Partner von
Partner von

Sind so schöne Zahlen

Gewinn ist Ansichtssache, denn kaum etwas lässt sich so gut manipulieren wie eine Bilanz. Hier einige verblüffende Beispiele für die Kunst der kreativen Buchführung.




- Wie aus 24 415 Euro in nur einem Jahr 69 789 895,70 Euro werden? Für die Manager von Teldafax ein Klacks. Zwischen 2006 und 2007 verzweitausendachthundertachtundfünfzigfachten sie mit einem originellen Manöver ihre Bilanzsumme. Unter anderem deshalb mussten sie erst im Juni 2011 Insolvenz anmelden. Und nun warten etwa 750 000 Gläubiger, die meisten davon ehemalige Kunden von "Deutschlands größtem unabhängigem Energieversorger", auf ihr Geld.

Es klingt ungeheuerlich, was das Troisdorfer Unternehmen sich damals einfallen ließ, und es ist unglaublich, dass sie damit durchkamen. Teldafax hatte seinen Kundenstamm als sogenannte immaterielle Vermögensgegenstände "aktiviert" und mit einem extrem hohen Wert auf der Vermögensseite der Bilanz verbucht.

Und das ging so: Die Teldafax Energy GmbH, Troisdorf, eine Tochter der Unternehmens-Holding, wies in ihrem Jahresabschluss 2006 eine Bilanzsumme von knapp 25 000 Euro aus. Für ein Unternehmen, das mit aggressiven Preisen den Energiemarkt erobern wollte, viel zu wenig. Im Jahresabschluss 2007 hatte die Teldafax Energy GmbH, Troisdorf, dann eine Bilanzsumme von knapp 70 Millionen. Nur: Die Teldafax Energy von 2006 und die Teldafax Energy von 2007 waren nicht dieselbe Firma. Letztere hatten die Teldafax-Manager erst 2007 gegründet, zunächst als Teldafax Gas. Mit dieser Firma hatten sie die Teldafax Energy die mit der mickrigen Bilanzsumme - verschmolzen.

Durch diesen Kunstgriff glaubten sie, den Kunden einen Wert zuweisen zu dürfen. Die Bilanzsumme explodierte, die Teldafax Gas wurde noch rasch in Teldafax Energy - der Name war nun frei - umbenannt, und plötzlich gab es eine finanzkräftige Firma auf dem deutschen Strom- und Gasmarkt. Obwohl die Bewertungskriterien für den Kundenstamm völlig überzogen waren, die Rechnungslegungsvorschriften einen solchen Winkelzug nicht erlauben, die Manager noch dazu handwerkliche Fehler machten und kein Wirtschaftsprüfer das Zahlenwerk je für rechtens erklärte. Es funktionierte - solange es funktionierte.

Natürlich wird kein Geschäftsmodell durch solche Tricks tragfähig. Kein buchhalterisches Manöver kann Geld herbeizaubern. Doch bietet Buchführung viele Spielräume, die Unternehmen auch intensiv nutzen, mal im Rahmen, mal jenseits des Erlaubten. Seit den neunziger Jahren haben sich durch die neuen angelsächsischen Rechnungslegungsvorschriften viele Möglichkeiten aufgetan: Während das Dritte Buch des HGB - gläubigerfreundlich und auf Sicherheit bedacht - Vermögen eher konservativ bewertet, will die amerikanische Normensammlung US-GAAP den Aktionären ein möglichst realistisches, aktuelles Bild bieten und deswegen Vermögen zum Marktwert bewerten. Und das IFRS-Regelwerk soll beide Ideen berücksichtigen.

