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Sieben Sachen

Über meinen Vater, der kein Held war und auch keiner sein wollte.




- "Dann hat Opa Günter damals also sieben Sachen verloren?", fragt Paul. "Ja, so kann man das wohl sagen", antworte ich. Ein Auge, sechs Finger, macht sieben Sachen. Im Krieg verloren, wie erklärt man das seinem knapp achtjährigen Sohn? Paul weiß jetzt, in groben Zügen, was damals in Radom passiert ist. Das Wenige, was ich weiß, habe ich ihm erzählt. Er hat ja nie darüber reden wollen, mein Vater.

Radom, ein Ort in Südostpolen, ein Herbsttag des Jahres 1944. Geschützübung mit scharfer Munition. Plötzlich eine Detonation. Ein Geschoss explodiert im Lauf des Geschützes. Mehrere umstehende Soldaten sind sofort tot. Mein Vater, offenbar ein wenig abseits postiert, überlebt. Die Metallsplitter aber reißen ihm sechs Finger ab, das linke Auge ist nicht zu retten. Erst wenige Monate zuvor ist er 18 Jahre alt geworden. Vielleicht hat er dafür das Verwundeten-Abzeichen bekommen, ich weiß es nicht. Zum Kriegshelden hat ihn seine Verstümmelung nicht gemacht. Kein Feindkontakt, nur ein Unfall, ein Rohrkrepierer. Im Wehrmachtsbericht tauchte der Vorfall nicht auf.

Eine Kleinstadt in Westdeutschland. Ein Samstagvormittag des Jahres 1982. Ein junger Mann, gerade 18 geworden, steht in seinen Brokdorf-Desert-Boots in der Fußgängerzone, im Kreis mit seinen Friedensfreunden, Hand in Hand. Sie skandieren: "Hopp-hopp-hopp, Atomraketenstopp!" Konrad mit der Gitarre hat sich einen Stahlhelm aufgesetzt, das kommt immer gut an. " Ja uns're Sache, uns're Sache, die steht nicht schlecht", singt er. Die Einkaufenden gehen vorüber. Ein kleiner Mann, Mitte 50, schaut den Jungen in den Desert-Boots im Vorbeigehen kurz an, er schüttelt den Kopf, dann wendet er sich ab. An jeder Hand fehlen ihm drei Finger. Dass auch das linke Auge fehlt, erkennt man nicht. Sie machen sehr gute Glasaugen.

Ich weiß heute nicht mehr, ob wir uns gleich anschließend beim Mittagessen gestritten haben, erst am Abend oder tags darauf. Aber gestritten haben wir uns bestimmt. Es war eine dieser ritualisierten Auseinandersetzungen. Mein Vater beschwor den baldigen Einmarsch des Iwan, ich zählte die Raketen gegeneinander auf und schwadronierte von sozialer Verteidigung. Und natürlich war Reagan ein schießwütiger Cowboy.

Vermutlich wurde es laut, weil meinem Vater schnell die Argumente ausgingen, während ich immer noch eine Raketenstatistik in petto hatte. Ich schlug die Tür zu und verzog mich in mein Zimmer mit den Friedenspostern an der Wand.

Der Gedanke, wie die Welt meines Vaters wohl aussah, als er so alt war wie ich, ist mir damals nicht gekommen. Ich habe ihn auch nicht danach gefragt. Nach seinem plötzlichen Tod vor zehn Jahren fand ich in einer Kiste den Brief eines Arztes aus dem Lazarett an seine Mutter. Als mein Vater im Lazarett aufwacht, ist es dunkel um ihn herum. Auch im rechten Auge stecken Metallsplitter. Sechs Wochen lang ist er völlig blind, weiß nicht, ob er jemals wieder wird sehen können. Eine Rotkreuzschwester muss ihm die geliebte Zigarette anzünden und zwischen die Lippen stecken. Er selbst kann sie ja nicht halten mit den verbundenen Handstümpfen.

Der Krieg hatte meinen Vater zum Krüppel gemacht, so hieß das damals noch. Später legte er großen Wert darauf, nicht als "behindert" bezeichnet zu werden, sondern als "kriegsbeschädigt".

