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Mehr Vernunft beim Fürchten!

Gefahren lassen sich genau berechnen, behaupten Fachleute. Doch es gibt gute Gründe, ihnen zu misstrauen.




- Wollen Sie wissen, was Sie am wahrscheinlichsten tötet? Kein Terrorist. Auch kein marodes Kernkraftwerk. Weder ein mit Drogen vollgepumpter Straßenräuber noch das Flugzeug, in das Sie demnächst steigen. Sie sind es selbst.

Die Chance auf einen Herzinfarkt liegt bei 1:1130. Wahrscheinlicher ist Lungenkrebs infolge Rauchens: 1:690. An der Spitze liegt alkoholbedingte Leberverhärtung - 1:480. Vielleicht rauchen und trinken Sie nicht - gut. Aber übertreiben Sie es nicht mit der Askese: Ein freudloses Dasein treibt jährlich fast 10 000 Menschen in den Selbstmord; die Wahrscheinlichkeit, sich selbst umzubringen, beträgt 1:8680.

Wenn ein Mensch vorzeitig ablebt, ist er meist selbst schuld. Aber fürchtet er sich darum vor sich selbst? Selten. Unheil sieht er vor allem von außen heraufziehen, das besonders Bedrohliche ortet er außerhalb seines Verantwortungsbereichs.

Gegen diese Unlogik argumentieren Risikoexperten wie Klaus Heilmann seit Jahren. Der Mediziner trägt akribisch statistische Wahrscheinlichkeiten zusammen. Er will die Menschen zu einer zahlenorientierten Gefahreneinschätzung erziehen. Er plädiert für mehr Vernunft beim Fürchten.

"Nur wenn wir lernen, Risiken zu messen und sie mit Maßeinheiten zu versehen, können wir sie in der Reihenfolge ihrer Größe ordnen und für Entscheidungen Prioritäten setzen", sagt Heilmann. Wenn wir wüssten, welche Risiken für uns "relevant" seien, könnten wir darüber "vernünftig diskutieren" und unser Handeln "auf der Basis von Fakten" ausrichten.

Für seine Bemühungen erntet Heilmann Applaus von Kollegen, Naturwissenschaftlern und Ingenieuren - Menschen, die viel und gern rechnen. Diese Experten behaupten, sie urteilten rational, während der Laie dummerweise irrationalen Emotionen folge. Womit er nicht nur sich selbst gefährde, sondern Wachstum, Wohlstand und Wohlergehen der gesamten Gesellschaft. Leichtfertig protestiere er gegen Gentechnik, Elektrosmog und andere ihm unheimliche Gefahren von Technologien, die er nicht einmal verstehe.

Um Laien über wahre Risiken aufzuklären, hat sich die Fachrichtung der Risikokommunikation entwickelt. "Auch Laien können lernen, kleine Wahrscheinlichkeiten zu verstehen", gibt sich etwa der Risikokommunikator Peter Wiedemann vom Karlsruher Institut für Technologie zuversichtlich. Doch sei der Weg steinig. Man denke nur an die mäßigen Mathematik-Ergebnisse in der Pisa-Studie, um zu ermessen, wie weit der Bürger "von der Risikomündigkeit entfernt" sei. Und: "Was ist, wenn Laien einfach nicht von ihren Überzeugungen lassen wollen?"

Dann werden Experten schon mal ausfallend. Wie der amerikanische Kernphysiker, der tobte, die Öffentlichkeit reagiere "geisteskrank", sobald die Rede von atomarer Strahlengefahr sei; Laien hätten den Kontakt zur Realität verloren, den Kontakt zu den "wirklichen Gefahren, wie Wissenschaftler sie verstehen".

Ist diese Arroganz gerechtfertigt? Sollten wir uns mathematisch korrekt fürchten?

Am Anfang steht die Frage: Was ist ein Schaden?

Experten errechnen Risiken, indem sie die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls mit den zu erwartenden Schäden multiplizieren. Demnach ist das Gefahrenpotenzial einer Technik, durch die voraussichtlich alle zehn Jahre bei einem Unfall etwa 5000 Menschen umkommen, gleichbedeutend mit Radfahren in Deutschland - dabei sterben täglich etwa 1,2 Menschen, im Verlauf eines Jahrzehntes also auch ungefähr 5000. Ein Radler, der gegen den Betrieb einer Großtechnik mit mehreren Tausend potenziellen Unfallopfern demonstriert, denkt und handelt demnach unlogisch.

Doch solche Rechnungen beinhalten eine Reihe von Unsicherheiten, besonders wenn es um Hochrisikotechnologien geht. Erstens: Es gibt sie noch nicht lange genug, um Unfall-Zeitreihen aufzustellen. Man kann kalkulieren, wie viele Menschen nach einer Kernschmelze strahlenkrank werden, aber nicht, wie oft das passieren wird. Für eine Wahrscheinlichkeitsberechnung fehlen zum Glück - die Erfahrungswerte.