Eigentlich muss die Buchführung einem sachverständigen Dritten innerhalb angemessener Zeit einen Überblick über die Lage des Unternehmens vermitteln. Dabei sollen die Firmen sich an die Grundsätze Wahrheit und Klarheit halten. Nur: "Sich anhand von Bilanzen einen realistischen Überblick über den Stand eines Unternehmens zu verschaffen ist immer schwieriger geworden", sagt Jörg Baetge, ehemaliger Direktor des Instituts für Revisionswesen (IRW) und heute Leiter des Forschungsteams Baetge an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Buchhaltung ist eine Kunst, keine Wissenschaft. Gewinn ist nur eine Meinung, und es gibt, wie im Fall Teldafax, extreme Meinungen. "Gewinn ist kein beobachtbarer physischer Gegenstand, sondern ein soziales Konstrukt", sagt Jens Wüstemann, Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsprüfung an der Universität Mannheim.

Natürlich begeben sich die wenigsten Firmen auf das Niveau von Teldafax. Die meisten stellen ihre Jahresabschlüsse nach bestem Wissen und Gewissen auf. Nur mangelt es bisweilen am Wissen. Der Regelwust scheint oftmals Verwirrung bei denen zu stiften, für die die Bilanzen bestimmt sind. Und mitunter auch bei denen, die sie unterzeichnen. Diesen Eindruck gewinnt, wer sich die Tätigkeitsberichte der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung seit ihrer Gründung im Jahr 2005 anschaut. Danach ist die Fehlerquote der geprüften Unternehmen kontinuierlich gestiegen, 2010 war mehr als jede vierte Bilanz fehlerhaft.

Ursprünglich haben Menschen die Buchführung erfunden, weil sie nicht in der Lage sind, sich an immerzu veränderte Informationen - Bestände, Überschüsse, Defizite, Schulden, Abgaben, Besitzverhältnisse - über einen längeren Zeitraum fehlerfrei zu erinnern. Das fiel ihnen früh auf: Piktogramme, auf denen in Mesopotamien Menge und Art von getauschten Gütern festgehalten wurden, stammen aus der Zeit um 9000 vor Christus. 6000 Jahre später stellten sich die Sumerer zum ersten Mal die Frage "Wie viel Getreide ist ein Schwein wert?" und verwendeten Gold und Silber als Vergleichsmaßstab.

Heute geht es um kompliziertere Fragen: Wie bewertet man zum Beispiel Domain-Namen? Die Pensionsrückstellungen für Zehntausende Mitarbeiter der BASF? Oder die Deutsche Bank mit ihrer Bilanzsumme von knapp zwei Billionen Euro: Eine Billion davon sind Marktwerte und nur 140 Milliarden davon tatsächlich beobachtbar. Der Rest wird angesetzt, muss über Risikomodelle geschätzt werden. Und wie ist es mit den Hinterlassenschaften der Atomindustrie? Reichen 30 Milliarden Euro Rückstellungen für die Endlagerung des radioaktiven Restmülls, obwohl es noch nirgends ein Endlager gibt? "Von außen lässt sich nur schwer sagen, wann eine Bilanzierung fehlerhaft oder betrügerisch ist", sagt Wüstemann.

Nicht mal, ob eine Firma konservativ wirtschaftet oder besonders forsch, ob sie sich künstlich arm rechnet oder lieber reich, ist anhand der Bilanz leicht zu beurteilen. Mit der Zahl der Rechnungslegungsvorschriften haben auch die sogenannten Gestaltungswahlrechte und Ermessensspielräume zugenommen. Ganz zu schweigen von den Fantasiezahlen, die sich kreative Investor-Relations-Abteilungen in den vergangenen Jahren ausgedacht haben. Ist der Jahresabschluss erst einmal testiert, basteln sie aus den Kennziffern neue schwungvolle Zahlen wie Ebit oder Ebita, die vorgeben, Zinszahlungen oder Abschreibungen hätten mit dem operativen Geschäft nichts zu tun.

Seit der Blüte der New Economy sind auch "Pro-forma-Statements" beliebt, die das Geschäft von so vielen negativen Faktoren befreien, dass sie als "Earnings before bad news" oder "Earnings before everything" verspottet werden. Die US-Wertpapieraufsicht SEC hat diesem Unsinn einen Riegel vorgeschoben und verfügt, dass Pro-forma-Zahlen noch im selben Dokument in allgemein gebräuchliche Kennzahlen zu überführen sind.

