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Der Alchemist

Aus Müll Geld zu machen - das war der Traum der Wall Street. Michael Osinski (Bild) machte ihn mit seiner Software möglich. Porträt eines Mannes, der rechtzeitig die Kurve kriegte.




- Frage: "Welche Verantwortung hat ein Waffenhändler für einen Mord?" Antwort: "Das, was einer mit der Waffe macht, kann der Verkäufer nicht beeinflussen." Lässt sich das auf die Welt der Finanzen übertragen? Michael Osinski, 57, versucht es so: "Solange die Kredite an Menschen vergeben wurden, die Jobs hatten, ging alles glatt." Womit er schon mitten im Thema ist.

Es ist ein schwüler, heißer Samstag Ende September auf Long Island. Über dem Hafen von Greenport hängt dichter Nebel, der die Sonnenstrahlen filtert. In dieses milchige Licht getaucht, wirkt die Welt seltsam irreal. Osinski steht in Crocs, Bermuda-Shorts und schmutzigem T-Shirt am Strand seines Hauses und zählt Austern. "94, 96, 98, 100. Wieder ein Sack voll", ruft er und kippt die Tiere in ein orangefarbenes Netz. 1800 Austern hat er an diesem Tag aus dem Meer gefischt. 70 Cent bekommt er pro Stück. Bis Dienstag braucht er 6000. Dann macht er seine Verkaufstour durch Manhattan.

So routiniert, wie er an diesem Morgen die Austern zählt, zählte er früher die Kreditsummen von verbrieften Wertpapieren. Nur in einer ganz anderen Größenordnung. Osinski ist seit 2002 Austernzüchter auf Long Island. Bis 2000 war er Programmierer an der Wall Street. Seine Karriere ist auch eine Parabel auf den Aufstieg des Computers in der Finanzbranche - und wie damit aus Bankbeamten Geschäftemacher wurden. Mit verheerenden Folgen für die Weltwirtschaft.

Osinski schrieb die Software, die ein Bündel von Krediten in mehr als zehn unterschiedliche Wertpapierklassen zerteilte, die sogenannten Collaterized Debt Obligations (CDO). Er war der Mann, der das, was Warren Buffett "finanzielle Massenvernichtungswaffen" nannte, erst möglich machte. Osinski war der Alchemist, der dabei half, aus schlechten Krediten rentable Geldanlagen zu machen. Das ging so lange gut, wie die zugrunde liegenden mathematischen Annahmen eintrafen. Als sie an der Wirklichkeit scheiterten, kam es zum Crash, der weltweit gigantische Vermögenssummen vernichtete und Unternehmen wie Bear Stearns, Lehman Brothers und AIG in die Knie zwang. Osinskis Software war nicht einfach ein Programm. Sie war der Standard, kaum eine Investmentbank kam ohne sie aus.

Osinski führt hinauf auf die Veranda seines Hauses. Er zeigt auf den Hafen, den Parkplatz, die Straßen von Greenport und beginnt eines seiner Ratespiele: "Siehst du die Häuser da? Wie viele, schätzt du, stehen da?" Und gibt die Antwort schnell selbst: "Es sind gut 1000. Nur in diesem Dorf." Weiter: "Was, glaubst du, kostet eines?" Antwort: "Gut eine Million." Jetzt mitrechnen: "Das macht eine Milliarde Dollar. Wenn die Käufer nur die Hälfte anbezahlt haben - was viel ist -, blickst du gerade auf 500 Millionen Dollar Schulden. Nur hier! Und jetzt überleg mal: Autos werden auf Pump gekauft, Flugzeuge geleast, und Kreditkarten, oh Mann, Kreditkarten sorgen jeden Tag für Milliarden von Schulden. Der Kreditmarkt ist größer als der Aktienmarkt. Viel größer."

Ein Markt entsteht überall dort, wo einer dem anderen etwas verkauft. Dies schnell möglich zu machen war Osinskis Aufgabe. Seit 1998 wuchs der CDO-Markt jährlich um 150 Prozent. 2006 schätzte die Researchfirma Celnet das Volumen auf zwei Billionen Dollar.

Aber von vorn. Am 5. Oktober 1985 fing Osinski bei Salomon Brothers an, da war er 30 Jahre alt. Seine Frau hatte ein Nierenleiden, und er brauchte Geld für die Behandlung. Als Enkel polnischer Einwanderer in Alabama aufgewachsen, hatte er Literatur und Mathematik studiert, an der Universität am Bibliotheks-Computer gejobbt. Und nach dem Abschluss hatte er sechs Jahre lang Software entwickelt, vor allem für Telekommunikationsfirmen.

