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Wo kommen all die türkischen Gemüsehändler her?

Rumänische Erntehelfer stechen Spargel und pflücken unser Obst. Türken verkaufen es uns. Italiener bereiten unser Eis. Polen sanieren unsere Häuser, gereinigt werden sie von polnischen Putzfrauen. Es scheint, als seien einzelne Einwanderergruppen in bestimmten Branchen besonders erfolgreich. Gibt es eine Erklärung dafür?




• Man sieht es ihm nicht an, riecht und schmeckt es nicht, und doch steckt in jedem Döner in Deutschland stets ein Stück Desillusionierung. Vor rund 30 Jahren nämlich machten viele spanische, türkische, italienische oder griechische Einwanderer, die damals noch Gastarbeiter hießen, eine enttäuschende Erfahrung: Einst hatte man sie mit Fabrikjobs angelockt, und plötzlich wurden sie nicht mehr gebraucht. Rationalisierungswellen rollten, Maschinen ersetzten Hände, und als Erste traf es die Hilfsarbeiter aus dem Süden.

Nicht wenige versuchten danach ihr Glück auf eigene Faust. Für Einwanderer waren die Marktnischen allerdings eng. Vielen blieben nur Risikobranchen wie Gastronomie und Handel, in denen für unterdurchschnittliches Einkommen hart und häufig am Rande der Pleite geschuftet wird. Andererseits boten diese Geschäftsfelder auch Vorteile: Einen Imbiss oder Gemüseladen konnten sie auch ohne Meisterbrief, Geschäftsplan und Bankkredit eröffnen. Geringe Kapitalausstattung und Qualifikation ließen sich kompensieren: durch kompromisslosen Einsatz und familiäre Unterstützung.

Während die neu eröffneten Tavernen und Pizzerias davon profitierten, dass die reiselustigen Deutschen auch daheim nicht mehr auf Souvlaki-Platte, Trüffel-Ravioli und andere Köstlichkeiten aus dem Sommerurlaub verzichten wollen, setzten türkische Selbstständige vor allem auf Lebensmittelhandel und Imbiss. "Damals", sagt René Leicht vom Mannheimer Institut für Mittelstandsforschung, "entwickelten türkische Gründer für den deutschen Markt sogar eine spezielle Light-Variante des Döners."

Wenn Migrationsforscher wie Leicht die Berufswahl von Einwanderern untersuchen, stoßen sie auf ein wechselndes Set wichtiger Faktoren, die die Vorliebe für bestimmte Branchen erklären. Ein kräftiger Faktor, extreme Armut nämlich, war es, der Ende des 19. Jahrhunderts zahllose Italiener aus dem Zoldo-Tal in den Dolomiten nach Norden trieb. Dort sicherten sie sich als Gelatieri eine derart stabile Position, dass noch heute rund drei Viertel aller Eismacher in Deutschland aus Italien stammen, und zwar zu drei Vierteln aus eben jenem Tal, aus dem vor mehr als hundert Jahren die ersten nach Norden aufbrachen.

Weshalb aber entschieden sich in den achtziger Jahren überdurchschnittlich viele Italiener, Griechen und Türken ausgerechnet für Handel und Gastronomie? Ganz einfach: Kaum jemand sonst wollte diese Jobs. "Gastgewerbe und Gemüsehandel sind ein mühsames Geschäft, das Deutsche ungern übernehmen und das daher den Migranten bleibt", sagt der Wirtschaftsgeograf Heinz Fassmann vom Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration. "Das mag bitter klingen, sichert ihnen aber immerhin einen festen Platz in der Gesellschaft."

Obwohl Einwanderer als Unternehmer heute in allen erdenklichen Branchen und Berufen zu finden sind, steht von den selbstständigen Italienern und Griechen immer noch jeder zweite hinter der Theke seines Cafés oder Restaurants.

Die türkischen Lebensmittelhändler wiederum, die zunächst vor allem ihre Landsleute mit Obst, Gemüse und Spezialitäten versorgt hatten, füllten nach und nach die Lücke, die Tante Emma im deutschen Einzelhandel hinterlassen hatte.

