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Hoppla, vertan!

Seit Beginn der Wissenschaft bemühen sich Forscher, den Zustand der Welt aufs Genaueste zu erfassen. Sie zählen, rechnen und schätzen oft an der Wirklichkeit vorbei. Hier eine Auswahl von Ansichten, die revidiert werden mussten.




Beliebige Zeitrechnung Der Fehler: Wir leben im Jahr 2011. So besagt es unsere Zeitrechnung, die sich an der Geburt Christi orientiert. Doch diese Berechnung basiert auf einem Fehler. Die Erklärung: Begründet hat sie der Mönch Dionysius Exiguus im Jahr 525, als er für Papst Johannes I. die Daten kommender Osterfeste ermittelte. Bis dahin hatte die Jahreszählung mit dem Amtsantritt des heidnischen Kaisers Diokletian begonnen. Dionysius wollte jedoch nicht an einen Ungläubigen erinnern. Daher berechnete er anhand aller verfügbaren Quellen Jesus' Geburtsjahr - datierte es aber 4 bis 7 Jahre zu spät. Im 11. Jahrhundert wurde die Berechnung von der römischen Kirche verbreitet. Die Folge: Hätte Dionysius richtig gezählt, würden wir nicht im Jahr 2011, sondern im Jahr 2015 bis 2018 leben. Die christliche Zeitrechnung beginnt mit einem beliebigen Jahr in der Geschichte. Unerwarteter Kindersegen Der Fehler: Eine deutsche Frau bekommt nach Angaben des Statistischen Bundesamts im Durchschnitt nur noch 1,39 Kinder. Forscher des Max-Planck-Instituts für Demografische Entwicklung haben kürzlich nachgerechnet: Es sind 1,6. Die Erklärung: Die Forscher zeigten mithilfe von Krankenhausdaten, dass das durchschnittliche Alter der Mütter bei der Geburt des ersten Kindes von 2001 bis 2008 um rund eineinviertel Jahre angestiegen ist. Berücksichtigt man diese Entwicklung, liegt die geschätzte Geburtenrate höher. Außerdem gibt es eine Trendwende: Seit den Jahrgängen um 1970 steigt die Geburtenrate wieder. Möglicherweise, so die Forscher, weil Beruf und Kinder heute leichter vereinbar seien. Die Folge: Die Bevölkerung altert langsamer als angenommen, der sogenannte Altersquotient sinkt: Während bei einer Geburtenrate von 1,4 in 50 Jahren 67 Rentner auf 100 Berufstätige kämen, sind es mit der neu berechneten Geburtenrate 64. Dennoch bleibt die Rentenlast zukünftiger Generationen schwer und auch mit der neuen Zahl 1,6 liegt Deutschland noch immer deutlich unter der "magischen Grenze" von 2,1, die für die Reproduktion einer Gesellschaft erforderlich ist. Unterschätzte Trümmer Der Fehler: Die Ruine der Gedächtniskirche in Berlin ist 68 Meter hoch. Im vergangenen Jahr stellte sich heraus: Sie ist drei Meter höher. Die Erklärung: Der Kirchturm wurde bei den Vorbereitungen zur zurzeit laufenden Sanierung des Bauwerks neu vermessen. Damit die Bauarbeiten keine Spuren hinterlassen, wurde der Turm mit Lasern gescannt und einer Spezialkamera fotografiert. Die Experten bemerkten die neue Höhe. Die Folge: Die Berliner kennen ihre Kirche nun besser. Weitere Überraschungen sind ausgeschlossen: Die Abweichung der neuen Messtechnik liegt zwischen 0,1 und 10 Millimetern. Riesige Minderheit Der Fehler: Rund zehn Prozent der Weltbevölkerung sind behindert, nahm man seit den siebziger Jahren an. DieWeltgesundheitsorganisation (WHO) und die Weltbank haben dieses Jahr ermittelt: Rund fünf Prozent mehr und damit mehr als eine Milliarde Menschen leben mit Handicaps. Die Erklärung: Die Zahl behinderter Menschen wurde erstmals genau untersucht, davor gab es nur eine Schätzung der Vereinten Nationen (UN). Als behindert gilt nach der WHO-Definition, wer durch einen Unfall oder von Geburt an dauerhaft physisch oder psychisch geschädigt ist und dadurch sowohl in seinen körperlichen Funktionen als auch sozial beeinträchtigt ist. Bei der aktuellen Untersuchung wurden der gestiegene Anteil älterer Menschen sowie chronische Krankheiten wie Diabetes berücksichtigt. Die häufigsten Behinderungen sind Bewegungsstörungen und psychische Erkrankungen, rund 190 Millionen Menschen gelten als schwerbehindert. 