, 17 bis 18 Prozent der besuchten Internetseiten liegen im Ausland; nur 5 Prozent ihrer Informationen beziehen Menschen aus Nachrichtenquellen außerhalb des Heimatlandes.

In der Wirtschaft sieht es ähnlich aus. So macht der Export lediglich 20 Prozent des Weltsozialproduktes aus; die meisten Aktien werden national gehalten, nur 20 Prozent weltweit sind in ausländischer Hand. (Grafik 3) -