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Die Abrechnung

Das Bistum Magdeburg ist klein und arm. Um das zu ändern, versuchte sich der Klerus als Unternehmer. Das Ergebnis sind Schulden, Enttäuschung und Zwietracht.




- Magdeburg, Kathedrale St. Sebastian, abendliche Festmesse zu Ehren des Heiligen Mauritius. 18 Gläubige sind gekommen in das Gotteshaus mit hochgotischem Schnitzaltar, die Hauptorgel mit 3788 Pfeifen, gebaut von der Firma Hermann Eule aus Bautzen. Einer der drei Priester schreitet an ein Pult und sagt, die Anwesenden sollten sich nicht grämen, auch wenn nur ein kleiner Kreis zusammengefunden habe. Auch wenn momentan nicht weit entfernt der Rahmen größer und die Stimmung feierlicher sein möge. Benedikt XVI., Bischof von Rom, Stellvertreter Jesu Christi, Oberhaupt der katholischen Kirche, ist eben in Berlin angekommen, um vor 61 000 Menschen zu predigen.

18 oder 61 000. Alles nur Zahlen, dabei gehe es doch um jeden einzelnen Gläubigen, sagt der Priester. Und für alle gelte das Gleiche. Man müsse auf der Hut sein, solle nicht "leben in Saus und Braus", nicht "nach Haben und Wohlstand streben", sondern das Dasein mit "Wert", mit einem "Sinn", mit einer "Aufgabe" erfüllen, die "anderen Lebensraum und Schutz geben". Und dann liest er aus dem Evangelium nach Matthäus: "Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, und die Seele nicht können töten; fürchtet euch aber vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Kauft man nicht zwei Sperlinge um einen Pfennig? Dennoch fällt deren keiner auf die Erde ohne euren Vater."

Eine Stunde später in einem italienischen Restaurant zwei Straßen entfernt. Zwei Sperlinge, ein Pfennig? Norbert Diehl nickt und sagt: "Kapitel 10: 28-29." Diehl war nicht im Gottesdienst, doch er hat Theologie studiert, drei Jahre in Magdeburg, zwei in Erfurt. Sein Vater war Diakon, seine Großeltern so gläubig, dass sie nach dem Zweiten Weltkrieg nach Böhmen fuhren, von wo sie vertrieben worden waren, und die Menschen beschenkten, die nun auf ihrem Bauernhof lebten. "Verzeihen", sagt Diehl, "vergeben können, Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Gnade - das alles sind zentrale Elemente meines Denkens." Als Seelsorger wirken, vielleicht sogar als Missionar hinaus in die Welt - so hatte er sich das als junger Mann gewünscht. Doch dann traf er eine junge Frau namens Margitta, heiratete, wurde Vater von vier Kindern.

Ehe statt Kanzel, Familie statt Zölibat. An Diehls Glauben hat das nichts geändert. Er war Mitglied im Kirchenvorstand in St. Sebastian, seine Frau sitzt im Pfarrgemeinderat, gemeinsam betreiben sie die Diehl-Zesewitz-Stiftung, die sich um Alte und Kranke kümmert. Wenn bei Diehls im Garten ein Sommerfest stattfindet, kann es schon vorkommen, dass eine 103-Jährige ihre Tochter mitbringt.

Und doch ist Diehls Weltbild zuletzt massiv erschüttert worden. Was an der Leitung des Bistums Magdeburg liege, die eine Klage gegen ihn angestrengt habe, ihn in zwei Kanzelverkündigungen und der örtlichen Tageszeitung, der Magdeburger "Volksstimme", wiederholt diskreditiert habe, was er als "öffentliche Kriminalisierung" empfinde. Zudem habe die Leitung ihm zeitweise seine Konten sperren lassen und vorübergehend die Bezüge aus seiner Altersversorgung verwehrt. Wer das hört, denkt weniger an Erbarmen als an Matthäus 10:34: "Ihr sollt nicht wähnen, dass ich gekommen sei, Frieden zu senden auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert."

Es geht um Geld. Anfangs hieß es 100 Millionen Euro. Inzwischen spricht man von 45 Millionen Euro, mindestens. In dieser Höhe sollen sich die Verluste der Gero AG bewegen, deren Eigentümer das Bistum ist und deren Alleinvorstand Diehl war. Das heißt: sofern sich überhaupt schlüssig sagen lässt, wie viel Geld verloren wurde und wohin es verschwunden ist. Denn was man über die Gero AG erfährt, die im Juli dieses Jahres in eine GmbH umgewandelt wurde, ist eine Melange aus Gerüchten und Widersprüchen, aus Behauptungen und Gegenbehauptungen, gegensätzlichen Auslegungen von Schuld und Sühne. Sie ist vor allem ein Dickicht aus Zahlen, die jede Partei anders deutet.