Nach der Entlassung aus dem Lazarett zog es ihn nicht gleich nach Hause, selbst nach Kriegsende nicht. Monatelang arbeitete er bei einem Bauern in Norddeutschland. Erst kurz vor Weihnachten 1945 begab er sich auf den Weg in die Heimat. Mit dem Rucksack über den Schultern, Speck war drin vom Bauern, schlich er in der Dunkelheit lange ums elterliche Haus, bevor er an die Tür klopfte. Er sah ja schlimm aus, das Gesicht immer noch blau und schwarz von den Splittern und den Verbrennungen. Die Hände versteckte er noch jahrelang in den Jackentaschen. Dass sein Vater nicht aus dem Krieg zurückkehren würde, wusste er noch nicht. Es heißt, er habe sich in französischer Gefangenschaft mit Typhus oder Ruhr angesteckt und sei an Hunger und Entkräftung gestorben.

Nach dem Krieg fügte mein Vater sich schnell wieder ein in die Reihe seiner Altersgenossen, die heimgekehrt waren. Abiturlehrgang, Beamtenausbildung zur Laufbahn im gehobenen Justizdienst, Beförderungen im regelmäßigen Takt des Stellenplans, bis A 13 mit Zulage. Er lernte meine Mutter kennen, sie heirateten, meine Schwester und ich kamen zur Welt, sie bauten ein Haus, in dem meine Mutter heute noch lebt. Er hat nach der Verstümmelung sein junges, an Leib und Seele versehrtes Leben in die Hand genommen, hat sich ihm gestellt, ist einen geraden Weg gegangen und nicht eingeknickt. Ob das heldenhaft oder mutig war, kann ich nicht sagen. Viele aus seiner Generation haben ähnliche, manche noch schlimmere Schicksale gemeistert. Er war ja nicht in Stalingrad. Aber ich bin jetzt schon sicher, dass ich eine solche Lebensleistung nicht zustande bringen werde. Nicht zustande bringen muss. In meinem Leben wird es wohl kein Radom geben.

Ein Held war mein Vater für mich zu seinen Lebzeiten trotzdem nicht. Es reichte nicht mal zum Vorbild. Als Kind hat man andere Helden. Mein Vater war nicht wie Lederstrumpf, nicht wie Captain Kirk, nicht wie Daktari oder der schneidige Rennfahrer Michel Vaillant aus dem Actioncomic "Zack". Im Leben meines Vaters geschah nichts Aufregendes. Er versteigerte Häuser von Menschen, die ihre Hypotheken nicht mehr abzahlen konnten. Seine Tage schienen immer gleich zu verlaufen. Ein langer, breit und ruhig dahinströmender Fluss.

Als mein Vater aus dem Krieg kam, war alles, woran er und die meisten anderen aus der Flakhelfergeneration geglaubt hatten, restlos und in Schande untergegangen. Er war sieben Jahre alt, als Hitler an die Macht kam. "Diese Jugend lernt ja nichts anderes als deutsch denken, deutsch handeln", hatte Hitler über die Generation meines Vaters gesagt. Deutsch denken, deutsch handeln, in Jungvolk, Hitler-Jugend und Arbeitsdienst, als Flakhelfer, in der Wehrmacht. "Und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben."

Die Befreiung übernahmen jene, von denen man ihnen gesagt hatte, sie seien die Feinde. Dass die neue Staatsform Demokratie heiße, sagte man den ehemaligen Hitler-Jungen, und sie hatten nichts dagegen einzuwenden, wurden gute Demokraten, bauten Häuser, legten Gärten an, pflanzten Hecken um die Gärten und schrieben auf ein Ehrenmal die Namen der Gefallenen und Vermissten. Wie tief das Gedankengut der Nazis in meinem Vater wirklich saß, weiß ich nicht. Jedenfalls zog er aus dem jähen Zusammenbruch und der totalen Entwertung des politisch-ideologischen Konstrukts die Konsequenz, an nichts mehr fest zu glauben außer an Gott, nicht aufzufallen, sich rauszuhalten, redlich zu sein.

Diesen Rückzug ins Private, den ich für ein Merkmal deutschen Spießertums hielt, habe ich meinem Vater oft vorgeworfen. Es gab doch genug Gleichaltrige, die sich aus der NS-Erfahrung, aus dem Bewusstsein, verführt worden zu sein, auf die andere Seite stellten und sich politisch engagierten, natürlich nicht bei der CDU. Es musste ja nicht jeder so prominent sein wie Erhard Eppler, der Anfang der Achtziger zu meinen politischen Galionsfiguren zählte, oder Dieter Hildebrandt, für mich ebenfalls eine moralische Instanz. Dass beide mit 17 Jahren Mitglied der NSDAP geworden waren, wusste ich nicht. Es war damals noch nicht bekannt.