Raum für Kreativität bietet sich innerhalb von Bilanz sowie Gewinn- und Verlustrechnung aber weiterhin. Earnings Manage ment nennt das der Fachmann. Patricia M. Dechow und Douglas J. Skinner von der University of Michigan haben sich in einem grundlegenden Aufsatz aus dem Jahr 2000 mit dieser Praxis beschäftigt. Demnach sind Manager im Laufe der neunziger Jahre immer abhängiger vom Auf und Ab an den Börsen geworden - erst recht, wenn sie eigene Aktien oder Aktienoptionen besitzen.

Für Bilanzkosmetik gibt es starke Indizien: Ungewöhnlich selten melden Firmen geringe Verluste, dafür ungewöhnlich häufig kleine Gewinne. Selten melden sie einen kleinen Rückgang bei den Profiten, aber häufig mickrige Zuwächse. Bei einer ungewöhnlich großen Zahl von Geschäfts- und Quartalsberichten erfüllen oder übererfüllen Unternehmen die Analystenerwartungen - nur sehr selten bleiben sie unter den Erwartungen. Dechow und Skinner schlussfolgern: "Wir schätzen, dass acht bis zwölf Prozent der Firmen, die ursprünglich einen leichten Gewinnrückgang hätten melden müssen, diesen bei den Jahresabschlussarbeiten in einen Anstieg verwandeln. 30 bis 44 Prozent der Firmen mit leichten Verlusten weisen stattdessen Gewinne aus."

Mal wird rauf-, mal runtergerechnet

Kein Wunder, denn die Börse honoriert solches Verhalten. Analysten mögen es, wenn eine Firma über viele Quartale stetig wächst. Das verwundert insofern, als die bilanzpolitischen Manöver im Anhang zum Jahresabschluss offengelegt werden müssen, sie also von aufmerksamen Spekulanten erkannt werden müssten. Dazu eine Anekdote: In einem der zahlreichen Horrorquartale der Finanzkrise, im Oktober 2008, erlaubte das International Acounting Standards Board (IASB) den Banken, Wertpapiere während der Haltedauer in der Bilanz umwidmen zu dürfen. Die Institute durften toxische Papiere aus dem eigenen Handelsbestand mit einem anderen Label versehen, um der Pflicht zu entgehen, diese Wertpapiere auf den stark gefallenen Marktpreis abschreiben zu müssen.

Auch die Deutsche Bank machte von dieser Regel Gebrauch und schrieb das brav in die Meldung zum dritten Quartalsbericht 2008: "Hätten wir diese Umgliederung nicht vorgenommen, hätte die Gewinn- und Verlustrechnung für diese umgewidmeten Positionen negative ,Fair-Value'-Änderungen von 845 Millionen Euro enthalten." So aber wies die Bank einen Quartalsgewinn von 93 Millionen Euro aus, und die Börsen in Deutschland und den USA belohnten das Manöver mit einem deutlichen Kursplus. Obwohl offensichtlich war, dass sich an der finanziellen Lage des Instituts nichts geändert hatte.

Weil Banken solche Spielräume nutzen, sind auch zurzeit die griechischen Staatsanleihen bei verschiedenen europäischen Banken höchst unterschiedlich bewertet. Das zeigt ein Blick in das Kleingedruckte ihrer Quartalsberichte: Einige Banken schrieben ihre Bestände auf etwa 50 Prozent des Ursprungswerts ab, andere nur um 21 Prozent; manche Banken berichtigten alle griechischen Anleihen im Wert, andere nur diejenigen, die bis 2020 fällig werden. Den radikalen Weg haben etwa die Deutsche Bank, die Royal Bank of Scotland, Allianz oder Munich Re gewählt, den sanften hingegen französische Banken wie BNP Paribas, Société Générale, CNP Assurance oder die italienische Unicredit. "Darunter leidet natürlich die Vergleichbarkeit der Jahresabschlüsse", sagt Professor Jörg Werner, der an der Frankfurt School of Finance and Management Bilanzierung lehrt.