"Kirche", heißt es auf der Website des Bistums Magdeburg, "ist kein Selbstzweck. Gott geht es um alle Menschen. Damit das nicht vergessen wird, gibt es die Kirche in unserem Land." Und: "Unser Dienst zielt darauf ab, den Menschen zu helfen, dass ihr Leben gelingt."

Salbungsvolle Worte. Das Bistum Magdeburg umfasst zwar 23 000 Quadratkilometer, 2,7 Millionen Einwohner, zählt aber nur 92 000 Katholiken. Das entspricht 3,4 Prozent der Bevölkerung. Der jährliche Etat beträgt etwa 28 Millionen Euro; 10 Millionen Euro aus Kirchensteuer, 10 Millionen Euro aus Zuwendungen wohlhabender Bistümer in Westdeutschland und 4 Millionen Euro Zuschüsse des Bundeslandes Sachsen-Anhalt. Im Vergleich dazu: Das Erzbistum Köln umfasst 6200 Quadratkilometer, 5,2 Millionen Einwohner, 2,1 Millionen Katholiken und hat ein Budget von 928 Millionen Euro.

Geschäfte im Namen des Herrn

Wie also segensreich wirken? Wie Schulen, Kindergärten, Altenheime bauen und unterhalten? Vor allem aber: Wie sich unabhängig machen von den Almosen der Glaubensschwestern und -brüder im Westen, die der ehemalige Generalvikar des Bistums Magdeburg, Theodor Stolpe, der für die Finanzen zuständig war, als "beschämend" empfand? Zusammen mit dem damaligen Bischof Leo Nowak kam Stolpe auf eine Idee: Das Bistum muss mit seinem Vermögen wirtschaftlich arbeiten mit dem Ziel, es möglichst schnell zu mehren.

1993. Das Bistum gründet die Siedlungswerk St. Gertrud GmbH. Sie soll Grundstücke erwerben, Immobilien errichten und verwalten sowie sonstige Vermögenswerte unter Bindung an kirchliche, soziale und familiengerechte Ziele betreuen. Geschäftsführer wird ein Mann, der ursprünglich Krankenpfleger gelernt hat, nach seinem Theologiestudium eine Behindertenwerkstatt gründete und sich nach der Wende auf Projektmanagement und -entwicklung spezialisiert hat und dabei auch für ein 20 Millionen Euro teures Bildungs- und Tagungszentrum des Bistums zuständig war: Norbert Diehl. Bischof Leo Nowak schätzt ihn, Generalvikar Stolpe ist sein Beichtvater. Man kennt sich, man vertraut sich. Christen unter sich. Die Geschäfte laufen gut, Optimismus macht sich breit. Warum nicht expandieren?

2002. Aus der Siedlungswerk St. Gertrud GmbH wird die Gero AG, ergänzt durch die Gero Beteiligungs-, Treuhand- und Ver-waltungs-GmbH (BTV). Das Stammkapital beträgt 14 Millionen Euro. Diehl wird Alleinvorstand. Sein Auftrag: Profitmaximierung. Fortan entsteht ein Mischmasch aus Unternehmen, Beteiligungen und Investments. Für mehr als 27,1 Millionen Euro baut die Gero AG die Grüne Zitadelle von Magdeburg, entworfen vom österreichischen Künstler Friedensreich Hundertwasser, in dem sich ein Hotel, ein Kindergarten, Läden und 55 Wohnungen befinden. Sie beschafft 11 Millionen Euro, darunter 8,4 Millionen Fördermittel der Landesregierung, für die Restaurierung und den Ausbau des Klosters Huysburg. Sie investiert in drei Biotechnologieunternehmen, darunter in die Meltec GmbH & Co. KG, die Medikamente für Krebskranke entwickelt. Die Gero AG betreibt einen Windenergiepark, sie ist beteiligt an Fotovoltaikanlagen, engagiert sich im Biotechpark Gatersleben bei Quedlinburg. Die Gero BTV macht derweil Finanzgeschäfte: Immobilienfonds, Fremdwährungsdarlehen, Zinswetten, Swap-Transaktionen, Schiffsbeteiligungen. Bilanzsumme zwischenzeitlich: mehr als 100 Millionen Euro.

