Anleitung zur Respektsperson

Respekt ist Mangelware. Jeder will mehr davon haben. Doch der will erst mal verdient sein.




1. Wut

Wer Hunger hat, soll essen, wer Durst hat, trinken, doch was nimmt man zu sich, wenn es an Respekt fehlt?

Die Antwort kennen wir gut: Wut.

Wie soll man sich denn sonst Respekt verschaffen gegen all die Ignoranten, Dummköpfe, Missgünstigen und Boshaften, die uns täglich begleiten? Mit guten Worten vielleicht? Alles versucht. Jetzt reicht's!

Und jetzt? Kaufen wir uns eine Pump Gun? Führen wir eine schwarze Liste, die säuberlich abgearbeitet wird? Stellen wir uns, wie einst Robert De Niro in "Taxi Driver", vor den Spiegel und üben ein wenig - "Redest du mit mir? Laberst du mich an?" -, bevor man sich auf den Weg ins Büro macht? Kann man alles machen.

Aber Gewalt ist in diesem Fall keine Lösung - allein schon, weil es da draußen so vielen an Respekt mangelt, dass einem bald die Munition ausginge. So bleibt uns nur, einem Freund unser Herz auszuschütten und auf guten Rat zu vertrauen. Und was hören wir dann? "Kopf hoch, Alter, schau nach vorn. Es wird schon wieder!"

Ein Irrtum. Nichts verändert sich von selbst oder durch den schieren Blick nach vorn, schon gar nicht, wenn es um Respekt geht. Denn wenn man "nach vorn schaut" und nach Respekt sucht, sieht man nichts. Besser ist: einmal kurz stehen bleiben und vorsichtig umdrehen. Warum?

Respekt braucht den Rückspiegel. Das liegt am Wort selbst. Es bedeutet in seinem lateinischen Ursprung respectus so viel wie Zurücksehen und Berücksichtigen. Wer auf der Suche nach mehr Respekt nur nach vorn stürmt, fällt über die eigenen Füße. Ein wenig Ruhe also zunächst, durchatmen, und - vorsichtig umdrehen.

Na bitte, da ist er ja! Weit weg, aber doch. Sieht aber komisch aus. Kein Wunder: Wir sehen, was aus dem Wort Respekt geworden ist. Noch vor einigen Jahren war der Begriff praktisch aus dem Wortschatz gestrichen. Er klang altmodisch, verkniffen, unmodern. Wer Respekt sagte, der meinte eine überholte Vorstellung von Gehorsam, eine nicht zu hinterfragende Autorität. Parieren. Klappe halten. Die Welt ist eben so. Der alte Respekt war leicht kalkulierbar, er bewegte sich immer nur in eine Richtung. Von Oben nach Unten oder von Alt nach Jung.

Die Alten verlangten ihn unbedingt von den Jungen. Die Oberen von den Unteren. Kritik galt als respektlos. Respekt forderten die Besitzstandswahrer und Privilegierten. Es war ein Wort aus der Gutsherrenzeit. Er wurde zum Kampfbegriff. Wer die neue Welt wollte, der musste respektlos sein.

Der Aufbruch fordert den Respekt heraus. Es ist eine nette Idee, dass sich das Etablierte und das Neue schön ergänzen und fugenlos aneinander schmiegen - aber total naiv. Frauen und Männer des Fortschritts sind natürlich respektlos. Cool.

Spießig war, wer schon früh Bedenken anmeldete. Wurde da nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet? Wurden da nicht mit dem alten Respekt und der Tyrannei der alten Autoritäten auch gleich all die Eigenschaften und Werte aus dem Weg geschafft, deretwegen man sich den neuen Respekt verschaffen wollte: Höflichkeit, Anerkennung, Würde, Achtsamkeit, Rücksichtnahme, Fairness? Aus all diesen Bausteinen setzt sich der Respekt zusammen - aber die meisten dieser Eigenschaften und Werte galten vielen bald als Ballast. Die Respektlosigkeit blieb nicht nur dort stehen, wo sie angebracht war, bei der Infragestellung alter Autoritäten und alter Privilegien. Sie machte sich selbstständig. So verloren wir den Respekt aus den Augen.