Zweitens: Die Rechnung kalkuliert nur, was die Experten unter Schäden verstehen - Tote. " Jährliche Todesraten", so der amerikanische Psychologe Paul Slovic, gälten als Synonym für "Gefährlichkeit". Verletzte werden nicht berücksichtigt, ebenso wenig die Angst vor einem Unfall noch das Trauma danach oder die Folgen für kommende Generationen.

Andrew Stirling, Professor für Wissenschafts- und Technikmethodenforschung an der Universität von Sussex, hat Risiko-Analysen verglichen und festgestellt, dass sie, je nachdem welche Faktoren sie berücksichtigen, bis zum Tausendfachen voneinander abweichen. Mit anderen Worten: Hinter der Fassade der vermeintlich objektiven Zahlen steht immer die subjektive Entscheidung, welche Zahlen maßgeblich sind.

Wann passiert das Unwahrscheinliche?

Doch selbst wenn man sich auf bestimmte Zahlen einigen könnte, wären sie nur aufschlussreich für ökonomische oder gesellschaftliche Betrachtungen, bei denen das einzelne Schicksal unwichtig ist: Einem Versicherungsmathematiker, Polizeipräsidenten oder Krankenhausmanager helfen Zahlen und Zeitreihen beim Planen. Für den Einzelnen aber sind Statistiken völlig irrelevant.

Wer seine persönlichen Lebensentscheidungen nach Zahlen ausrichtet, tappt in die Wahrscheinlichkeitsfalle. Ein rational orientierter Mensch mag erleichtert aus dem Taxi am Flughafen steigen, weil er weiß: Statistisch betrachtet war die Autofahrt dorthin viel gefährlicher, als der Flug es sein wird - und das könnte einer seiner letzten Gedanken gewesen sein. Flugzeuge stürzen wahnsinnig selten ab, aber sie tun es.

Seit dem Urknall gilt, was Aristoteles im vierten Jahrhundert vor Christi formuliert hat: "Zur Wahrscheinlichkeit gehört auch, dass das Unwahrscheinliche eintreten kann."

In diesem Paradox spiegelt sich das Verhältnis von vorbestimmter Wahrscheinlichkeit und objektivem Zufall. Bei einer hohen Zahl von Fällen treten bestimmte, wiederkehrende Muster auf. Doch die sagen nichts über den konkreten einzelnen Fall aus. Wenn Sie zum Beispiel 100-mal würfeln, werden am Ende die Augenzahlen eins bis sechs ziemlich gleichmäßig oft gefallen sein. Warum das so ist, weiß niemand. Man nennt es das Gesetz der großen Zahlen. Bei jedem einzelnen Wurf aber, ob beim ersten, 13. oder 74., entscheidet sich jedes Mal aufs Neue, welche Zahl Sie werfen: Von eins bis sechs ist alles offen - an keinem Punkt der Wurfserie entwickelt der Würfel eine Tendenz (wenn er nicht manipuliert wurde). Warum das so ist, weiß auch niemand. Für den Zufall gibt es kein Gesetz, er ist geradezu gesetzeswidrig.

Für die Naturwissenschaft war diese Erkenntnis ein Schock. Seit Isaac Newton gingen Physiker davon aus, jedes Phänomen habe eine Ursache und eine Wirkung. Hätte man genügend Informationen über die Bewegung aller Teilchen im Universum, so die Annahme, ließe sich daraus die Zukunft exakt berechnen. Doch die Quantenphysik mit ihren Elektronenkanonen zerschoss diese Theorie, als sie bewies, dass Ort und Impuls von Elementarteilchen auf keine Ursache zurückzuführen sind. Die Welt gehorcht im Innersten dem Zufallsprinzip.

Für die meisten Menschen ist diese Idee schwer erträglich: Wir wollen das Leben beherrschen. Umso rigoroser wenden wir das Gesetz der großen Zahlen an: Ordnen vergangene Ereignisse in Koordinatensysteme, entdecken auffällige Kurven und gehen davon aus, dass sie sich in Zukunft wiederholen. Als würde ein Autofahrer, dessen Frontscheibe zugeklebt ist, durch Blicke aus Seitenfenster und in den Rückspiegel folgern, was vor ihm liegt. Den Verlauf der Straße kann er sich einigermaßen denken; aber nicht, an welcher Stelle das Kind auf die Straße laufen wird.

Prognosen liegen häufig daneben, dennoch genießen sie hohe Wertschätzung. Wie etwa die Konjunkturaussichten der fünf Wirtschaftsweisen, die erstaunlicherweise immer noch als weise gelten, obwohl sie so häufig danebenliegen. Großen Einfluss genießen auch Bevölkerungswissenschaftler, die sich anmaßen, eine Entwicklung über viele Jahrzehnte im Voraus zu beschreiben. Dabei versagen sie seit mehr als hundert Jahren: Schon im Kaiserreich malten Demografen das Schreckensbild einer schrumpfenden Bevölkerung - seitdem ist die Einwohnerzahl Deutschlands von 56 auf 82 Millionen gewachsen, trotz zweier Weltkriege und der Einführung der Anti-Baby-Pille.