Banker verdienen viel? Austernfarmer essen auch viele Austern

Der Wechsel an die Wall Street war ein Schock. Die Rechner, die er in der Computerabteilung im 25. Stock bei Salomon Brothers vorfand, waren hoffnungslos veraltet. Der Computer war in der Finanzbranche noch nicht entdeckt worden. Entsprechend niedrig war das Ansehen der Experten. "In der Firmenhierarchie standen wir über den Sekretärinnen, aber sonst weit unter dem Rest", sagt Osinski. Verglichen mit anderen Branchen war das Gehalt aber großzügig, für "den einfachsten Job meines Lebens".

Nicht dass er unzufrieden gewesen wäre. Aber eines Tages wollte er wissen, was die hektische Gruppe ein Büro weiter so aufgeregt trieb: "Sie entwickelten verbriefte Kreditpapiere. Eine Beschäftigungstherapie für Programmierer, weiter nichts." Irgendwann fuchste es ihn. Er wollte genauer wissen, was da passierte, und erfuhr: "Du steckst Huhn in den Fleischwolf, und raus kommt Rinderfilet." Er war fasziniert. Er wollte Teil dieser Mannschaft sein.

Zuerst aber hielt er das Versprechen, das er seiner Frau gegeben hatte. Nach ihrer Genesung gingen beide auf Weltreise. 1988 bekam er dann einen Job bei Lehman Brothers, ohne viel von Finanzen zu verstehen. Aber es war der Beginn einer neuen Zeitrechnung: Die Computer begannen ihren Siegeszug in den Banken. Mit abstrakten Formeln galt es, Geld zu verdienen. Die Verbriefung von allen möglichen Krediten per Computer wurde zu seinem Job.

Ein Geschäft, das sich für die Investmentbank rechnete. Im Jahr 1983 wurden sechs Milliarden Dollar verbriefter Kreditpapiere auf den Markt gebracht. 1988 waren es schon 94 Milliarden Dollar. Investoren rissen der Bank die Papiere aus der Hand. "Die Wall Street war in Partylaune", sagt Osinski. "Die Typen hielten sich für clever. Diejenigen, denen sie das Geld aus der Tasche zogen, hielten sie für Deppen." Auch er lebte gut von der Bonanza. Sein Bonus betrug im ersten Jahr 50 000 Dollar - immerhin 50 Prozent seines Gehalts. Verglichen mit den Boni für die Händler war das nichts. Noch waren Computer-Dompteure kleine Lichter. Aber für ihn war es ein Vermögen.

Wenn er an manchen Tagen abends vom Lehman-Hauptquartier durch das Lichtermeer von New York nach Hause lief, grübelte er darüber nach, ob es gerechtfertigt war, dass er mehr Geld verdiente als jeder andere in seiner Familie. Er hatte keine klassische Wall-Street-Biografie. Er war nicht in Yale oder Harvard gewesen. Er hatte auch keinen Ring wie die MIT-Abgänger, die damit bei Konferenzen scheinbar unabsichtlich gegen den Tisch klopften, um auf ihn aufmerksam zu machen. Aber Osinski war ein guter Programmierer. Er hatte alle Formeln im Kopf. Mit seiner Software machte sein Arbeitgeber Millionen. "Wenn man nah am Geld ist, kriegt man viel davon ab", sagt er. "Austernfarmer essen auch viele Austern, oder nicht?"

Osinski blickt von der Veranda auf den Steg, an dem sein Boot liegt, dann wandert sein Blick zum eigenen Strand und zum großen Garten. Geld war für ihn ein Antrieb. Er trug Versace-Anzüge, ging exquisit essen und erwarb ein Apartment am edlen Gramercy Park, die Park Avenue und der Broadway gleich um die Ecke. "Geld steigert das Selbstwertgefühl", sagt er.

Aber es ging ihm um mehr. Es war die Faszination für das, was er tat. Kreditderivate waren damals etwas Neues: Hinter den Papieren steckte eine komplexe Struktur, an der er herumrechnete. Formeln in einen Computer einzugeben, damit die Händler später alles per Knopfdruck erledigen konnten - das war seine Welt. Eine Million Zeilen umfasst ein solcher Software-Code. Wenn eine Zeile falsch ist, kommt Murks dabei heraus. Wer diese Technik beherrscht, ist Teil einer kleinen Elite, die genau weiß, was die Wall Street im Innersten zusammenhält. Andere sehen Zahlen. Osinski konnte sie herleiten. Mit seinen Kollegen erfand er "Bond Talk", eine eigene Programmiersprache.