2. Das Zeitalter der Kotzbrocken

Vor fast 30 Jahren hatten die umtriebigen Gesellschaftskritiker auch dafür einen griffigen Namen gefunden: Ellbogengesellschaft. Sie meinten damit eine Welt, in der die Grundlagen des fairen Umgangs miteinander keine Rolle mehr zu spielen schienen. Allerdings waren auch die Kritiker der respektlosen Ellbogengesellschaft nicht frei von Bewunderung. Jugendkulturen waren reizvoll, weil sie sich respektlos gaben. Rock 'n' Roll, Beat, Pop, Punk, die 68er und die Ökologiebewegung - für sie alle war "locker bleiben" und "lässig sein" die neue soziale Doktrin.

Mann, war das cool! So duzte man sich früher in der Familie, der Schule, im Freundeskreis. Jemandem das Du anzubieten war eine klare Entscheidung. Wer aber nun, unter den neuen Sozialvorschriften, siezte, war ein Spießer, den man nicht respektieren musste. Die Zwangsverbrüderung schuf zwar keinen neuen Respekt, keine Nähe, dafür aber jede Menge "Haltung", eine Gesinnung also, die praktisch ist, weil man nicht selber nachdenken muss. Und so wurden alle lässig und immer lässiger, und mit der Zeit waren auch ein paar Schrauben locker.

Einige machten diese Haltung zur neuen Leitkultur. Zu Helden der Bewegung wurden Kerle wie Joschka Fischer, dessen politisches Programm im Wesentlichen darin bestand, dass er die Respektlosigkeit professionalisierte. Politische Journalisten befanden einerseits, der Knabe sei ein "Kotzbrocken", um im gleichen Atemzug festzustellen, dass darin genau sein enormes "Charisma" liege. Mann, hatte der Schneid, wenn er sich beim politischen Gegner kurz Respekt verschaffte, indem er ihn "Arschloch" nannte - mit Verlaub! Zum Vorbild wurden in seiner Generation jene, die aus dem Standpunkt anderer Leute zuerst einmal Kleinholz machten. Einen Deal kann man dann ja immer noch machen. Die Respektlosigkeit war offiziell im Amt.

Und etwa nicht zu Recht? Prägten da nicht auf der anderen Seite, die einem kein bisschen Respekt entgegenbringen wollte, üble Figuren die Szene? Würdelose Sanierer, Technokraten, brutale Börsenhaie, fiese Ausbeuter und deren Knechte? Sprach man nun nicht endlich auf "Augenhöhe" miteinander - was so viel bedeutet wie "Du laberst mich an? Mich?"

So was hat Vorteile. Erstens muss man seine Gesinnung nicht zur Diskussion stellen, das ist gemütlich. Zweitens berücksichtigt man nur das, was in das eigene Weltbild passt. Cool! So wurde die Respektlosigkeit vom Mittel zum Aufbruch zur reaktionären Haltung.

3. Professionell

Wer dagegenhält, wird runtergeputzt. Und dabei hilft das herrliche Wort "professionell". Damit meinte man mal die Fachkenntnis einer Person und ihr zuverlässiges, berechenbares Verhalten, die Fähigkeit, auf unterschiedliche Situationen ruhig und angemessen zu reagieren, zum Beispiel. Doch im Zeitalter der Respektlosigkeit konnte man das Wort neu interpretieren. Professionell war nun jemand, der auf jede Respektlosigkeit mit vermeintlich stoischer Gelassenheit reagierte, solche Leute, denen man etwas direkt ins Gesicht sagt und die unverbindlich weiterlächeln. Professionell war, wer ignorierte und die Klappe hielt. Wer sich empörte und Widerworte gab, war nun nicht mehr professionell.

Die Leute werden ja schließlich bezahlt.

Das galt zuerst fürs Management und für Führungskräfte, die auf Vorwürfe und Anwürfe mit Plastilinsätzen antworteten, aus denen keinerlei emotionale Regung abzulesen war. Professionell. Dann wurde dieses Verhalten auch von anderen verlangt. Vom Angebot, Respektlosigkeit ohne Folge leben zu dürfen, also das "Personal" dreist und unverschämt zu behandeln, wird reichlich Gebrauch gemacht.

