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„Unser Problem ist die Zukunft“

Klaus Mattar, Deutschland-Chef des amerikanischen Rückversicherers RGA, sucht in Datenfriedhöfen nach neuen Geschäften. Porträt eines Rechners mit Verkaufstalent.




- "Stellen Sie sich vor, Sie gehen in den Ruhestand. Vor drei Jahren haben Sie einen Herzinfarkt gehabt. Und nun sollen Sie für Ihr angespartes Guthaben genauso viel Rente bekommen wie Ihr gleichaltriger Kollege, der topfit ist und jedes Jahr Marathon läuft. Das ist doch nicht fair, oder?" Fragt rhetorisch Klaus Mattar, Deutschland-Chef der Reinsurance Group of America (RGA). Und gibt auch gleich die Antwort: Weil der gesundheitlich angeschlagene Rentner wahrscheinlich früher sterbe, könne die Versicherung ihm monatlich mehr zahlen als dem gesunden. In Großbritannien sei das schon gang und gäbe. Dann erwähnt er noch, dass seine Firma für den dortigen Markt ein Programm entwickelt habe, mit dem Versicherungsmakler ermitteln könnten, bei welcher Gesellschaft zum Beispiel ein übergewichtiger Raucher eine um so und so viel Prozent höhere Pension bekomme könne. Für solche Angebote sieht Mattar auch im Land der künftigen Riester- und Rürup-Rentner einen Markt. Wobei die Pension mit Siechen-Bonus, das gibt er zu, nicht ganz einfach zu bewerben sei, weil sie auf den ersten Blick unethisch erscheinen könne. Auf den zweiten Blick aber sei sie sehr vernünftig.

Das ist der Blick des Versicherungsmathematikers auf die Welt. Im Fachjargon nennt man Versicherungsmathematiker Aktuare, und für einen solchen ist Mattar eher untypisch: rheinländisch extrovertiert, in der Lage, anschaulich über seinen Beruf zu erzählen, außerdem ein guter Verkäufer. Allerdings putzt der 49-Jährige keine Klinken wie der Mann von der Hamburg Mannheimer, sondern trifft seine Kunden in den Vorstandsetagen von Versicherungen. Er selbst bezeichnet sich als "Edelverkäufer". Sein amerikanischer Arbeitgeber mit Sitz in Saint Louis, Missouri, ist einer der fünf größten Rückversicherer weltweit und drängt nun auf den deutschen Markt. Der Konzern verfügt über Vermögenswerte von rund 29 Milliarden Dollar und deckt weltweit Policen im Wert von 2,5 Billionen Dollar ab.

Rückversicherer sind die Versicherer der Versicherer. Sie nehmen Allianz, Axa, Generali & Co Risiken ab, beraten die Gesellschaften bei ihren Geschäften oder animieren sie zu neuen - an denen die Rückversicherer dann beteiligt werden möchten. RGA ist auf die Sparte "Leben" spezialisiert, also auf Kapital-, Risikolebens- und Invaliditätsversicherungen. Im Kern geht es dabei um die Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit Menschen wann sterben. Und wie viel Geld man zurücklegen muss, um ihre Ansprüche mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit noch in Jahrzehnten erfüllen zu können.

Der Schatz des Konzerns sind seine Daten. "Die mit Abstand größten Sterblichkeitsbestände sind die nordamerikanischen, und da sind wir Marktführer", erzählt Mattar. Soll heißen: Man weiß, unter welchen Voraussetzungen in der Vergangenheit Männer und Frauen mit unterschiedlichen Berufen und Vorerkrankungen versichert wurden, und wie lange sie gelebt haben. Daraus lassen sich Rückschlüsse für neue Geschäfte ziehen. Klingt einfach, ist es aber natürlich nicht. "Die Vergangenheit kennen wir gut, unser Problem ist die Zukunft", scherzt der Aktuar.