Sein letzter Bonus bei Lehman Brothers betrug 100 000 Dollar. Dann kündigte er und fing bei Kidder, Peabody & Company an. Endlich war er angekommen, wo er hinwollte: beim größten Kreditmetzger Amerikas. Keine Firma produzierte so viele verbriefte Kreditpapiere wie Kidder. Nur die Software war veraltet.

Während Osinski sie auffrischte, rutschte die US-Wirtschaft in die Rezession. Doch selbst das waren gute Nachrichten für die Formel-Meister: die Federal Reserve senkte den Zinssatz und verbilligte die Kredite - mehr Huhn für Osinskis Fleischwolf. Wobei der nur noch Minuten brauchte, um aus einer Milliarde Dollar zehn verschiedene Anlagepapiere zu machen. Bei Lehman hatte Osinski noch einen Monat an seinem ersten CDO gerechnet.

Genau darum ging es: immer schneller, immer mehr. Michael Osinski wurde Zeuge davon, dass der Risikomanager nur einmal in der Woche zur Arbeit kam. Es war Boomzeit. Und in einem Boom braucht man keine Bedenkenträger. Vier Jahre lang feilte Osinski an der Software, optimierte sie ständig. Dass bei einem extrem riskanten Anlagepapier ein Radioaktiv-Symbol leuchtete, störte damals keinen. Es war als Warnung gemeint. "Es soll also niemand sagen, er habe von nichts gewusst", sagt Osinski.

Als Kidder, Peabody & Co. trotz Osinskis Software 1994 abstürzte, fiel das Programm in die Hände von Intex Solutions, einer Software-Firma in Boston. Dort wusste man, dass man auf einer Goldader saß - aber nicht, wie man sie ausbeuten konnte. Osinski setzte sich auf sein Fahrrad und besuchte die neuen Besitzer. Er schlug einen Deal vor: Er integriert die Software in das System der Firma und vermarktet sie. Die Gewinne werden geteilt. Fünf Jahre lang sollte die Zusammenarbeit dauern. Es war der Anfang vom Ende seiner Wall-Street-Karriere. Aber die Partnerschaft sollte sich lohnen.

In seinem Apartment am Gramercy Park arbeitete er wie besessen an seinem Manhattan-Projekt. Zwei Dinge trieben ihn: die Begeisterung für die Technik. Und der Erfolg als Unternehmer. Sechs Monate lang tüftelte er und wurde gerade noch rechtzeitig fertig. Der Kreditmarkt boomte.

Und mit ihm die Software-Lösungen. 1997 kauften 15 Investmentbanken das Programm. Ende 1998 waren es 25. Schließlich mehr als 30. Eine halbe Million Dollar kostete die Lizenz, plus eine jährliche Wartungsgebühr von 100 000 Dollar. "Damit man mich immer anrufen konnte", sagt er. Zusammen mit seiner Frau kaufte er das Haus in Greenport auf Long Island samt Strand und Bootssteg. Das war praktisch. Intex saß in Boston, und von Long Island geht eine Fähre nach Connecticut. So hatte er es nicht weit zu den Partnern.

Doch dann kam der Sündenfall.

Ein Kunde aus Greenwich rief an. Er wollte das Programm auf Autokredite anwenden. Schaffte es aber nicht allein, bat um Hilfe. Osinski fuhr hin. Doch was er gesehen habe, habe ihm nicht gefallen: Sieben Prozent Rendite versprach der Deal für den Kreditmetzger. "Sieben Prozent!", ruft er. Normal seien drei Prozent gewesen. Osinski schaute sich die Kredite genauer an. Die Zinsrate, die die Schuldner für ihren neuen Wagen hinblättern mussten, betrug 16 Prozent. Es war der erste Subprime-Kredit, den er sah.

Subprime bedeutet, dass der Schuldner schon einmal einen Kredit nicht hat bedienen können. "Wenn er das Geld für sein altes Auto nicht hatte, verkaufen wir ihm jetzt einen Ferrari und kassieren die doppelte Zinsrate? Wie soll er die jemals abstottern?", habe Osinski damals gefragt. Die Antwort: "Wir helfen ihm. Wenn er drei Jahre lang zahlt, ist er clean und kann umschulden. Vorher verkaufen wir den Kredit ohnehin." So machte Osinskis Software aus Müll Millionen.