Da berichtet eine Kassiererin in einem Webforum verzweifelt darüber, wie Kunden sie behandeln - "Ey Alte, schmeiß 'ne Tüte rüber" oder "Bei der faulen Kuh muss man ja ewig warten". Aber die "Policy" der Firma, klagt sie, verbiete es schlicht, darauf anders als schweigend zu reagieren. Runterschlucken. Dulden. Man möge doch "professionell" mit solchen "Problemfällen" umgehen. Also die Klappe halten. Der Kunde hat immer recht. Da fällt einem unwillkürlich ein, dass das Wort "Professionelle" in der gehobenen Umgangssprache auch für Prostituierte steht.

Als vor 20 Jahren dieser Umgang längst zum Alltag gehörte, keimte etwas Hoffnung auf. Das Internet versprach nicht nur neue interessante Formen des Dialogs. Seine frühen Vertreter legten ganz besonders viel Wert auf gute Umgangsformen, höfliches Benehmen, respektvollen Verkehr. Die "Netiquette" war ein Verfassungsgrundsatz des frühen Webs. Wer sich heute dort umsieht, muss mit der Lupe danach suchen. Die Respektlosigkeit im öffentlichen Raum hat im Web neue, nie gekannte Dimensionen erreicht. Da wird denunziert, attackiert, entwürdigt, beleidigt, und all das meist feige, also anonym. Die Anonymität ist eine Einladung zur Respektlosigkeit. Sie baut auf dem Prinzip, dass eine Gegenrede nicht möglich und auch nicht gewünscht ist. Niemand muss für das geradestehen, was er behauptet. Es ist eine Einladung zur folgenfreien Gewalt. Hier wächst zusammen, was zusammengehört: Kotzbrocken und Professionelle. Was dagegen?! Wer die Hitze nicht verträgt, soll nicht in die Küche gehen? Das muss man aushalten?

Um diesen ganzen Mist nicht zu glauben, muss man weder an einer Supermarktkasse Probe sitzen, noch in einem Callcenter Probe hören, um zu erleben, was der Durchschnittsverbraucher für sein gutes Recht hält - nämlich bei jeder Gelegenheit mehr Respekt für sich selbst einzufordern. Es ist wie ein Vexierbild. In einer Ansicht liegen zwei Seiten der Medaille, zwei Wahrheiten. Man muss das nicht groß abstrahieren, es genügt ein Aufenthalt an einer S- oder U-Bahnstation in einer deutschen Stadt. Da treffen wir die Jungs, die sich schlecht behandelt fühlen, und wir hören sie raunen: "Ey Alter, mehr Respekt!"

In welchen Dialog sollte man da treten? Wie ginge der aus? Mit mehr Verständnis füreinander - oder einem Krankenhausaufenthalt? Wir sehen: Für die Einhaltung der einfachsten menschlichen Umgangsformen muss man nun schon große Wörter in Anschlag bringen, Zivilcourage zum Beispiel. Ein Wort wie eine Verlustanzeige.

4. Tough

Die Transformation des Wortes Respekt lässt sich einfach erklären: Respekt heißt Rücksicht, und zwar Rücksicht aufeinander. Was heute aber, auf Bahnsteigen, in Büros, in Familien gefordert wird, ist etwas ganz anderes: Nehmt Rücksicht auf mich!

Daran ist nicht das Geringste auszusetzen nur gehört zum Respekt, zur Rücksichtnahme auch, zu verstehen, was den anderen bewegt. Und nicht einfach nur zu sagen, "ist mir egal", auf gut Neudeutsch also "tolerant" zu sein.

Wie weit es damit her ist, zeigt sich auf Bahnsteigen genauso wie in der gehobenen Dienstwagenklasse. Als Horst Köhler im vergangenen Jahr sein Amt als Bundespräsident zurückgab, weil er den "notwendigen Respekt" für sein Amt vermisste, herrschte allenthalben großes Erstaunen und Verwunderung. Respekt will der Mann? Wenn das jeder wollte! Der soll gefälligst seine Pflicht tun! Interessant war dabei, dass das Unverständnis für die Köhler-Reaktion in den oberen Schichten weit stärker verbreitet war als beim Bürger darunter.

Das zeigt wiederum, dass sich die Jungs am Bahnsteig vom Establishment nicht wirklich unterscheiden. Beide fordern Respekt für sich ein, die einen offen und aggressiv, die anderen unter der Hand, denn natürlich darf die Führungskraft nicht schwächeln und um Rücksichtnahme betteln. Aber in den Diskussionen von Berufspolitikern und Managern, die zum Fall Köhler geführt wurden, ging es immer wieder darum: Eigentlich hat er ja recht, der Umgang miteinander ist miserabel. Aber das muss er aushalten - weil ich es auch aushalten muss. Der soll sich nicht so haben.

