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Strompiraten in Soweto

Im südafrikanischen Soweto müssen Hunderttausende arme Leute ohne Elektrizität leben. Ihre einzige Hoffnung sind die Strompiraten.




• Sibongile Sonile* ist 62 Jahre alt, klein und dürr und ausgemergelt. Ihr Enkel James ist sechs und geht seit Kurzem zur Schule. Sie wohnen zusammen in Kliptown, in einer Hütte aus Wellblech, Zement und Holzlatten. In Kliptown leben die Ärmsten der geschätzten zwei Millionen Einwohner von Soweto, dem größten Township Südafrikas am Rande von Johannesburg.

Es ist fast genau zwei Jahre her, als der Strom plötzlich weg war. Sonile kann sich noch genau erinnern, es war ein Sonntag. Sie kam vom Gottesdienst zurück. Erst dachte sie an einen der üblichen Ausfälle, doch am nächsten Morgen stand ein Mann mit einem Schriftstück vor der Tür. In dem hieß es, sie schulde Eskom, dem staatlichen Stromversorger Südafrikas, 6000 Rand. Sie solle zahlen, dann habe sie wieder Licht. Sonile bezieht eine monatliche Rente von gerade einmal 1000 Rand, umgerechnet 100 Euro. Wie sollte sie ihre Schulden je abstottern? Also kaufte sie eine Paraffin-Lampe, wie die meisten Nachbarn auch.

Die stellte sie auf den Holztisch, er steht im einzigen Raum mit einem nicht zugeklebten Fenster, das schmal wie eine Schießscharte ist. Die anderen Möbelstücke sind zwei Betten, drei Stühle, eine Kommode mit einem Camping-Gaskocher und etwas Geschirr. Kein Wasser. Plumpsklo hinter der Hütte. Auf dem dritten Stuhl hatte immer Mary gesessen, ihre Tochter und alleinerziehende Mutter von James. Mary Sonile starb vor einem Jahr. Sie wurde 23 Jahre alt. Zuletzt lag sie nur noch im Bett, hustete den ganzen Tag und spuckte Blut. Die Ärzte im Krankenhaus sagten, die Paraffin-Dämpfe hätten ihre Lunge kaputt gemacht. Als auch der Junge nachts immer öfter Hustenanfälle erlitt, war der Großmutter klar, dass sie handeln musste.

In ihrer Not wandte sie sich an das Soweto Electricity Crisis Committee (SECC). Die private Organisation schließt Hütten und Häuser wieder ans Stromnetz an: unbürokratisch, professionell – und illegal. Täglich bis zu fünf Haushalte, seit elf Jahren. SECC ist die letzte Hoffnung all jener Hunderttausender Bewohner von Soweto, denen Eskom den Strom abknipst, weil sie die Rechnungen nicht mehr bezahlen können.

Können, nicht wollen. Das sei ein wichtiger Unterschied, sagt Thabo Molefe, ein SECC-Mitarbeiter: "Wir helfen wirklich nur den Bedürftigsten. Wir glauben, dass auch sie ein Recht auf menschenwürdige Grundversorgung in unserem Land haben. Dazu gehört auch Elektrizität." Die rund 40 Aktivisten des Komitees arbeiten ehrenamtlich. Sie finanzieren sich aus Spenden und Zuschüssen internationaler Hilfsorganisationen. Das Geld ist immer knapp.

Zwei Tage nach ihrem Hilferuf erschien Molefe zur Inspektion in der Hütte von Sibongile Sonile. Er sah sich die Rechnungen und Mahnungen des Stromversorgers an und ihre Rentenbescheide. Er taxierte die karge Einrichtung. Warum sie sich nicht schon viel früher gemeldet habe, wollte er wissen. Die Frau antwortete, sie habe sich nicht getraut. Sie habe sich nie etwas zuschulden kommen lassen und schäme sich für ihre Armut. Molefe verabschiedete sich und sagte: "Morgen kommen wir wieder. Dann brauchen Sie kein Paraffin mehr."

Nun sitzt Sonile am Tisch und starrt auf die nackte Glühbirne, die von der Decke baumelt. Hinter der Hütte hört sie Walter Malesa, 39, hantieren. Der gelernte Elektriker ist einer von 20 Technikern der SECC. Er ist arbeitslos und ernährt seine fünfköpfige Familie von Gelegenheitsjobs. In einer Umhängetasche mit Kentucky-Fried-Chicken-Schriftzug trägt er alles mit sich, was er braucht: Zange, Schraubenzieher, aufgerollte Stromkabel, Isolierband und einen Spannungsprüfer. Es dauert nur ein paar Minuten, dann ist es drinnen heller. Die Verbindung zum nächsten Eskom-Stromkasten ist wiederhergestellt. Wie er das gemacht hat, bleibt sein Geheimnis. SECC liefert niemals Pfusch, stets gutes und seriöses Handwerk. Die Organisation ist sehr stolz darauf, dass in all den Jahren noch keine Installation zu einem Unfall geführt hat.

