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Mediapart

Die französische Internetzeitung Mediapart macht ganz ohne Werbung Gewinn. Weil sie bietet, wofür Zehntausende Leser zahlen. Und weil sie liefert, was die anderen Medien versäumen.




- Dies ist die Geschichte einer großen Frustration - und wie sie zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell führte. Es war im Jahr 2004, als Edwy Plenel und François Bonnet in einem Konferenzraum im südlichen 13. Arrondissement von Paris saßen und ihren Ohren kaum trauen wollten. Der Herausgeber ihrer Zeitung, der legendären "Le Monde", teilte der Redaktion mit, dass sie sich künftig weniger der investigativen Recherche widmen und mehr Gewicht auf die Einordnung und Kommentierung von Ereignissen legen solle. "Das ist schlicht unglaublich", sagt Bonnet noch heute, hörbar aufgeregt. "Da wurde die ureigenste Aufgabe von Journalisten preisgegeben."

Bonnet sitzt an seinem Schreibtisch in einem zum Großraumbüro umgebauten Fabrikgebäude unweit der Bastille. Das Mobiliar ist aus billigem weiß lackiertem Press-Span Marke Ikea. Nur die Computer waren teuer. Was durchaus als Statement zu verstehen ist. Für die Texte, die insgesamt 26 Journalisten dort tagein, tagaus verfassen, konnte das Beste gerade gut genug sein. Mediapart.fr heißt die Internetzeitung, die Plenel und Bonnet seit drei Jahren als Herausgeber und Chefredakteur verantworten, und sie sorgen damit für Furore.

Politisch vor allem wegen ihrer unerschrockenen Berichte, die Politiker und Unternehmer seitdem häufig aufbringen. Und wirtschaftlich, weil es Mediapart nach so kurzer Zeit gelungen ist, ganz ohne Werbung und nur mit den Abonnement-Zahlungen der Leser Geld zu verdienen. Für 2011 rechnet Plenel bei fünf Millionen Euro Umsatz mit 500 000 Euro Gewinn. Das ist, angesichts weltweiter Bemühungen von Medienhäusern um die Akzeptanz von bezahltem Inhalt auf ihren Internetseiten, ein großer Erfolg.

Den Machern ist er nicht in den Schoß gefallen. "In der ersten Zeit haben wir enorm viel Geld verloren", erinnert sich der Chefredakteur Bonnet. Viel hätte nicht gefehlt, dass jene recht behielten, die ihnen den baldigen Ruin prophezeit hatten und über ihre Naivität spotteten. "Wir sind die Hauptverantwortlichen für unsere Freiheiten", schrieb Edwy Plenel als ersten Satz in einer Info-Broschüre über Mediapart - und folgert: "Wenn sie beschränkt werden oder gar verloren gehen, liegt das in erster Linie daran, dass wir nicht genügend für sie gesorgt haben." Da hätte er, der eine halbe Million Euro aus seiner Abfindung und persönlichen Krediten investiert hatte, das Geld auch gleich in der Seine versenken können, sagten Kritiker.

Doch dann kam der Sommer 2010 und mit ihm die Affäre Bettencourt. Die Kombination dieser beiden Wörter hat in Frankreich auch gut ein Jahr später noch einen speziellen Klang. Es ist, als spräche man über die Dreyfus-Affäre, einen historischen Justiz- und Militärskandal. Jeder im Lande weiß sofort, wovon die Rede ist.

Es waren die Journalisten von Mediapart, die den Skandal um die Alleinerbin des L'Oréal-Gründers aufdeckten. Gespräche aus dem Salon der alten Dame, die ihr ehemaliger Butler heimlich aufgezeichnet hatte und die Mediapart zugespielt worden waren, zeigten, dass vermeintliche Freunde und Berater die Milliardenerbin schamlos ausgenommen hatten und dass sie Schwarzgeldkonten in der Schweiz unterhielt. Die Bänder lieferten außerdem Hinweise auf illegale Parteispenden, die 2007 vor allem dem Präsidentschaftswahlkampf von Nicolas Sarkozy zugute gekommen waren.