80 Prozent aller Behinderten leben in Entwicklungsländern. Die Folge: Die Vereinten Nationen werden ihre Millennium-Entwicklungsziele schwerer erreichen. Die Staats- und Regierungschefs der UN haben sich im Jahr 2000 verpflichtet, bis 2015 den Anteil der Hungernden an der Bevölkerung zu halbieren und Grundschulbildung für alle Menschen zu sichern. Doch besonders Menschen mit Behinderung haben nur schwer Zugang zu Bildung, ihre Ausgaben für Medizin und Pflege übersteigen oft ihr Einkommen. Die Überlebenskünstlerin Der Fehler: Vor 1511 Jahren hätte die Welt untergehen müssen. Davon war der Heilige Hippolytus überzeugt. Er ging davon aus, die Welt werde nur 6000 Jahre alt und hielt das Jahr 5500 vor Christi Geburt für den Zeitpunkt ihrer Erschaffung durch Gott. Daher prophezeite er das Ende für das Jahr 500. Die Erklärung: Keine. Pessimisten werden nicht müde, das Ende der Welt zu beschwören: Vor der ersten Jahrtausendwende führte eine Ankündigung von Papst Sylvester II zu Plünderungen und Massenpanik, im Jahr 1999 erwarteten christliche Gläubige erneut den Weltuntergang. Berühmte Denker wie Martin Luther, Nostradamus und Sir Isaac Newton rechneten teilweise mehrfach mit dem baldigen Ende. Den Rekord halten die Zeugen Jehovas: Mindestens fünfmal sagten sie bereits den Weltuntergang voraus. Die Folge: Keine. Die Welt dreht sich immer noch. Massensterben ohne Tote Der Fehler: Jeden Tag verschwinden bis zu 150 Tierarten vom Planeten. Das schätzten die Umweltminister der G8-Staaten bei ihrem Gipfeltreffen im Jahr 2007 in Potsdam. Forscher aus China und den USA erklärten dieses Jahr die Geschwindigkeit des Artensterbens für stark überschätzt. Die Erklärung: Die Umweltminister haben sich auf eine veraltete Berechnungsmethode bezogen. Seit rund 30 Jahren wird das Artensterben über das Verhältnis von Lebensraum zu Artenzahl berechnet. So galt bei Kleininsekten wie Käfern im Regenwald die Faustregel: Werden 90 Prozent des Lebensraumes vernichtet, sterben 50 Prozent der Arten aus. Diese Faustregel ist jedoch sehr ungenau, da die Artendichte innerhalb eines Gebiets oft sehr unterschiedlich verteilt ist. Die Zahl der auf einem bestimmten Gebiet lebenden Arten ist aber sehr schwierig zu ermitteln und wurde deshalb bisher auf die Gesamtfläche hochgerechnet. Prognosen aus den achtziger Jahren, wonach bis zum Jahr 2000 die Hälfte aller existierenden Arten aussterben werde, haben sich als falsch erwiesen. Die Folge: Das Artensterben verläuft langsamer als gedacht. Um die Geschwindigkeit des heutigen Artensterbens zu berechnen, müsste allerdings erst einmal die Artendichte genau festgestellt werden. Die Mär vom Wundergemüse Der Fehler: Spinat ist äußerst eisenhaltig und gilt daher als besonders gesund. Der hohe Eisenwert ist aber stark überschätzt. Die Erklärung: 1890 forschten in den USA und der Schweiz zwei Wissenschaftler unabhängig voneinander nach dem Eisengehalt im Spinat. Der US-Chemiker kam auf 2,9 Milligramm pro 100 Gramm, setzte dann aber das Komma falsch: Ergebnis 29 Milligramm. Der Schweizer, ein Physiologe, fand in getrocknetem Spinat 35 Milligramm Eisen auf 100 Gramm. Wissenschaftler übertrugen sein Ergebnis auf frischen Spinat: die Werte aus den USA und der Schweiz schienen nun kompatibel. Allerdings besteht frischer Spinat zu 90 Prozent aus Wasser, 100 Gramm frischen Spinats enthalten nicht 35, sondern nur 3 bis 3,5 Milligramm Eisen. Die Folge: Spinat bleibt gesund, denn er enthält Vitamine und Mineralien, aber eben kaum Eisen. Armutszeugnis Der Fehler: 16,3 Prozent der Kinder in Deutschland lebten laut des Berichts der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) von 2009 im Jahr 2005 in Armut. Der diesjährige Bericht nennt dagegen ganz andere Zahlen: Demnach betrug die Kinderarmut vor sechs Jahren nur zehn Prozent. Die Erklärung: Verbesserung der Erhebungsmethode. Die OECD hatte sich 2009 auf