Von der Sache mit der Division Hermann Göring habe ich erst nach dem Tod meines Vaters erfahren. Vorher wusste ich zwar, dass da etwas war, aber nicht, was. Irgendwann erzählte meine Mutter, dass er nicht als Flakhelfer in Radom war, sondern als Offiziersanwärter, und zwar in der Elite-Division Hermann Göring, zu der er sich freiwillig gemeldet hatte. Mein Vater sei gern Soldat gewesen, sagte sie. Heute bin ich froh, dass mir das zu meinen Glanzzeiten als politischer Moralist nicht klar war. Damals hielt ich, musikalisch-ideologisch geprägt durch Bob Dylans "Masters of War" und Donovans "Universal Soldier", Soldaten für Mörder; meine eigentlichen Helden waren Deserteure - die mein Vater stets verachtete.

Mit moralischem Furor, den nur ein in sorglosen Zeiten Nachgeborener entwickeln kann, hätte ich meinem Vater Vorhaltungen gemacht: Du hast doch als Zwölfjähriger die Kristallnacht erlebt. Du hast die brennende Synagoge gesehen und Kleinstadtbürger, die an den Fenstern standen, lachten und applaudierten, als die SA die Juden auf die Straße trieb, sie verprügelte und ihre Geschäfte demolierte. Und später hast du gemerkt, wie die Juden nach und nach aus der Stadt verschwanden. Wie konntest du da freiwillig in Hitlers Armee gehen? Offizier werden wollen? Dich zum Täter machen? Nie habe ich mich gefragt, wie ich gehandelt, auf welcher Seite ich gestanden hätte, wäre ich in einer Diktatur aufgewachsen. Mir graust vor der Antwort. " Je mehr wir über das Dritte Reich wissen", schrieb der Schriftsteller Bernhard Schlink kürzlich im "Merkur", "desto weniger wissen wir darüber, wie damals gelebt und erlebt und wie gedacht und gefühlt wurde." Mit 18 oder 20, da bin ich sicher, hätte ich auf derart feinsinnige Argumente nicht viel gegeben.

Ein Kant-Zitat als Waffe, um den Vater zu verletzen

Längst sagte ich nicht mehr "Papa", sondern "Vatter" - und beneidete meine Freunde um ihre liberalen Väter, die nichts sagten, wenn ihre Söhne sturzbetrunken nach Hause kamen oder bei ihren Freundinnen übernachteten. Als ich mich das zum ersten Mal traute, war ich schon 20. Mein Vater hat danach tagelang nicht mit mir gesprochen. Ich weiß, wie er darunter gelitten hat, dass ich etwas tat, das mit seiner katholischen Moralvorstellung unvereinbar war. Für ihn war der Glaube eine Trutzburg wider den Zeitgeist, gegen zu viel Moderne, Unsittlichkeit, Unverbindlichkeit. Mir war es egal. Diesmal war ich entschlossen, mich durchzusetzen. Mein Vater, einen Kopf kleiner als ich, stand vor mir, bebend vor Wut. In seiner Hilflosigkeit war er drauf und dran, mir eine runterzuhauen. Ich lachte nur und ging.

Jahrelang haderte mein Vater mit der Frage, wer mich politisch verführt haben könnte (vielleicht weil es ihm selbst so ergangen war?). Ich glaube, er hat geahnt, dass mein Pazifismus und meine Begeisterung für sozialistische Ideen nicht wirklich tief verwurzelt waren. An mir klebte der Geruch von Mittelklasse, die ich so sehr verachtete. Ich reagierte gekränkt und antwortete mit Immanuel Kant: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen." Das war unfair, denn ich wusste, dass mein Vater nie etwas von Kant gelesen hatte. Aber mit einem Kant-Zitat gegen den eigenen Vater zu ziehen kam mir damals unglaublich klug vor. Mein 1,3er-Abitur hat mich nie zu Arroganz verleitet - außer gegen über meinem Vater. Heute schäme ich mich deswegen. Ich rächte mich dafür, dass ihm - auf dessen Zeugnissen "befriedigend" und "genügend" dominierten und dessen bisschen Englisch immer wie bei Helmut Kohl klang eine Zwei in einer Klassenarbeit fast nie gut genug gewesen war. "Und wie viele Einsen gab es?", fragte er immer. So hörte auch ich auf, mich über Zweien zu freuen.