Die Nachricht ist klar und deutlich: entweder Erfolg oder Respekt. Entweder Karriere oder Rücksichtnahme. Wer führt, muss "tough" sein. Wer Würde einfordert, ist ein Weichei. Oder jemand, der unverschämterweise für sich das fordert, was man selbst gern hätte.

Und das ist wieder ein guter Grund, in den Spiegel zu schauen. In den USA, in Kanada und Australien sind Automobilhersteller verpflichtet, einen Warnhinweis in ihre Rückspiegel einzugravieren: "Objects in mirror are closer than they appear" steht darauf. Die Sachen im Rückspiegel sind näher, als man denkt. Anders gesagt: Die Vergangenheit holt dich ein, einschließlich all der Dinge, die man verdrängt hat. Die meisten Führungskräfte, Manager und Politiker strengen sich an, disziplinieren sich, vernachlässigen Familie und Beziehungen, geben alles, wie es so schön heißt. Um was genau zu kriegen? Macht ohne Bedeutung, Einfluss, aber keinen Respekt und wenig Anerkennung.

Im Gegenteil: Es gehört kulturell zum guten Ton, die "oben" zu bashen, für alles verantwortlich zu machen, was man im eigenen Leben verbockt hat. Der Sachzwang killt den Anstand, den Respekt und die Würde. Und deshalb wimmelt es in den Chefetagen auch von Leuten, die hartnäckig verdrängen müssen, dass sie ihr eigentliches Karriereziel, ein Leben in Würde, Anerkennung und also Respekt, verfehlt haben.

Das führt zur Selbstverleugnung - und zerstört die Grundlage aller Rücksichtnahme auf andere, den Respekt zu sich selbst. Wer sich selbst nicht achtet, schafft das bei anderen erst recht nicht.

5. Neurosenfelder

Im Rückspiegel sehen wir jetzt einen hübschen Griechen, Narziss, der Legende nach Sohn des Flussgottes Kephissos und der Wassernymphe Leiriope. Als der Schönling geboren wurde, prophezeite ihm der Seher Teiresias ein langes und glückliches Leben, vorausgesetzt, dass er, Narziss, sich in diesem Leben "nicht selbst erkennen" würde. Narziss wuchs heran und wurde von unzähligen Frauen und Männern begehrt. Doch er wies sie alle zurück. Denn konnten diese Menschen ihn so sehr lieben wie er sich selbst? Wohl kaum.

Die Götter waren von dem Schmock ziemlich genervt. Es reichte. Sie ließen den Schönen an einen See kommen. Die spiegelglatte Oberfläche des Gewässers schien Narziss ideal, um mal einen Blick auf seinen Teint zu werfen. Bin ich schön? In diesem Augenblick ließen die Götter ein Blatt in den See fallen, die Oberfläche kräuselte sich, und Narziss sah sein Spiegelbild als eine durch die Wellen verzerrte Fratze. Das war zu viel für ihn er starb an Gram über seine Hässlichkeit. Wo er sein Ende fand, blühte eine Narzisse.

Heute sind daraus ganze Neurosenfelder geworden. Als der Wiener Mediziner Sigmund Freud sich Ende des 19. Jahrhunderts als Landschaftsgärtner der Seele einen Namen machte, stieß er auf diese alte Legende, die ihn faszinierte. Der Vater der Psychoanalyse erkannte, dass die zahlreichen Narzissten seiner Zeit keineswegs knallharte Egoisten waren. Sie waren vielmehr von tiefem Selbstzweifel gepeinigt, den sie nur sorgsam vor anderen verbargen. Keinen Selbstrespekt, keinen Respekt für andere. Das war die Formel, die sich daraus ergab. Ein wenig Gekräusel im Wasser, und schon verlieren diese Leute die Fassung. Einige von ihnen gehen ins Wasser, andere sind gekränkt.

Das heißt nicht unbedingt, dass wir uns unter diesen Gekränkten Menschen vorstellen, die wie ein Trauerkloß wirken - auch wenn es davon nicht wenige gibt. Der moderne, "professionelle" Narzisst macht gern einen auf locker und cool. Doch hinter der Fassade tut sich der Selbstzweifel auf. Er genügt sich nie selbst. Er ist von seinem Spiegelbild abhängig, also dem, was andere über ihn sagen. Früher verortete man derlei im Schauspielermilieu, wo ein solches Persönlichkeitsbild ja nicht ganz abwegig ist. Mehr Applaus bedeutet mehr Erfolg. Es ist ein Beruf, der meinungsabhängig ist.