Diebstahl aus Notwehr

Das Büro der Strompiraten liegt an der Chris Hani Road im Stadtteil Diepkloof, einen Steinwurf von Orlando West entfernt, wo die reichen Schwarzen in prächtigen Villen wohnen, wie etwa der Bischof Desmond Tutu, dessen Anwesen aber meistens leer steht, weil sich seine Frau in New York wohler fühlt. Auch Winnie Mandela hat hier ihre Villa. Die ist mit Kameras und Mauern mit Stacheldraht gesichert wie ein luxuriöser Knast. In Orlando West gibt es teure Lokale, vor denen abends die Porsche Cayennes und BMW X5 vorfahren. Auch hippe weiße Johannesburger kommen gern hierher, um neben schwarzen Parvenüs Mojitos zu schlürfen.

Im Büro des SECC ist nichts schick, es ist in zwei winzigen Hinterzimmern einer Berufsschule untergebracht, gleich neben den Toiletten. Es gibt ein Festnetztelefon, einen Kopierer, an den Wänden stehen Regale mit Aktenordnern. Jeder Wiederanschluss ans Stromnetz ist penibel abgeheftet. Es gibt nichts zu verbergen. Aber ist Stromabzapfen denn nicht Diebstahl und verstößt gegen das Gesetz? "Natürlich", antwortet Thabo Molefe und schüttelt den Kopf mit den Rastalocken. "Aber wir sind keine Kriminellen. Wir handeln in Notwehr."

Es sei ganz einfach: Als der African National Congress (ANC) 1994 in einer demokratischen Wahl an die Macht kam und die Apartheid-Diktatur der weißen Rassisten beendet war, habe ein Versprechen der neuen schwarzen Herren gelautet, dass jeder Bürger das Recht auf Grundversorgung mit Wasser und Strom habe. Doch die Regierung habe ihre Zusagen nie gehalten. "Wir sind die Betrogenen. Und wir lassen uns das nicht gefallen", sagt Molefe. Ziviler Ungehorsam, glaubt er, sei Bürgerpflicht. Nur wer etwas tue, könne etwas verändern.

Das Verblüffende: Die Mächtigen, die immer autokrati scher und selbstherrlicher regieren, lassen die Gesetzesbrecher aus der Chris Hani Road gewähren. Vorbei die Zeiten, als Polizisten, von Eskom alarmiert, SECC-Techniker am Tatort festnahmen oder das Mini-Büro stürmten und durchsuchten. Längst gibt es keine Gerichtsverhandlungen mehr, in denen die Angeklagten ohnehin stets aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurden, weil die Richter mit den Stromdieben heimlich sympathisierten.

Die Staatsgewalt hat vor der Handvoll Aktivisten kapituliert. Sie ist ratlos und weiß nicht, wie sie diesen Wutbürgern aus Soweto beikommen soll, die unerschrocken, beharrlich und ohne viel Aufhebens die Verhältnisse in ihrem Township ein kleines bisschen verbessern. Nein, sagt der S ECC-Mann Molefe, Angst hätten die ANC-Herrscher nicht vor seiner Organisation, die sei ja nicht bedrohlich: "In Wahrheit fürchten sie sich vor ihrem eigenen Volk."

Eskom ist der größte Stromproduzent Afrikas. Und doch ist er, wie auch sein Hauptaktionär, der südafrikanische Staat, ein wankender Riese. Es gibt keine Firma oder Institution im Land, nicht einmal die Regierung in Pretoria, die quer durch alle ethnischen Gruppen und Bevölkerungsschichten so viel Spott und Verachtung auf sich zieht. Eskom steht bei den 50 Millionen Südafrikanern für Arroganz und Unfähigkeit, Raffgier und Korruption. Kraftwerke und Netz sind hoffnungslos überaltert. Der Kundenservice ist ein Witz, die Rechnungen sind oft grotesk falsch. Das Personal ist miserabel ausgebildet, die meisten hoch bezahlten Top-Manager sind ANC-Kader, die kaum wissen, warum der Strom aus der Streckdose kommt.

