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Wo wachsen eigentlich all die Öko-Wälder?

Für immer mehr Verpackungen, Bücher, Möbel und Zeitschriften wird Zellulose aus angeblich nachhaltig bewirtschafteten Forsten eingesetzt. Nur: Wo liegen die? Und was bringt eine solche Zertifizierung der Umwelt?




• Ein paar Monate ist es her, dass Bob, ein possierlicher Hase mit kecken Ohren und warmer Stimme, deutschen Fernsehzuschauern eine echte Sensation verkündete: Tetra Pak, mit einem Ausstoß von 158 Milliarden Getränkekartons im Jahr weltweiter Marktführer, gewinne das Holz für den Zellstoff aus vorbildlich bewirtschafteten Wäldern, erklärte das animierte Tier in einem TV-Spot des Verpackungsmultis. Nach dem Konsumgüterkonzern Unilever (Lipton, Pfanni, Ben & Jerry's), der bis 2020 komplett umstellen möchte, ist Tetra Pak ein weiterer Großkonzern, der seinen wichtigsten Verpackungsrohstoff aus nachhaltigen Quellen beziehen will. Als ehrgeizigster Zertifizierer gilt der unabhängige Forest Stewardship Council FSC, so etwas wie ein Weltforstrat, dessen Bäumchen-Logo auf Gartenliegen, Toiletten- und Kopierpapier, Zigarettenschachteln und Kleiderbügeln, Fassadenelementen sowie Tausenden weiterer Produkte prangt. Allein im Sortiment der Baumarktkette Hornbach finden sich mittlerweile mehr als 4500 vom FSC zertifizierte Holzprodukte. Konzerne wie die Otto Group und die Deutsche Bahn lassen ihre Geschäftsberichte genauso auf FSC-Papier drucken wie die Verlagsgruppe Random House ihre rund 50 Millionen Taschenbücher pro Jahr.

Eine beachtliche Karriere für eine Initiative, die vor nicht einmal 20 Jahren von zwei Handvoll Menschenrechtsorganisationen, Forstwirtschaftlern und Umweltschützern gegründet wurde. Mit ihrem FSC-Logo dürfen sich laut Satzung ausschließlich Produkte schmücken, die die biologische Vielfalt und Schutzfunktionen des Waldes, die Rechte indigener Völker sowie der einheimischen Bevölkerung beachten. Holz aus Plantagen, die nach 1994 auf den Flächen ehemaliger Urwälder angelegt wurden, ist demnach ebenso wenig FSC-würdig wie solches aus Regenwäldern und Kahlschlägen*. Nicht zufällig verweisen Forstleute gern darauf, dass der Modebegriff Nachhaltigkeit eigentlich eine Erfindung ihrer Branche ist.

Dennoch betrachten einige Waldbesitzer das zarte Pflänzlein FSC skeptisch, weil Greenpeace, WWF & Co bei strittigen Abstimmungen in den drei Kammern der FSC-Ratsversammlung über eine Mehrheit verfügen und die Herren des Waldes immer überstimmen könnten.

Immerhin 143 Millionen Hektar haben sie in den vergangenen Jahren nach FSC-Kriterien umgestellt - eine Fläche, die rund viermal so groß wie die Bundesrepublik ist und 6,8 Prozent der weltweit bewirtschafteten Wälder entspricht. Noch schneller als die FSC-Forste wächst allerdings die Nachfrage nach ihren Produkten - ein Umstand, der sich auch aus den langwierigen Aufnahmeprozeduren ergibt.

"Aufgrund der zum Teil sehr kleinteiligen Struktur der Waldwirtschaft gestaltet sich die flächendeckende Zertifizierung schwierig", heißt es bei Tetra Pak. "Der gesamte Bedarf kann noch nicht gedeckt werden." Aktuell fertigt der Verpackungskonzern erst rund die Hälfte seiner Kartons für den deutschen Markt aus FSC-Zellstoffen, weltweit liegt der Anteil sogar noch niedriger - ein Detail, das Bob, der Waldmeister, in seinem TV-Spot offenbar zu erwähnen vergaß.

