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Unerkannt im Unkraut

Zwischen staatlichen Leistungen und kommerziellen Angeboten klaffen in den USA schmerzliche Lücken. Millionen Freiwillige helfen, sie zu füllen. Weil sich das für einen guten Bürger gehört.




- Hoch über San Francisco liegt ein felsiges Stück verwilderter Landschaft: Gras, Kakteen, ein paar Trampelpfade. Schon lange wollen Baufirmen dort teure Eigentumswohnungen errichten. Aber weil das nicht passiert, hat eine Gruppe Freiwilliger sich des Freiraums angenommen. Sie sammeln regelmäßig Müll ein, tragen die Kosten für die paar Tausend Dollar Haftpflichtversicherung im Jahr und organisieren Nachbarschaftsabende, um Anwohner in die Erhaltung des Bürgerparks einzubeziehen - durch Spenden oder freiwilligen Arbeitseinsatz.

Die Stadt, der das wertvolle Grundstück gehört, duldet das Engagement, ohne dafür zu bezahlen oder Anerkennung zu spenden. "Irgendeiner muss es tun, damit wir alle etwas davon haben", sagt eine der Helferinnen, die mit ihrem Husky und ihrer 18 Monate alten Tochter durchs Unkraut streunt. Sie hat sich dieses Jahr erstmals für den Park-Ausschuss gemeldet und ist über den damit verbundenen Papierkrieg keineswegs glücklich.

Irgendeiner muss es tun - das ist das Credo unzähliger Freiwilliger, deren Einsatz die amerikanische Gesellschaft zusammenhält. Wo sich der Staat bewusst oder unbewusst zurückhält, wo Unternehmen kein Geschäft wittern, springen gut organisierte Bürger ein. Ein Millionenheer unsichtbarer Helden, die dafür sorgen, dass Obdachlose etwas zu essen bekommen, Schüler aus armen Familien nachmittags nicht auf der Straße stehen, Klassenzimmer wenigstens ein paar Computer zur Verfügung haben oder Grünanlagen nicht im Abfall ersticken.

Das Wort Volunteering, für das es im Deutschen keine direkte Entsprechung gibt, zieht sich wie ein roter Faden durch die vermeintliche Ellenbogengesellschaft der USA. Wer Gutes tut, prahlt nur ungern damit. Für viele Firmen, Kirchengemeinden und selbst Erziehungseinrichtungen vom Kindergarten bis zur High School gehört unentgeltliches Engagement dazu, um ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein.

Die vielen kleinen guten Taten addieren sich. So legte sich im Jahr 2009 mindestens einer von fünf Amerikanern in seiner Freizeit ins Zeug. Rund 63 Millionen US-Bürger leisteten 8,1 Milliarden Stunden freiwilliger Arbeit, was 169 Milliarden Dollar entspricht, eine Summe, die fast so groß ist wie das Bruttoinlandsprodukt von Nigeria.

In einer neueren Umfrage der Versicherungsgesellschaft United Healthcare gaben sogar 41 Prozent aller Bürger an, in den vergangenen zwölf Monaten ehrenamtlich tätig gewesen zu sein, die Hälfte von ihnen regelmäßig und im Schnitt mehr als zwei Stunden pro Woche.

Gemeinnützige Vereine wie in Deutschland gibt es in den USA nicht, nur die vage Definition des Nonprofit im Steuerrecht, das diesen Status auch einer "Vereinigung zur Kolonisierung der Jupitermonde" zuerkennen würde. Das Ehrenamt qua Dauermitgliedschaft ist in Amerika eher die Ausnahme. Alle Bürgergruppen - und selbst öffentliche Radiostationen - müssen sich ständig neue Aktionen einfallen lassen, um Mitstreiter und Spenden werben, um zu überleben. Ein Viertel aller freiwilligen Einsätze besteht denn auch aus Fundraising. Nicht ohne Grund sind Spendensammel-Clubs wie Lions oder Rotary in den USA entstanden.

Dieses Tu-was-Gutes-Geschäft lernen die Amerikaner früh. Schon Vorschulkinder backen Kekse für die Pfadfinder oder verkaufen Limonade am Straßenrand, um einen Ausflug ihrer Gruppe zu finanzieren. Eltern werden durch sanften, aber bestimmten gesellschaftlichen Druck dazu angehalten, auch bei teuren Privatschulen mindestens ein, zwei Abende im Monat Büroarbeiten zu verrichten, Spenden einzuwerben oder sich anderweitig nützlich zu machen.

Unternehmen ermutigen ihre Mitarbeiter zu unentgeltlichem Einsatz auf breiter Front - aus humanistischen wie Image-Gründen. Insbesondere große, börsennotierte Firmen legen ein sogenanntes Community-Programm auf, in das Angestellte einen Teil ihrer Arbeitszeit investieren sollen. Rund 60 Prozent aller Firmen bieten ehrenamtliche Tätigkeiten an. "Genaue Zahlen sind schwer zu ermitteln, da gerade kleine und mittelgroße Unternehmen ihre eigenen Programme für die gute Tat um die Ecke fahren. Die tauchen in keiner Statistik auf", sagt Robert Rosenthal von der gemeinnützigen Makler-Organisation Volunteer Match.

Der Verband beobachtet seit seiner Gründung 1998 einen ungebrochenen Trend zu mehr und mehr vom Management gesponserten Einsätzen. So hat Volunteer Match inzwischen rund 80 000 gemeinnützige Verbände und 140 Unternehmen in seiner Datenbank. Vergangenes Jahr hat man rund 650 000 Freiwillige vermittelt, die insgesamt 29,6 Millionen Stunden arbeiteten. Das entspricht einem Wert von 617 Millionen Dollar.

Was treibt Manager wie Mütter an, auch in Krisenzeiten die Ärmel hochzukrempeln und zum Teil wildfremden Menschen zu helfen, ohne dafür eine Medaille angeheftet zu bekommen oder in der Zeitung aufzutauchen? Rosenthal führt es auf die Pionier-Mentalität zurück: "Neben dem Staat und der Privatsphäre gibt es einen dritten Raum, in dem Amerikaner schon immer Sachen angepackt haben, die sonst keiner erledigt. Wer Neuland besiedelt, erwartet keine Hilfe. Das ist unser kulturelles Erbe."

Natürlich ist aber auch eine Prise aufgeklärter Eigennutz im Spiel: Untersuchungen zeigen, dass Mitarbeiter, die auf Firmenkosten Spielplätze auf Vordermann bringen oder in einer Suppenküche helfen, danach motivierter in die Firma kommen und länger bei einem Arbeitgeber bleiben. Das Unternehmen kann sich als verantwortungsbewusstes Mitglied der Gesellschaft präsentieren. Und es werden unterm Strich tatsächlich viele Lücken in einem oft rudimentären sozialen Netz geschlossen.

Was in Europa der öffentliche Dienst erledigt, trägt in Amerika zum Hochgefühl vieler Bürger bei. Manche sind heilfroh, dass das Grundstück auf der anderen Straßenseite immer noch verwildert ist, und sammeln gern unerkannt hin und wieder ein paar Säcke Müll auf. -