2009. Bischof Leo Nowak ist seit fünf Jahren pensioniert. Der neue Bischof heißt seit 2005 Gerhard Feige, sein Generalvikar Raimund Sternal. Diehl ist seit mehr als einem Jahr nicht mehr Vorstand. Er wurde vom Aufsichtsrat fristlos gekündigt. Vorsitzender des Aufsichtsrats ist inzwischen der Jurist Walter Remmers, Vorstand ist dessen Sozius Frank Meyer.

Am 1. Juli veröffentlicht die Nachrichtenagentur Deutscher Depeschendienst das Ergebnis einer Recherche zur finanziellen Lage der Gero AG. Darin ist von Verlusten in Höhe von 100 Millionen Euro die Rede.

Am 5. Juli wendet sich Bischof Gerhard Feige in einem Hirtenbrief an die Gläubigen. Er informiert darüber, dass dem Bistum durch die Gero AG "in der Vergangenheit viel Geld verloren gegangen" sei. Die Verluste hätten sich ergeben "aus Geschäftsaktivitäten, die von den damals Handelnden nicht mit der hinreichenden Professionalität betrieben wurden". Das wirtschaftliche Engagement der Gero AG sei "nach anfänglichen Erfolgen (...) gründlich misslungen". Konkrete Zahlen stünden noch nicht fest, doch man müsse von einem "höheren zweistelligen Millionenbetrag" an Verlusten ausgehen.

Zwei Tage vorher hat Meyer in der Magdeburger "Volksstimme" bereits Stellung bezogen. Er sagt: "Bei den damals Handelnden war mangelndes Risikobewusstsein im Spiel. Sie haben sich auf Geschäftsfeldern getummelt, für die die behauptete Professionalität fehlte." Frage der Zeitung: "Wer waren die handelnden Personen?" Meyer: "Da waren vor allem der damalige Gero-Vorstandsvorsitzende Norbert Diehl und Dirk Nowak als Geschäftsführer der Gero BTV."

Magdeburg, Max-Josef-Metzger-Straße 1, das Ordinariat des Bistums. Raimund Sternal sitzt im Besprechungszimmer. Ein blasser, nervös wirkender Mann in einem schwarzen Jackett. Hinter ihm ein abstraktes Gemälde, auf dem lichtes Gelb von oben nach unten in flammendes Rot übergeht. Wer würde da nicht an Himmel und Hölle denken? Beim ersten Telefonat reagierte Sternal indigniert. Warum das Interesse? "Der Fall ist doch längst in den Medien bekannt." Sternal spricht leise, wägt die Worte sorgsam ab. Misstrauen? Es wäre nicht unangebracht.

Es sind schwere Zeiten für die katholische Kirche. Mindestens 2,6 Millionen Mitglieder hat sie in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland verloren, 181 000 allein nach dem Missbrauchsskandal im vergangenen Jahr. Millionen an Steuereinnahmen eingebüßt. 58,3 Prozent weniger Trauungen seit 1990, 62,1 Prozent weniger Priesterkandidaten. Die Medien begleiten den Papstbesuch mit unerfreulichen Schlagzeilen. "Der Fremde" titelt der "Spiegel". "Oh Gott" schreibt der "Stern". Tenor: Benedikt, der reaktionäre Pontifex, der Mauern errichtet, statt Brücken zu bauen.

Wer redet da schon gern über verzockte Millionen? Wo die Journaille sich ohnehin ständig echauffiert über die geheimen Vermögenshaushalte der Bistümer, die in Deutschland zusammengenommen allein 50 Milliarden Euro Barvermögen betragen sollen. Immer wieder dieselbe Leier: Die Kirche lässt sich ihre Kardinäle vom Staat bezahlen, kassiert für Schulen, Kindergärten und die Caritas jährlich Milliarden Euro. Sie bezahlt keine Grundsteuer, keine Körperschaftsteuer, keine Kapitalertragsteuer.