Ein beliebtes Instrument, Gewinne zu erhöhen, ist der Ausweis von Entwicklungskosten als immateriellen Wert auf der Aktivseite der Bilanz. Unternehmen, die nach IFRS bilanzieren, dürfen diese Kosten als Vermögen verbuchen. Verfährt ein Unternehmen alljährlich so in ähnlicher Größenordnung, gleichen Abschreibungen auf dieses immaterielle Vermögen den Gewinnanstieg zwar zum Teil aus. Der Aufwand, den vor allem die Entwicklung neuer Modelle verursacht, muss über deren Lebenszyklus abgeschrieben werden - das aktuelle Ergebnis wird also zulasten späterer Gewinne aufgebessert.

Verfälscht wird die Bilanz allerdings, wenn eine Firma wie etwa Volkswagen im ersten Quartal 2002 die Aktivierungsquote der Entwicklungsaufwendungen auf mehr als 70 Prozent hochschraubt. Im Jahr 2000 hatte der Konzern noch 40 Prozent aktiviert. Die Erhöhung führte zu einem Rekordergebnis. Vermutungen, dass damit der Abschied des VW-Konzernlenkers Ferdinand Piëch verschönert werden sollte, lässt der Konzern nicht gelten. Schließlich hätten die IFRS-Bilanzierungsregeln sogar eine Aktivierung vorgeschrieben, sagt ein Unternehmenssprecher. Ein vorhandener Spielraum werde einfach genutzt. Das ist richtig, erschwert aber den Vergleich mit Wettbewerbern, erst recht, wenn diese - wie etwa Porsche seinerzeit - nicht nach IFRS, sondern nach HGB bilanzieren und diese Kosten in der Gewinn- und Verlustrechnung ihren Gewinn schmälern.

Dass Wirtschaftsprüfer und Analysten keinen leichten Job haben, hat zumindest in Deutschland auch damit zu tun, dass für die Berechnung der Unternehmenssteuern nicht der Konzernabschluss, sondern unverändert der Einzelabschluss der deutschen AG maßgeblich ist. Und der muss nach wie vor auf Basis des HGB erstellt werden. Was im vergangenen Jahr etwa bei der Commerzbank seltsame Blüten trieb: In ihrem Konzernabschluss weist die Krisenbank für 2010 einen Gewinn aus, im Einzelabschluss zeigt sie derweil einen Verlust, den das Institut vor allem damit erklärt, dass "wir uns gemäß den Auflagen der Europäischen Union bis Ende 2014 von der Eurohypo trennen müssen. Um die Eurohypo darauf vorzubereiten, haben wir Bestände und Risiken reduziert." Dadurch und durch die Reduzierung des Neugeschäftes bei "anhaltend hoher Risikovorsorge ist der Barwert der künftigen Erträge gesunken, mit der Folge hoher Abschreibungen auf den Buchwert der Eurohypo". Die Folge: "Aufgrund dieser Verlustsituation können wir für das Berichtsjahr 2010 keine Dividende zahlen und auch die stillen Einlagen des Soffin und andere Kapitalinstrumente nicht bedienen."

Eine gewinnmindernde Bilanzpolitik könne natürlich nicht bewiesen werden, sagt der Bilanzexperte Werner von der Frankfurt School, "aber nur zur Erinnerung: Seinerzeit war der Staat noch mit 25 Prozent plus einer Aktie an der Bank beteiligt".

Was Wahrheit und Klarheit bedeutet, ist auch bei der Bilanzierung von Aktienoptionen Interpretationssache. Die sollten Manager zu mehr Leistung anspornen und zu Miteigentümern machen, sobald etwa der Aktienkurs eine bestimmte Zielmarke überschreitet. Nur hat die US-Notenbank in einer Studie herausgefunden, dass sich dieser Zusammenhang zwischen Firmenbeteiligung und Leistungsbereitschaft gar nicht nachweisen lässt.