Für Uwe Sayer sind dies ohnehin nur schwache Argumente. "Da müssen jetzt einfach Marktmechanismen greifen", sagt der Geschäftsführer von FSC Deutschland. "Wenn Konzerne wie Tetra Pak ihre Lieferanten entsprechend forderten, ließe sich der Bedarf sehr schnell mit Holz aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern decken."

Das schwedische Forst- und Zellstoffunternehmen Södra beispielsweise offeriert seinen rund 51 000 Holzlieferanten einen Aufpreis von zehn schwedischen Kronen (rund einem Euro) pro Kubikmeter zertifizierten Holzes und hat damit binnen weniger Jahre mehr als die Hälfte seiner Forstflächen auf FSC-Kriterien umgestellt.

Nach Berechnungen von Johannes Zahnen, Forstexperte beim WWF, liegt der Mehraufwand im Vergleich zu konventionellem Material ohnehin nur bei wenigen Prozentpunkten. "Dass am Markt teils deutlich höhere Aufschläge verlangt werden, lässt sich vielleicht mit der gestiegenen Nachfrage, nicht aber mit höheren Bewirtschaftungs- oder Zertifizierungskosten begründen." Mit anderen Worten: Bei Holz aus nachhaltigem Anbau fehlt es nicht an der Verfügbarkeit - es geht nur um den geringen Aufpreis.

Doch selbst mit einer schnelleren Verbreitung würde das Marktanreizsystem bald an seine natürlichen Grenzen stoßen. Global gesehen fällt die Mehrzahl der Bäume nämlich nicht für die Papier- und Holzindustrie, sondern um Platz für Palmölplantagen, Acker- und Weideland zu schaffen oder als Brennholz verfeuert zu werden. Im Regenwaldland Brasilien etwa werden 80 Prozent des eingeschlagenen Holzes lokal genutzt. Den weltweit wirksamsten Hebel gegen den Raubbau bilden demnach nicht nachhaltige Produktkriterien, sondern strengere und konsequent vollzogene Schutzgesetze. Hinzu kommt, dass der größte Teil tropischer Ressourcen die ökosensiblen Märkte Westeuropas und Nordamerikas gar nicht erreicht.

Größter Zellstoffimporteur der Erde ist inzwischen China, für dessen Nachfrage vor allem in Indonesien die Tropenwälder abgeholzt werden. Zusammen mit Indien zählt China auch zu den weltweit wichtigsten Palmölverbrauchern. Brasilianisches Rindfleisch wiederum geht vor allem nach Russland, Iran, Hongkong und Ägypten alles Nationen, die, wie der "Economist" konstatiert, "nicht gerade als Ökofreaks bekannt sind".

Dennoch gewinnt das FSC-Konzept selbst jenseits des westlich-umweltbewussten Grüngürtels immer mehr Anhänger unter anderem, weil Importeure zunehmend entsprechende Zertifikate von ihren Rohstofflieferanten verlangen. In China werden mittlerweile 1,8 Millionen Hektar Wälder nach FSC-Kriterien bewirtschaftet, in der Demokratischen Republik Kongo sind es 2,7 Millionen, in Brasilien sogar 6,5 Millionen Hektar. Verglichen damit, kommt einem das ökosensible Deutschland mit seinen 389 000 Hektar FSC-Forsten wie eine niedliche Schonung vor.

*Allerdings wird die lokale Umsetzung der Kriterien von den nationalen Arbeitsgruppen in 57 Ländern definiert, was immer wieder Kritiker auf den Plan ruft. In Schweden beispielsweise werden, wie "Report Mainz" im Februar 2011 berichtete, FSC-Flächen durchaus per Kahlschlag abgeerntet. "Die borealen Nadelwälder regenerieren sich deutlich schneller als mitteleuropäische Mischforste", rechtfertigt sich die Organisation. "Was in Deutschland eine ökologische Katastrophe wäre, kann daher in Schweden durchaus erlaubt sein."