Sternal antwortet auf die Frage nach den Verlusten der Gero AG, er wolle nicht über Zahlen reden. Rechtsanwalt Meyer könne das präziser tun. Darüber hinaus gehe es nicht nur um Zahlen. Sternal telefoniert, er hatte Meyer gebeten, am Gespräch teilzunehmen. Er ist nicht gekommen. "Wissen Sie", sagt Sternal, "meine Aufforderung heißt seit 2008: 'Norbert, übernimm Verantwortung'." Norbert Diehl und Sternal kennen sich seit 1978. "Bei Folgen in so einer Größenordnung erwarte ich eine Reaktion."

Als die Gero AG gegründet wird, formuliert der damalige Generalvikar Stolpe den Grundsatz: Nichts geschieht ohne Wissen und Zustimmung des Eigentümers. Im dreiköpfigen Aufsichtsrat sitzen zwei Vertreter des Bistums, seit 2005 waren das Sternal und der bischöfliche Vermögensverwalter Ulrich Krah. "Es war mir immer wichtig", sagt Helmut Seibert, Vorstand der Volksbank Magdeburg, bis 2007 Aufsichtsratsvorsitzender der Gero AG, "dass dieses ungeschriebene Gesetz befolgt wird." Dirk Nowak sagt: "Wir haben über den Vorstand an die Aufsichtsräte vierteljährlich für alle Gesellschaften Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnungen nebst Quartalsberichten vorgelegt." All dies sei dokumentiert durch Unterschriften auf Vorstandsprotokollen. Diehl: "Heute kann sich keiner mit Nichtwissen entschuldigen." Genau das tue das Bistum.

Irritierend ist dabei allerdings, dass nun nicht nur gegen Diehl und Nowak, sondern auch gegen den früheren Aufsichtsrat Seibert auf Schadenersatz geklagt wird. Gegen Sternal oder Krah, die als Vertreter des Bistums im Aufsichtsrat saßen, hingegen nicht. Seibert: "Nachdem mir die Klage am 7. Februar 2011 zugestellt wurde, habe ich am Abend Familienrat gehalten, bin am nächsten Tag zum Standesamt und habe meinen Austritt aus der katholischen Kirche erklärt."

Unstrittig ist, dass die Gero AG nach 2005 Schritt für Schritt in eine finanzielle Schieflage gerät. Diehl begründet das heute mit heftiger, unvorteilhafter Einmischung seitens der Vertreter des Bistums im Aufsichtsrat.

- 2006 wird letztmalig ein Gewinn erwirtschaftet: 77 300 Euro bei einer Bilanzsumme von 35 Millionen Euro.

- 2007 beträgt der bilanzierte Verlust bereits 7,86 Millionen Euro. Vor dessen Feststellung hat Bischof Feige bereits beschlossen, sich von der Gero AG zu trennen. Zu dieser Entscheidung mag beigetragen haben, dass öffentlich immer häufiger die Frage auftaucht, was grüne und rote Gentechnik oder riskante Transaktionen mit christlichen, sozialen und familiengerechten Zielen zu tun haben. Als sich in der Grünen Zitadelle (im Volksmund Hundertwasser-Haus) ein Laden einmietet, der Kleidung der bei Rechtsradikalen beliebten Marke Thor Steinar verkauft, wird Diehl vorgeworfen, die Gero AG würde wohl auch Konzentrationslager bauen.

- 2008 gewährt das Bistum der Gero AG noch einmal einen Kredit in Höhe von 4,2 Millionen Euro, doch im September geht die Bank Lehman Brothers pleite, und die daraufhin einsetzende Finanzkrise verschärft die Liquiditätsprobleme des Unternehmens dramatisch. Kurz nachdem Geschäftsführer Dirk Nowak im Oktober 10 Millionen Euro fordert, um die BTV vor der Insolvenz zu retten, muss auch er gehen. Der Bilanzverlust der Gero AG zum 31. Dezember erhöht sich um 16,4 Millionen auf 24,3 Millionen Euro. Daraus resultiert ein nicht durch Eigenkapital gedeckter Fehlbetrag in Höhe von rund 655 000 Euro per 2008.

Eine Gründerzeitvilla am Rande des Stadtzentrums, Seumestraße 1. Die Anwaltskanzlei Remmers, Robra, Meyer. Frank Meyer bietet Kaffee an, nimmt Platz. Leider habe er nicht ins Ordinariat kommen können. Die Arbeit. Er ist ein groß gewachsener, jugendlich wirkender Mann, eloquent, wenngleich auch er vorsichtig in der Darstellung der Sache. Meyer verweist "nach meiner Kenntnis" auf eine Aussage eines Wirtschaftsprüfers von Ernst & Young, der vom Bistum mit einer Bewertung des Konzerns beauftragt worden war. Gegenüber dem Generalvikar Sternal beziehungsweise dem Aufsichtsrat habe dieser wohl von einem "Bauchladen ohne Philosophie" gesprochen. Hierzu müsse man aber den Generalvikar selbst befragen.

