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Gefährliche Liebschaft

Ein Berater versucht sich als Unternehmer. Als wäre das nicht Herausforderung genug, nimmt er sich eines besonders schweren Falles an: Eine detailverliebte Familienfirma soll zum effizienten Industriebetrieb werden. Kann das gut gehen?




- In der Abenddämmerung Metzingens sind sie nur durch ein Werkstor voneinander getrennt. Vor dem Tor steht Martin Haas, ein Mann in den besten Jahren, erfolgreich und angesehen. Hinter dem Tor liegt die Max Holder GmbH, ein Traditionsbetrieb, dessen beste Tage weit zurückliegen. Seit drei Jahren ist ihr Schicksal miteinander verknüpft.

Haas ist Chef von Staufen, einer im Schloss der schwäbischen Ortschaft Köngen ansässigen Unternehmensberatung mit drei Niederlassungen im Ausland. Der Umsatz ist zwischen 2005 und 2010 von rund neun auf rund 24 Millionen Euro gestiegen.

Auch Holder kann Superlative vorweisen: Erfindungen, die als Musterbeispiele deutscher Ingenieurskunst gelten. Doch wirtschaftlich ging es in den vergangenen Jahrzehnten bergab. Dreimal ging die Firma in den vergangenen 25 Jahren pleite. Sie scheint nicht totzukriegen zu sein - aber ebenso wenig in gesunde Bahnen zu lenken. Holder war in schwäbischer, japanischer und türkischer Hand, doch nirgends fand der Hersteller von Traktoren und Pflanzenschutztechnik zu alter Stärke zurück. Einst beschäftigte er 1100 Mitarbeiter. Heute nicht einmal 150.

Im Werk ist seit Stunden nichts mehr los. Haas wollte unbedingt kurz vorbeischauen. "Vor drei Jahren", sagt er, "sah es hier aus wie in einem Gemischtwarenladen." Seitdem ist er mit Aufräumen beschäftigt. Haas ist keiner dieser Berater, die von der Eliteschule kommend direkt ins Fach der Besserwisser wechseln. Keiner, der seinen Kunden Luftschlösser verkauft. Er hat die Bodenständigkeit eines Maschinenbauingenieurs und jede Menge Industrieerfahrung. Seine Leidenschaft gilt handfesten Produktionsprozessen. Früher versuchte er sie als Montageleiter Hinterachse bei Daimler-Benz mit viel Akribie zu verbessern. Heute tut er dasselbe als Berater in mittelständischen Betrieben. Nichts überlässt er dabei dem Zufall. Er spricht gern von Exzellenz und meint damit reibungslose Arbeitsabläufe. Exzellenz ist in seinen Augen kein subjektives Gefühl, sondern drückt sich in Zahlen aus - als Output pro Zeiteinsatz.

Holder tickt ganz anders. Die Effizienz der Prozesse hatte hier nie jemand gemessen, bevor Haas kam. Die Holdianer, wie sich die Mitarbeiter selbst nennen, vereint die Liebe zu ihren Produkten. Unter ihnen sind ungewöhnlich viele geniale Tüftler, die nicht nur einen kompletten Traktor zusammenbauen können, sondern sich immer neue technische Raffinessen einfallen lassen. Viele haben ihren eigenen Holder in der Garage stehen. Manche sammeln sogar jene alten Traktoren, die den Weltruhm der Marke begründeten.

Es war ein Morgen im April 2008, als Haas beim Frühstück in der Zeitung las, dass Holder nach 1986 und 2001 zum dritten Mal Insolvenz beantragte. Er war sofort Feuer und Flamme. Eine kleine Firma mit solch komplexen Produkten zu besitzen war immer sein Traum gewesen. Und eine große Herausforderung. Gemeinsam mit zwei befreundeten Unternehmern kaufte er den Betrieb für einen einstelligen Millionenbetrag.

Haas und Holder: Ein Prozessoptimierer trifft auf Erfindergeist. Passt das zusammen?