Aber welcher Beruf und welche soziale Rolle wäre das heute nicht mehr? Unentwegt werden Meinungsbilder entworfen und Meinungen abgefragt. Niemand wird nach seinen Fähigkeiten und Talenten allein beurteilt, sondern auch nach dem "Gesamtbild", was immer das sein mag. Nicht mehr das, was jemand kann, steht im Mittelpunkt, sondern wie es rüberkommt.

Das führt dazu, dass das, was für Papa Freud einmal ein Krankheitsbild war, der Narzissmus, heute richtiggehend nachgefragt wird. Wer bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia das Schlagwort "Narzisstische Persönlichkeitsstörung" eingibt, findet einen Kriterienkatalog des "Diagnostischen und Statistischen Manuals Psychischer Störungen". Ein Narzisst ist demnach jemand, der

1. "ein grandioses Verständnis der eigenen Wichtigkeit hat";
2. stark eingenommen ist von Fantasien grenzenlosen Erfolgs, Macht, Brillanz, Schönheit oder idealer Liebe;
3. von sich glaubt, "besonders und einzigartig" zu sein und nur von anderen einzigartigen Menschen verstanden zu werden;
4. exzessive Bewunderung benötigt und
5. ein "Anspruchsdenken an den Tag legt", also "übertriebene Erwartungen auf eine besonders günstige Behandlung oder automatisches Eingehen auf die eigenen Erwartungen" hat;
6. "Nutzen aus anderen zieht, um seine Ziele zu erreichen";
7. "einen Mangel an Empathie aufweist, nicht bereit ist, die Gefühle und Bedürfnisse anderer anzuerkennen" sowie
8. "häufig neidisch auf andere ist oder glaubt, andere seien neidisch auf ihn" und
9. "zu hochmütigen Verhaltensweisen und Ansichten" neigt.
6. Die Schauspieler-Gesellschaft

Da ist für jeden etwas dabei - zumal fünf von neun Kriterien genügen, um eine positive Diagnose zu stellen. So sind sie, die Chefs und die Führungskräfte, die Politiker, die Kollegen, die Nachbarn und Kunden, die DSDS-Sternchen und ihre Anhänger, ja, fast alle sind sie so. Der Störungskatalog liest sich wie ein TÜV-Bericht der sozialen Unzulänglichkeiten. Egozentriker, die auf ihrem eigenen Planeten leben, voller Ansprüche, Forderungen und Begehrlichkeiten an die anderen, alles im Namen der Einzigartigkeit.

Alles Schauspieler und Selbstdarsteller also. Alles Leute, die ständig Sonderrechte einfordern, die aber andere Menschen nicht wahrnehmen, weil sie so sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Und keinen Respekt für andere haben.

Doch diese populäre Klage greift zu kurz. Sie verdreht die Wahrheit sogar. Denn mit ihr einher geht die Behauptung, dass die Individualisierung der vergangenen Jahrzehnte schuld ist am fehlenden Respekt. Jeder denkt nur noch an sich, nimmt keine Rücksicht auf die anderen. Alles Gestörte. Aber ist das so? Oder baut das merkwürdige Verhalten erwachsener Menschen, das dem Narzissmus-Katalog entspricht, nicht viel mehr darauf, dass sich jeder überall gespiegelt sieht?

Die Meinung der anderen erweckt den Narzissten zum Leben, die oberflächliche Beurteilung durch das "Publikum", das heute überall ist, in Form von Mitarbeitern in Unternehmen, Kunden, Geschäftspartnern. Die Öffentlichkeit hat keine Grenzen mehr, und in einer solchen Atmosphäre ist der Druck, sich so zu verhalten wie ein Narzisst, enorm. Bis vor lauter Rücksichtnahme auf all die Stimmungen, Befindlichkeiten, Empfindlichkeiten für Respekt keine Zeit mehr bleibt.