Fest steht: Die Menschen werden immer älter. In den vergangenen 170 Jahren hat sich die Lebenserwartung in den Industrieländern um 42,5 Jahre erhöht, und diese Entwicklung scheint sich fortzusetzen. Unübersichtlicher ist die Lage auf den Finanzmärkten: Neben der Euro-Krise fürchtet man in der Branche den Trend zu dauerhaft niedrigen Zinsen, das "Japan-Szenario". Dort stagniert die Wirtschaft seit den neunziger Jahren, worauf die Zentralbank den Yen zum Nulltarif verlieh. Niedrige Zinsen können Lebensversicherer, die das Gros des ihnen anvertrauten Geldes in festverzinslichen Wertpapieren anlegen und ihren Kunden einen bestimmten Zins garantieren, in die Bredouille bringen. Hinzu kommt, dass die Gesellschaften wegen verschärfter Aufsichtsregeln in Europa ab 2013 mehr Eigenkapital vorhalten müssen, um ihre Verpflichtungen abzusichern.

Das sind Themen, die die Branche bewegen und in denen Mattar vor allem Chancen für neue Geschäfte seiner Firma sieht. Rückversicherer wie die RGA leben von ihrer internationalen Erfahrung und dem Gesetz der großen Zahlen. "Wir sind überall auf der Welt schon mit bestimmen Risiken umgegangen und wissen, wenn man eine gewisse Menge davon zusammenbekommt, kann man sie beherrschen", sagt Mattar. Er gibt ein Beispiel: Ein einzelner Maurer, der eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen möchte, bekommt, wenn überhaupt, nur eine zu ungünstigen Konditionen, weil sein Risiko, invalid zu werden, als hoch gilt. Wenn aber ein Baukonzern alle seine Mitarbeiter, auch die Büroangestellten versichert, sinken Risiko und Beiträge.

Jede Versicherung hat einen Aktuar - und der passt auf

Mattars Sinn für abstrakte Modelle zeigte sich bereits in der Mittelstufe des Gymnasiums. Damals bekam der Bäckersohn einen Lehrer, der normalerweise Abiturklassen unterrichtete. "Pädagogisch war der auf uns nicht eingestellt, er machte etwas sehr Theoretisches: reine Geometrie. Mir fiel das leicht, während viele andere gestöhnt haben." So lag das Mathematikstudium nahe, in dem er sich mit Statistik und Wahrscheinlichkeitstheorie befasste, promovierte und 1993 als Trainee zum Rückversicherer des Gerling-Konzerns ging. Während viele Aktuare ihre Zeit am liebsten mit ihren Zahlen im Büro verbringen, nutzte er die Chance, ins Ausland zu gehen und sich anzuschauen, wie man in angelsächsischen Ländern arbeitete. Der deutsche Markt war streng reguliert, die meisten Versicherungskonditionen staatlich vorgegeben.

Das änderte sich mit der Liberalisierung durch die EU Mitte der Neunziger. Die Modelle, die Mattar und seine Kollegen berechneten, wurden komplizierter. Später wechselte er dann zu einem britischen Unternehmen, das von der Schweizer Rück übernommen wurde, für die er eine Zeit lang nach Mexiko ging. Von dort haben er und seine Frau drei Kinder adoptiert. Seit 2008 ist er bei RGA. Dass der US-Konzern seine Deutschland-Zentrale an den Rhein legte, war dem überzeugten Kölner Mattar sehr recht.

