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Eins bis Tod

Der Maler Roman Opalka malte fast sein Leben lang nichts anderes als Zahlen. Die Geschichte eines ungewöhnlichen Kunstprojekts.




- Zählen ist einfach: Eins, zwei, drei, vier, fünf ... Der polnische Maler Roman Opalka hat 1965 damit angefangen, auf der Leinwand zu zählen, und hat dann einfach die nächsten 46 Jahre nicht mehr damit aufgehört, bis zu seinem Tod am 6. August dieses Jahres, wenige Wochen vor seinem 80. Geburtstag. Er malte in winzig kleiner weißer Schrift eine Zahl neben die andere. Nach sieben Monaten war er bei 35 327 angekommen und die dunkle Leinwand vollgeschrieben, das erste Bild seiner Serie "Opalka 1965 / 1 - unendlich" war beendet.

Er fing sofort an, die nächste dunkle Leinwand zu beschreiben, immer in der gleichbleibenden kleinen weißen Schrift, jede Zahl etwa einen Zentimeter hoch, jede Leinwand im selben Format: 196 Zentimeter hoch, 135 Zentimeter breit, in Temperafarbe mit dünnem Pinsel in eiserner Beharrlichkeit bemalt.

Opalkas Projekt war von Anfang an als Lebenswerk angelegt. Bis zu seinem Tod malte er nichts anderes als diese sich in monotoner Ordnung aneinanderreihenden Zahlen, etwa 400 am Tag. "Diesem für ein ganzes Leben gedachte Vorhaben drohte gleich am Beginn ein vorzeitiger Abschluss", berichtet er. "Ich war am Ende meiner Kräfte, bekam Herzbeschwerden, die sich so sehr verschlimmerten, dass ich für einige Monate meine Tätigkeit unterbrechen musste." Die Ursache für den Zusammenbruch: "Psychische und physische Ermüdung von nahezu reglosem Stehen, Stunden um Stunden, mehrere Monate hindurch, hingegeben an eine ebenso absurde wie reizvolle Sache, die mich mit jedem Tag mehr, immer tiefer und immer stärker in diese seltsame Welt hineinzog, die mich fast verschlungen hätte."

1972 kam Opalkas Zahlenwerk bei einer Million an, fünf Jahre später war er bei zwei Millionen. Als sich der Mann der vierten Million näherte, lud er ein Kamerateam in sein Atelier im südfranzösischen Bazérac ein, das ihn dabei filmte. Gegen Ende seines Lebens war er bei 233 Leinwänden und mehr als 5,5 Millionen Zahlen angekommen.

Einige der bedeutendsten Museen der Welt wie das Museum of Modern Art oder die Guggenheim Foundation New York kauften seine Werke als Klassiker der Moderne für ihre Sammlungen, die Documenta lud ihn ein. Opalkas Zahlengemälde werden für sechsstellige Summen gehandelt. Im vergangenen Jahr erzielte Christie's für drei seiner Gemälde den stolzen Auktionspreis von 1 285 366 Dollar.

Nur zwei Dinge änderte er im Laufe der Jahrzehnte an seiner Versuchsanordnung: 1968 wurde die dunkle Leinwand grau, ab 1972 machte er sie jedes Jahr um ein Prozent heller. Irgendwann würde er weiße Zahlen auf weißen Grund malen: "Ich zähle. Ich schreibe. Unablässig, in einem fort, von eins bis unendlich. Die Zahlen werden immer mit weißer Farbe und einem Pinsel aufgetragen, auf einem einfarbigen Untergrund, der anfangs schwarz war und mit jedem Bild allmählich heller wird. Er geht immer mehr in Richtung Weiß, bis die weißen Zahlen auf ihm schließlich nicht mehr sichtbar sein werden. Wenn dieser Zustand erreicht ist, wird er andauern bis an mein Lebensende."

Seit 1970 sprach er die Zahlen, die er gemalt hatte, auf Tonband. Am Ende jedes Arbeitstages fotografierte er sich selbst vor dem Gemälde, an dem er gerade arbeitete, immer im weißen Hemd, immer mit nüchtern sachlichem Gesichtsausdruck. Diese Gemälde seien "nicht moderne Kunst", sagt Opalka über sein Werk. Es sind in seinen Augen die "Dokumente" seines Lebens.

"Der Sinn meines Lebens liegt in der Sinnlosigkeit, auf dem Aufeinanderreihen von logischen Zeichen zu beharren, ohne bestimmtes Ziel, auf dem Weg zu mir selbst." Ihn habe, so sagte er, die Idee fasziniert, Zeit sichtbar zu machen. Um diese Faszination zu erklären, erzählte der Maler gern eine Kindheitserinnerung. Als er fünf oder sechs Jahre alt war, beobachtete er in der Wohnung seiner Eltern in Krakau die Bewegung des Pendels der Wanduhr. "Als ich sie eines Tages wie gewohnt anblickte, setzte das mechanische Hin und Her des Pendels plötzlich aus. In meiner kindlichen Vorstellung war ich auf der Stelle davon überzeugt, dass mein Blick allein den Lauf der Zeit aufgehalten hätte. Stundenlang hatte ich das Uhrwerk beobachtet, das die Zeit ausdrückte und das plötzlich stillstand. Anschließend hatte ich stundenlang mit allen Kräften meines Blickes versucht, es wieder in Gang zu setzen, da ich glaubte, das Leben der ganzem Welt hinge vom Hin- und Herschwingen eines Pendels ab." -