Eine Investition - zwei Meinungen

Nur so viel: Es sei im Rückblick, sagt Meyer, "wirtschaftlich nicht nachvollziehbar, wie man sich an das Hundertwasser-Haus heranwagen konnte". Beim Biotechpark in Gatersleben hätten Fördermittel zurückgezahlt werden müssen. Für die dort entstandene Biogasanlage hätten unter anderem für erforderliche Leitungen Genehmigungen gefehlt. Wie könne die Gero AG Platzierungsgarantien in Höhe von 10 Millionen Euro für Schiffsbeteiligungen zeichnen, wo doch "die Finanzierung für die übernommene Abnahmegarantie und somit die erforderliche Liquidität nicht vorhanden war"? Meyer stellt infrage, wie Seibert im Mai und Juni 2007 von einer "geordneten Vermögens-, Finanz- und Ertragslage" habe sprechen können, wenn am Jahresende 7,86 Millionen Euro Verlust zu bilanzieren gewesen seien. Meyer sagt: "Es ist Unfug zu behaupten, wir wollten Diehl schikanieren oder unter Druck setzen. Es geht um eine saubere Aufarbeitung."

Er macht das überzeugend. Andernfalls wäre er wohl nicht in dieser Kanzlei. Der eine seiner Partner, Walter Remmers, war für die CDU Justiz- und Innenminister. Der andere, Rainer Robra, ist für die CDU Staatsminister und Chef der Staatskanzlei von Sachsen-Anhalt. Der gelernte Krankenpfleger Norbert Diehl? Meyer regt an, zu recherchieren, welche Einkünfte dieser von der Gero AG und ihren Tochterfirmen erhalten habe. Zum gelernten Bankkaufmann Dirk Nowak und dessen Swap-Geschäften: "Nicht zur Kreditabsicherung abgeschlossene Swap-Geschäfte sind nach meiner Ansicht reines Gambling." Und Helmut Seibert? "Die Gero-Gruppe gehörte zu den guten Kunden der Volksbank", sagt Meyer. Und: "Das Bistum als Gesellschafter könnte grundsätzlich auf Klagen verzichten. Nachdem externe Wirtschaftsprüfer und Anwälte jedoch von Pflichtverletzungen ausgehen, hielte ich dieses auch als Steuerzahler und Kirchenmitglied nicht für den richtigen Weg."

Man kann das so sehen. Diehls Sichtweise ist eine andere. Das Biotechunternehmen Meltec, sagt der, habe das Bistum erworben. Er habe es nicht gewollt und nur übernommen, weil die Bischofsspitze energisch darum gebeten wurde. Die Grüne Zitadelle? Auch eine Entscheidung des Bistums. Um eine Beteiligung am Biotechpark Gatersleben habe das Wirtschaftsministerium von Sachsen-Anhalt massiv geworben. Und als er den Benediktinern in Huysburg eine Teilrechnung über zwei Millionen Euro stellte, habe Prior Athanasius, Sternals vormaliger Beichtvater, die Zahlung verweigert und mit einer Umsiedlung des Konvents nach Trier gedroht. Auf Sternals Weisung, so Diehl, sollte die Rechnung zurückgenommen werden. Sternal bestreitet dies: "Mir ist eine derartige Drohung von Prior Athanasius nicht bekannt." Diehls Argumentation laufe daher "ins Leere".

Wahrheitssuche vor Gericht

Er habe, so Diehl, durchaus ein loyaler Diener des Bistums sein wollen, doch "sie sagen mir: 'Setz dich ins Auto, fahre an ein von uns benanntes Ziel', aber dann greifen sie mir ständig ins Lenkrad oder drücken auf die Bremse".

Und dann noch der Fall WB Windpark, eine Gero-Tochter. Diehl hatte mit dem Energiekonzern EnBW einen Vertrag ausgehandelt: "Die hatten sich dabei extrem verrechnet und wollten möglichst schnell kündigen." Ein Prozessfinanzierer bot der Gero AG 150 Millionen Euro für die Abtretung der Ansprüche. Doch das Bistum habe Diehl von den Verhandlungen ausgeschlossen. Ergebnis, so Diehl: 13,5 Millionen Euro Ausgleichszahlung, 1,5 Millionen Euro Spende und mehrere Kleinbusse im Wert von 250 000 Euro.

