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Ganz schön oberflächlich

Resopal ist überall. Einst stand der Werkstoff für Fortschritt, dann für Muff. Heute liegt er wieder im Trend.




• Bei seinen Leuten gilt der Chef als cooler Typ, und Donald Schaefer achtet darauf, diesem Ruf gerecht zu werden. Der 63-jährige Geschäftsführer der Resopal GmbH im hessischen Groß-Umstadt führt lässig in Pulli und Jeans durchs Werk. Jedem, der sich nicht hinter einer Presse versteckt, schüttelt er die Hand. Einige Mitarbeiterinnen begrüßt er mit Küsschen.

Mister Resopal ist zu Recht gut drauf. Seit der Franke 1998 die Führung der damals angeschlagenen Firma übernahm, ging es aufwärts. Heute produziert sie 365 Tage im Jahr in drei Schichten den Stoff, der uns überall begegnet: am Küchentisch, in der U-Bahn, auf dem Büroflur und in der Kantine. Die Herstellung kommt weitgehend ohne Hightech aus, etliche Maschinen laufen seit Jahrzehnten. Umso mehr zählen Einsatz und Erfahrung der Mitarbeiter, denen Schaefer gern zeigt, wie sehr er sie schätzt. Im vergangenen Jahr haben sie fast 70 000 Überstunden geleistet.

Um Resopal herzustellen, werden mehrere Bahnen Papier mit Harzen getränkt und unter hohem Druck gepresst. Für den Look sorgt die oberste Schicht mit dem Dekorpapier. Das Laminat, das so entsteht, ist billig, universell verwendbar und robust. Letzteres erwies sich als Problem: Weil Resopal ewig hält, fallen vielen bei dem Namen spontan scheußliche Erinnerungen aus ihrer Kindheit ein. Schaefer erzählt, dass er vergeblich versucht hat, seine 93jährige Schwiegermutter zu überzeugen, ihre karierten Vesperbrettchen von früher durch aktuellere Modelle zu ersetzen.

Der Mann, der nach wie vor in seinem rund 200 Kilometer entfernten fränkischen Heimatort Ansbach wohnt und wochentags in einem Hotel nahe der Fabrik übernachtet, hat sich ganz dem Schichtstoff verschrieben. Seine Mission: "Weg vom Mief und Muff!" So hat er neue Kundenkreise wie die Autoindustrie gewonnen, die Resopal in ihren Niederlassungen und Showrooms verbaut. Der Umsatzanteil mit Küchenherstellern, früher etwa 50 Prozent, ist dagegen auf 25 Prozent gesunken. Besonders freut Schaefer, dass Innenarchitekten und Gestalter Resopal wiederentdeckt haben; einer der Pioniere war Ettore Sottsass mit seinem Memphis Design.

Dank verbesserter Harze und Papiere, die Resopal zugeliefert werden, kann das Material heute schick und in jedem gewünschten Look daherkommen. So hat der Inhaber einer Indoor-Kletterhalle in Frankreich eine Fassade bestellt, die einem Felsblock ähnelt. Neuerdings ist auch eine Reystone genannte Öko-Variante im Programm, die Schaefer vorführt: sieht aus wie Granit, fühlt sich an wie Raufaser.

Der begnadete Verkäufer hat aus dem Krisen- ein Vorzeigeunternehmen gemacht, das mit allerlei Preisen für Umwelt- und Mitarbeiterfreundlichkeit ausgezeichnet wurde. So thront eines der größten Solarkraftwerke Hessens bei Resopal auf dem Dach, und die Werker dürfen sich im Firmen-Fitness-Center gratis ertüchtigen.

Der Chef steht nun vor seiner schwierigsten Aufgabe: Abschied nehmen. Ab März arbeitet er seinen Nachfolger ein. Auf die Frage, womit er sich als Rentner beschäftigen wolle, zögert er das erste Mal und sagt dann: "Vielleicht kaufe ich mir Wald und mache in Forstwirtschaft." •

Die Firma H. Römmler aus Spremberg in der Niederlausitz reicht 1930 einen Kunststoff zum Patent ein, der später als Resopal vermarktet wird. Der Name leitet sich vermutlich vom lateinischen resina pallida ab, farbloses Harz. Aus dem Material lassen sich farbige Oberflächen, aber auch Gebrauchsgegenstände wie Leuchten, Schüsseln und Tabletts herstellen, die "materialecht, unempfindlich gegen Fette, Seife, Hitze und Wasser, stoßfest und leicht zu reinigen sind", wie es in den ersten Anzeigen heißt. Nach Streitigkeiten mit einem Konkurrenten verlegt Römmler sich ganz auf Schichtpressstoffe – für die sich Resopal zum Gattungsbegriff entwickelt. 1945 wird das Werk zum großen Teil zerstört, die Reste werden von der Roten Armee demontiert. Ehemalige Mitarbeiter gründen die Firma sowohl in Groß-Umstadt als auch in Spremberg neu (vgl. auch brand eins 06/2002, "Alles für die Oberschicht"). In den Fünfzigern kommt das Material als Inbegriff des modernen Lebensstils - unter anderem auf Nierentischen - groß heraus. In den folgenden Jahrzehnten wird das Geschäft schwieriger für die Firma Resopal. 1998 übernimmt das US-Unternehmen Wilsonart sie. Donald Schaefer schafft den Turnaround in Groß-Umstadt, und weil er Jahr für Jahr den Umsatz steigert, lassen ihn die Amerikaner einfach machen. Resopal GmbH: Umsatz 2010: rund 137 Mio. Euro; Gewinn: 15 Mio. Euro; Mitarbeiter: 610; Marktanteil in Deutschland: rund 50 Prozent