Nach wochenlangem Gezerre, hartnäckigem Leugnen, einem Einbruch in die Redaktionsräume und verbalen Angriffen auf die Macher von Mediapart, die darin gipfelten, dass Plenel mit Joseph Goebbels verglichen und die Internetzeitung als "faschistisch" beschimpft wurde, musste der Arbeitsminister Éric Woerth zurücktreten. Sarkozys einstiger Wahlkampfmanager, dem eine glanzvolle Karriere bevorstand, hatte Bettencourts Vermögensberater den Orden der Ehrenlegion verschafft - die Auszeichnung durch den Präsidenten persönlich entspricht etwa dem deutschen Bundesverdienstkreuz - und ihm gleich auch noch seine Ehefrau als Mitarbeiterin vermittelt, damit sie ihm half, die Steuerlast Bettencourts zu mindern. Einen Interessenkonflikt mochten die Betroffenen darin erstaunlicherweise nicht erkennen.

Die Zahl der Abonnenten von Mediapart schoss in die Höhe: von etwas mehr als 15 000 Ende Dezember 2009 auf rund 27 000 im Juli 2010. Bis zum Herbst vergangenen Jahres war die Marke von 40 000 Abos überschritten. Aktuell sind es nach Angaben des Unternehmens 52 000 zahlende Leser, die für neun Euro im Monat uneingeschränkt Zugriff auf die Berichte haben.

Dabei produziert Mediapart natürlich nicht pausenlos nur skandalträchtige Schlagzeilen. An einem Vormittag Ende Juni geht es in der Redaktionskonferenz zum Beispiel um die potenziellen Präsidentschaftskandidaten der Sozialistischen Partei (PS), die sich laut Wikileaks bei der US-Botschaft in Paris die Klinke in die Hand geben, um vorsorglich schon einmal für gute Stimmung zu sorgen. Danach besprechen die Redakteure ein Interview mit dem ehemaligen deutschen Außenminister Joschka Fischer und diskutieren über die Griechenland-Krise. Wenig spektakulärer Alltag also. Zugegeben, räumt der Herausgeber Plenel ein, "in einer von Informationen überfluteten Welt muss man schon auf sich aufmerksam machen. Aber reißerische Schlagzeilen? Der schmächtige Mann, der ein bisschen an Charlie Chaplin erinnert, überlegt einen Augenblick. Nein, solche Schlagzeilen brauche es nicht. "Wir berichten einfach über Dinge, die Wirtschaft, Politik und Gesellschaft bewegen", stimmt Chefredakteur Bonnet mit einem Schulterzucken zu.

Und dafür bezahlen die Nutzer im Internet? Um dieses Phänomen zu verstehen, bedarf es eines kleinen Ausflugs in die französische Medienlandschaft. Dass sich kein Verantwortlicher dieser Medien dazu äußern mochte, ist nur charakteristisch.

Pressefreiheit nach Gutsherrenart: Wenn Industrielle sich Sender und Verlage halten

Frankreichs führende Zeitungen und private Rundfunksender gehören Großindustriellen, die dem Staat und häufig auch dem Präsidenten Nicolas Sarkozy eng verbunden sind. Ein paar Beispiele: Die Wirtschaftszeitung "Les Échos" gehört Bernard Arnault, dem Chef des Luxusgüterkonzerns LVMH; die regierungsfreundliche Tageszeitung "Le Figaro", oft als französische "Prawda" verspottet, dem Rüstungsindustriellen Serge Dassault. Der sitzt für die Sarkozy-Partei UMP auch im Parlament. Die Lagardère-Gruppe hat die Hand auf dem Radiosender Europe 1 sowie 260 Magazinen und regionalen Tageszeitungen. Der größte private Fernsehsender TF1 gehört dem Bauunternehmer und Freund Sarkozys, Martin Bouygues. "Le Monde" schließlich, im Ausland immer noch erste Referenz für französische Tageszeitungen, stand vergangenes Jahr trotz der redaktionellen Umstrukturierung, die Bonnet als Redaktionschef der Printausgabe, Bonnet als Chef des Auslandsressorts und die anderen Mediapart-Gründer nicht mittragen wollten, wieder einmal vor der Pleite. Die Mitarbeiter-Gesellschaft konnte zwar verhindern, dass France Télécom einstieg, wie von Sarkozy bevorzugt. Stattdessen haben im Verlag nun drei Wirtschaftsgrößen das Sagen.