Was immer seltener der Fall ist, denn Stromausfälle gehören landesweit zum Alltag. Vor drei Jahren führte das zu einem existenziellen Problem. Der Ausfall angeblich nur eines einzigen Kraftwerks bei Kapstadt verursachte landesweit monatelange Stromausfälle, was sich verheerend für Industrie und Gewerbe auswirkte. Der Energieminister behauptete ungerührt, es liege "ein Fall von Sabotage" vor. Von wem? Natürlich von weißen Apartheid-Befürwortern im Untergrund. Tatsächlich aber war es in allen 13 Kohlekraftwerken des Landes zu Versorgungsengpässen gekommen, weil der Kohlenachschub gestockt hatte. Dabei war und ist dieser Rohstoff in Südafrika im Überfluss vorhanden. Doch die Kohle wurde damals zu extrem hohen Weltmarktpreisen lieber nach China verschifft, statt zu Hause verfeuert.

In den vergangenen Jahren stiegen die Strompreise um rund 70 Prozent, von einem zugegeben niedrigen Niveau. Kommendes Jahr werden sie noch einmal um 25 Prozent erhöht. Begründung: gestiegene Rohstoffpreise und Kosten für neue Investitionen. Die meisten Schwarzen in den Townships, in denen die Arbeitslosigkeit regional unterschiedlich bei bis zu 70 Prozent liegt, können sich also künftig noch weniger Strom leisten oder gar keinen mehr. Energieversorgung als Luxusgut, das habe es selbst unter der Apartheid nicht gegeben, schimpfen die Leute. Von den drastischen Preiserhöhungen so gut wie ausgenommen sind hingegen die südafrikanischen Industrieanlagen, auf die fast 70 Prozent des landweiten Energieverbrauchs entfallen.

Eskom musste vergangenes Jahr zugeben, mit den 138 größten Energiefressern wie Minen und Stahlwerken Spezialtarife ausgehandelt zu haben. Laut Eskom-Insidern liegen diese teilweise noch unter den eigenen Produktionskosten. Genaue Zahlen will der Konzern nicht bekannt geben, wegen "wirtschaftlicher Empfindlichkeiten". Ebenso unklar ist die Strommenge, die Südafrika jedes Jahr kostenlos ins Nachbarland Simbabwe leitet, um das Regime des befreundeten Tyrannen Robert Mugabe zu stützen. Eskom wäre längst pleite, hätte die Weltbank nicht kürzlich einen Kredit über 3,75 Milliarden Dollar gewährt.

Die Revolution betrügt ihre Kinder

Nun will das Unternehmen rasch neue Anlagen bauen. Besonders gut im Geschäft ist dabei der Kraftwerksbauer Hitachi Power Africa. 25 Prozent des Unternehmens gehört der Investmentfirma des ANC. Die stolze Widerstandsorganisation ist mit ihren nur teilweise deklarierten Geschäftsbeteiligungen 17 Jahre nach Nelson Mandelas historischem Sieg zu einem der größten Investoren im eigenen Land geworden. Auf der Strecke geblieben seien dafür all die Ideale, für die "unsere Widerstands-Heroen ihr Leben ließen", sagte der kürzlich verstorbene ANC-Veteran Kader Asmal. Der ANC habe seinen "moralischen Kompass" verloren, in seiner Partei mit der beeindruckenden Revolutionsbiografie wimmele es von "politischen Hyänen, die sich auf Kosten der Massen bereichern wollen".

Es vergeht keine Woche, in der nicht neue Korruptionsskandale im Dunstkreis der Partei bekannt werden. Sie reichen bis in die höchsten Schichten der Nomenklatura, bis zu Staatschef Jacob Zuma und der Familie des verklärten Volkshelden Nelson Mandela. Im Land der Fußball-WM 2010 geht alles: Selbst Ehefrauen von Ministern handeln mit Drogen, und der höchste Polizeibeamte, nebenbei auch Interpol-Chef, sitzt im Gefängnis, weil er sich von einem Mafiaboss jahrelang aushalten ließ. "Wir müssen diesen tödlichen Krebs der Korruption herausschneiden, bevor es zu spät ist", warnt der mächtige Gewerkschaftsführer Zwelinzima Vavi, einer der Obersten in der ANC-Hierarchie.