Unter den Sprüchen meines Vaters gab es einen, der mich besonders wütend machte: "Da muss man eben mal eine Faust in der Tasche machen!" Klein beigeben, sich wegducken, dem Konflikt aus dem Weg gehen. Das Leben hatte ihn diese Strategie wohl gelehrt. Ich weiß nicht, ob er je entschieden Nein gesagt, sich aufgelehnt hat, gegen den Strom geschwommen ist. Aber was ist mit meinen Kompromissen, frage ich mich heute. Vielleicht klingen sie ja eleganter, gefälliger. Meine Karriere als Homo politicus war schon Ende der Achtziger, nach zwei Jahren als grüner Stadtverordneter in meiner Heimatstadt, am Ende. Auch ich zog mich zurück in das früher verachtete Private. Manchmal noch flammt Empörung auf wie früher, aber sie bleibt folgenlos.

Ich komme mir vor wie der Architekt Lenk aus dem Roman "Morisco" des DDR-Schriftstellers Alfred Wellm. Nachts steht Lenk am Reißbrett und zeichnet Helianthea, seine Traumstadt. Aber tagsüber lässt er Gelände planieren - für die Stadt, die er wirklich baut: genormte Wohnsilos in Zeilen und Reihen. "Es war nicht die Zeit, Bedingungen zu stellen", sagt Lenk. "Wozu hölzerne Türen, fragten wir uns, wo doch Leichtbautüren in mancher Hinsicht sogar vorteilhafter sind?" Erst spart er Balkone ein, dann nimmt er die Fliesen aus den Küchen, schließlich auch aus den Bädern. "Die Konflikte mildern sich, unsere Handlungen erhalten ihre Legitimation." Das passt auf meinen Vater. Und auf seinen Sohn.

Was ist schlimmer, frage ich mich in quälenden Momenten: keinen großen Entwurf fürs Leben, keine Vision zu haben und sich mit einem geruhsamen Leben zu bescheiden? Oder im Kopf eine Traumstadt Helianthea zu entwerfen, um sie dann als Gipsmodell zum Verstauben in die Vitrine mit den schönen Erinnerungen und den nicht erreichten Zielen zu stellen? Wozu aufwendige Reportagen recherchieren, frage ich mich, wo doch Kundenmagazine in mancher Hinsicht vorteilhafter sind?

Er hat am kleinen Glück gehangen, an der Familie, seinem Zuhause

Das Leben meines Vaters war, soweit ich das beurteilen kann, frei von groß angelegten Visionen. Es verlief in geordneten Bahnen. Genau so wollte er es. In einer Replik auf Helmut Schmidt hat Oskar Lafontaine einmal gesagt, dass man mit Sekundärtugenden wie Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, Machbarkeit und Standhaftigkeit auch ein KZ leiten könne. Mag sein, dass es Sekundärtugenden sind, aber manchmal bewundere ich meinen Vater, wie geradlinig und unbeirrt er an ihnen festgehalten hat. Niemals wäre es ihm eingefallen, eine Versicherung zu betrügen. Kam so etwas auch nur zur Sprache, hat er sich dagegen verwahrt. Mehrfach wurde er von einem Bauunternehmer, mit dem er beruflich zu tun hatte, nach Kanada eingeladen, auf die Bahamas und zum Sommerfest auf ein Schloss in Belgien. "Was soll ich auf den Bahamas?", fragte mein Vater. Er bedankte sich jedes Mal und sagte ab.

Den Moment, in dem das in mir scheinbar festgefügte Bild des autoritären, verknöcherten Antiliberalen den ersten Riss bekam, weiß ich noch genau. Es ging um meinen Wehrdienst. "Warte nur, bis du zum Barras kommst", hatte mein Vater immer wieder gesagt. "Da werden sie dir schon Schliff beibringen." Für mich stand fest, dass ich den Wehrdienst verweigern würde. Es nahte der Tag der Musterung. " Jung', lass das mal mit dem Verweigern", sagte mein Vater und gab mir einen Brief an die Musterungskommission mit. Ich habe den Brief nie gelesen, aber es ging darin wohl um einen Offiziersanwärter, der im Krieg ein Auge und sechs Finger verloren hatte. Und um die Frage, ob es damit nicht vielleicht gut sei. Es ist meinem Vater bestimmt nicht leichtgefallen, diesen Brief zu schreiben. Aber als dann das Schreiben vom Kreiswehrersatzamt mit meinem Ausmusterungsbescheid kam, hat er sich mit mir gefreut. Zwei Jahre später, als ich für die Grünen in unserem Wohngebiet als Direktkandidat für die Wahl zum Stadtrat antrat, hat er, CDU-Wähler seit Adenauers Zeiten, mir seine Stimme gegeben. "Ich hab' die Person gewählt, nicht die Partei", sagte er. Seine Stimme war die, über die ich mich am meisten gefreut habe.

