Partner von
Partner von

Wenn der Bär doch daheim ist

Russland liebt Antihelden, die weder reich noch berühmt, sondern am Ende totgeschossen werden.




• Russische Heldentaten setzen sich sehr oft aus Missgeschick, Riesenglück und Fantasie zusammen. Etwa Fjodor Fjodorowitsch Fjodorenkos Zweikampf mit dem Bären. Der Berufsjäger stieß vor ein paar Jahren in der winterlichen Taiga auf eine leer stehende Bärenhöhle, wollte darin übernachten. Allerdings war der Bär zu Hause und kochte vor Wut, weil seine Winterruhe gestört wurde. Er warf sich auf den Eindringling, der riss die Zwillingsbüchse hoch: Erster Schuss – Ladehemmung. Zweiter Schuss – die Kugel prallte von des Bären Reißzähnen ab. Fjodorenko rammte ihm das Jagdmesser in den Rachen, der Bär brüllte auf. Seine Pranken zerfetzten schon Fjodorenkos Fleisch, als dessen Jagdhund, der die Sache bis dahin verschlafen hatte, dem Bären von hinten zwischen die Beine fuhr. Der suchte daraufhin das Weite.

Klingt nach wüstem Jägerlatein. Zumal es außer dem flüchtigen Bären und dem schweigenden Hund nur einen Augenzeugen gibt: Fjodorenko. Aber der Epilog ist noch russischer als die Schlacht. Der Verletzte schleppte sich in die Jagdhütte, kurierte sich dort aus. Dass es in der Taiga Ärger gegeben hatte, kam erst Monate später heraus, als Fjodorenkos Frau nach dessen Rückkehr im Schwitzbad die Narben der Bärentatzen auf Brust und Bauch ihres Gatten entdeckte.

Im Gegensatz zu den Amerikanern veranstalten die Russen ihre Heldentaten nicht um zwölf Uhr mittags auf der Hauptverkehrskreuzung. Heroismus und Ruhm sind hier keineswegs untrennbar. In den USA hätte der Jäger beste Chancen, durch die Talkshows zu wandern, aber außerhalb des westsibirischen Dorfes Tewris, in dem Fjodorenko lebt, weiß kaum ein Russe, wer er ist. Zumal er eher unscheinbar daherkommt: anderthalb Meter kurz, rotbackiges Kleingärtnergesicht und eine Knabenstimme.

Damit passt er in die Galerie russischer Helden. Schon der Artilleriehauptmann Tuschin in Tolstois „Krieg und Frieden“ war klein und schäbig. Beim Rückzug wird er mit seiner Batterie vergessen, heizt den nachdrängenden Franzosen aber so ein, dass er das ganze Armeekorps rettet. Weil er dabei aber die Hälfte seiner Soldaten und Kanonen verliert, wird er hinterher im Generalstab als Versager heruntergeputzt. Die ungelenken Worte, mit denen er sich zu verteidigen sucht, rufen nur Spott hervor.

Russische Helden sind linkisch wie Forrest Gump, aber sie werden nicht reich, nicht berühmt, kriegen nicht das schönste Mädchen im Dorf. Und wenn doch, dann sind sie Gangster, die am Ende sterben, wie in „Brigada“, der populärsten Kultserie des vergangenen Jahrzehnts. Russland mag tote Helden, gebrochene Helden, hässliche Helden, Antihelden.

Wladimir Putin mit seinen dünnen Haaren und Lippen hat Russland begeistert. Gipsblass und klein, aber mit Traute, einer, der den Westen beschimpfte, auch wenn seine Hemdsärmel dabei zu kurz waren. Doch dann begannen Putins PR-trächtige Heldentaten, zufällig rettete er ein TV-Team mit Betäubungsgewehrblattschuss vor einem sibirischen Tiger, kämpfte am Steuer eines Löschflugzeugs eigenhändig Waldbrände nieder. Viele fühlen sich an die getürkten Großjägertaten des verkalkenden Generalsekretärs Leonid Breschnew erinnert, dem sogar in Bärenfelle eingenähte Wildhüter vor die Büchse getrieben worden sein sollen. Putins Popularitätsrate sinkt, Russland fängt leise an, über ihn zu kichern.

Denn man traut Heroen nicht. Selbst die Leistungen ihrer Märchenhelden betrachten die Russen ironisch: Glück, unverschämtes Glück. Etwa Iwan, der Depp, dessen Pfeil zufällig vor den Füßen einer Froschkönigin landet, die sich als Sexbombe entpuppt und ihm dazu ein Königreich organisiert. Um an das große Geld zu kommen, ist heute halb Russland bereit, jeden Frosch zu küssen. 42 Prozent schätzen einen – schmiergeldträchtigen – Beamtenjob mehr als alle anderen Berufe.

Aber gerade weil die Sitten immer mehr verrohen, suchen viele wieder nach Vorbildern, todesmutig und uneigennützig. Die autobiografischen Romane von Sachar Prilepin, früher Einsatzpolizist und Tschetschenienkämpfer, sind Bestseller. Auch seine Helden sind Verlierertypen: Sie fühlen, dass ihre Tapferkeit ihnen nur die Zähne oder ihr ärmliches Leben kosten wird. Für Prilepin ist wahres Heldentum Opferbereitschaft: „Ich habe nie so schöne Männer wie im Krieg gesehen. Männer ziehen in den Krieg, nicht um zu töten, sondern um zu sterben.“

Auch der Ex-Fallschirmjäger Sergej Sisow, Chef des Militärsportvereins Patriot im Provinzstädtchen Nowosybkow, glaubt, dass Opfer heldenhafter sind als Sieger: „ Jesus Christus war ein Held. Der hat sich für uns alle ans Kreuz nageln lassen.“ Künftige Helden bräuchten Beispiele. Jedes Mal, wenn eine Gruppe seiner Schüler ihren ersten Fallschirmsprung absolviert, springt der 62-Jährige vor ihnen aus dem Flugzeug, mit einem Fallschirm, dessen Haltbarkeitsfrist vor sieben Jahren abgelaufen ist.

Fjodor Fjodorowitsch Fjodorenko aber streift im Winter weiter allein durch die Taiga. Und er weiß genau: Der Bär von damals wartet noch auf eine Revanche. ---