Daten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) gestützt. Bei den alten Daten waren vor allem bei Familien mit mehreren Verdienern die Einkommensangaben oft ungenau, weil von den rund 10 000 befragten Haushalten nur wenige Menschen Auskunft gaben. Daher hat das DIW die Hochrechnung fehlender Daten und die Gewichtung verändert. Die Folge: Die Korrektur lässt nicht nur die soziale Lage in Deutschland besser aussehen, sie hat auch politische Brisanz. Der Bericht von 2009 erschien kurz vor der Bundestagswahl und löste eine Debatte aus; nach der Wahl erhöhte die Regierung das Kindergeld. Zusatzkosten pro Jahr: vier Milliarden Euro. Das DIW verweist darauf, dass es die korrigierten Daten schon vor der Wahl veröffentlicht habe, diese seien aber erst im diesjährigen OECD-Bericht berücksichtigt worden. Derzeit leben demnach 10,8 Prozent der deutschen Kinder in Armut, der Durchschnitt der OECD-Länder liegt bei 12,6 Prozent. Die für die Berechnung des Mittelwerts verwendeten Daten werden in jedem Land nach eigenen Methoden erhoben. R(h)einer Irrtum Der Fehler: Der Rhein hat eine Länge von rund 1320 Kilometern. So steht es in Lexika und Schulbüchern. Doch der Fluss ist kürzer, und zwar fast hundert Kilometer, stellte der Kölner Biologe Bruno Kremer vergangenes Jahr fest. Die Erklärung: Kremer bemerkte, dass in vor 1960 veröffentlichten Schriften die Rheinlänge mit rund 1230 statt 1320 Kilometern angegeben wurde. Die Strecke von der Nordseemündung bei Rotterdam bis Konstanz ist exakt vermessen, was fehlte war der Weg von der Quelle im Schweizer Kanton Graubünden bis nach Konstanz. Mit amtlichen Karten zeigte der Biologe, dass die Entfernung zwischen Quelle und Konstanz kürzer ist als angenommen. Es hatte sich ein Zahlendreher eingeschlichen. Die Folge: Trotz der "Kürzung" bleibt der Rhein der sechstlängste Fluss Europas vor der rund 1100 Kilometer langen Elbe. Der französische Autor Victor Hugo behielt recht, als er 1845 schrieb: "Der Rhein ist der Fluss, von dem alle Welt redet und den niemand studiert, den alle Welt besucht und niemand kennt." Gesunde Rundungen Der Fehler: Ein Body-Mass-Index (BMI) von 18,5 bis 24,9 ist für alle Menschen empfehlenswert. Doch nach neuen amerikanischen Studien ist zumindest für die Gesundheit älterer Menschen ein BMI von 25 bis 30 besser. Die Erklärung: Die BMI-Formel berücksichtigt keinerlei Unterschiede in Körperbau, Alter und Geschlecht. Wissenschaftlich ist er deswegen stark umstritten. Die Formel wurde 1870 von einem belgischen Mathematiker entwickelt, in den fünfziger Jahren legten amerikanische Versicherungen Gewichtsklassen fest. Allerdings recht willkürlich, Fünferschritte sind eben leicht zu merken. Dennoch wurde der Index Anfang der Achtziger von der Weltgesundheitsorganisation als Richtmaß übernommen. Die Folge: Ein nach BMI-Kriterien leichtes Übergewicht ist für ältere Menschen nicht per se ungesund. Dem BMI zufolge sind bei den über 60-Jährigen 71 Prozent der Männer und 58 Prozent der Frauen in Deutschland übergewichtig. Dabei ist es normal, im Alter mehr zu wiegen, denn Alter und Gewicht steigen proportional. Ein paar zusätzliche Pfunde stärken sogar die Abwehrkräfte und schützen so vor Krankheiten. Wichtiger als die Menge an Körperfett ist die Verteilung. Tiefe Enttäuschung Der Fehler: Die Forscher des Kontinentalen Tiefbohrprogramms (KTB) glaubten im Jahr 1990, sie könnten das tiefste Loch der Welt graben. Sie planten eine Bohrung bis in 14 Kilometer Tiefe. Doch bei 9101 Metern war Schluss. Die Erklärung: Die Forscher hatten ausgerechnet, dass pro gegrabenem Kilometer die Temperatur um 21 Grad Celsius steigen werde. Tatsächlich wurde es jeweils um 30 Grad heißer, bis schließlich 265 Grad herrschten - zu viel für die Technik. Die Folge: Das Projekt kostete 530 Millionen D-Mark. Das tiefste Loch bleibt bis heute die Bohrung auf der russischen Halbinsel Kola mit 12,26 Kilometern. -