Gier, Macht und Geld - so lautet die Formel für das Desaster

Alle liebten den Müll. Denn die Rendite war gewaltig. Aber es war ein Spiel mit dem Feuer, bei dem alle Spieler davon ausgingen, dass die Immobilienpreise weiter steigen würden: Kann ein Schuldner seine Hypothek nicht mehr bezahlen, verkauft er einfach sein Haus, und schon ist das Problem vom Tisch. So die Theorie. Ab 2006 brachen die Immobilienpreise in den USA ein. Die Rechnung ging nicht mehr auf. Die Welt stand am Rand der finanziellen Kernschmelze.

"Die Idee hinter dem Subprime-Geschäft war von Anfang an reine Theorie", sagt Glenn Reynolds von Credit Sights, einer Researchfirma in New York, die Kreditrisiken untersucht. "Es gab für Subprime-Kunden überhaupt keine historischen Daten, mit denen man ihr Risiko hätte bewerten können", sagt er. "Aber im Prinzip sind Kreditderivate eine gute Sache." Dann macht er eine Pause. "Vorausgesetzt, man nutzt sie richtig."

So sieht es auch Osinski. Zumindest heute. Damals klingelte permanent sein Telefon. Er hatte Kunden auf der ganzen Welt, in allen Zeitzonen. Wann immer es bei ihnen klemmte, wählten sie seine Nummer. Nach fünf Jahren war er des Trubels müde. Außerdem hatten sie bei Intex nachgerechnet und festgestellt, dass Osinski mehr verdiente als der Präsident der Firma. "Partnerschaften sind etwas sehr Schwieriges", sagt er theatralisch. "Wenn viel Geld im Spiel ist, sind sie noch schwieriger. Dann will einer nämlich alles." Er ließ sich auszahlen und war mit 45 Rentner. Er stellte fest, dass zu dem Haus in Greenport nicht nur Strand, sondern auch Meeresgrund gehört, und fing an, Austern zu züchten. Er wollte, dass seine zwei Kinder ihn arbeiten sehen.

Die Versace-Anzüge hat er längst abgetragen. Außerdem ist er inzwischen wegen der körperlichen Arbeit deutlich schlanker. Heute Morgen ist er mit dem Boot rausgefahren, der Nebel war so dicht, dass er die Fähre nach Shelter Island kaum sehen konnte. Mit bloßen Händen hat er die Austernkäfige aus dem Wasser gezogen und an den Strand seines Grundstücks gewuchtet. "Nichts ist so zufriedenstellend wie ein eigenes Unternehmen. Egal, ob Software oder Austern", sagt er.

Doch ganz konnte er der Wall Street nicht entkommen. Sein Geld hat er in Kreditpapiere investiert, die er nach dem Crash gekauft hat, "zu 20 Cent für den Dollar". Die Restaurants, die seine Ware kaufen, öffnen seine Austern meist für wohlhabende Banker. Und auf Long Island beliefert er an diesem Tag ein Weingut und eine Sektkellerei. Ersteres gehört einem Insolvenzanwalt, Letztere einem Hedgefonds-Manager. Beide Investments sind Hobbys und unrentabel.

Aus derlei Statussymbolen macht sich Osinski nichts. Das Haus in Greenport und die Wohnung am Gramercy Park sind eingerichtet, als hätte er die Möbel zufällig auf der Straße gefunden - 1975 in der damaligen DDR. Wenn er gut essen geht, trägt er Badeschlappen, Bermuda-Shorts und Hemd. Sein weißer Cadillac ist 15 Jahre alt, der Rückspiegel ist mit Klebeband angepappt. Der Dodge Sprinter zum Austernausliefern ist ramponierter als der Ruf von Bernard Madoff.

Osinski hingegen kennt kaum einer. Kürzlich wartete er bei Aldo's Cafe in Greenport auf seinen Mokka, als ihn ein Fremder fragte, was er früher gemacht habe. "Heute bin ich ein Austernfarmer. Früher hatte ich eine Software-Firma an der Wall Street." Es bedurfte einiger Erklärung, was seine Spezialität gewesen war. Da sagte der Fremde: "Oh, du bist ein Teufel." Ein Freund nannte ihn einmal "den Helfershelfer".

Osinski belädt den Transporter mit Austern für die Sektkellerei. 300 Stück wollen sie. Keine große Lieferung. Als er hinter Greenport die New York State Road 25 Richtung Westen nimmt, meint er plötzlich, sich rechtfertigen zu müssen. Es fällt der Satz über die Verantwortung des Waffenhändlers und dass alles gut ging, solange die Kredite an Schuldner vergeben wurden, die Jobs hatten. Es ist sein Credo, das er immer und immer wiederholt.