Es braucht vermutlich keine besonders negative Grundeinstellung, um die Freiheit und Unabhängigkeit solcher Medien anzuzweifeln. "Viele Journalisten sind abhängig von den Vermögen einiger Industrieller und zudem oft dem Einfluss der Regierung ausgesetzt", kritisiert Stéphane Hessel. Der ehemalige Résistance-Kämpfer und Überlebende des KZ Buchenwald hat Frankreichs Eliten Ende vorigen Jahres mit seinem Buch aufgestört. "Indignez-vous!", "Empört euch!", forderte er die Leser schon auf dem Titel auf und kreidete der Gesellschaft und insbesondere den Regierenden einen Mangel an Werten an. Hessel ist aufgrund seiner offenen Kritik an der israelischen Besatzung von Palästinensergebieten zwar nicht unumstritten. Aber mit seinen 93 Jahren nimmt er sich die Freiheit, öffentlich anzuecken.

Eine Freiheit, die Mediapart verteidigen will. Die Gründung der Internetzeitung sei "ohne Zweifel die Rückkehr zu einem engagierteren Journalismus, einem kämpferischen Journalismus, der aber sehr professionell ist", urteilt Marc Capelle, Direktor der École Supérieure de Journalisme (ESJ) im nordfranzösischen Lille. Ob das Finanzierungskonzept auf Dauer aufgeht, bezweifelt er allerdings.

Der Erfolg von Mediapart macht Plenel jedoch Mut, dass er mehr und mehr Mitstreiter bekommt. Die Internetzeitung sei heute das Medium all derer, die wie er die krakenartige Umarmung von Wirtschaft und Gesellschaft durch die Politik für unerträglich hielten. Das klingt beinahe wie ein Trost für all jene Verlage in anderen Ländern, die bisher nahezu vergeblich versuchen, Kunden für bezahlte Internet-Inhalte zu finden. Irgendetwas scheint in Paris also richtig zu laufen.

"Der Wert einer Information beruht nun einmal vor allem auf einer unabhängigen Quelle", sagt Plenel. 53 Prozent des Kapitals von Mediapart gehören deshalb den Gründern, der Mitarbeitergesellschaft und dem Mediapart-Freundeskreis. Die übrigen 47 Prozent werden von zwei befreundeten IT-Unternehmern gehalten, die auf den Inhalt aber keinen Einfluss nähmen, versichert Bonnet.

Das dürfen die Leser umso mehr. Der Name Mediapart steht im Französischen für zweierlei: für ein Medium, das "à part" ist, sich also abgrenzt, und zugleich eines, das die Partizipation fördert. In Blogs und Foren können die Abonnenten munter kommentieren und mitschreiben. Diese Art der Berichterstattung werde die Arbeit der Journalisten auch anderer Medien verändern, ist ESJ-Direktor Capelle überzeugt. "Ein Artikel ist heute erst dann komplett, wenn auch die Kommentare der Leser und die Antworten des Autors darauf veröffentlicht werden."

Sarkozy-Kritiker aus dessen eigenen Reihen stecken dem Medium auch mal Informationen, die von Amts wegen hätten unter Verschluss bleiben sollen. Was manchmal auch ein Rechercheproblem sein kann, weiß Marine Turchi. "Wenn ein konservativer Politiker mit Informationen zu uns kommt, verfolgt er damit nicht selten persönliche Interessen", sagt die 27-jährige Journalistin, die seit September 2010 für Mediapart über Frankreichs extreme Rechte unter Marine Le Pen und die Sarkozy-Partei UMP berichtet. "Wir müssen also besonders auf der Hut sein."

Ein Gegen-Check bei Regierungsstellen fällt in der Regel aus, denn Anfragen aus der Passage Brulon werden offiziell meist ignoriert. Noch jedenfalls. Edwy Plenel rechnet fest damit, dass sich das eines Tages ändern wird. Und er hofft, dass mehr Medien in Frankreich wieder Mut fassen, unbequem zu sein. Ihm solle keiner mehr unterstellen, er sei weltfremd. -