Das ist typisch für das Verhalten von Menschen, die meinen, von diesem diffusen sozialen Publikum abhängig zu sein. Für Vorstände und Politiker, die ohne Meinungsumfrage gar nichts mehr entscheiden. Deren Verhalten sorgt dafür, dass sich der Narzissmus und mit ihm die Respektlosigkeit geradezu epidemisch ausbreiten können. Denn es wird bei der Gelegenheit allen und jedem suggeriert, dass es auf seine Befindlichkeiten, die meist nichts weiter sind als Empfindlichkeiten, ganz entscheidend ankommt.

Aber wer mit dem Finger auf die zeigt, auf die diese Diagnose vermeintlich perfekt passt, sollte achtgeben. Denn sind die, die im Namen des Guten antreten und mehr Respekt für alle fordern, wirklich besser? Nehmen sie Rücksicht auf ihre Kontrahenten? Wollen sie nicht für ihre Gesinnung, die sie Haltung nennen, bewundert werden? Fordern sie nicht für ihre moralischen Regeln mehr Anerkennung, als sie den anderen zugestehen? Und sind diese Leute in ihrer moralischen Überlegenheit nicht wenigstens so arrogant und voreingenommen wie jene, denen sie ständig einen Mangel an Respekt unterstellen? Die Komödie um den Respekt wird auf allen Bühnen gespielt. Respektlos sind immer die anderen.

7. Respekt als Unterschied

Respekt ist nicht einfach das, was uns passt. "Ich respektiere jeden, solange er mit mir übereinstimmt oder mich nicht stört" - dieser Leitsatz ist populär - und hat seine Tücken.

Und das, sagt Niels van Quaquebeke, "hat mit Respekt nicht das Geringste zu tun". Der Psychologe hat 2003 mit Betriebswirten, Politologen, Pädagogen und anderen Wissenschaftlern die "RespectResearchGroup" in Hamburg ins Leben gerufen. Die Gründe dafür waren gute, "nämlich persönliche", sagt van Quaquebeke: "Da war viel persönliche Betroffenheit im Spiel. Uns haben die eigenen Erfahrungen mit Respekt und Respektlosigkeit in unserem Studien- und Arbeitsumfeld angetrieben. Aber man forscht ja sowieso am besten in einem Feld, mit dem man selbst ein Problem hat."

Abgesehen davon, zeigte sich schon vor acht Jahren, dass die damals bereits laufende Wertedebatte im Management sich immer wieder mit der weithin unbekannten Größe des Respektes schwertat. In Umfragen, etwa der Wertekommission e.V., konnte man immer wieder nachlesen, dass der Wunsch junger Führungskräfte nach Respekt immer ausgeprägter wurde. Geld allein war kein Kompensationsmittel mehr für die Unbill, die sich für die Nachwuchsmanager auftat. Ansehen, Würde, Anerkennung - Respekt also -, das schien und scheint vielen im Job zu fehlen. "Wer diese Leute haben will, muss mehr bieten als Geld", weiß van Quaquebeke, "wer sie nicht respektiert, kriegt sie entweder nicht ganz, weil sie ihre Leistung nicht voll bringen, oder, und das wird immer öfter so sein, gar nicht. Dann machen die ihr eigenes Ding."

Und was kann die Respektforschung daran ändern? Zunächst einmal Missverständnisse beseitigen, findet van Quaquebeke: "Es geht nicht ums Nett-Sein. Wir sind an handfesten Dingen interessiert. Führt Respekt zu mehr Leistung, hilft ein klares Bewusstsein für Respekt in Unternehmen dabei, Umsätze und Gewinne zu erhöhen. Zahlt sich Respekt aus?", fragt van Quaquebeke. Und gibt selbst die Antwort: "Natürlich. Wer in Respekt investiert, wer damit eine bessere Unternehmenskultur schafft, hat eindeutig die Nase vorn." Die Zeiten, in denen alte Respektspersonen ihren "Mitarbeitern" gerade so viel Anerkennung schuldeten, wie auf dem Lohnzettel stand, sind endgültig und auf allen Ebenen vorbei.

Doch lässt sich dieser Respekt einfach verordnen? Dazu muss man zunächst das theoretische Modell der Hamburger Forscher verstehen.