Heute unken Experten, in rund 40 Jahren müssten Erwerbstätige doppelt so viele Rentner finanzieren, weil zu wenige junge Menschen nachwüchsen. "Diese Entwicklung ist vorgegeben und unausweichlich", behauptete der ehemalige Präsident des Statistischen Bundesamtes Johann Hahlen.

Das ist "moderne Kaffeesatzleserei", entgegnet Gerd Bosbach, Professor für Statistik und Mathematik. Man gehe von Rahmenbedingungen aus, die sich komplett ändern können, gerade in einer schnelllebigen Welt wie der heutigen. Die Versicherungswirtschaft zumindest freut sich. Die dramatische Bevölkerungsprognose erweist sich als billige und wirksame Werbung, sie erst hat den Markt für private Altersvorsorge in Schwung gebracht trotz horrender Maklerprovisionen.

Was wären wir ohne selbst gewählte Risiken?

Je zugespitzter eine Prognose, desto unseriöser ist sie. Unmöglich berücksichtigt sie alle Faktoren, die auf eine Entwicklung einwirken können. Oft beeinflusst die Vorhersage sogar selbst die Entwicklung. Was zu einer der größten Krisen der vergangenen Jahrzehnte geführt hat, der Weltfinanzkrise.

Banken und Versicherungen vertrauen computergestützten Berechnungen der Marktentwicklung. Dazu werden komplizierte Gleichungen aus der Strömungsdynamik stark vereinfacht, damit der Computer als Ergebnis nicht verwirrend viele Optionen ausspuckt, sondern klare Handlungsempfehlungen. Die Händler in den Konzernen halten diese Wahrscheinlichkeitsrechnungen für wissenschaftlich fundiert, gehen beruhigt immer höhere Risiken ein und erzeugen im Herdentrieb Trends, bis sie überreizt sind. Es folgen Unwuchten, Turbulenzen, Panik.

Diese Art von Risikomanagement hält der Mathematiker, Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Klaus Mainzer für fatal. Der Glaube an Zukunftsmodelle erzeuge immer öfter unwahrscheinliche und darum umso schwerwiegendere Dynamiken.

Wenn also der Versuch, die Risiken der Welt zu mathematisieren, regelmäßig scheitert und sogar zu verheerenden Unfällen führt, sollten wir uns noch einmal die irrationale Risikowahrnehmung eines mathematisch unbedarften Laien anschauen.

So hat der Schweizer Hochseilartist Freddy Nock Angst vorm Fliegen und Zugfahren und vor Haien im Meer, balanciert aber ungesichert auf dem Tragkabel der Gletscherbahn hoch zur Zugspitze. Er muss sich dabei "zu hundert Prozent sicher sein, dass ich das schaffe".

Nock sagt nicht: Es war hundert Prozent sicher. Er weiß, dass es keine objektive Sicherheit gibt - gegen einen Erdrutsch wäre er machtlos. Er spricht von seinem Gefühl.

Diese Selbstsicherheit aber, berichten Extremsportler und Abenteurer, setzt Kräfte frei, die nötig sind, um Herausforderungen überhaupt zu meistern. Das ist bei alltäglichen Grenzgängen nicht anders: Kein Unternehmer brächte Elan und Ausdauer auf, eine Firma zu gründen, für seine Ideen zu werben und Verantwortung für Mitarbeiter zu übernehmen, wenn er sich von der offiziellen Statistik verunsichern ließe, wonach sein Betrieb in den ersten sechs Jahren mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit pleitegehen wird.

Man mag es Zuversicht oder Selbstüberschätzung nennen: Ohne sie lässt sich kein Abenteuer bestehen. Sie entfachen unsere Leidenschaft, macht aus der Möglichkeit zu scheitern ein Spiel, kitzelt unsere Nerven.

Dieser Aspekt jedoch fehlt in jeder Wahrscheinlichkeitsrechnung. Das klassische Risikomanagement klammert Emotionen aus und behandelt Risiken generell als etwas Negatives. Diese Methode missachtet die menschliche Intelligenz, die zwischen Herausforderungen und Gefahren unterscheidet.

Risiken mit Katastrophen-Potenzial fürchten wir, weil wir Massensterben nicht leiden können und über die Jahrtausende gelernt haben, dass nichts wirklich sicher ist. Überschaubare Risiken hingegen, die wir eigenverantwortlich eingehen, reizen uns geht das Unternehmen schief, ist der Verlust begrenzt. Das gilt auch für eine ungesunde Lebensweise. Die Verantwortung dafür kann uns keine Formel abnehmen.

Die Lust am Risiko ist eine anthropologische Konstante. Sie treibt Seefahrer hinaus, die Welt zu erkunden, und Menschen aufeinander zu, ihr Innerstes zu erforschen. Sie macht uns klug. Unsere individuelle Risikokalkulation, die Wissen und Emotion paart, ist reichhaltiger als jede Wahrscheinlichkeitsrechnung. Unser Gehirn kann mehr als ein Rechenschieber. -

Mehr zum Thema: Carsten Jasner: Mut proben! Das Leben ist tödlich. Aber es muss nicht sterbenslangweilig sein. Blanvalet, Oktober 2011; 288 Seiten; 19,99 Euro Erhältlich im brand eins Online-Shop.