Wochen nach dem Abstecher in Metzingen sitzt der Unternehmensberater in gut geschnittenem Anzug im Konferenzsaal seines feudalen Firmensitzes und kritzelt auf ein Blatt Papier. "Erst geht die Kurve steil nach oben, dann fällt sie tief und steigt schließlich wieder an. Der typische Verlauf einer Sanierung", sagt er. Holder befände sich bereits auf dem zweiten aufsteigenden Teil der Kurve. "Wir kratzen an der schwarzen Null." Zufrieden ist er damit nicht. "Wir sind noch längst nicht da, wo wir hin wollen." Und: "Offen gestanden geht es mir zu langsam, bis wir in jedem Bereich Spitzenleistung produzieren können."

Haas weiß, dass er viel riskiert: Holder ist kein Projekt wie jedes andere. Er trägt jetzt die unternehmerische Verantwortung, was bedeutet, dass er nicht nur seinen guten Ruf als Berater aufs Spiel setzt, sondern auch viel Geld verlieren kann. Scheitert die Sanierung, wird er sich nicht fein aus der Affäre ziehen können, indem er auf die schlechte Umsetzung seiner Ratschläge hinweist. Es gibt nur hopp oder topp: Haas wird entweder als unrühmliches Beispiel für die These herhalten müssen, dass Theorie und Praxis der Unternehmensführung weit auseinanderklaffen. Oder der Held sein, der ein dreimal insolventes Unternehmen zurück auf die Erfolgsspur bringt.

Ausgerechnet Holder. Im Frühjahr 2008 gab es nicht viele, die für die Traditionsfirma eine Perspektive sahen. Zwar meldeten sich mehr als 50 Kaufinteressenten beim Insolvenzverwalter. Fünf, darunter das Großunternehmen Kärcher, schafften es in die engere Auswahl. Doch in letzter Minute sprangen alle ab. Dann erst kamen Haas und seine beiden Mitstreiter ins Spiel. Einerseits sei er zwar schockiert gewesen, als er das Werk inspizierte, "andererseits sah ich großes Veränderungspotenzial. Und zwar genau da, wo meine Kompetenzen liegen."

Gemeint ist vor allem die Produktion. Haas schüttelt es, wenn er vom Durcheinander in der Montagehalle spricht, das er bei Holder vorfand. Überall hätten mit Werkzeug und Material vollgepackte Regale gestanden. "Statt wertschöpfender Arbeit war oft die Suche nach den richtigen Teilen die Hauptbeschäftigung der Monteure." Ein solches Chaos könne man sich nicht vorstellen, sagt er mehrfach. Und dann diese wahnwitzige Arbeitsteilung: Fast jeder Monteur habe seinen eigenen Traktor zusammengebaut. Schlimmer noch: "Wenn mal wieder falsche Teile geliefert worden waren, wurde nicht nach den Ursachen geforscht, sondern improvisiert und zurechtgebogen."

Die Arbeitsweise sei das Gegenteil dessen gewesen, was er bei seinen früheren Besuchen in der japanischen Toyota City bestaunen durfte: ein System, das darauf ausgerichtet ist, beim Fertigungsprozess nichts zu verschwenden. Störungsfreiheit und Rhythmus sind ihre wichtigsten Kennzeichen. Dafür wird jeder Handgriff überprüft. Nicht einmal, sondern immer wieder. Denn in einer Montage, die aus vielen Tausend Einzelschritten besteht, steigert jeder eingesparte Handgriff die Produktivität. Als Haas sich 1994 als Berater selbstständig machte, hatte er die Erfolgsfaktoren des Toyota-Systems verinnerlicht. Nach dessen Prinzipien trimmte er in der Folge viele Unternehmen auf Effizienz.

Auch bei Holder legte er im Oktober 2008 richtig los. Zuerst verkaufte er die Pflanzenschutzsparte, um sich ganz auf die Spezialität des Betriebs konzentrieren zu können: Hightech-Traktoren, die selbst in steilsten Lagen für den Weinbau sowie in den kältesten Gegenden Russlands für den Winterdienst einsetzbar sind. Er verlegte den Sitz der Beschaffungsabteilung von einem separaten Gebäude in die Montagehalle - "damit die Einkäufer den Pulsschlag der Produktion spüren". Und reduzierte die Zahl der Zulieferer von mehr als 1000 auf 400. Sechs Staufen-Berater schickte er nach Metzingen, die seitdem den Betrieb nach seinen Anweisungen auf Vordermann bringen.