Ich konnte seitdem - und tue dies bis heute - wieder entspannt zurückdenken an die vielen sorglosschönen, zwischenzeitlich weggeschlossenen Momente meiner Kindheit und frühen Jugend. Lange Spaziergänge mit meinem Vater beim jährlichen Sommerurlaub in der Eifel. Ohne meine Mutter, die mochte die karg-raue Landschaft nicht so sehr. Jeden Abend saßen wir mit meinem Neckermann-Feldstecher auf einem Hochsitz am Waldrand, bis zum letzten Büchsenlicht, und beobachteten die Rehe auf der Lichtung und die hoch über uns kreisenden Bussarde. Beseelt wanderten wir anschließend zurück zu unserer bescheidenen Pension. Manchmal fuhren wir mit der Bahn nach Köln, nur um uns in Hifi-Studios stundenlang Anlagen anzuhören, die wir uns nicht leisten konnten. Mein Vater hätte sich sehr gefreut, wenn ich ihn hin und wieder einmal zu einem Konzert des Chors begleitet hätte, dem er 50 Jahre treu diente. Er hat mich oft gefragt, ob ich mitgehe. Aber ich machte mir nichts aus Chormusik.

Sein Lebensziel war das kleine Glück. Für meine Mutter, meine Schwester und mich hätte er auf alles verzichtet. Ohne sein Geld wäre ich noch jahrelang in dem himmelblauen Käfer herumgefahren und nicht in dem schönen Citroën. Obwohl er mit meinem Weg oft nicht einverstanden war, hat er mich immer unterstützt. Und ich habe es angenommen, das Geld.

Meine Mutter hat er bis zu seinem Tod verehrt. Ich glaube, er war sein Leben lang dankbar, dass sie, eines der hübschesten Mädchen der Kleinstadt, sich für ihn entschieden hatte, den Kriegsversehrten. Kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten, war er es, der dafür sorgte, dass sie nach Köln zur Handelsschule ging. "Du kannst doch nicht dein Leben lang für 15 Mark im Monat bei deiner älteren Schwester putzen gehen", hat er wohl gesagt. Nach ihrer Heirat ging sie nicht mehr arbeiten. Nie mehr. Er wollte es nicht. Er erfüllte ihr fast jeden Wunsch, was zeitweise dazu führte, dass er jeweils zu Monatsanfang im besten Damenkonfektionsgeschäft der Kleinstadt auftauchte und die von meiner Mutter bereits nach Hause entführte neue Garderobe in Raten abzahlte. Er selbst lebte äußerst bescheiden. "Ist doch noch gut", sagte er und zog seinen zehn Jahre alten braunen Trenchcoat über.

Am liebsten war er zu Hause. Und am schönsten war es für ihn, wenn alle daheim waren. Als er wenige Jahre vor seinem Tod das letzte Mal zur Kur war, mit anderen Kriegsversehrten in der Versorgungskuranstalt, hat er am Telefon geweint. Er fühlte sich einsam und allein, seine Familie fehlte ihm, das Haus, der Blick von der Terrasse in den viel zu großen Garten, den er ganz allein in Schuss hielt. Die 15 Meter lange Berberitzenhecke im Vorgarten schnitt er von Hand mit der Heckenschere; die elektrische war ihm nicht akkurat genug. Danach schmerzten die Finger tagelang. Das Haus, 1960 gebaut, war fortwährenden Verschönerungsmaßnahmen ausgesetzt. Mein Vater ließ eine Sauna einbauen, die niemand nutzte, einen Partykeller, in dem niemand feierte. Decken wurden mit dunklem Holz verkleidet und ein paar Jahre später weiß angestrichen, Teppiche wurden ausgelegt, Wände neu tapeziert, ungezählte Tischchen, Lämpchen und Schüsselchen aufgestellt. Das Ergebnis lässt sich relativ präzise beschreiben: Das Haus meiner Eltern ist vermutlich das einzige weit und breit, das auch 50 Jahre nach seiner Fertigstellung noch nicht abbezahlt ist. Wenn ich es richtig einschätze, ist die derzeitige Resthypothek höher als der damalige Preis für Grundstück und Bau.