Trotzdem gibt es einen guten Grund für Aktienoptionen: Im Gegensatz zu gewöhnlichen Gehaltszahlungen müssen sie in der Bilanz nicht als Ausgaben verbucht werden. Der britische Ökonom Andrew Smithers hat errechnet, dass die versteckten Kosten der Aktienoptionen bei den großen US-Konzernen im Jahr 2000 durchschnittlich rund 20 Prozent des Gewinns ausmachten. In der Hightech-Industrie waren es im Zenit der New Economy fast drei Viertel der ausgewiesenen Gewinne.

"Deutlich komplizierter und deshalb ein weites Feld, auf dem Unternehmen herumspielen können, sind die Pensionsrückstellungen auf der Passivseite der Bilanz", sagt Peter Dittmar vom Forschungsteam Baetge. In die Berechnung dieser betrieblichen Altersvorsorge fließen eine Fülle von höchst unterschiedlichen Variablen ein, etwa die Lebenserwartung der Mitarbeiter, die Gehaltsentwicklung und der interne Zinssatz, zu dem das Geld der künftigen Pensionäre angelegt wird. Die Höhe dieses internen Zinssatzes beeinflusst die Höhe der Rückstellungen und damit den Gewinn.

Unternehmen, die nach IFRS oder US-GAAP bilanzieren, müssen ihren Pensionsaufwand zudem bereits zu Jahresbeginn kalkulieren. Und wer dabei zu positive Annahmen trifft - etwa die Gehaltsentwicklung falsch einschätzt -, muss am Jahresende einen versicherungsmathematischen Verlust verbuchen. So erging es ThyssenKrupp im Geschäftsjahr 2008/2009, für das der Konzern einen Jahresfehlbetrag von rund zwei Milliarden Euro veröffentlichte. Wer den Geschäftsbericht aufmerksam liest, stößt bei der Lektüre auf einen versicherungsmathematischen Verlust in Höhe von 1,07 Milliarden Euro, den das Unternehmen allerdings erfolgsneutral im Eigenkapital, also nicht als Aufwand in der Gewinn- und Verlustrechnung erfasst hat. "Das war nach dem Wahlrecht des IAS 19 zwar zulässig", sagt Dittmar. Allerdings habe ThyssenKrupp diese Bilanzierungsentscheidung weder im Anhang noch im Lagebericht ausführlich erläutert. Und das, obwohl der Konzern im Jahr zuvor noch einen versicherungsmathematischen Gewinn von 394 Millionen Euro in der Gewinn- und Verlustrechnung ausgewiesen hatte.

"Noch mehr Ermessen", sagt Jörg Baetge, "haben die Unternehmen eigentlich nur bei der Bewertung des Goodwill." Der fällt bei Übernahmen an, wenn der Käufer einen Preis bezahlt, der über dem Zeitwert des Reinvermögens der übernommenen Firma liegt. Die Differenz steht für die Zukunftserwartung des Managements und muss in der Bilanz des Käufers als Vermögenswert aktiviert werden. Während das HGB eine Abschreibung über die voraussichtliche Nutzungsdauer vorschreibt, verlangen die IFRS-Regeln lediglich mindestens jährlich einen "Impairment-Test" - die Prüfung des Wertverfalls. Entwickelt sich die übernommene Firma nicht wie erwartet, muss - eigentlich - abgeschrieben werden.

Davor schrecken allerdings die meisten Manager zurück. "Natürlich fürchten sie Kursverluste an der Börse, und überdies würde jede Abschreibung offenbaren, dass sie zu teuer eingekauft haben", sagt Martin Glaum, Professor für International Accounting an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Er analysiert alle zwei Jahre im Auftrag der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers die IFRS-Abschlüsse von mehr als 300 börsennotierten europäischen Unternehmen. Für das Postkrisenjahr 2009 kam er zu dem Ergebnis, dass sich von 322 Firmen gerade einmal 129, 40 Prozent, zu Goodwill-Abschreibungen durchgerungen hatten. Von den 26 deutschen Unternehmen waren es nur 8. Insgesamt minderten die 322 Firmen ihren Goodwill um den Wert von 23 Milliarden Euro - das sind lediglich 2 Prozent der knapp 1,2 Billionen, die sie in ihren Bilanzen aufgetürmt haben.