Sie unterscheiden zwischen horizontalem und vertikalem Respekt. Der vertikale Respekt ist in der Gesellschaft seit Langem angekommen. Man anerkennt alle, die über eine klar unterscheidbare Fähigkeit, über ein Talent, über Wissen, Können und eine bestimmte Meisterschaft verfügen, die sie von anderen, einschließlich des Betrachters, unterscheiden. Dieser Respekt "ist graduell, er bezieht sich nicht auf die ganze Person, sondern eben nur auf die herausstechenden Eigenschaften und Fähigkeiten, den wahrnehmbaren Unterschied, den man schätzt", so van Quaquebeke.

Interessanter für die Forscher ist allerdings das weite Feld des horizontalen Respektes, ein "Respekt ohne Bedingungen", wie van Quaquebeke das nennt. Um diesen Respekt zu zollen, muss ich nachdenken, lernen, überlegen, was für andere wichtig ist, und nicht nur meine Maßstäbe anlegen, so wie das beim vertikalen Respekt der Fall ist. Da respektiere ich, was ich kenne und unterscheiden kann. Der horizontale Respekt hingegen ist einer, bei dem ich immer etwas Neues beim anderen entdecken muss. "Ich muss mich also fragen: Was treibt den oder die an? Warum machen sie das so?"

Der horizontale Respekt ist die fortschrittliche Variante, die in eine Zeit hoher Komplexität passt. Man lehrt keinen Respekt mehr, man lernt ihn. Das ist der Unterschied.

Es wäre ein großer Irrtum, diesen neuen Respekt der neuen universellen Harmonielehre zuzurechnen. Er ist nicht von der Hierarchiestufe und dem aktuellen gesellschaftlichen Status des Respektierten abhängig. Es geht nicht um eine weitere Gutmenschentheorie, die keinen Nutzen stiftet, aber dafür jede Menge Gekränkter produziert. "Nachdenken ist der Schlüsselbegriff", sagt van Quaquebeke, "und das setzt auch die Einsicht voraus, dass Menschen gleichwertig sind - aber eben nicht gleich. Es geht um das Erkennen von Differenz und Vielfalt, nicht um das Gegenteil."

8. Die Beschränkten

Respekt ist also, was uns nützt, was uns erkennen lässt, was uns nützen könnte. Wer Rücksicht nimmt auf andere und das, was sie denken, der lernt etwas. Wer das unterlässt und nur anerkennt, was er kennt, bleibt stehen. "Respekt ist keine Haltung, Respekt ist Kommunikation", sagt Fritz B. Simon, Psychiater, Autor und Berater. "Einer sendet, einer empfängt - und interpretiert. Als autonome, selbstständige Person entscheide ich, was ich an mich heranlasse und was nicht." Simon hält nichts davon, den bedingungslosen Respekt für alles und jeden auszurufen. Dieser inflationäre Respekt teile das Schicksal vieler Wertbegriffewie Toleranz oder Solidarität, die längst zu hohlen Phrasen geworden sind: "Er ist bald nichts mehr wert. Und es ist im Übrigen auch respektlos, den Respekt mit gar nichts zu verbinden. Natürlich muss man sich Respekt verdienen, man muss etwas tun dafür. Es ist andererseits respektlos, die Leute in Watte zu packen und ihnen gar nichts zuzumuten."

Nutzen stiftet das große Wort hingegen dort, wo man es mit Verstand statt mit großen Gefühlen anwendet: " Je pragmatischer wir mit Respekt umgehen, desto besser. Ich behandle andere Leute gut, weil ich möglicherweise morgen was von ihnen brauche oder sie heute schon was haben, das für mich von Interesse ist. Es ist einfach unklug, respektlos zu sein", findet Simon.

So gesehen ist Respekt vor allen Dingen auch eines: ein Werkzeug der Erkenntnis. Das läuft nun aber statt auf gute Worte auf eine relativ schlechte Nachricht hinaus: Echter Respekt ist anstrengend. Man muss ihn sich verdienen. Und etwas über andere wissen wollen.

Das ist theoretisch relativ einfach. Praktisch allerdings hat die Arbeit noch gar nicht begonnen. Wissensarbeit, geistige, also schöpferische Arbeit ist die Grundlage des Wohlstands. Scheinbar wird das auch respektiert. Tatsächlich ziehen Herz-Jesu-Marxisten vom Schlage Norbert Blüms mit Büchern durch Talkshows, die die "ehrliche Arbeit" hochleben lassen. Darunter versteht man von jeher harte, manuelle Arbeit. Alles andere ist demnach "unehrliche Arbeit", und das glauben, das ist das Problem, eben nicht nur die Blüms.