Wenn meine Mutter mal nicht mehr lebt, werden meine Schwester und ich das Haus, das mein Vater für seine Familie gebaut hat, verkaufen. Wenn ich tot bin, wird mein Anteil daran aufgebraucht sein, konsumiert. Was mein Vater aufgebaut hat für seine Kinder, werde ich durchbringen.

In den letzten Jahren vor seinem Tod litt mein Vater unter schwerem Asthma. Von den ständigen hohen Cortison-Dosen bekam er Hautausschläge. Vermutlich litt er noch unter anderen Nebenwirkungen, über die er nicht sprach. Auf dem verbliebenen rechten Auge ließ die Sehkraft immer mehr nach. Trotzdem hat er nie gehadert, nie geklagt. Das habe ich bewundert. Im Grunde war er ein optimistischer, dem Leben zugewandter, fröhlicher Mensch, im Alter liberaler, weltoffener und toleranter als früher, ein Mensch, der herzlich und laut lachte und gern ins Erzählen kam. Bei Menschen, die seine knorrige Art zu nehmen wussten, war er sehr beliebt.

Eines Morgens, er war mit dem Fahrrad unterwegs, erlitt er auf der Straße einen Asthmaanfall. Anders als sonst hatte er an diesem Tag sein Asthmaspray nicht in der Jackentasche. Auf der Straße liegend, 50 Meter von zu Hause entfernt, ist er qualvoll erstickt. Der Notarzt kam erst nach einer halben Stunde. Früh genug, um ihn wiederzubeleben, aber viel zu spät für die Hoffnung auf ein Wunder.

Ich saß an seinem Bett in den letzten Stunden. Die Ärzte hatten mir erklärt, dass sie die Intensivbehandlung noch Tage oder Wochen fortsetzen könnten. Aber mein Vater würde nie mehr aus dem Koma aufwachen. Ich entschied dann ganz allein, dass sie die Maschinen abstellen sollten. Ich fand, dass es meine Pflicht war, ihm diesen letzten Dienst zu erweisen. Ich wollte, dass er würdig stirbt. Und ich wusste, dass ich damit seinen Willen erfüllte. Mein Vater hatte keine Angst vor dem Tod. Er glaubte fest daran, dass es einen Platz im Himmel für ihn gibt, an ein Weiterleben in Gott. Hätte man ihn gefragt, ob es gut war, sein Leben, glücklich und erfüllt, hätte er bestimmt Ja gesagt.

Ein oder zwei Minuten nach dem Abschalten der künstlichen Beatmung zeigte der EKG-Monitor eine gerade Linie, der Oberkörper meines Vaters bebte ein paar Mal, dann lag er ganz ruhig da. Zum ersten Mal seit vielen Jahren weinte ich. Seltsam, mir fielen in diesem Moment die Rehe ein. Nie wieder würden wir gemeinsam auf dem Hochsitz darauf warten, dass sie herauskommen zum Äsen, die Rehe.

Bei der Beerdigung sang sein Chor in der Pfarrkirche Schuberts Deutsche Messe. Die Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt. Am Grab stand niemand, der eine Rede hielt, keiner, der über ihn sagte, er sei ein Held gewesen. Mein Vater hätte das sicher auch nicht gewollt.

Als meine Mutter ein halbes Jahr nach dem Tod meines Vaters ihren 70. Geburtstag feierte, hielt ich eine Ansprache, in der fast nur von ihm die Rede war. "Er war vielleicht kein Mensch mit kühnen Visionen", sagte ich, "aber wer hat die schon, der so knapp dem Tod entronnen ist? Ein Held trotzdem, weil er den Mut gehabt hat, fortan das Beste aus seinem Leben zu machen, Liebe zu geben und Sicherheit und Geborgenheit." Das Wort "Held" kam mir nur schwer über die Lippen. Denn es wurde ihm nicht gerecht, wie ich fand.

Es machte ihn kleiner, als er war. -