Einer von ihnen ist Günter Wiedemann, einst Kfz-Mechaniker, heute Optimierungs-Profi. Er hat eine Montagelinie aufgebaut, an der die Traktoren im Takt zusammengebaut werden. Vorbei die Zeiten, in denen jeder Monteur an seinem eigenen Fahrzeug schraubte. Jetzt betreut jeder eine der fünf Stationen in der Linie. Spezielle Logistiker sorgen dafür, dass überall genau das Material greifbar ist, das gerade gebraucht wird, und zwar nur das. Zu komplexe Zusammenbauten werden vormontiert. Sie stehen den Monteuren an der Linie im richtigen Moment und perfekt vorbereitet zum Einbau bereit. Wiedemann versammelt jeden Morgen die Monteure um sich, um über weitere Verbesserungen zu beratschlagen.

Die Maßnahmen zeigen Wirkung. Die Produktivität ist deutlich gestiegen. Wurden im Oktober 2008 noch 80 Stunden für die Montage eines Traktors benötigt, waren es im April 2011 nur halb so viele. Die Durchlaufzeit von der Vormontage bis zur Auslieferung sank von 30 auf 10 Tage.

Haas reicht das nicht. Für eine weiter steigende Produktivität sollen die Lieferanten in die Entwicklung einbezogen und die Zahl der verschiedenen Teile drastisch reduziert werden. "Die Holder-Modelle haben viel zu viele individuelle Komponenten."

Bei aller Vorliebe fürs Optimieren - Haas belässt es nicht beim Kostensenken. Er investierte auch in die Qualität. Um Fehler in der Montage zu vermeiden, führte er beispielsweise für manche Arbeitsgänge das Vier-Augen-Prinzip ein. Zudem verbleibt jetzt jeder fertiggestellte Traktor weitere 24 Stunden im Werk, bevor er ausgeliefert wird - um zu sehen, ob nicht doch irgendwo Öl austritt.

Viel Geld steckte er zudem in die Außendarstellung. Haas baute ein modernes Kundencenter und einen Parcours, auf dem die Traktoren getestet werden können. "Einen Holder muss man erleben", rechtfertigt er die Ausgaben.

Man staunt nicht schlecht, wenn der Berater erzählt, was er in drei Jahren bei Holder verändert hat. Eine Sanierung wie aus dem Lehrbuch - doch genau das könnte zum Problem werden. Lassen sich kreative Handwerker einfach so in einen industriellen Fertigungsprozess integrieren? Haas lobt die ungewöhnliche Expertise der Mannschaft, räumt aber ein, dass 15 Prozent der übernommenen Mitarbeiter schlechte Stimmung verbreiteten oder nicht mitzögen. Bis heute gebe es Monteure, die immer noch die Linie verließen, um ihr Material selbst aus dem Lager zu holen. Aber der Berater gibt sich optimistisch: "Es war nicht einfach, die Prinzipien der schlanken Produktion in den Köpfen aller Mitarbeiter zu verankern. Doch jetzt werden die Erfolge sichtbar."

1888 gegründet, entwickelte Holder reihenweise Neuheiten, die aus heutiger Sicht niedlich anmuten, zu ihrer Zeit aber kleine Revolutionen waren. So zum Beispiel eine auf dem Rücken tragbare Spritze zum Versprühen von Pflanzenschutzmitteln. Der Gründer Christian F. Holder brachte sie 1889 auf den Markt. Eine große Erleichterung für Wein- und Obstbauern, die nun nicht mehr pumpen mussten und so eine Hand frei hatten, um beispielsweise überhängende Reben anzuheben. Oder der Einachstraktor von 1930, der gleich in zweifacher Hinsicht als Pionierleistung gelten darf. Es war der erste seiner Art und wurde zudem noch von dem ersten in Metzingen gebauten Dieselmotor angetrieben. Für die im Weinbau zum Einsatz kommenden Schmalspurtraktoren waren die damals verfügbaren Motoren zu breit. Also entwickelte der Sohn des Gründers, Max Holder, einen eigenen.