Und das Volk? "Für uns hat sich in Wahrheit kaum etwas verändert. Früher haben die Weißen unsere Lebenswirklichkeit ignoriert, jetzt sind es halt die eigenen Leute", sagt SECC-Funktionär Thabo Molefe. Er hat einen College-Abschluss und durfte als einer der Jahrgangsbesten sogar einmal für drei Wochen zu einem Schülertreffen nach Belgien reisen. Es blieb sein einziger Auslandstrip. Er spricht fließend Englisch, dazu Zulu, Xhosa und Afrikaans, die Sprache der Buren. Einen wie ihn könnte der Staat eigentlich gut gebrauchen.

Die Angst vor einem Südafrikanischen Frühling

Der 28-Jährige lebt im Haus seiner Mutter und hat seit dem Schulabgang keinen festen Job. Eine amerikanische Anthropologin, für die er übersetzt und recherchiert, sichert ihm ein Einkommen, das ihm das Überleben ermöglicht. "So wie mir geht es meiner ganzen Generation. Ich besitze nichts und habe keine Aussicht auf ein besseres Leben." Auch deshalb engagiere er sich im SECC, um "etwas Sinnvolles zu leisten für unsere Zivilgesellschaft".

Molefe kommt gerade aus einem Meeting mit Eskom-Angestellten. Deren Soweto-Filiale ist nur zwei Gehminuten vom SECC entfernt. Sie treffen sich gelegentlich, auf Eskoms Wunsch, seit der Energiekonzern die Strompiraten rechtlich nicht mehr verfolgt. Eigentlich gibt es nichts zu besprechen, zu gegensätzlich sind die Interessen. Eskom ist bekannt, dass unter den SECC-Technikern auch eigene Elektriker sind, die nach Dienstschluss die Firma schädigen. Die Rebellen von der Chris Hani Road schließen, quasi als zusätzlichen Bürgerservice, immer häufiger auch Arztpraxen, Schulen, Kirchen und sogar Polizeistationen wieder an. Das macht SECC im Township noch beliebter und fördert überdies den sozialen Frieden. Eskom erspart sich dafür Demonstrationen aufgebrachter Kunden vor ihren Büros. Man könnte das eine Win-win-Situation nennen, wären die Verhältnisse nicht so absurd.

Die seltsame Harmonie geschehe "auf Anordnung von oben", sagt ein Eskom-Regionalmanager. Er will nur außerhalb seines Firmenbüros reden. Er habe eine schriftliche Anweisung des Energieministeriums gesehen, SECC in Ruhe zu lassen. Er feixt: "Die haben Schiss vor denen, obwohl die uns viel Geld kosten und uns ständig vorführen. Ist das nicht ein toller Erfolg?"

Natürlich wissen die SECC-Verantwortlichen, dass der klammheimliche Waffenstillstand mit Eskom und deren staatlichen Eignern jederzeit ohne Vorwarnung aufgekündigt werden kann. Die Regierung ist nervös geworden, seit in Townships im ganzen Land immer häufiger Bürger gegen die unzumutbaren Lebensumstände protestieren. Sie gehen wegen der hohen Preise auf die Straße und wegen der hohen Arbeitslosigkeit, wegen korrupter Polizisten, unfähiger Behörden und fehlender kommunaler Dienstleistungen. Oft funktioniert nicht einmal die Müllabfuhr. Auch im südlichen Afrika haben die Machthaber genau registriert, wie und warum sich am anderen Ende des geschundenen Kontinents der Volkszorn gegen die Eliten entladen hat.

Florence Nkhwashu ist seit der Gründung beim SECC. Die Angehörige des Shona-Stammes trägt tagtäglich die bunte Tracht ihres Volkes. Sie ist etwa 82 Jahre alt, ganz genau weiß sie es nicht, hat zehn Kinder sowie 16 Enkel. Sie organisiert Nachbarschaftshilfe und Patrouillen gegen die Drogenhändler, die von der Polizei unbehelligt ihren Geschäften nachgehen. Die Greisin mit dem dröhnenden Lachen schloss sich 1947 dem ANC im Untergrund an. Die weißen Rassisten haben sie immer wieder eingesperrt. Sie habe sich 1998 von den einstigen Mitstreitern des ANC abgewandt, weil die "alles verraten, wofür wir gekämpft und gelitten haben". Jetzt engagiert sie sich im SECC, gegen "Willkür und Ungerechtigkeit, eigentlich so wie damals".

Sie sagt: "Auch wenn ich alt bin: Ich will noch immer etwas bewegen, etwas ändern." In den Apartheid-Kerkern habe sie eines gelernt: "Niemals aufgeben, immer kämpfen." 

(* Name v. d. Red. geändert)