Das Prinzip der Versicherungen, Risiken zu bündeln und weiterzugeben, erinnert ein wenig an das der Banken, die toxische Papiere wie heiße Kartoffeln hin- und herschoben, was 2008 zur Weltfinanzkrise führte. Die Assekuranzen haben es nicht so toll getrieben - mit Ausnahme des US-Giganten AIG, der sich ähnlich unverantwortlich aufführte wie manche Investmentbank und mit 182 Milliarden Dollar von den amerikanischen Steuerzahlern gerettet wurde. Die Vorsicht der Versicherungsbranche hat mit der traditionell stärkeren Regulierung zu tun. Und mit der starken Position der Aktuare. Jede Gesellschaft hat einen, der gegenüber den Aufsichtsbehörden für die Solidität des Geschäftes bürgt -und so zum Aufpasser innerhalb der Firma wird. Der Staat hat ein großes Interesse an der Gesundheit der Branche, weil die private Altersvorsorge von Millionen Bürgern daran hängt. Nicht zuletzt deshalb half die Bundesregierung der Commerzbank 2008 mit Milliarden, der Allianz die notleidende Dresdner Bank abzunehmen - die größte Fehlinvestition in der Geschichte des Versicherungskonzerns (vgl. brand eins 03/2009, "Alles im blauen Bereich"). Seitdem agiert nicht nur diese Gesellschaft wieder konservativer und konzentriert sich auf ihr Kerngeschäft.

Die Annahmen, mit denen Versicherungen arbeiten, sind kein Hexenwerk. Manchmal verspekulieren sie sich dennoch - oder werden von der Realität überrascht. Mattar erzählt, dass in Großbritannien Risikolebensversicherungen sehr populär sind, die nicht nur im Todesfall, sondern auch bei Diagnose einer Krebserkrankung beim Versicherten ausgezahlt werden. Seit der PSA-Test zur Früherkennung von Prostatatumoren massenweise eingesetzt wird, geht die Angst um, dass zu viele Krebsfälle entdeckt und sich die Policen als massives Verlustgeschäft erweisen werden.

Rückversicherer sind häufig die Ersten, die solche Probleme erkennen. Sie galten lange als sehr seriös, ja dem Gemeinwohl verpflichtet. So warnt die Munich Re, einer der Weltmarktführer, seit Jahren vor den Folgen des Klimawandels. Jüngst kam sie allerdings mit einem anderen Thema in die Schlagzeilen: der Sex-Affäre des zum Konzern gehörenden Unternehmens Ergo. Verdiente Vertriebler hatten sich auf Firmenkosten in einem Budapester Bad mit Prostituierten vergnügt. Das ist das Risiko, wenn sich Edelverkäufer die eher hemdsärmeligen Kollegen aus der Erstversicherung ins Haus holen.

Wenn Klaus Mattar auf den Balkon tritt, sieht er gleich nebenan eine große Baustelle. Dort errichtet die Konkurrenz, der französische Rückversicherer Scor, für 40 Millionen Euro ein Bürogebäude mit allen Schikanen. Dummerweise fiel den Bauherrn aber zu spät die Adresse ihres neuen Firmensitzes auf: Es ist die Goebenstraße, benannt nach dem preußischen General, der Frankreich im Krieg 1870/71 empfindliche Niederlagen bereitet hatte. Als der Groschen gefallen war, intervenierte das patriotische Unternehmen im Kölner Rathaus, um die Straße umbenennen zu lassen. Vergeblich.

Abgesehen von solchen kulturellen Dissonanzen, ist das globale Geschäft für die Versicherungen so leicht wie nie. Man braucht wie RGA nur ein paar Mitarbeiter, ein Büro, und dann kann es losgehen. Den Aktuaren fällt die internationale Verständigung dank ihrer Lingua franca, der Versicherungsmathematik, ohnehin leicht. Sie haben ein ausgeprägtes Berufsethos und arbeiten in ihren Verbänden international zusammen. Mattar ist in der Deutschen Aktuarvereinigung aktiv, kümmert sich dort um die Aus- und Weiterbildung des Nachwuchses und rührt die Werbetrommel für den "spannenden und gut bezahlen Beruf". Hierzulande gebe es Bedarf an Versicherungsmathematikern.

Bleibt die Frage, wie es der Berechner so vieler Risiken mit den eigenen hält. "Ich", sagt er nach einigem Zögern, "bin eher unterversichert." -