Wer Holder fährt, erntet neidische Blicke

Einige Produkte der ersten Stunde sind heute im Deutschen Museum in München ausgestellt. Den Durchbruch bescherte dem Betrieb aber erst der 1954 entwickelte erste Traktor mit Allradantrieb und sogenannter Knicklenkung. Beim Lenken werden nicht wie sonst üblich nur die Räder eingeschlagen, sondern das gesamte Vorderteil des Traktors. Eine behäbige Landmaschine wurde durch diese Erfindung zu einem wendigen Gefährt, das jede noch so enge Kurve mit Bravour meistert. "Er ist bis heute unser Markenzeichen", sagt Fritz Braun.

Braun, 61, kam vor 37 Jahren als junger Ingenieur zu Holder, seit 22 Jahren ist er Entwicklungschef und verkörpert wie kaum ein anderer die Seele des Unternehmens. Jetzt steht er im Kundencenter des Werks, wo Haas einige der Meisterstücke früherer Tage hat aufstellen lassen. Dass Holder auch in jüngerer Zeit mit aufsehenerregenden Neuheiten aufwarten konnte, ist vor allem Brauns Verdienst. Auf seine Kappe geht beispielsweise die Erfindung des Radlastausgleichs, dank derer die Holder-Traktoren auch in steilem Gelände stabil auf vier Rädern stehen. Gleichzeitig aber steht der Ingenieur für die alte Art Betriebsorganisation. Er war viele Jahre Leiter der Produktion, die unter seiner Ägide jenen Werkstattcharakter hatte, den Haas unter anderem für den Abstieg Holders verantwortlich macht.

Der schwäbische Betrieb geriet erst in die Hände eines japanischen, dann eines türkischen Konkurrenten, die sich des guten Namens Holder bedienten, um ihre eigenen Produkte in Europa zu vermarkten. Am Leben gehalten hat das Unternehmen in dieser schweren Zeit die schier unzerstörbare Marke. Sie stand für Einzigartigkeit, Kreativität und Liebe fürs Detail. Weil sie an den Wert der Marke glaubten, steuerten einmal sogar die Vertragshändler von Holder zwei Millionen Euro zur Rettung des Metzinger Betriebs bei.

Welche Wertschätzung die Firma auch heute noch genießt, lässt sich am regen Gedankenaustausch einer großen internationalen Fangemeinde in speziellen Internetforen ablesen. Sammler berichten da von ihrer neuesten Errungenschaft, Technikfreaks tauschen Tipps für Reparaturen. Holder hat Kultstatus - und die Mitarbeiter befeuern ihn. Über die jüngsten Veränderungen im Unternehmen möchten die Monteure nicht viel sagen. Spricht man sie hingegen auf die Traktoren an, leuchten die Augen. Erst vergangenes Wochenende habe er mit seinem Holder im Garten geschafft, erzählt einer. "Als mein Nachbar sah, wie ich da rumgekurvt bin, wurde er vor Neid ganz blass."

Trotz drei Jahre dauernder harter Sanierung ist sie noch da, die Holder-Seele. Fritz Braun erzählt, dass er oft Post von Fans bekommt, die ihn nach Ersatzteilen für ihre Oldtimer fragen. Er kramt dann die alten Zeichnungen raus und überlegt, wie man das Problem lösen kann. Ob sich das rechnet, ist ihm egal.-

1888 gründeten Christian Friedrich und Martin Holder den Familienbetrieb 1986 Erste Insolvenz 1992 Verkauf an den japanischen Maruyma-Konzern 1996 Die Familie kauft die Firma zurück 2001 Zweite Insolvenz 2005 Verkauf an den türkischen Uzel-Konzern 2008 Dritte Insolvenz und Übernahme durch den Berater Martin Haas und zwei Partner