So überzeugend er als Austernverkäufer ist ("Iss lieber lebendiges als totes Fleisch! Das ist frischer"), so unsicher wird er, wenn er von der Wall Street spricht. Er hat dort viele Freunde und spricht ungern schlecht über sie. Dann wieder verdammt er die Macho-Kultur und die Weitpinkel-Wettbewerbe auf dem Klo bei Lehman Brothers, wo die Händler versuchten, von der gegenüberliegenden Wand ins Pissoir zu treffen. "Banking muss eine Dienstleistung sein. Wenn sie zu groß und mächtig wird, wird es gefährlich. Gier, Geld, Macht - das ist die Quelle für das Desaster." Nach einer Pause fragt er unvermittelt, als hätte er darauf gewartet: "Fühle ich mich schuldig? Natürlich, ich war dabei. Ein wenig Schuld trifft mich sicher." Es klingt wenig überzeugend. Es ist ein Satz, den er wohl meint, sagen zu müssen.

Kurz vor Southold erreicht ihn eine SMS. Ein Restaurantbesitzer in New York will 300 Austern. " Ja!", ruft Osinski aus und reckt die Faust. Als auch noch ein bekannter New Yorker Großhändler sich nächste Woche mit ihm treffen will, ist der Tag perfekt. Er singt fast: "Alle wollen meine Austern." Der Markt für Schalentiere scheint heiß zu laufen - und wieder ist Osinski dabei.

Mit solchen Märkten kennt er sich aus. Und er weiß, dass sie Verlierer produzieren. An Weihnachten vor einem Jahr traf er auf einer Party in Greenport einen Nachbarn. Der Mann ist Dachdecker, arbeitet hart, und er freute sich darüber, dass er erst kürzlich ein neues Boot erstanden hatte. Für 15 000 Dollar war es ein richtiges Schnäppchen. "Ich habe es von einem dieser Lehman-Typen billig gekriegt, er hat alles verkauft." Von wem, wollte Osinski wissen. "Ein Typ, der Joe Gregory heißt." Der war die Nummer zwei bei Lehman und Osinskis Chef. Er hatte an die Firma geglaubt. Und fast alle seine Ersparnisse in Aktien von Lehman Brothers angelegt. -

Die Waffenschmiede In der Fachsprache heißen verbriefte Kreditanleihen Collaterized Debt Obligations (CDO). Um einen solchen CDO zu konstruieren, kauft eine Investmentbank ein Bündel Darlehen von einer anderen Bank, beispielsweise Immobilienkredite im Wert von einer Milliarde Dollar. Darin stecken Kredite in Höhe von 950 Millionen Dollar, die von den Rating-Agenturen mit der Bestnote AAA ausgezeichnet sind. Aus diesen lassen sich mehrere Bonds machen, die alle an Investoren verkauft werden, die ihr Geld anlegen wollen: etwa in ein Papier, das seine Schöpfer PAC nennen und das aus einer Kreditlaufzeit von 30 Jahren vier Papiere macht, die drei, zehn oder 25 Jahre laufen. Ein weiteres Papier, genannt Companion Bond, versichert die Investoren gegen frühere Zahlungen, etwa wenn die Zentralbank die Zinsen erhöht oder senkt und die Schuldner umschulden. Diese Papiere nennen Investoren die Senior-Klasse. Die verbliebenen 50 Millionen sind die Substruktur, die schlechter benotet ist. Mit 25 Millionen wird dann beispielsweise ein Floater genanntes Papier gebaut, das eine fixe Zinsrate in eine flexible Zinsrate verwandelt, weil europäische Kunden das so wünschen. Ihm gegenübergestellt wird ein Papier mit dem Namen Inverse für zehn Millionen, dessen Wert steigt, wenn die Zinsen sinken, und dessen Wert fällt, wenn die Zinsen steigen. Am Ende gibt es noch einen sogenannten Resudial Interest Bond für die Spekulanten. Der sammelt alle überfälligen Gewinne ein, wenn alles bezahlt wurde - geschieht dies nicht, droht der Investor Geld zu verlieren. Sicher, so glaubte man einst, seien diese Papiere dadurch, dass der Müll ganz unten liegt: Ganz oben liegen die gut bewerteten Bonds. Ganz unten die schlecht bewerteten. Kommt es zu einem Kreditausfall, sind davon zuerst die schlechten betroffen. Sie federn die oben liegenden ab. Diese Logik überzeugte die Rating-Agenturen. Sie erteilten diesen Alchemiepapieren gute Noten. Das Risiko bei diesen Geschäften hat der Käufer. Nicht länger als 30 Tage hält eine Investmentbank die Kredite. Die ganze Konstruktion hat nur einen Zweck: Das Paket so schnell wie möglich zu verkaufen.

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