Gerhard Schröder punktete im Wahlkampf gegen Paul Kirchhof mit seinem verächtlichen "dieser Professor aus Heidelberg", und Angela Merkel verteidigte den respektlosen Diebstahl geistigen Eigentums durch Karl-Theodor zu Guttenberg mit dem gleichwertigen Satz: "Ich habe keinen wissenschaftlichen Assistenten berufen." Stellen wir uns einen Moment vor, ein Politiker oder sonst wer redete so über die Arbeit von Putzfrauen, Fließbandarbeitern oder Mechanikern.

Aber vielleicht haben sich die Kopfarbeiter den Respekt anderer noch gar nicht verdient? Ihr Selbstbewusstsein ist in der Öffentlichkeit kaum wahrzunehmen. Sie ducken sich weg, lassen sich abkanzeln. Alle leben von ihnen, aber keiner nimmt sie ernst.

Es könnte aber auch etwas ganz anderes vorliegen: Vielleicht haben es die Wissensarbeiter gar nicht mehr nötig, um den fehlenden Respekt der Gesellschaft zu bitten. Vielleicht wollen sie gar nicht von den falschen Leuten respektiert werden.

9. Habt uns gern

Ulrich Klotz neigt zu dieser Antwort. Schon in den siebziger Jahren hat der Informatiker gezeigt, wie man mit klugem Software-Design stupide manuelle Produktionsarbeit in anspruchsvolle Wissensarbeit verwandeln kann. Seitdem gilt der Vordenker der IG Metall als sensibler Beobachter der Trends in der Arbeitswelt und als Vorkämpfer für eine neue Arbeitskultur, die den Wissensarbeitern angemessen ist.

Das ist, wenn man für den Vorstand der weltgrößten Industriegewerkschaft arbeitet, kein leichtes Brot, insbesondere dann, wenn man wie Klotz erkannt hat, wie zäh unsere industriell geprägten Denkmuster sind, die den Fortschritt im Land bremsen. Seit Jahren publiziert Klotz viel beachtete Beiträge, in denen er etwa prophezeit, dass die Arbeitskultur und Strukturen der "Open Source"-Welt, als Gegenstück zum tayloristischen Industriemodell, sich bei Wissensarbeitern früher oder später durchsetzen werden: "Hier sind Menschen hoch motiviert und gern bereit, ihr Wissen und ihre Ideen mit anderen zu teilen - weil ihnen Vertrauen, Respekt, Anerkennung, Fairness und Toleranz entgegengebracht wird." Für den damaligen IG-Metall-Chef Jürgen Peters waren solche Vorhersagen nichts anderes als "intergalaktischer Blödsinn".

Ulrich Klotz wundert so etwas nicht, leben doch Gewerkschaften selbst noch die tayloristische Arbeitskultur, der sie entstammen - da mangelt es oft an Einsicht. Doch unabhängig davon nehmen die Dinge sowieso ihren Lauf, weil die Unternehmen es sich nicht länger leisten können, dass ein Teil ihrer Mitarbeiter innerlich gekündigt hat, bloß weil sie einen Deppen oder Despoten als Vorgesetzten haben. "In der Wissensgesellschaft gibt es Wertschöpfung nur mit gegenseitiger Wertschätzung - Respekt ist das Schmiermittel", sagt Klotz. "Anwesenheitsprämien und Anweisungen nach Gutsherrenart kann man in der neuen Arbeitswelt vergessen. Im Netz funktioniert Kooperation sowieso nur mit Respekt - und die Netzkultur färbt auf den Rest der Welt ab."

Die Leute, die das verstanden haben, machen ihr eigenes Ding. Sie sind so, wie Fritz B. Simon den Respekt als solchen beschrieben hat: selbstständige und eigenverantwortliche Menschen, die entscheiden, ob man ihnen respektlos kommt oder nicht. Die sich nicht gekränkt oder beleidigt zur Seite drehen, sondern ihren Kopf hoch tragen. Und damit nun wirklich nach vorn schauen und nicht mehr, wie der alte Respekt, nur zurück. Was passiert mit allen Respektlosen, den Zurückgebliebenen also? Auch dafür gibt es eine Lebensweisheit. Sie passt hervorragend auf alle, die Gesinnung mit Respekt verwechseln: Ihr könnt uns mal gernhaben. -