Noch heute lebt von den selbstständig tätigen Türken in Deutschland rund ein Drittel vom Handel. Andreia Tolciu vom Hamburger Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) führt das auf ein Erfahrungsmuster zurück: "Unter Migranten basieren die Entscheidungen für eine Branche häufig auf Auffassungen, die innerhalb der ethnischen Community über diese Branche zirkulieren." Wenn Vater, Onkel oder Nachbar einen Gebrauchtwagenhandel betreiben, so ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Sohn sich für dieselbe Branche entscheidet, zumal der Betrieb häufig von der Verwandtschaft über die Runden gebracht wird. Jeder dritte bis vierte türkische Unternehmer wird von seiner Verwandtschaft finanziell unterstützt. Bei mehr als 41 Prozent der italienischen und türkischen Selbstständigen packt die Familie zudem mit an.

Charakteristisch sind ebenso überdurchschnittlich hohe Arbeitsleistung und niedrige Einkommen. Im Durchschnitt liegt die Wochenarbeitszeit selbstständiger Einwanderer drei bis sechs Stunden über derjenigen deutscher Selbstständiger; 38 Prozent der italienischen Unternehmer hierzulande arbeiten mehr als 60 Stunden pro Woche.

Dennoch verdient nur ein Viertel der Selbstständigen ausländischer Herkunft mehr als 2000 Euro im Monat. Bei den deutschen Selbstständigen sind es 45 Prozent. Anders sieht es aus, wenn man die zahlenmäßig kleine Gruppe von Selbstständigen aus anderen Industriestaaten betrachtet. Die erwirtschaftet genauso viel wie deutsche Freiberufler. Selbstständige aus Industriestaaten sind im Schnitt sogar besser qualifiziert als deutsche Freiberufler, wie Andreia Tolciu vom HWWI herausgefunden hat. "Branchenwahl und Unternehmensentwicklung sind nicht nur durch Herkunft und Kultur, sondern in starkem Maße auch durch Bildungsstand und Kapitalausstattung zu erklären", sagt sie. Ein deutscher und ein türkischer Rechtsanwalt hätten demnach mehr gemeinsam als Letzterer mit einem Landsmann, der irgendwo in Deutschland einen Döner-Imbiss betreibe.

Herkunft, Ziele und Branchenpräferenzen ausländischer Selbstständiger haben sich im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte ohnehin stark verändert. Einwanderer, die nach dem Fall der Mauer aus den Staaten des einstigen Ostblocks nach Deutschland gelangten, suchten sich zwar wie ihre Vorgänger aus Südeuropa eine Nische im deutschen Arbeitsmarkt – vor allem in der Landwirtschaft, der Kranken-und Altenpflege sowie auf dem Bau.

"Anders als türkisch- oder italienischstämmige Einwanderer sind Migranten aus Polen und Russland überdurchschnittlich gut qualifiziert", sagt der Mittelstandsforscher Leicht. "Der Anteil der Hochschulabsolventen bei ihnen ist mehr als doppelt so hoch wie bei türkischen und italienischen. Weil ihre Abschlüsse hier aber häufig nicht anerkannt werden, arbeiten viele in branchennahen Berufen, weit unter ihrer Qualifikation." Polnische Ärztinnen gründen Kranken- oder Altenpflegedienste, russische Bauingenieure machen Abbruchunternehmen auf, Akademiker aus Ungarn eröffnen Reise- oder Übersetzerbüros. -

Dass Polen bei Existenzgründern mittlerweile die türkischstämmigen Unternehmer überholt haben (siehe Tabelle), obwohl doppelt so viele Türken wie Polen in Deutschland leben, hat einen einfachen Grund. Aus Angst vor Billiglohnkonkurrenz hatte die Bundesregierung vor Jahren die Arbeitsmöglichkeiten von Osteuropäern im Baugewerbe, bei der Gebäudereinigung und Innendekoration stark eingeschränkt. Ausgenommen davon waren Freiberufler, was unter Osteuropäern einen Gründungs-Boom auslöste. In München etwa sind 40 Prozent der ausländischen Handwerksbetriebe in polnischer Hand (38 Prozent Gebäudereiniger, 60 Prozent Bauunternehmer). Mit Auslaufen der Regelung zum 30. April 2011 dürfte die Gründerzeit bei polnischen Migranten fürs Erste vorüber sein.  Selbstständige in Deutschland ausländischer Herkunft
Insgesamt 655 000
Polnischstämmig 87 000
Türkischstämmig 82 000
Italienischstämmig 46 000
Griechischstämmig 28 000
Russischstämmig 27 000  Quelle: Mikrozensus 2009, Evers & Jung GmbH. Erfasst wurden Selbstständige mit mindestens einem nicht-deutschen Elternteil.