Mitarbeiterführung

Mitarbeiterführung ist eine Kunst. Was wir dabei falsch machen, können uns Hunde vor Augen führen. Ein Selbstversuch.





• Die Aufgabe ist an sich einfach. Ich soll Bill begrüßen, einen kurzen Spaziergang mit ihm machen und ein bisschen mit ihm joggen. Bill ist sechs Jahre alt und Dalmatiner. Eine der drei Trainerinnen, die uns an einem Waldrand nahe dem hessischen Groß-Umstadt beobachten und mit der Videokamera aufnehmen werden, gibt noch den Tipp: „Bei Hunden immer cool bleiben!“ Im Umgang mit Vierbeinern bin ich unerfahren. Ich gehe also zu Bill, versuche, ihn am Kopf zu streicheln, und erkläre ihm, was anliegt.

Er dreht sich weg und guckt woanders hin. Dann eben nicht. Ich nehme die Leine, und los geht es. Wir sollen einige Plastikhütchen umkreisen. Der Hund soll innen an ihnen entlanggeführt werden. Das klappt einigermaßen. Nun sind auf dem Parcours vier Servietten hintereinander angeordnet, jede mit einem Würstchen beschwert. Um die sollen wir Slalom laufen, ohne dass der Dalmatiner sich von den Leckerbissen ablenken lässt.

Leider ist Bill sehr auf Würstchen fixiert. Er zerrt mit aller Kraft an der Leine, um in die Nähe des ersten zu kommen, streckt und reckt sich und schlingt es trotz meines Verbots hinunter. Wie konnte das passieren? Ich bin sauer und schaue ihn streng an: „Du sollst doch kein Würstchen essen!“ Aber da hat er schon das nächste.

Bitte sehr. Ist jetzt sowieso egal. Nachdem er alle Würstchen verschlungen hat, müsste er zufrieden sein und den letzten Teil der Übung anstandslos absolvieren. Ich laufe mit ihm an der Leine erst in die eine Richtung, dann wieder zurück. Als wir in die Nähe der Servietten kommen, bringt er mich beinahe zu Fall, weil er sich auf sie stürzt, obwohl dort gar keine Würstchen mehr sind.

Bill scheint nicht der Hellste zu sein. Ist so jemand als Coach geeignet?

Denn das ist sein Job: Durch sein Verhalten soll mir der Hund meinen Führungsstil widerspiegeln. Das Konzept stammt von Patricia Fischer-Elfert. Die ehemalige Mitarbeiterin von Hewlett-Packard hat Firmen wie L'Oréal und die Deutsche Bank sowie das Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg auf den Hund gebracht. Und bildet mittlerweile auch Coaches aus. Zwei sind heute dabei: Perdita Lübbe und Anne Katz. Beide haben Hundeschulen und wollen ihr Geschäft ausweiten. Coaching mit Tieren - neben Hunden werden auch Wölfe, Pferde und sogar Falken und Lamas eingesetzt - ist modern. Während Manager früher zur Teambildung gern auf Survival-Tour ins Gelände geschickt wurden, darf es heute in der betrieblichen Weiterbildung wieder mehr menscheln. Und wer wäre besser dafür geeignet als Tiere?

Ich werde nach der Übung mit Bill gefragt, wie ich mich fühle. Tja, wie soll es einem gehen, wenn man von einem Hund respektlos behandelt wurde, der deutlich signalisiert, dass man noch nicht einmal das Zeug zum Unterabteilungsleiter hat? Immerhin wird von den Beobachterinnen positiv angemerkt, dass ich Bills Sperenzchen gelassen und mit Humor ertragen habe. Bei näherer Überlegung erweist sich dieses Lob allerdings als vergiftet. Denn gute Miene zu machen, wenn einem die Mitarbeiter auf der Nase herumtanzen – ist das etwa erstrebenswert?

Nun wird mein Verhalten in der Videoaufzeichnung analysiert. In der ersten Szene ist zu sehen, wie ich vergeblich versuche, einen Draht zu Bill zu bekommen. Und wieder wird die unangenehme Frage gestellt, wie ich das empfunden habe. Als Niederlage natürlich, weil es mir trotz meines an sich einnehmenden Wesens nicht gelungen ist, den Hund zu überzeugen. Die Trainerinnen schauen sich wissend an. Dann wird zu einer weiteren Testperson vorgespult, die die gleiche Übung mit dem Dalmatiner gemacht hat. Wieder wird Bills Desinteresse deutlich.