Hat die Gero AG in den ersten Jahren profitabel gewirtschaftet? Norbert Diehl sagt: "Sehr profitabel." Hat Dirk Nowak mit seinen Fondsgeschäften Gewinn gemacht? Nowak spricht von 18 Millionen Euro. Und die Verluste danach? Diehl: "Ich bestreite nicht, dass es Geschäfte gegeben hat, die nicht nach Wunsch liefen, doch warum werden die nicht offengelegt?" Seibert moniert: "Die Klägerin redet von einem Schaden, der in meinem Fall nirgendwo dokumentiert ist." Und wenn das Bistum behaupte, es habe sich um eine gütliche Einigung bemüht und erst nachdem diese nicht zustande kam, juristische Schritte eingeleitet, sei das, so Diehl, "schlicht unwahr, ich wurde vielmehr aufgefordert, schuldhaftes Verhalten einzugestehen und mit allem persönlichen Vermögen zu haften, ohne dass die vermeintlichen Ansprüche überhaupt geklärt worden wären. Aber ich war und bin nicht bereit, unwahre Erklärungen abzugeben."

Warum diese Unnachgiebigkeit? Wieso können sich Menschen, die jahrelang nebeneinandersaßen, nicht einigen? Seibert hat eine Antwort. Er erinnert sich an eine Begegnung mit Generalvikar Sternal am 11. Februar 2011, kurz nachdem ihn die Klageschrift erreichte: "Sternal sagte mir: 'Wir wollen doch gar nichts von Ihnen, sondern nur eine Handhabe für die D&O-Versicherung." Gemeint ist die Directors-and-Officers-Versicherung, eine Vermögensschadenhaftpflicht, die Unternehmen für ihre Organe und leitenden Angestellten abschließen. Seibert: "Ich habe gesagt: 'Ich habe mir keine Pflichtverletzung vorzuwerfen und Sie, Herr Generalvikar, auch nicht.'" Als Sternal in den Aufsichtsrat eintrat, habe er Seibert noch fragen müssen, wie man eine Bilanz lese.

Viele Zahlen, verhärtete Fronten, für die Wahrheit sind nun die Gerichte zuständig. Diehl hat bereits einen Prozess verloren; es ging um einen Mitarbeiter, der nach einem Herzinfarkt kürzertreten wollte und dem Diehl dafür eine Pension von monatlich 500 Euro zusagte - ohne dies in adäquater Form schriftlich festzulegen und vom Bistum genehmigen zu lassen.

Dirk Nowak wurde in erster Instanz zur Zahlung von Schadenersatz verurteilt, weil er ein zweifelhaftes Darlehen im Zusammenhang mit einer Fotovoltaikanlage in Spanien vergeben hatte. Eine darüber hinausgehende Pflichtverletzung der Beklagten konnte die 1. Kammer für Handelssachen am Landgericht Magdeburg nicht erkennen.

Im Falle der Schiffsbeteiligung urteilte die Richterin, die Kläger hätten sich über die Risiken im Klaren sein müssen. Offen sind nun noch diverse Spesenabrechnungen von insgesamt 8777 Euro, darunter eine in Höhe von 2004,10 Euro. Diehl hatte zum Ausscheiden des Wirtschaftsministers von Sachsen-Anhalt, Horst Rehberger, in die Grüne Zitadelle geladen. Warmes und kaltes Buffet, Jazzmusik. Anwesend waren neben stadtbekannten Honoratioren und Partnern der Gero AG auch der heutige Ministerpräsident Reiner Haseloff, CDU und Katholik, über den man sagt, er beginne seinen Tag mit einem Bibelzitat.

