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Revolution 1.0

Vor mehr als 50 Jahren leiteten vier schwarze Studenten eine Massenbewegung ein. Sie brauchten dazu weder Twitter noch Facebook nur Mut und Mundpropaganda.




- Am 1. Februar 1960 marschierten vier junge Männer in die Woolworth-Filiale von Greensboro, North Carolina, und nahmen an der für Weiße reservierten Theke Platz. Offiziell gab es damals keine Rassentrennung mehr, der Oberste Gerichtshof der USA hatte sie schon sechs Jahre zuvor für verfassungswidrig erklärt. Doch Ezell Blair jr., David Richmond, Franklin McCain und Joseph McNeil wollten zeigen, dass die Zweiklassengesellschaft in den Südstaaten weiterhin existierte. Sie schrieben Bürgerrechtsgeschichte.

Aus dem Widerstand der vier Studenten wurde eine Protestwelle, die den gesamten Campus erfasste. Nach einer Woche drängten sich bereits 1000 Demonstranten in und um Woolworth und ein benachbartes Kaufhaus. Wenig später hatten sich die Sitzblockaden auf 54 Städte und neun Bundesstaaten ausgeweitet und brachten jahrzehntelang aufrechterhaltene Rassenschranken zu Fall.

Und das ganz ohne Internet. "Selbst wenn es Facebook oder Twitter gegeben hätte, hätte sich unser Protest auch nicht schneller oder weiter ausgebreitet", sagt Aktivist Franklin McCain, 69, der heute noch in North Carolina lebt. "Wir hatten alles, was wir brauchten, um unsere Botschaft unter die Leute zu tragen: Kommilitonen, denen wir jeden Abend sagten, was wichtig war und was der nächste Tag bringen würde. Sie gaben es telefonisch oder per Flugblatt weiter."

"Außerdem gab es Tageszeitungen und vor allem die gerade in Mode gekommenen Fernsehnachrichten", sagt die Filmemacherin Rebecca Cerese, die das Leben der Greensboro Four im preisgekrönten Dokumentarfilm "February One" nachzeichnete: "TV-Reporter fanden vier junge Schwarze, die auch noch studierten, höchst spannend." Schließlich noch die zwei großen Agenturen AP und UPI, die am dritten Tag der Protestkundgebungen eigene Reporter abstellten. Über mangelnde Aufmerksamkeit konnten sich die Studenten nicht beklagen. "Sie hatten eher das Problem, dass zu viele Leute kamen als zu wenige."

Wie beurteilt der Greensboro-Veteran, was gerade im Nahen Osten vor sich geht? McCain, Doktor der Chemie und inzwischen pensioniert, hat Sympathien für die Demonstranten - und empfindet leichtes Befremden angesichts des Social-Media-Hypes: "Proteste beginnen auch heute noch mit ein, zwei, drei Leuten. Sie haben die Leidenschaft, die Vision, und sie sind bereit, ihr Leben einzusetzen", sagt er. "Das kann man nur fühlen, schmecken, anfassen, wenn man selbst dabei ist, sich anstecken lässt. Sich eine Demonstration aus der Ferne anzusehen und auf ,Gefällt mir' zu klicken oder darüber zu twittern - das ist, was wir früher Aktivisten im Polstersessel nannten."

Für ihn sind die elektronischen Werkzeuge viel zu weit weg vom Drama des Lebens, zu unpersönlich, "so nützlich sie sonst sein mögen". Dass Facebook & Co. "die Dynamik des öffentlichen Lebens verändert" hätten, wie der New-Media-Professor Clay Shirky sagt, glaubt er ebenso wenig wie der Bestseller-Autor Malcolm Gladwell: Die "schwachen Verbindungen" online bewirkten selten wirkliche Veränderungen. Zudem, schreibt der russische Autor Evgeny Morozov in "The Net Delusion", seien elektronische Helden mehr denn je der Staatsgewalt ausgeliefert.

McCain ist überzeugt, dass sich der Charakter einer Demonstration verändere, wenn Zigtausende per Laptop oder Smartphone zuschauten, ohne wirklich etwas aufs Spiel zu setzen. "Aus der Entfernung wächst man nicht an einer Herausforderung. Das passiert nur, wenn man mittendrin steckt und auf alles gefasst sein muss. Als ich an jenem Februarmorgen 1960 mein Studentenwohnheim verließ, dachte ich, dass ich zumindest ins Gefängnis wandere oder vielleicht sogar in einem Sarg enden werde. Der Normalzustand war vorbei."

An einer Protestbewegung teilzunehmen ist für McCain eine ständige Auseinandersetzung mit sich selbst - eine Krise, an der man wächst. Genau das versucht er noch heute Studenten landauf, landab zu vermitteln. "Ich twittere nicht, ich bin nicht bei Facebook - ich treffe sie in der Schule und mache ihnen klar, dass sie nicht auf ihrem Hintern sitzen bleiben dürfen." -