Die Jahresabschlüsse offenbaren die Gefahr künftiger potenzieller Abschreibungen: So ist der aktivierte Goodwill in der Bilanz des Software-Herstellers SAP von 1,4 Milliarden Euro im Jahr 2007 auf 8,4 Milliarden Euro Ende 2010 angewachsen, als Folge der Milliardenübernahmen des französisch-amerikanischen Software-Produzenten Business Objects und des IT-Unternehmens Sybase. Das sind fast 90 Prozent des Eigenkapitals. Bisherige Abschreibungen? Fehlanzeige.

Wenn Konzernchefs eine Firma zu teuer kaufen und sich die Erwartungen nicht erfüllen, muss häufig der Nachfolger Luft aus der Bilanz ablassen. So erging es beispielsweise dem neuen Phi-lips-Chef Frans van Houten, der im April 2011 Gerard Kleisterlee an der Spitze des niederländischen Konzerns ablöste. Im Juli veröffentlichte van Houten Goodwill-Abschreibungen in Höhe von 1,4 Milliarden Euro für die Licht- und Medizintechniksparte und damit den höchsten Quartalsverlust seit zehn Jahren.

Abschreibungen auf den Goodwill eignen sich aber auch, um sich schlechter zu rechnen. Zu dieser Variante griff VW 1998 nach dem Kauf von Rolls-Royce - in einer Zeit, als Firmenwerte noch planmäßig abgeschrieben werden mussten. VW tat dies über fünf Jahre. Den Kaufpreis für die britischen Luxuskarossen über 1,2 Milliarden Mark packte der Wolfsburger Konzern allerdings gleich komplett in seine Gewinn- und Verlustrechnung. "Dabei ist eine direkte Vollabschreibung äußerst ungewöhnlich", sagt der Bilanzexperte Baetge. Schließlich sei es unwahrscheinlich, dass die erwarteten Erträge zum Zeitpunkt der Abschreibung bereits realisiert worden seien.

Wie schwer es ist, gegen Tricksereien mit Unternehmenszahlen vorzugehen, das erfährt man von Alireza Assadi. Der trat im Novemer 2008 als Finanzvorstand bei der Teldafax Holding an. Im Oktober 2009 wird er vom Aufsichtsrat abberufen, eine Anzeige gab es obendrein. Er selbst sagt, dass er das Unternehmen an einen Restrukturierungsfonds verkaufen, später nur noch die Insolvenz einleiten wollte. Assadi hat 20 Jahre Erfahrung als Kaufmann, er ist intelligent und eloquent. Dennoch hielt er das Zahlenwirrwarr bei Teldafax zunächst für die erwartbare buchhalterische Unordnung in einem schnell wachsenden Unternehmen. Doch bald sah er tiefer.

Die Firma lockte ihre Kunden mit Billigtarifen und nahm Vorkasse von ihnen. Während die Vertriebler die Kampfpreise vertraglich garantierten, versäumte es der Einkauf, sich gegen steigende Preise abzusichern. Neuverträge brachten nach dem Prinzip des Schneeballsystems frisches Geld ins Haus, um Strom und Gas der Altkunden zu finanzieren. Und so machte Teldafax mehr oder weniger von Anfang an Monat für Monat Miese. Bis der Vorstand auf die glorreiche Idee kam, durch seine Verschmelzungs- und Aktivierungsakrobatik für neue Solvenz im Unternehmen zu sorgen. "Ich habe mich gefragt, was das für eine Zauberei ist", sagt Assadi, "dabei war es einfach nur dilettantisch." Externe Wirtschaftsprüfer, die er ins Haus holte, bestätigten seine schlimmsten Befürchtungen. Hätte man das Geschäftsjahr 2007 korrigiert, "wären wir überschuldet und damit pleite gewesen". Intern stand er bald als Nestbeschmutzer auf der Abschussliste.

Heute, sagt Assadi, würde er von einem neuen Arbeitgeber erst sämtliche Jahresabschlüsse verlangen - und sehr aufmerksam durcharbeiten. -