Barleben, eine Gemeinde außerhalb von Magdeburg. In einem Einfamilienhaus wohnt Willi Kraning, früher Domkapitular und Seelsorgeramtsleiter des Bistums. Kraning, 80, gebürtiger Westfale, ist ein Mann mit einer bewegten Vita. 1955 kam er als einer von acht Theologiestudenten in die DDR. Er war Pfarrer in Genthin, wo er nach der Wende zusammen mit dem Henkel-Konzern mehr als 1000 ABM-Stellen schuf. Als das Bistum unter Bischof Leo Nowak und Generalvikar Stolpe das Siedlungswerk St. Gertrud gründete, gehörte Kraning zu den Beratern. Dabei lernte er Diehl kennen. Kraning sagt: "Das ist ein guter Geschäftsmann und redlicher Christ, der diese Behandlung nicht verdient hat." Er habe Briefe an Bischof Feige und Generalvikar Sternal ("Lieber Raimund") geschrieben, den er seit Jahrzehnten kenne. Er habe das Gespräch mit Sternal gesucht. Kraning sagt: "Was mich zutiefst enttäuscht, ist, dass der Generalvikar keinen Unterschied macht zwischen jemandem, der sich bemüht und dem etwas nicht gelungen ist, und jemandem, der schuldhaft gehandelt hat. Die Zeiten der Inquisition sind vorbei."

Wenn Kraning über die Querelen um die Aufarbeitung der Gero AG spricht, wirkt er mutlos. Er sagt, die Folgen für das Bistum seien schon jetzt "verheerend". Was sei das für eine Botschaft, wenn ein Bistum einen leitenden Angestellten verklagen lasse, weil er einem kranken Mann mit einer Pension habe helfen wollen? Wo bleibe die christliche Nächstenliebe, fragt Kraning, wenn Seelsorger nicht mehr verzeihen könnten? Wo bleibe die Barmherzigkeit, wenn man wegen ein paar Hunderttausend Euro ("Mehr kann man aus den Beklagten doch im Zweifel nicht herausholen") die Existenz von Familien zerstört würden? Er kenne eine Reihe von Katholiken, die wegen des Verhaltens der Bistumsleitung bereits aus der Kirche ausgetreten seien oder darüber nachdächten. Die Seelsorger verläsen mittlerweile nicht mehr vor Gläubigen Hirtenbriefe des Bischofs oder Mitteilungen des Bistums zur Gero AG, "weil das alles nur noch beschämend ist". Kraning sagt: "Christen schlagen Christen, sind wir noch getauft oder nicht mehr getauft?"

Das war erst der Anfang

Inzwischen hat der Fall auch überregional Aufmerksamkeit erregt. Es heißt, das ZDF recherchiere für das Nachrichtenmagazin "Frontal 21". Es heißt, die "Zeit" plane einen Artikel. Sollte es so kommen, könnten dabei ganz andere Rechnungen aufgestellt werden.

Etwa, wie viel Bischof Feige in seiner Villa im vornehmen Magdeburger Stadtteil Herrenkrug für Gartenpflege ausgibt und was der Ausbau der Etage für seine Haushälterin gekostet hat. Oder was die Wirtschaftsgutachten, Anwalts- und Prozesskosten bereits verschlungen haben. Mal abgesehen davon, wie viel von den ominösen 45 Millionen Euro Schaden nach dem Ausscheiden von Diehl, Nowak und Seibert entstanden sein könnten. Von den Schiffsbeteiligungen etwa, für die sie Diehl, Nowak und Seibert heute belangen will, hat das Bistum selbst 20 Prozent gezeichnet. Und es könnte dabei auch publik werden, dass der Reporter der Magdeburger "Volksstimme", der den Fall für das Blatt überwiegend beschrieben hat, überwiegend aus der Perspektive des Bistums, wie die Beklagten meinen, verheiratet ist mit einer Anwältin der Kanzlei Remmers, Robra, Meyer. Seibert sagt, er habe bereits im Februar dieses Jahres dem Bischof und dem Generalvikar mitgeteilt, er fürchte um das Image des Bistums und warne vor einer "Katastrophe", die "hier auf alle zukommen wird".

Als die Festmesse zu Ehren des Heiligen Mauritius in Magdeburg vorbei war, fing Benedikt XVI. im Berliner Olympiastadion an zu predigen. Der Heilige Vater sprach über das Gleichnis vom Weinstock und den Reben. Die Kirche, so der Papst, sei nur eine von vielen Organisationen, zugegebenermaßen oft eine sperrige. "Wenn dann auch noch leidvolle Erfahrung dazukommt, dass es in der Kirche gute und schlechte Fische, Weizen und Unkraut gibt und der Blick auf das Negative fixiert bleibt, dann erschließt sich das große und tiefe Mysterium Kirche nicht mehr." Wem das nicht deutlich genug ist - Evangelium nach Matthäus, Kapitel 7:16: "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen." -