Ein schwieriger Mitarbeiter: Bill ist auf Wiener Würstchen fixiert und neigt zur Ignoranz. Wenn man ihm nicht klar sagt, wo es langgeht, nutzt er das gern aus

„Es liegt also gar nicht an Ihnen“, sagt Perdita Lübbe. „Bill ist ein Ignorant. Der will nichts mit anderen zu tun haben.“ Deshalb, sekundiert Fischer-Elfert, habe Small Talk mit ihm auch keinen Sinn. „Genau wie mit ähnlich gestrickten Mitarbeitern. Mit denen plauscht man morgens nicht, sondern sagt nur Guten Tag, und dann geht es an die Arbeit.“
Wäre schön gewesen, das vorher zu erfahren.

Hunde mit schwierigem Charakter zu beschäftigen gehört zum Konzept, denn Führungskräfte müssen in der modernen Arbeitswelt mit ganz unterschiedlichen Menschen umgehen können.

Im Video ist nun zu sehen, wie ich, die Leine irgendwie unnatürlich haltend, mit Bill um die Plastikhütchen kurve und wir uns den Würstchen nähern. „Da ist eine Restunsicherheit, ein letzter Vorbehalt“, kommentiert Fischer-Elfert. Anne Katz analysiert messerscharf: „Sie haben selbst nicht an sich geglaubt.“

Nur wer von sich überzeugt ist, kann auch andere überzeugen. Das ist die Botschaft, auf die es ankommt. Hunde seien gut geeignet, sie zu übermitteln, weil sie, so Fischer-Elfert, unmittelbar und ehrlich reagierten. „Oft ist es das erste echte Feedback, das Manager bekommen. Im Umgang mit Mitarbeitern können sie ihre Schwächen überspielen. Bei Hunden geht das nicht.“

Dirk Sobosczyk, Bereichsleiter Human Resources bei der Kolbenschmidt Pierburg AG in Neckars ulm, kann das bestätigen. Er hat Fischer-Elferts Coachdogs-Programm selbst einmal durch laufen und es danach den Personalleitern im Unternehmen empfohlen. „Es ist erstaunlich, was man beim Versuch, einen kleinen Hund zu führen, alles lernen kann.“ Er spricht von „eindrücklichen Erlebnissen“, mit der Folge, dass man über den eigenen Umgang mit den Mitarbeitern nachdenke.

Warum belohne ich ihn für sein Fehlverhalten?

Bei meiner Video-Analyse folgt nun die peinliche Szene mit den Würstchen. Lübbe sagt, dass sich der Hund so verhalte, als ob ich gar nicht da sei. „Er verfolgt seine eigenen Interessen.“ Nachdem Bill alle Würstchen gefressen hat, ist zu sehen, wie ich ihm den Kopf tätschele, also für sein Fehlverhalten auch noch lobe. Ich erinnere mich nicht, das getan zu haben. Muss wohl eine Übersprungshandlung gewesen sein.

Wie man es richtig macht, zeigt Kirstin Höfer, die zweite Testperson. Sie kennt sich mit Hunden aus, weil sie ein Tierheim in Koblenz leitet. Sie nimmt gleich Körperkontakt zu Bill auf und klopft ihm kräftig auf die Flanke. Dann geht sie bestimmt, aber mit lockerer Leine los und führt den Dalmatiner eng an den Pylonen vorbei. Als er beim ersten ausbrechen will, knufft sie ihn. Diese Sprache scheint er zu verstehen, denn er absolviert den Parcours brav und ignoriert die Würstchen so demonstrativ, als interessierten sie ihn überhaupt nicht. Ich äußere die Vermutung, dass Bill satt sei, weil er bei mir so viel gefressen hat. Werde aber von Lübbe eines Besseren belehrt: „Bill ist nie satt.“

Höfer wird von den Trainerinnen wegen ihrer Konzentration und Präsenz gelobt, die nur einmal nachlässt, als der Fotograf ihr etwas zuruft. Wenn Chefs so aufmerksam wären, dann klappte es auch mit den Mitarbeitern, und um die Zufriedenheit in den Betrieben stünde es besser, sagt Fischer-Elfert.

Lassen sich Erfahrungen aus der Hundehaltung einfach so auf den Büroalltag übertragen? Aber ja, antwortet sie. Gerade die Würstchen-Übung sei sehr lebensnah. Denn es sei eine entscheidende Kompetenz von Führungskräften, Mitarbeiter von unangenehmen Aufgaben zu überzeugen und vom Weg des geringsten Widerstandes abzubringen. Überhaupt könne man von Hunden viel lernen. Zum Beispiel Gelassenheit: „Haben Sie schon mal einen Hund gesehen, der ärgerlich schimpfend und frustriert aus dem Wald kommt, weil er das Reh nicht erwischt hat?“ Oder Respekt: „Keine Hinterlist, keine Hintergedanken, keine Niedertracht. Auch der Führungsstil des Wolf-Alphapaares ist niemals kompromittierend. Denn jeder wird in seiner Rolle gebraucht und hat seinen wichtigen Platz - auch die unteren Ränge, die ebenso mit Respekt behandelt werden.“ Oder Motivation: „Ich habe noch nie einen Hund erlebt, der nicht motiviert ist, seine Aufgaben zu erledigen.“


Verhelfen Manager zu eindrücklichen Erlebnissen: Patricia Fischer-Elfert und ihr Kollege Cheny, ein eigensinniger Rhodesian Ridgeback (oben)


Da geht noch was: Anne Katz (hinten) und Perdita Lübbe analysieren meinen Führungsstil

So gesehen, steht mit den hierzulande 5,5 Millionen offiziell registrierten Hunden ein gewaltiges, pädagogisches Potenzial zur Verfügung. Dass es so wenig genutzt wird, liegt daran, dass viele Leute sich sowohl im Umgang mit Vierbeinern als auch mit ihren Kollegen schwertun. Und das wiederum ist die Geschäftsgrundlage für Fischer-Elfert & Co.

Ich bekomme nun mit der Labrador-Hündin Bibi einen neue n Coach. Ich soll sie ohne Leine um die Hütchen herumführen, dann mit Leine an den Würstchen vorbei. Und schließlich noch für „Wohlbehagen“ bei ihr sorgen. Sie ist zugewandter als Bill, schaut mich an und hört mir zu. Brav bleibt sie an meiner Seite und macht Sitz, als ich ihr vor dem Würstchenparcours die Leine umlege. Auch dort verhält sie sich tadellos. Zur Belohnung wird sie von mir geherzt und zeigt erfreut die Zähne.

Bibi ist die ideale Mitarbeiterin. Mit ihr kämen auch sozial wenig kompetente Vorgesetzte klar. Sie soll wohl bei den Übungen für Erfolgserlebnisse sorgen, vermute ich. Doch die Trainerinnen beteuern, dass es durchaus Kunden gebe, die mit dem Labrador nicht zurechtkämen. Da habe zum Beispiel eine zum Perfektionismus neigende Managerin gefragt: „Wohlbehagen auslösen – wie geht das?“

Hunde können einem das rasch beibringen. Vermutlich sind sie deshalb als Coach so beliebt. Auch ich werde im Laufe des Tages immer selbstbewusster und beschließe, mein Trauma mit Bill zu bearbeiten. Auf der Wiese werden kreuz und quer Würstchen ausgelegt. Ich atme tief durch und sammle mich. Dann gebe ich dem Dalmatiner, wie ich es mir bei Kirstin Höfer abgeguckt habe, einen kräftigen Klaps, um ihn auf meine Rolle als Rudelführer einzustimmen. Ich nehme die Leine locker in die Hand und gehe zielstrebig los, unsere Mission klar vor Augen. Bill folgt bei Fuß.

Es geht hin und her und immer wieder nah an den Würstchen vorbei. Ich muss ihn nur ein paar Mal energisch von ihnen wegziehen.

Nach unserer bravourösen Leistung erlaube ich dem klugen Tier, alle Würstchen zu verzehren. Beinahe schlingt er die Servietten mit herunter. Und ich denke bei mir: Vielleicht reicht es doch zum Unterabteilungsleiter. -